512624: Warum ich diese Telefonnummer nie vergessen habe

18. Juni 2016 Kategorie: Privates, Social Network, geschrieben von: caschy

amplogoEs gibt Telefonnummern, die vergisst du dein ganzes Leben nicht. Die Nummern von Menschen, die dir etwas bedeuten. Die Nummer, die du als Kind auswendig lerntest, weil du wusstest – du kannst immer anrufen. Zwei Telefonnummern weiss ich bis heute auswendig. 833967 und 512624. Es waren die Nummern von Menschen, die immer für mich da waren, die mir etwas bedeuteten. Die 833967 rief ich zuletzt 1997 an. Das Jahr, in der meine Oma starb. Die Rufnummer, die Wohnung in der ich groß wurde, den Geruch des Kellers, jedes einzelne Detail hat sich bis heute in meinem Kopf gehalten. Wie die Nummer 512624, ebenfalls eine Nummer, die mir als Kind geholfen hat.

Aufgrund meiner Familiensituation hatte ich eigentlich drei Omas, keine war „klassisch“ die echte Oma. Da war einmal die Uroma, die Mutter mütterlicherseits, die ich ganz häufig besuchte (starb 1990), dann die Mutter des ersten Mannes meiner Mutter, bei der ich aufwuchs und dann die Mutter des zweiten Mannes meiner Mutter. Ich war nicht der richtige Enkel und wurde von beiden Frauen trotzdem wie der eigene Enkel behandelt – bis zum Schluss, obwohl ich weder mit meiner Mutter Kontakt hatte, noch diese mit ihren ehemaligen Männern, geschweige denn ihren ehemaligen Schwiegermüttern.

Die Mutter des zweiten Mannes meiner Mutter hieß Dana. Dana wurde in Litauen geboren, kam früh nach Deutschland und heiratete meinen „Onkel“ Dieter. Es war kurios, ich sagte als kleiner Junge Oma Dana, nannte ihren Mann aber einfach Onkel. Es war egal, es passte. Ich liebte die beiden. Sie waren immer für mich da, unterstützen mich und meine Mutter auch nach der Trennung von ihrem zweiten Mann. Unzählige Male übernachtete ich in dieser dreieinhab Zimmer großen Wohnung im Körner Grund 4 in Dortmund. Oma Dana war zuhause, Onkel Dieter arbeitete zu der Zeit noch. Die Wohnung war voll mit Firlefanz, womit ich die Antiquitäten bezeichne, die dort lagerten.

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Oma Dana handelte mit diesen. Unter anderem auch Schmuck aus Bernstein, den sie aus Litauen importierte. Natürlich in solchen Mengen, dass sie mal vom Zoll hops genommen wurde und  ordentlich versteuern musste. Witzig eigentlich, grundehrliche Leute, die nicht einmal Alkohol tranken – aber sich dann so ein Ding erlauben 🙂 Es war eine schöne Zeit. Onkel Dieter brachte mir viel über Borussia Dortmund und den Fußball generell bei. Die beiden waren immer für mich da. Wir fuhren – es muss 1983 oder so gewesen sein – mit dem Auto nach Italien. Pietra Ligure, Hotel Miriam. Ich weiss es noch wie heute – 33 Jahre später.

Das Hotel sieht auf der Webseite noch so aus wie früher, ich kann mich an so viel erinnern – wie wir dort saßen, wie ich als kleiner Junge die Echsen bestaunte – und letzten Endes lernte ich – wenn auch recht spät – in diesem Pool richtiges Schwimmen und Tauchen. Es war eine schöne Zeit, ich genoß es dort zu sein. Es war halt so ein typisches Enkel-Ding – und wenn ich heute auf alles zurückblicke, dann frage ich mich wirklich nach dem „Warum“. Warum haben diese Menschen das alles für mich getan, obwohl sie nach der Trennung meiner Mutter mit ihrem Sohn eigentlich gar nichts mehr mit mir zu tun hatten?

