Testbericht Lenovo Yoga Tablet 10

29. November 2013 Kategorie: Android, Hardware, geschrieben von: Gastautor
Vor etwa einem Monat wurde das Lenovo Yoga Tablet 10 weltweit auf verschiedenen Launch-Events vorgestellt. Der chinesische Hersteller, der seit kurzem Nummer 1 bei den PC-Herstellern ist, will mit diesen Erfolgen auch im mobilen Bereich angreifen und ein zweites Standbein aufbauen. Smartphones werden wir im nächsten Jahr auch in Deutschland zu sehen bekommen, noch vor dem Weihnachtsgeschäft bringt man aber erstmal die bekannte Yoga-Reihe auf zwei neue Tablets. Nach vier Wochen Alltagseinsatz wird es Zeit ein Fazit zu ziehen und die Stärken und Schwächen des Geräts herauszustellen.

Technische Merkmale und Bewertung im Alltag

Betrachten wir einzig die technischen Spezifikationen brauchen wir nicht lange herumreden – das ist sicher kein Vergleich zu einem Tablet der aktuellen Oberklasse. Die Auflösung vor allem beim 10 Zoll Formfaktor (150 ppi) stört den positiven Ersteindruck nach dem ersten Anfassen des Geräts mit der guten Verarbeitung und hochwertigen Materialien auf die Dauer, zumindest wenn sich die Augen des Betrachters an die hochauflösenden Displays von iPad Air (264 ppi) oder dem aktuellen Nexus 7 (323 ppi) gewöhnt haben.

Glücklicherweise hat das Display dennoch ein paar positive Seiten aufzuweisen, denn die Displayhelligkeit ist sehr hoch und lässt einem im Freien sehr gut arbeiten. Ebenfalls sind die Blickwinkel vollkommen in Ordnung und lassen sich von überall aus gut ablesen.

Der zugrunde liegende Prozessor aus dem Hause Mediatek, ein Vierkernprozessor mit 1,2 GHz getaktet, kommt technisch bei weitem nicht an die Topmodelle von Qualcomm oder NVIDIA in verschiedenen Benchmarks heran.

1 GB RAM, ein Gewicht von 605 Gramm und Kameras mit 5 und 1,3 MP lassen auf den ersten Blick eher gemischte Gefühle bei jedem zurück, der bei seiner Technik stets auf die besten Leistungsdaten schaut. Dieser wird dann mit dem Nexus 7 (Test) oder anderen Herstellen wie beispielsweise dem LG G Pad 8.3 (Test) besser bedient sein und durch ähnliche Preisgestaltung bei besserer Hardware vorziehen.

Yoga Tablet 10 Kamera

Fairerweise muss man das Yoga Tablet 10 aber eher im normalem Einsatz bewerten. Die allgemeine Leistung bei Video, Surfen im Web auch mit vielen Tabs und ein paar Standard-Apps im Hintergrund (Twitter, Gmail, Facebook, RSS-Reader etc.) war aus meiner Sicht stets vollkommen in Ordnung, ohne das ich Mikroruckler oder allgemeines Stottern beim Laden oder scrollen feststellen konnte.

Die anspruchsvollen Gamer unter euch dürften wohl die einzigen sein, die mit der gebotenen Leistung nur wenig anfangen können. Ich konnte zwar z.B. GTA III und Worms 2: Armageddon ohne Probleme spielen. Asphalt 8 oder Real Racing 3 sind dann aber nur teilweise noch spielbar oder sehen einfach längst nicht mehr so gut aus, wie wenn man stärkere Hardware unter der Haube hat. Die üblichen Spiele mit nicht so hohen Grafikanforderungen waren jederzeit ohne Probleme spielbar und liefen alle vollkommen flüssig.

Positiv ist in jedem Fall die Akkulaufzeit hervorzuheben. Satte 18 Stunden proklamiert Lenovo für das Yoga Tablet 10 (die 8 Zoll Variante immerhin noch 16h) dank des 9.000 mAh Akku. Definitiv eines der zwei Hauptfaktoren, welches das Tablet für einige interessant machen könnte.

Akku Yoga Tablet 10

18 Stunden ist natürlich stark abhängig vom Nutzerverhalten. Bei einer fast sechs stündigen Zugfahrt kam ich ohne Probleme auf 6h Videowiedergabe durchgängig und hatte noch etwa 25% Akku übrig. Im Durchschnitt kam ich bei meiner Nutzung locker auf etwas über 2 Tage, wo ich das Tablet intensiv genutzt habe. Die Standby-Zeit ist ebenfalls aus meiner Sicht vollkommen in Ordnung und ich kam bei geringer Nutzung von etwas mehr als einer Stunde pro Tag auf ca. 9 Tage ohne Akkuladung.

