Windows 10 und Classic Shell: Erfahrungsbericht eines Puristen

27. September 2015 Kategorie: Software & Co, Windows, geschrieben von:

windows 10Meine Windows-Geschichte: Ein kaum heldenhaftes Abenteuer hat mich von ersten Krämpfen mit Windows 95, über eine Affäre mit 98, längeren Liaisons mit Windows Me, 2000 und XP schließlich zu meinem bisherigen Favoriten, Windows 7, geführt. Doch dank eines neuen Ultrabooks setze ich mich gerade mit Windows 10 auseinander. Und bevor ich irgendein anderes Programm installiert habe, wanderte Classic Shell auf meine Festplatte. Was folgt, ist die verbohrte ehrliche Story eines Puristen.

Was Windows betrifft, bin ich oldschool aus vollem Herzen: Mein erstes Windows war 95. Noch heute erinnere ich mich an mein erstes, traumatisches Erlebnis mit dem OS: Mein Vater löschte in meiner Abwesenheit glatt einfach mein „Magic: The Gathering“ Desktop-Theme. Nun gut, ich hatte es auf seinem PC installiert, denn ich sollte erst Jahre später mit meinem ersten Rechenknecht aufwarten können. Im Nachhinein bin ich ihm jedoch dankbar: Schnell war ich auf die schnörkellose, klassische Windows-Oberfläche eingeschossen.

Ausgerechnet das verbuggte Windows ME war dann mein erstes „eigenes“ Windows. Beschwert habe ich mich anno dazumal nicht, denn ich hatte die Kiste samt OS geschenkt bekommen. Als Erinnerung hat sich bei mir bis heute die verzweifelte Suche nach der Absturzursache von „Baldur’s Gate II“ im Gedächtnis eingebrannt. Tja, da war mein Intel Pentium II mit 266 MHz wohl überfordert.

Auf meinem ersten, selbst gekauften PC brachte ich damals Windows 2000 zum Laufen und begeisterte mich schnell für das ungewohnt stabile Betriebssystem. Ja, ja nach Windows ME ist man eben leicht zu begeistern. Zu XP bin ich reichlich spät gekommen – ich glaube 2004 habe ich mir das anfangs verspielt erscheinende OS auf die Festplatte geschaufelt. Mensch, was soll der ganze knallig-blaue Kram? Klassische, graue Windows-Oberfläche eingestellt und fertig war die Kiste.

Von meinem damaligen Arbeitgeber erhielt ich 2012 eine Lizenz für Windows 7. Brandneuen Rechner selbst zusammengeschraubt – also musste der Dung das Ding mal ran da. Vista hatte ich vorher gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Das war wohl nicht die ungewöhnlichste Vorgehensweise. Gut – klassisches Design aktiviert und fertig war die Laube. Noch heute nutze ich Windows 7 hier auf meinem Desktop-PC. Windows 8 hat mich mit seiner Kachel-Oberfläche zum mitleidigen Abwinken veranlasst – daran konnte auch Microsofts halbherziges Zurückrudern mit Windows 8.1 bei einem Puristen wie mir nix ändern.

Windows-10-10159-Desktop

Und ja, ich stehe dazu: Ich bin Purist. Diese Meinung muss keiner teilen, aber an meinem PC mit Windows will ich eine schlichte Oberfläche – keinen Spielkram. Ich brauche am PC keine Apps. Auf ein Startmenü mit zwanzigtausend Animationen und viel zu großer Schriftart sowie dazu riesigen bunten Bildchen verzichte ich. OneNote möchte ich nicht benutzen. Den Windows Store mag ich auch nicht. Der Vorteil eines PCs ist für mich, dass ich mir überall Programme herunterladen und kaufen kann und eben nicht auf eine zentrale App-Plattform angewiesen bin. Doch dann kam Windows 10…

Nein, ich bin kein Freund des kostenlosen Updates, das mir meine Windows-7-Lizenz entwertet. Zum Glück kann Microsoft mir das quengelnde Windows 10 Tray-Icon nicht mehr unterjubeln, da ich mich vom Update „KB3035583“ fernhalte. Allerdings besitze ich seit Kurzem ein Ultrabook von Lenovo, das ich direkt mit Windows 10 erhalten habe. Tolles Gerät, das mich als Retro-User, der zuvor jahrelang genervt mit einem MSI VR630 mit einem AMD Sempron herumgeschippert ist, voll ins nächste Jahrzehnt gerissen hat. Doch was muss ich da sehen? Ein Startmenü, das laut Microsoft besser sei als das von Windows 8 / 8.1 und bei vielen Usern für Freude gesorgt hat.

