Testbericht LG G Watch und Android Wear

7. Juli 2014 Kategorie: Android, Hardware, Mobile, Wearables, geschrieben von:

Android Wear und die ersten Smartwatches sind da. Angekündigt im März 2014 will Google mit seinen Partnern nun versuchen, Android in alle Lebensbereiche zu drücken, angefangen mit Smartwatches, die erst einmal minimale Benachrichtigungs- und Interaktivitätsmöglichkeiten spendiert bekommen. Wir befinden uns heute, Mitte 2014, erst an einer Fußspitze des Berges, den wir technischer Art erklimmen wollen.lg-g-watch-2

Ich nehme es gleich vorweg – noch „geht wenig“ mit den smarten Uhren, aber ich behaupte, dass da einiges in den nächsten Monaten passiert. Android Wear sorgt also dafür, dass eine Smartwatch der verlängerte Arm eines Smartphones werden kann. Verbunden wird eine Smartwatch mittels Bluetooth LE, in diesem Beitrag schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe, denn ich schreibe etwas zur LG G Watch und zu Android Wear.

Beides sehr frische Themen, die ich einfach nach den ersten Tagen nicht trennen werde. Wie erwähnt: wir befinden uns sehr früh in den Android Wear-Anfängen, dieser Beitrag zeichnet diesen frühen Ursprungszustand ab, alle Neuerungen, die in den nächsten Monaten auf uns zukommen, halten wir hier im Bereich Wearables fest.

Zur Verbindung zwischen Smartphone und Smartwatch kommt Bluetooth 4.0LE zum Einsatz, Stand Juli 2014 sind nach Messungen von Google 23,4 Prozent aller im Markt befindlichen Smartphones mit Android mit einer Smartwatch kompatibel, Android 4.3 oder höher wird vorausgesetzt.

Als Mittler-App steht eine Android Wear-App im Google Play Store zur Verfügung, sie ist Voraussetzung und dient als bequeme Schnittstelle zur Uhr. Hier lässt sich einiges regeln, zum Beispiel, ob das Display der LG G Watch immer angeschaltet ist. Hierbei wird die Uhrzeit monochrom dargestellt, bei einem Blick auf die Uhr wird das von euch ausgewählte Watchface angezeigt. Bei Watchfaces handelt es sich um die Visualisierungen der Uhr. Bei der LG G Watch könnt ihr dieses auswählen, wenn ihr das Display länger drückt, dann kommt eine Auswahl. Bereits jetzt finden sich Entwickler, die weitere Watchfaces im Google Play Store zur Verfügung stellen.

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Die LG Watch ist auf Wunsch „immer on“, dieser Umstand kann in den Einstellungen der Android Wear-App unterbunden werden. Ebenfalls sind kleine Feinjustierungen auswählbar, so kann eingestellt werden, ob die Informationsmeldungen auf dem Smartphone und der Uhr, oder nur der Uhr dargestellt werden. Nach den ersten Tagen kann ich sagen: wahrscheinlich ist es entspannter, die Benachrichtigungen nur auf der Uhr anzuzeigen, zumindest, wenn man ein paar mehr Benachrichtigungen bekommt.

Für mich ein extrem wichtiger Punkt in der Android Wear-App: das Exkludieren von Apps. Anfang Juli 2014 sind viele Apps noch nicht zu 100 Prozent auf Android Wear angepasst, was dazu führt, dass der Twitter-Client Fenix zwar visualisiert, dass Tweets an mich eingegangen sind, mehr aber auch nicht. Der offizielle Twitter-Client für Android hingegen zeigt die Benachrichtigungen korrekt an, das Beantworten ist als Auswahlpunkt zwar vorhanden, wird aber am Smartphone ausgeführt, was eine unsaubere Lösung ist.

Google Hangouts als Google-Produkt macht es richtig. Benachrichtigungen und Inhalte von Chats werden inklusive Profilbilder der Chat-Teilnehmer angezeigt, ein Beantworten ist via Sprache möglich, aber auch mittels einiger vorgefertigter Antworten. Es wird ein großer Mehrwert sein, wenn mehrere Apps zu diesen Möglichkeiten greifen.

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Doch was kann eine solche Smartwatch auf Basis Android Wear ab Werk, wenn wir Anfang Juli betrachten? Platt: einiges, was das Smartphone auch mit Google Now kann. Karten mit diversen Informationen anzeigen. Damit ihr darüber ein besseres Bild bekommt, habe ich ein schnelles Video gemacht, in welchem die Beispielbenachrichtigungen angezeigt werden. Dies ist natürlich nur ein Anwendungsbereich, wie oben erwähnt gibt es diverse Apps, die euch benachrichtigen, teils ist ein beantworten möglich.

Doch die im Video gezeigten Funktionen sind natürlich noch nicht alles, was Android Wear ab Werk mitbringt. Ich kann nicht nur fragen, wie das Wetter wird, ich kann natürlich auch Erinnerungen verfassen, die auf Zeit- oder Orts-Infos basieren, ich kann Apps starten und natürlich kann ich auch Apps steuern. Ich fuhr im Auto als Beifahrer nach Bremen und hatte mein LG G3 an das Radio angeklemmt und konnte so über Spotify Songs überspringen oder pausieren.