Akku Yoga Tablet 10

Interessanterweise besteht die Option mittels des starken Akkus andere Geräte über den micro-USB Port aufzuladen. Unverständlicherweise liefert Lenovo aber nur ein gewöhnliches Kabel zum Aufladen mit. Ein notwendiges USB OTG-Kabel muss man separat erwerben.

Der Sound mit den zwei Stereo-Lautsprechern auf der Frontseite war für Videos betrachten recht gut und auch ausreichend laut. Bei der Musikwiedergabe würde ich aber bei längerem Musikgenuss nicht auf Kopfhörer verzichten wollen, da sowohl der Bass als auch der allgemeine Klangumfang dann wie so oft nicht besonders hervorstechend war. Immerhin über dem üblichen Durchschnitt in der Preisklasse liegen sie aber in jedem Fall.

Der Speicher (16 GB – 12,5 GB sind nutzbar) kann durch einen micro-SD-Kartenslot erweitert werden. Auf der Webseite schreibt Lenovo nur von einer Unterstützung von 32 GB Speicherkarten. Bei mir lies sich eine mit FAT32 formatierte 64 GB Karte jedoch genauso problemlos einrichten.

Yoga SD-Karten Slot

Multimodus – praktisch und durchdacht

Die Yoga-Reihe von Lenovo bot dem Anwender schon bei den Notebooks durch verschiedene Positionsänderungen des Displays unterschiedliche Anwendungsszenarien. Das allgemeine Feedback war hier generell positiv und so hat Lenovo dieses Verhalten in ihre zwei neuen Tablets integriert.

Durch den seitlich angebrachten Akkuzylinder (durch den Lenovo einen starken Akku unterbringen konnte) erinnerte mich das Tablet anfangs stark an die Mac-Tastatur ohne Nummernfeld, wenn man es normal auf den Tisch legt. Hier kommt dann direkt die erste Analogie auf, denn der sogenannte Liegen-Modus ermöglicht ein besseres Tippen, da man einen deutlich besseren Winkel hat, als wenn das Tablet flach auf dem Boden liegt. Lange Texte würde ich beim Tablet ohne Tastatur weiterhin nicht tippen wollen, dennoch fand ich sowohl die Idee als auch die Umsetzung gelungen.

Yoga Tablet 10 Tilt

Ein weiterer Vorteil des ungewöhnlichen Designs resultiert in einer starken Verlagerung des normalen Gewichts bei einem Tablet, welches immer gleich dick ist. Hält man es in einer Hand im sogenannten Halten-Modus fühlt es sich tatsächlich leichter und angenehmer als man es für ein 10-Zoll-Tablet mit einem Gewicht von über 600 Gramm erwarten würde. Lange Zeit würde ich zwar keine Bücher lesen wollen, da ich es auf Dauer dann doch zu unhandlich gegenüber meinem Ebook-Reader empfinde. Dennoch ist der Formfaktor durch diese Maßnahme deutlich angenehmer zum Lesen, als man das bei anderen Tablets gewohnt ist.

Hold Yoga Tablet 10

Am praktikabelsten war für mich dann der Stand-Modus. Für längeres Filme ansehen unterwegs sehr elegenat gelöst, da einfach nur ein kleiner Klappständer ausgefahren wird, wo man den Neigungswinkel festlegt. Bis auf sehr große Menschen wird jeder dort eine angenehme Position finden. Einzig schade dabei ist, dass ein ziemlich großer Winkel das Tablet dann schwerer bedienen lassen, denn bei zu viel Druck auf dem Display verliert das Tablet dann schon leichter sein Gleichgewicht und kippt schneller um.

Yoga Tablet 10 Stand-Modus

Allgemein habe ich mich recht oft dabei ertappt, wie ich sehr schnell die unterschiedlichen Modi ziemlich oft einsetzte und sie durchaus eine willkommene und praktische Ergänzung zum sonstigen quasi geichen Design der übrigen Tablets darstellen. Vieles kann man natürlich ebenfalls über optionale Hüllen erreichen, hier ist es aber ohne Aufwand direkt integriert und der gesamte Mechanismus ist sehr stabil und wertig verbaut.

Software

Leider stelle ich relativ häufig fest, dass ein guter Hardwarehersteller nur selten ebenfalls gute Software über Android legt, um dieses mit sinnvollen Funktionen zu ergänzen. Lenovo hätte sich meiner Meinung nach besser damit getan ein fast blankes Android zu installieren, anstatt die Modifikationen an der Oberfläche vorzunehmen.

Als Unterbau wird ein halbwegs aktuelles Android 4.2.2 (zu Updates hat sich Lenovo noch nicht geäußert, aber KitKat wird sicher noch kommen) mitgeliefert, bei dem als allererstes auffällt, dass ein eigener Launcher installiert ist. Wie Huwaei mit dem Ascend P6 und seiner Emotion UI ist der Launcher beim Yoga Tablet ohne dedizierten Anwendungsstarter. Alle Apps landen einfach nacheinander auf dem Homescreen.