Ich habe schon oft darüber nachgedacht und die tiefe Dankbarkeit hat mich nie losgelassen, auch wenn ich sie nie ausgesprochen habe. Vielleicht lag es daran, dass Oma Dana einen ihrer Söhne an Drogen und Kriminalität verlor, sie nichts dagegen machen konnte, dass er sein Leben verwirkte, trotz großer Hilfe. Ich lernte ihn kennen als ich klein war. Die Drogen haben ihn kaputt gemacht, er starb auch sehr früh. Vielleicht war dies der Grund für die Liebe der beiden, die mit dazu beitrug, dass ich heute der bin, der ich bin. 1990 zogen wir in den Norden Deutschlands.

Der Kontakt riss nicht ab, wurde aber sehr viel seltener. Es war einfach so. Niemand hatte Schuld daran. Wenn ich heute Menschen höre, die nicht verstehen können, dass man jahrelang keinen Kontakt hat….dann schüttle ich den Kopf. Natürlich kann das passieren, auch wenn es dies im besten Falle nicht sollte. Ich sah die beiden sehr wenig, wir telefonierten aber ab und an und Onkel Dieter schenkte mir über die Jahre viel alten Krempel von Borussia Dortmund. Heute trauere ich der Zeit hinterher, die man vielleicht nicht genutzt hat, sich zu sehen, miteinander zu sprechen. Ich hätte so viel erzählen und zuhören können, meine Dankbarkeit und meine Liebe zeigen.

2002 traf ich die beiden noch einmal in Dortmund auf dem Weihnachtsmarkt. Meine damalige Freundin ist heute meine Frau. Wir redeten viel über das Jetzt und die Vergangenheit. Ich weiss gar nicht mehr, ob wir danach oft sprachen. Ich hatte meine Freundin, meinen Beruf und mein Leben. Durchgängigen Kontakt hatte und habe ich nur mit meiner Patentante und ihrem Mann. Wir fingen erst vor 15 Jahren oder so an, wieder häufig Kontakt zu haben. Meine Patentante Lilli ist die Tochter meiner Oma, bei der ich groß wurde. Sie wohnte um die Ecke – und irgendwie gab es viele Gemeinsamkeiten.

Ich wurde bei meiner Oma groß und Lilli zog ihren Enkel groß, Marcel, meinen „Cousin“. Beide sind heute über 80 und wir telefonieren ab und an. Oder ich schicke Fotos von Max via WhatsApp. Die beiden haben ihn ins Herz geschlossen, denn irgendwie sind wir halt ein wichtiger Teil der Familie.

Doch zurück zu meiner Oma Dana und meinen Onkel Dieter. Auch wenn man sich jahrelang nicht meldet – man vergisst Menschen niemals, die einem wichtig sind. Ich weiss nicht warum ich mich nie meldete. Zu viel um die Ohren? Wäre eine billige Ausrede. Ich verschluderte es.

Aus Tagen wurden Wochen. Aus Wochen wurden Monate. Aus Monate wurden Jahre.

In der ganzen Zeit hatte ich diesen Schleier auf meiner Seele. Da sind Menschen, die dir wichtig sind, die viel für dich getan haben. Denen du das einfach mal sagen musst. Ich meine – hey? 2002 zuletzt gesehen? 512624. 512624. Diese Nummer schob sich in den letzten Wochen und Monaten immer wieder in meinen Kopf. In den ruhigen Stunden, in denen ich in mich gekehrt bin. Stunden, in denen immer und immer wieder die gleichen Filme ablaufen. Fragmente aus dem Leben, aus der Kindheit. Erinnerungen. Erinnerungen an Menschen, die dir die Tränen in die Augen schießen lassen.

Gestern traute ich mich irgendwie nicht, die mir seit Kindesbeinen bekannte Nummer anzurufen. Stattdessen rief ich bei meiner Patentante an. Ließ von mir hören, erzählte von meinem Tag und erkundigte mich nach dem Zustand der beiden. Nicht aus Pflicht, sondern weil ich es von beiden hören wollte, weil sie Teil von mir sind. Heute ließ es mich dann zum Telefonhörer greifen. Ich wählte die 512624. „Diese Rufnummer ist nicht vergeben“. Ich stutzte und rief noch mal an – obwohl ich im Display sehen konnte, dass ich diese Nummer definitiv wählte. Auch beim zweiten Mal das gleiche Ergebnis.

