„Life is Strange: True Colors“ im Test: Die bunte Vielfalt der Emotionen

„Life is Strange: True Colors“ ist das mittlerweile vierte Spiel der Reihe – nach „Life is Strange“, „Life is Strange: Before the Storm“ und „Life is Strange 2“. Wie der Ableger „Before the Storm“, so wurde auch „True Colors“ vom Entwicklerteam Deck Nine entwickelt und nicht von den Serienschöpfern Dontnod Entertainment. Im Test schaue ich mir den neuen Titel einmal für euch an.

Ich selbst bin von „Life is Strange 2“ ein wenig enttäuscht gewesen. Man lieferte da immer noch eine gute Season ab, doch die emotionale Wucht der beiden Vorgänger entfaltete sich zumindest bei mir nicht. Dabei knüpft „Life is Strange: True Colors“ in vielen Punkten direkter an den Erstling an. Das gilt zwar nicht erzählerisch, sehr wohl aber in der Stimmung. Wie im ersten Teil steht ein Todesfall im Zentrum, der Rätsel aufgibt. Und die melancholische Grundstimmung, gewürzt mit Teenage-Angst, hat ebenfalls eher mit den beiden Spielen in Arcadia Bay gemeinsam als mit dem Roadtrip der Diaz-Brüder.

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Die Protagonistin Alex Chen wirkt dabei fast wie ein Crossover aus Max und Chloe: Von ersterer hat sie die innere Zerbrechlichkeit geerbt. Von letzterer übernimmt sie das vorlaute Mundwerk, das man immer wieder spielen lassen kann. Generell schwankte ich dabei zwischen Sympathie und einem gewissen Augenrollen, denn manchmal war mir ihre Inszenierung doch etwas too much. Allerdings kann ich diese Over-the-top-Machart entschuldigen, da sie auch durch die Story an sich bedingt ist: Alex kann die Emotionen anderer Menschen nacherleben und sogar beeinflussen. Ihre spezielle Fähigkeit ist also, dass sie eine Empathin ist.

Diese Fähigkeit kann man sowohl im Rahmen der Hauptgeschichte aber auch in kleineren Einsprengseln am Rande nutzen. Beispielsweise begegnet man als Neuankömmling in der Kleinstadt Haven einem Mann, der seinen Hund verloren hat und kann ihm auf die Sprünge helfen. Oder man hilft einer Vogelbeobachterin, das Objekt ihrer Begierde vors Fernglas zu bekommen. Auch wenn „Life is Strange: True Colors“ dabei dieses Mal nicht in Episodenform erscheint, ist die Handlung in mehrere Kapitel aufgeteilt. Wer mag, kann den Titel wie zuvor mit klaren Breaks zocken.

Gehörig modernisiert wurde die Technik. „True Colors“ ist das erste Spiel der Reihe, in dem Charaktermodelle und Animationen endlich nicht mehr steif und puppenartig wirken. Insbesondere die Mimik von Alex ist sehr ausdrucksstark. Aber nicht nur die Figuren wirken zeitgemäßer, auch der Schauplatz Haven wirkt detailverliebt. Schlendert man durch die Hauptstraße, sieht man interessante Geschäfte und Dekorationen, blickt auf ausladende Berge im Hintergrund und erfreut sich an der extremen Idylle. Getestet habe ich den Titel dabei an der Xbox Series X, an der sich zwischen einem Grafikmodus mit und einem ohne Ray-Tracing wählen lässt. Weitere technische Angaben liegen leider nicht vor.

So oder so läuft das Spiel mit 30 fps. Im Ray-Tracing-Modus wird allerdings die Auflösung reduziert, macht es doch den Eindruck. Die Performance ist dabei eher unkonstant, wer darauf empfindlich reagiert, wird sich doch in einigen Szenen an Rucklern stören. Da es sich hier um ein narratives Adventure handelt, konnte ich damit leben. Zumal mich der Soundtrack von der ersten Minute an begeistert hat: Ein Gros der Musik stammt von dem australischen Duo Angus & Julia Stone, das ich seit Jahren schätze. Sie steuerten schon zum ersten „Life is Strange“ das Lied „Santa Monica Dream“ bei.

Auch der Rest des Soundtracks besteht aus verträumtem Indie Folk. Für mich ist das traumhaft, da viele Bands vertreten sind, die ich ohnehin sehr gerne höre. Wer diese Art von Musik als zu „emo“ empfindet, wird aber vielleicht generell abwinken. Denn Musik und Spiel greifen hier, wie schon in den Vorgängern, sehr eng ineinander. Selbst für meinen Geschmack gibt es aber die ein oder andere Stelle, an der man etwas in Kitsch abdriftet – etwa wenn Alex in einem depressiven Moment eine Akustikversion von Radioheads „Creep“ anstimmt.

