Zwischen Spotify und digitalem Homerecording Teil 2: Interview mit Robert McVey

14. Mai 2017 Kategorie: Internet, Social Network, Streaming, geschrieben von: André Westphal

Vor fast genau einem Monat habe ich hier im Blog ein Interview mit Jim Evens von Glasz und Helen Stellar veröffentlicht. Aus Sicht eines Künstlers hat Jim über seine Meinung zu Streaming-Anbietern wie Spotify, modernen Aufnahmemöglichkeiten für Musiker und auch Sperenzchen wie Autotune geplaudert. Dabei erwies sich der Sänger und Gitarrist aus Los Angeles als Verfechter digitalen Recordings. Gänzlich anders sieht das Robert McVey, der früher bei der UK-Top-30-Band Longview Gitarre und Mikro geschwungen hat.

Ursprünglich kam ich mit Rob in Kontakt, da ich einen Song von Long-View in einer deutschen Bierwerbung vernehmen konnte. Auch auf dem Soundtrack zu Til Schweigers „Honig im Kopf“ war der Musiker mit dem Song „Love“ zwischenzeitlich vertreten. Damals war ich bereits Fan der Band und schrieb den Songwriter kurz deswegen an. Zeitweise tat sich der Brite außerdem mit dem aus meiner Heimatstadt Kiel stammenden Shoegazer Ulrich Schnauss zusammen – ein witziger Zufall. Und als ich dann darüber nachgedacht habe hier fürs Blog einen zweigeteilten Beitrag über Recording zu schreiben, fragte ich deswegen erneut bei Rob an, ob er nicht Lust hätte sich zu dem Thema zu äußern.

Ich denke seine Perspektive ist ganz interessant, denn nach der Auflösung seiner Band Longview hat Rob Gitarre unterrichtet und außerdem als Tourmusiker für beispielsweise Marianne Faithfull, Tom McCrae und Warren Ellis die Saiten gezupft. Als Jugendlicher kam er in den Genuss eines Musik-Stipendiums und erhielt eine klassische Ausbildung für Gitarre, Klavier und auch Gesang. Seit Jahren nimmt Rob Songs für sein kommendes Soloalbum auf und hat die Antworten für das Interview quasi zwischen einer Tour mit seiner neuen Band Paradise und den Aufnahmen für selbige im Studio übermittelt.

Rob hat klare Ansichten zu den aktuellen Entwicklungen rund um Musikplattformen, Streaming und auch die digitalen Aufnahmetechniken der heutigen Zeit. Einige von euch hatten ja bereits in den Kommentaren zum letzten Beitrag angemerkt, dass mit dem Zuwachs an Möglichkeiten für Musiker zugleich auch quasi ein Dickicht von Lärm entsteht, in dem viel an Ramsch veröffentlicht wird. Offenbar scheint Rob da ganz ähnlich zu denken, denn seine Bewertungen sind kritisch.

by Andreas Hornoff

Heute geht es um „Analog vs. Digital“: Die Menschen nehmen Fotos kaum noch mit Kameras auf, sondern nutzen ihr Smartphone. Die Bilder wandern nicht ins Fotoalbum, sondern zu Snapchat. Filme und TV-Serien kauft man nicht mehr auf DVD oder Blu-ray, sondern streamt sie. Was denkst du als Musiker über diese Entwicklungen? Siehst du da eine große Chance für Künstler oder handelt es sich um eine Art Entwertung?

Ich denke dieser Trend ist beschissen. Natürlich wird da alles entwertet und wichtige Momente gehen in einem Meer aus Zerfall unter. Mich kümmern Verkaufszahlen gar nicht, aber mich kümmert die Natur des Menschen an sich und etwas zu kreieren mit dem die Beschäftigung lohnt, etwas das großartig ist. Und es ist eine Lüge, dass es ach so toll wäre, dass Musiker nun selbst ihre Musik veröffentlichen könnten und alles toll liefe. Am Ende geht das alles im Lärm unter und es fehlt an Geld, um Qualität zu unterstützen.

Ich bin seit jeher ein großer Fan von Longview und freue mich schon auf dein Soloalbum. Ich weiß, dass du viel in Eigenregie aufnimmst und ein großer Verfechter analoger Aufnahmen bist. Kannst du das begründen und welche Nachteile sprechen für dich denn gegen das digitale Aufnehmen von Musik? 