Diese Ansage lässt dir die Beine wegknicken, du weißt, was dies bedeuten kann. Was mache ich nun? Die beiden müssten mittlerweile auch locker die 80 überschritten haben, wenn gar nicht schon die 85. Soziale Netzwerke wie Facebook? Keine Chance – nicht jeder ist ein rüstiger Rentner und nutzt das Internet. Für uns normal, für eine andere Generation halt nicht. Ich schmiss Google an und fand nichts. Ich suchte den Namen und fand nur die mir bekannte Nummer. Nichts anderes. Kein Hinweis. Eine dieser Telefonsuchmaschinen zeigte dann tatsächlich mehr an – keine neue Nummer, wohl aber Nummern von Menschen, die im selben Haus wohnen. Kurios, wusste auch nicht, dass es so etwas gibt.

Ich rief drei Nummern an, drei waren nicht vergeben. Bei Nummer 4 klappte es dann und ich hatte eine verdutzte Dame am Telefon. Ich stellte mich vor und fragte, ob sie denn da und da wohne. Mein Gott, was muss sie bloß gedacht haben? Ich fragte nach, ob die von mir gesuchten Personen noch in diesem Haus wohnen. Sie taten es nicht. Aber ich erfuhr mehr. Ein Mehr, dass mich schmerzt, mich traurig und wütend zugleich macht. Onkel Dieter ist schon seit mehreren Jahren tot. Meine Oma Dana sei verzogen. Die Dame wusste den Stadtteil allerdings.

Meine Nachforschungen im Netz haben nichts ergeben, ich muss schauen, dass ich da irgendwie anders fündig werde. Muss ich mal sherlocken. Ich hatte nie richtig die Chance meinem Onkel Dieter zu sagen, dass ich ihm unfassbar dankbar bin. Dass er immer für mich da war, mir so viele tolle Dinge gezeigt hat, die mir als kleinem Jungen so viel gegeben und bedeutet haben. Jetzt sitze ich hier und frage mich, warum ich dies alles aufschreibe, so aus mir gehe. Dann fallen mir alle meine persönlichen Artikel ein, die ich in den vielen Jahren hier geschrieben habe. Die vielleicht den Menschen hinter der Fassade des Blogs zeigen.

Texte, die man nicht einmal im Monat auf der Pfanne hat. Geschichten, die zu offen sind. Die angreifbar machen. Mir aber dennoch helfen, mit einigen Sachen klarzukommen. Pädagogisches Schreiben im Selbstversuch. Eine Art Statement? Eine Plot Twist, der die völlige Überraschung in dieser Story ist, die so wenig in dieses Blog zu passen scheint? Leider nein. Sie zeigt mir vielmehr, wie dankbar ich heute über die „neuen“ Kommunikationsmittel bin.

Das Telefon ist eine aktive Sache, doch in den sozialen Netzwerken bekommt man auch viel von Menschen mit, die einem ans Herz gewachsen sind. Das ersetzt natürlich nie den persönlichen Kontakt – und so bin ich dankbar, wenn ich mit den Menschen schreiben kann, die Teil meines Lebens sind. Auch wenn es oft anscheinend oberflächliches Gequatsche ist, so ist man sich nah. Ich rede wenig, schreibe auch wenig – doch wenn ich frage „Wie geht es dir?“, dann ist mir dies wichtig, auf keinen Fall eine Floskel, die ich aus Höflichkeit rausschiebe.

Gerade in scheinbar schwierigen Zeiten, in denen man der Meinung ist, nur Hass und Feindseligkeit mitzubekommen, ist es vielleicht einmal wichtig Danke zu sagen. Danke an die Menschen, die für einen da sind, so selbstverständlich, dass es schon überraschend scheint.

Und wenn man keinen hat, dem man danken kann, dann ist es vielleicht selber Zeit ein Mensch zu werden, dem man danken kann. Ob am Telefon, via Messenger oder in sozialen Netzwerken.


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Über den Autor: caschy

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