Android UI Yoga Tablet 10

Zudem sind die Symbole relativ groß und lassen sich nicht verkleinern. Die Schrift wirkt teilweise unter den Icons verwaschen und zu lange Appnamen sind einfach abgeschnitten. Nach kurzer Zeit war ich genervt und installierte mir einen alternativen Launcher aus dem Play Store (in meinem Fall Nova Launcher).

Nett gemeint ist die sogenannte Smart-Sidebar, die man von rechts nach links wischen erreicht und einem Zugriff auf die letzten Apps bietet und für die verschiedenen Modi die bevorzugten Apps einrichten lässt. Zudem differenzieren sich je nach Auswahl die Farbtemperaturen ein wenig. Diese Sidebar nutzte ich allerdings nur sehr selten, ein Wechsel zwischen den Anwendungen über das gewohnte Menü von Android war für mich weit angenehmer.

Yoga Tablet 10 SidebarEin paar Apps bringt das Yoga Tablet 10 bei Auslieferung direkt mit. Darunter solche Kandidaten wie Norton Antivirus, welches sich leider nicht deinstallieren lässt. Ansonsten bekommt man Kingsoft Office und kleinere Apps für Kartenmaterial dazu. Kleine Inkonsistenzen gibt es bei der Übersetzung, denn warum eine App namens „Schreiber“ für Audioaufnahme dient, verwirrt den Benutzer beim ersten Start.

Bei der Suche nach der Unterstützung durch Custom ROMs konnte ich bisher nur wenig finden, falls Lenovo also eine bescheidene Updatepolitik betreibt und kein Android 4.4 KitKat kommen sollte, bleibt man auf der ansonsten gut funktionieren Software sitzen. Dafür ist immerhin Root-Zugang recht problemlos über Framaroot möglich, falls es jemand benötigt.

Wirklich gut hat mir bei der Lenovo eigenen Software nur die Akkuapp gefallen, die relativ genau die verbleibende Akkulebenszeit bei gleichbleibender Nutzung anzeigt und einige gut aufbereitete Statistiken liefert.

Fragen aus dem ersten Eindruck

Einige Fragen hatten ein paar unserer Leser aus dem Post vom ersten Eindruck gestellt. Diese will ich hier noch einmal separat beantworten, falls sie nicht schon vorab erwähnt sind.

Wird vom USB-Mini-Port der Host-Modus unterstützt?

Ja, dies funktioniert problemlos, benötigt aber das passende Kabel.

Wie lange dauert der Ladevorgang, wenn der Akku (fast) leer ist?

Durch den großen Akku hat es bei mir mit dem Standard-Netzteil an der Steckdose ca. 5h gedauert bis er vollständig aufgeladen war.

Kann man das Teil irgendwie an einen Beamer anschließen?

Kein HDMI-Ausgang, also höchstens über Umwege.

Wie schaut es denn bei Lenovo mit Updates auf neuere Android-Versionen aus?

Eine richtig klare Updatestrategie hat Lenovo meines Wissens nach nicht. Frühere Tablets bekamen in der Regel mindestens ein Update, im Vergleich zu Nexus-Geräten dürfte die Unterstützung allerdings naturgemäß nicht so gut sein.

Fazit

Abschließend fällt ein Urteil über das Yoga Tablet 10 nicht ganz leicht. Einerseits gefällt die Akkulaufzeit, die gute Verarbeitung und das neuartige Konzept mit dem Multimodus. Andererseits sind die rein technischen Spezifikationen gut für ein Tablet aus dem letzten Jahr. Gerade bei der Displayauflösung hat sich Lenovo meiner Meinung nach keinen großen Gefallen getan.

Die Softwareanpassungen seitens Lenovo sind nicht besonders gut gelungen, das meiste lässt sich aber relativ einfach durch Apps aus dem Play Store beheben, dennoch würde dem Yoga Tablet ein Stock Android gut zu Gesicht stehen.

Das optional erwerbbare Zubehör (Bluetooth-Tastatur, Hüllen und Kopfhörer) ist im deutschen Store noch nicht verfügbar. Die Tastatur hatte ich ebenfalls bei mir und diese fand ich für den Preis von $79,99 alles andere als gut. Sie bestand vollständig aus leicht biegbarem Plastik und das Tippen war ok, mehr aber auch nicht.

Yoga Tablet Tastatur

Der Preis von 299€ für die WLAN Variante mit 16 GB Speicher ist grundsätzlich angemessen. Aber durch die starke Konkurrenz mit teils deutlich besseren Spezifikationen am Markt zwingen jeden zu einer sorgfältigen Abwägung, welches Tablet man sich zulegen will. Wem Akkulaufzeit und die gebotene Flexibilität wichtig ist macht nichts verkehrt.

Einen guten Eindruck der Yoga Tablets allgemein bekommt ihr als Abschluss in einem kurzen Hands-on von Caschy, der das Yoga Tablet 8 bei sich hat.



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Über den Autor: Gastautor

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