Digital Recording ist so eine Sache. Es kann ja sogar nützlich sein. Aber der einzige, wirkliche Vorteil ist, dass es Geld spart. Die Nachteile liegen im Sound und in der Herangehensweise. Digital Recording zieht die falsche Art von Menschen zur Kunst des Aufnehmens und Produzierens an. Ich stehe voll hinter analogem Recording, weil es „echt“ ist. Wir sind Menschen und wir sind auch „echt“. Durch unsere Adern fließt Blut, wir atmen und wir machen Fehler. Ich mag es, wenn sich genau das auch in der Musik widerspiegelt. Genau das ist der Grund, warum viele alte Platten so fantastisch klingen. Es ist eben dieser menschliche Anteil an der Musik. Genau das ist das Großartige. Und es ergibt sich eine Synergie, wenn Menschen aufeinander treffen und zusammen Songs spielen – es ist das Wichtigste genau das auf Tape festzuhalten. Denn das macht das Ergebnis am Ende zeitlos.

by Andreas Hornoff

Hat denn die analoge Aufnahmetechnik in deinen Augen dennoch Nachteile? Gibt es vielleicht etwas, das du doch an digitalen Aufnahmen schätzt? Wie sah zum Beispiel der Workflow bei der Produktion deines Soloalbums aus?

Analog aufzunehmen ist nervenaufreibend und teuer. Das Schlimmste ist aber, dass alle Menschen, die sich damit auskennen alt werden. Sie sind sozusagen die letzten Mohikaner. Und ich befürchte, wenn es sie nicht mehr gibt, dann wird ihre Kunst mit ihnen aussterben. Paul Corkett (Anmerkung: Hat unter anderem mit The Cure, Placebo und Tori Amos gearbeitet.) hat mein Soloalbum betreut.

Corkett hat 35 Jahre in den Trident Studios in London gearbeitet. Mit ihm zu arbeiten, hat meine ganze Denkweise verändert. Ich konnte kaum fassen wie musikalisch der Mann ist – auf die Art wie er aufnimmt bezogen. Er weiß alles über die erforderliche Höhe, den Platz und dass Musiker live gemeinsam spielen sollten, damit die Aufnahme am Ende mehr ist, als die Summe einzelner Teile.

 Viele junge Musiker nehmen digital auf, weil der Einstieg deutlich günstiger und einfacher ist, als wenn man sich an analoge Gerätschaften wagt. Denkst du, das ist primär eine gute Sache? Oder könnte man sagen, dass die Leute dadurch quasi auch „faul“ werden, weil es so bequem ist? Vielleicht ein wenig wie mit Autotune: Der Wert eine großartigen Sängers scheint mir zu sinken. Viele Aufnahmen in der Pop-Musik klingen heute sehr gleichförmig, weil bei jedem schiefen Ton schlichtweg mit Autotune drübergebügelt wird.

Ich verstehe komplett, warum junge Musiker digital aufnehmen. Das ist nunmal ihre Welt. Ich denke sie werden da schon ihren eigenen Weg finden, um das Beste herauszuholen. Ich wünsche dabei jedem Nachwuchsmusiker von Herzen alles Gute.

Gibst du quasi dennoch manchmal nach und nimmst trotz deiner Vorbehalte digital auf – vielleicht auch nur bei Demos? Einige Musiker, wie z. B. Jim von Glasz, benutzen ja ihre Tablets oder Smartphones zur Ideensammlung. Handhabst du das auch so?

Nein, ich habe mein Pro-Tools-Setup schon vor langer Zeit verscherbelt. Ich benutze noch mein Apple iPhone für Ideen. Selbst das hat mich aber bereits enttäuscht. Als ich 2012 mal ein iOS-Update aufspielen musste, wurden alle meine damaligen Ideen nämlich gelöscht.

Ich war sehr überrascht, als ich dein Lied „Love“ auf dem Soundtrack des Kinofilms „Honig im Kopf“ von Til Schweiger entdeckt habe. Zuvor kannte ich von dem Stück nur deine akustische Demoversion. Für mich als Laie klang die Produktion sehr glatt und ich hätte wetten können, dass es sich um eine digitale Aufnahme handelt. War das der Fall? Hast du dir den Film angesehen?

Ich bin sehr unglücklich mit jener Aufnahme und finde sie sticht sehr negativ auf dem Album heraus. Sie wurde in der Tat digital an einem Computer erstellt. Aber ich war zufrieden damit, dass der Song auf dem Soundtrack gelandet ist und im Film genutzt wurde, da ich mit dem Geld meine Miete für mehrere Monate bezahlen konnte.