Nicht bei mir – blankes Entsetzen und ein offener Mund waren die Folge: Wat is dat denn für ein Murks? Bunte Bildchen, die mir irgendwelche Apps unterjubeln wollen, die ich aus dem Windows Store ransaugen soll. Ne, danke, auf dem Smartphone darf das so aussehen, aber bitte nicht am PC. Live-Tiles nennt man das heute? Ich nenne das Klimbim. Und was muss ich da sehen? Viel zu wenige und mir chaotisch vorkommende Menüpunkte…Ne, was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Ultrabook aus, in die Ecke und wieder her mit meinem alten MSI…

Ne, oder? Das kanns ja irgendwie auch nicht sein. Seufzend habe ich also mit Windows 10 herumgespielt, mich an die positiven Berichte aus der Community erinnert. Und ja, das Ding läuft ja, wie es soll. Aber dieses Startmenü, dieses Startmenü…Mit der neumodisch aussehenden Taskleiste kann ich ja gerade noch so leben. Aber das Startmenü – ich mag es nicht mehr anklicken.

classic shell site

Was folgte war die Installation der Freeware Classic Shell. Schon die Website sieht aus wie aus den 1990er-Jahren – läuft! Das stimmt mich ein, da möchte ich gleich ein bißchen Grunge einwerfen und mir die Haare wieder schulterlang verfilzen lassen. Seit 2009 tüfteln Entwickler Ivaylo Beltchev und sein Team an Classic Shell und haben auch ältere Windows-Versionen auf retro umgemodelt. Und was dann passiert, ist wunderbar: Kleines Programm installiert und schon ist das ganze Blingbling und Funkel-Funkel weg aus dem Startmenü. Keine bombastischen App-Empfehlungen aus dem Windows Store mehr, stattdessen eine lange Liste von Menüs und Programmen. Dann sind da einzelne, sofort verfügbare Zugriffe auf Unterbereiche der System- und Programmverwaltung. So will ich das haben. Schön sieht das vielleicht nach modernen Maßstäben nicht aus. Aber das soll es auch nicht – pragmatisch und funktional muss das sein. Und wo sind die Live-Tiles? Weg, ins Nirvana geschickt, wo sie hingehören.

classic explorer

Aber Classic Shell kann noch mehr und hat für mich flugs noch die Ordneransichten angepasst. Hier kann man sich nach Herzenslust austoben und im Grunde jede Kleinigkeit so einrichten, wie man möchte. Damit bietet Classic Shell also nicht nur beim Startmenü, sondern auch für die Ansicht im Explorer mehr Möglichkeiten, als die meisten Anwender je nutzen dürften – finde ich klasse. Natürlich gibt es auch Alternativen, wie das just bei uns behandelte Better StartMenu. Ich persönlich kann aber nun dank Classic Shell meinen Frieden mit Windows 10 machen. Denn mein neues Startmenü sieht nun so aus:

startmenü classic shell

Was mich am Windows-10-Startmenü besonders gestört hat: Viel zu wenig Inhalt und stattdessen viel zu viele Bildchen und weit verzweigte Untermenüs, die wieder mit riesigen Schaltflächen protzen statt mit übersichtlichen Listen. Ja, ja ich weiß es schon: Man kann das Startmenü in Windows 10 auch von Haus aus anpassen. Allerdings ist das aus meiner Sicht dennoch wesentlich zeitraubender und fummeliger als einfach Classic Shell raufzubügeln. Für mich ist eher die Frage, warum Microsoft es mir hier so schwer macht. Aus meiner Sicht hatte man mit dem Startmenü von Windows 7 alles richtig gemacht. Einfach „neu“ heißt nicht gleich automatisch besser.

classic start

In Classic Shell kann man derart filigran alle Einstellungen anpassen, von den Tönen über jeden einzelnen Reiter, die Skins, Schriften, etc…. Also da findet wirklich jeder seinen eigenen, optimalen Weg, um Microsofts Voreinstellungen zu entkommen. Klar, das neue Startmenü ist kunterbunter, verspielter, visueller…Für die junge Generation, welche derartige Menüs nunmal von mobilen Endgeräten kennt, mag das sogar ansprechend sein. Das will ich trotz meiner ironischen Kommentare keinesfalls herabwerten. Ich selbst finde die Gestaltung aber schlichtweg ineffizient und einfach anstrengend. Vielleicht bin ich zu alt und zu retro / oldschool. Wobei ich an mobilen Endgeräten gerne ein bißchen Funkel-Funkel habe und das durchaus in Ordnung finde – aber mein Desktop-PC oder Notebook, mit dem ich auch arbeiten möchte, ist für mich eine andere Angelegenheit.

Hinzuzufügen ist: Sogar die Systemsteuerung und sogar der Internet Explorer lassen sich durch Classic Shell anpassen – ich selbst nutze den Internet Explorer nicht, sondern bin mal mit Chrome, mal mit Firefox unterwegs. Aber man bekommt hier wirklich ein gelungenes Rundum-Paket, das einem Windows 10 wesentlich schmackhafter machen kann.

Fazit: Oliver hat jüngst erst das Better StartMenu vorgestellt, Caschy selbst die Anpassung des offiziellen Menüs erklärt und ich habe nun ein klein wenig Einblick in meine Freude über ClassicShell gegeben. Wer also eine ähnliche Windows-Nutzungsgeschichte wie ich hinter sich hat und Windows 10 erstmal direkt für sich aussortieren musste: Es gibt Möglichkeiten mit dem OS durchaus glücklich zu werden.


Du entscheidest mit! Wir suchen das Smartphone des Jahres 2017! Jetzt abstimmen!

 

Über den Autor:

Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei
Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich
eines Tages als Ghostbuster sein Geld zu verdienen oder zumindest das
erste Proton Pack der Welt zu testen. Mit geheimniskrämerischem Konto
auch bei Facebook zu finden. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

André hat bereits 2615 Artikel geschrieben.