Auch die Charakterbeziehungen entwickeln sich teilweise recht vorhersehbar: Welche Love-Interests es für Alex gibt, erkennt man Sekunden nach den ersten Begegnungen mit den entsprechenden Figuren. Gut gelungen sind jedoch wieder die Entscheidungen, die man im Spielverlauf trifft: Erzählt ihr z. B. der dementen Blumenverkäufern, dass sie die Totenwache für einen wichtigen Charakter verpasst hat? Oder erspart ihr der alten Dame diese Einsicht? Die Entscheidungen weisen in der Regel kein einfaches „richtig“ oder „falsch“ auf und haben Konsequenzen, welche die Handlung oftmals erst später beeinflussen.

Über weite Strecken ist „Life Is Strange: True Colors“ fast wie ein interaktiver Film. So führt ihr Dialoge, trefft Entscheidungen, habt aber minutenlang sonst keine Interaktionsmöglichkeiten. Dieses ruhige Gameplay muss man eben mögen. Gleichzeitig liegt mit Haven das bisher weitläufigste und offenste Areal der Serie vor. Nein, frei erkunden dürft ihr die Stadt nicht, unsichtbare Grenzen gibt es. Aber Alex kann sich im Stadtmittelpunkt relativ frei bewegen. Das regt einen auch dazu an, Charaktere mehrfach zu besuchen. Manchmal entdeckt man da tatsächlich neue Dialogoptionen.

Wer hier abseits der stark verbesserten Technik auf große Innovationen hofft, wird allerdings enttäuscht sein: „Life is Strange: True Colors“ führt zwar mit Alex Empathie einen neuen Kniff ein, doch ihre Fähigkeit lässt sich nur bei spezifischen Personen für festgelegte Aktionen einsetzen. Viel Spielraum habt ihr da also im Grunde nicht. Im Vordergrund steht hier die Erzählung einer emotionalen Geschichte rund um Trauer, Selbsterkenntnis und das Erwachsenwerden.

Mir persönlich hat „True Colors“, das man in ca. acht bis zehn Stunden durchspielen kann, deutlich besser gefallen als die Season 2. Ich sehe das neue Spiel in meiner Rangliste des Franchise auf Rang 2 – nach dem ersten Teil. Dessen Magie erreicht man nicht ganz, kommt aber weit näher heran, als ich angenommen hätte. Bei Deck Nine ist die Marke jedenfalls in guten Händen. Ich behaupte, wer das erste „Life is Strange“ geliebt hat, wird auch von „True Colors“ sehr angetan sein.

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Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich eines Tages als Ghostbuster sein Geld zu verdienen oder zumindest das erste Proton Pack der Welt zu testen. Mit geheimniskrämerischem Konto auch bei Facebook zu finden. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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2 Kommentare

  1. Der neue Teil hat mir sehr gut gefallen – zwar noch weit entfernt von Teil 1 aber deutlich besser als Teil 2. Musik ist hier auch wieder sehr gut und auch die Grafik gefällt mir – HDR kommt bei dem Spiel gut zur Geltung. Performance könnte aber besser sein. Glaube kaum, dass hier irgendetwas groß für PS5/Series X optimiert wurde.
    Größter Kritikpunkt ist der vergleichsweise hohe Preis. Denn der Umfang ist keinesfalls mehr geworden und ging Teil 1 damals noch in 5 Episoden für je 5 Euro über den „Tisch“, zahlt man nun doppelt soviel – und bekommt außer einer sehr ordentlichen deutschen Synchro nicht viel mehr geboten. Ich denke 40€ wäre für das Spiel in Ordnung – mehr aber nicht.

  2. Ich weis nicht was so viele an Teil 2 haben. Ich fand den auch super und habe mit den zwei Brüdern mitgefiebert. Klar kommt nicht ganz an Teil 1 ran. Aber dennoch sehr gut.

    Kommen wir zum neuen Teil. Ich weis nicht. Bin irgendwie enttäuscht. Die Geschichte plätschert vor sich hin nimmt mich aber nicht mit.
    Die enden von Teil 1 und auch Teil 2 haben mich emotional echt mitgenommen. Dieses Ende lässt mich irgendwie blass zurück. Alles super am Ende und alle sind Glücklich. Ein wirklich schlechtes Ende gibts auch nicht wie man so liest. Dazu die extrem kurze Spielzeit. Ich bin schwer enttäuscht.

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