Du hast viele Demoaufnahmen und andere Songs via Soundcloud veröffentlicht, schon vor einigen Jahren, als die Plattform noch relativ unbekannt gewesen ist. Da hast du also im Verhältnis zu anderen Musikern schnell die Möglichkeiten genutzt. War das für dich eine positive Erfahrung und hast du viele Rückmeldungen erhalten?

Ja, das war auf jeden Fall eine gute Sache. Die Lieder wurden oft abgerufen und für mich war damals in erster Linie wichtig, dass meine Songs Zuhörer finden. Am Ende ist das sowieso das, worauf es ankommt.

Sollte jemand nun in analoge Aufnahmetechniken oder Homerecording allgemein einsteigen wollen: Gibt es Tipps, die du weitergeben könntest oder auch Equipment, welches du empfiehlst?

Für den Anfang würde ich raten sich einfach auszutoben. Findet euren eigenen Sound. Denn genau wie das Erlernen der Gitarre braucht auch das Erlernen des Aufnehmens seine Zeit. Ich habe aber beobachtet, dass es denjenigen mit Talent am Ende auch gelingt. Wer sich also für Recording interessiert, sollte einfach loslegen. Mein Freund Lewis von der Band Kitty, Daisy & Lewis (Anmerkung: Nahmen auch gemeinsam mit Boss Hoss auf.) etwa ist ein Meister des alten, analogen Equipments. Er spielt einfach mit alten Aufnahmegeräten und Mikrofonen aus den 1950er-Jahren herum, bis er den Sound bekommt, auf den er es abgesehen hat.

Ich würde Neulingen für den Anfang als Recorder den Teac (Tascam) 144 empfehlen. Jenen hat Bruce Springsteen auch für sein Album „Nebraska“ benutzt. Aber generell tut es am Anfang einfach irgendein gebräuchliches 4-Track-Aufnahmegerät.

by Andreas Hornoff

Gibt es schon Details zur Veröffentlichung deines Soloalbums?

Seit den Aufnahmen habe ich eine neue Band namens Paradise ins Leben gerufen, Aktuell sind wir in Wales mit John Agnello (Anmerkung: Hat beispielsweise auch schon mit Bob Dylan, Sonic Youth und Alice Cooper gearbeitet.) im Studio. Danach wird es dann mit meinem Soloalbum ebenfalls weitergehen.

 Gibt es für dich spezielle Alben, die du besonders für die Produktion schätzt? Oder Alben, bei denen du umgekehrt das Songwriting liebst, aber die Produktion furchtbar findest? Mir kämen da etwa einige Alben von Muse und den Red Hot Chili Peppers in den Sinn, die aufgrund der Loudness-Wars ganz furchtbar klingen.

Die Aufnahmen von La’s aus dem Jahr 1990 – sehr ehrlich und detailverliebt. Außerdem liebe ich die R.E.M-Alben aus den 1990er-Jahren. Sie repräsentieren den Höhepunkt eines bestimmten, analogen Stils. Auch erwähnen muss ich Grant Lee Buffalo mit „Mighty Joe Moon“, komplizierte aber wunderschöne Aufnahmen. Außerdem noch Buffalo Springfield mit „For What It’s Worth“, Jimmy Hendrix mit „All Along the Watchtower“, Soundgarden mit „Superunknown“, Simon and Garfunkel mit „Bride Over Troubled Water“, Joan Armatrading mit „Love and Affection“, Tracey Chapman und die Rolling Stones mit „Let it Bleed“. Keith Richards ist generell einer meiner Favoriten – er bringt die Gitarrensounds in den roten Bereich, egal was kommt. Und dann sind da noch die Yeah, Yeah, Yeahs mit „Maps“.

Der perfekte Abschluss, da „Maps“ zu meinen persönlichen Lieblingsliedern zählt – nicht nur weil ich es bei „Rock Band“ immer noch als einiges der wenigen Stücke auf Expert spielen kann. Insgesamt war für mich (und vielleicht ja auch für euch) interessant, dass Rob doch ziemlich entgegengesetzte Ansichten zu Jim vertritt und offenbar sehr die Vormacht digitaler Aufnahmetechniken bedauert. Ob die analoge Form des Recordings wirklich aussterben wird? Das entscheiden die Musiker, Produzenten und auch die Zuhörer, die am Ende ja mit dem Geldbeutel durchaus eine Richtung aufzeigen können.


Über den Autor: André Westphal

Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich eines Tages als Ghostbuster sein Geld zu verdienen oder zumindest das erste Proton Pack der Welt zu testen. Mit geheimniskrämerischem Konto auch bei Facebook zu finden. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

André hat bereits 2450 Artikel geschrieben.