Eine Änderung der Lautstärke war nicht möglich. Auf der Uhr wurden die Cover der einzelnen Songs visualisiert, das funktionierte eher mäßig bis gar nicht. So wurden uralte Songs angezeigt, die schon vor 10 Minuten liefen und ab und an ließ sich Spotify nicht dazu bringen, auf den Befehl der Smartwatch zu hören. Die Qualen eines Early Adopters, Nutzer, die später eine Smartwatch kaufen, müssen sich höchstwahrscheinlich weniger damit herumärgern, wie die frühen Vögel, die sofort zuschlugen, als die Geräte in den Handel kamen.

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Ich behaupte einfach mal, dass Unmengen nützlicher Apps auf uns zukommen, doch letzten Endes muss man sich vor Augen halten, dass die jetzigen Smartwatches nur eines sind: Verlängerungen unseres Smartphones. Sie sind auf das Smartphone angewiesen und ohne dieses eigentlich unbrauchbar. Man kann mit der Smartwatch bislang nichts machen, was man nicht auch mit dem Smartphone machen könnte. Man sieht eine Mail oder eine Nachricht und kann direkt darauf antworten – per Spracheingabe. Die Antworten werden dann von der Smartwatch ans Smartphone übertragen und von dort gesendet.

Auch eine Navigation mit der Uhr ist möglich, hier wird immer Schritt-für-Schritt eine Information eingeblendet, im Hintergrund wird hierzu die Navigation auf dem Smartphone gestartet, die wiederum für die Informationen auf dem Smartphone sorgt. Einziger Vorteil? Man glotzt auf die Smartwatch, nicht auf das Smartphone. Definitiv verbesserungswürdig, denn die angezeigten Informationen sind oft wenig aussagekräftig, da Straßennamen nicht komplett angezeigt werden.

Gefühlter Mehrwert, Stand Juli 2014. Geht so. Haut mich nicht direkt vom Hocker, ist nice to have, zum jetzigen Zeitpunkt halt nicht mehr. Es fehlen einfach sinnvolle Anwendungen. Auf Benachrichtigungen antworten ist natürlich ebenso möglich, wie das Verschicken von E-Mail und SMS per Sprache, hierbei werden die identischen Funktionen genutzt, wie am Smartphone.

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Ein OK Google, E-Mail an Nadine. „Blablabla“ versendet eine E-Mail mit eben jenen Text – saubere Aussprache vorausgesetzt – an den Kontakt Nadine. Hat man mehr als eine Nadine in den Kontakten, so muss die entsprechende Person eben ausgesucht werden. Dinge, die man sicherlich im hektischen Arbeitsalltag „im vorbeigehen“ gut gebrauchen kann, wohl aber kaum im voll besetzen Bus nutzt. Annehmen von Anrufen? Auch möglich, diese werden allerdings am Telefon angenommen, sodass man wieder in die Hosentasche greifen muss, alternativ ist das Ablehnen via einiger vorgefertigter Textnachrichten möglich.

Und so wischt man sich durch den Tag, mal mit mehr, mal mit weniger Benachrichtigungen – je nachdem, wie hoch eure Interaktivität in den einzelnen Netzwerken ist. Will man wirklich jeden Retweet auf die Uhr bekommen? Will man Facebook-Benachrichtigungen? Das muss man für sich abwägen. Spätestens wenn die nächste Bubble Witch Saga-Anfrage kommt, denkt man genauer darüber nach, welche Störungen man an sein Handgelenk lässt.

Auch Gmail kann nerven – nicht die Benachrichtigungen, sondern die Tatsache, das der Löschbefehl an der Smartwatch nicht funktioniert – die Mails bleiben in meiner Inbox. Übrigens: wer von den Benachrichtigungen genervt ist, der wische flott vom oberen Rand der Uhr nach unten, hier sieht man nicht nur den Akkuzustand, sondern schaltet die Uhr auch schnell stumm.

Von der Smartwatch aus lassen sich ebenfalls vorinstallierte Dinge wie ein Schrittzähler, Google Notizen, eine Weltzeituhr und der Kompass starten. Kleines Startprogramm seitens Google, allerdings ausbaufähig.

Das erst einmal zu den groben Funktionen von Android Wear, hier werden wir allerdings bald täglich neue Apps sehen, in späteren Versionen sicherlich auch neue Funktionen. Eine Sparte, die ich stark im Auge behalten werde, denn hier ist der kommerzielle Erfolg sicherlich absehbar, wenn Apps und Möglichkeiten stimmen. Android Wear ist ein wenig das, was Google auch mit Glass erreichen wollte, anscheinend wird die Uhr nun erst einmal das Produkt für die Massen.

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Und die LG G Watch? Diese leistet mir nun schon ein wenig Gesellschaft, an einem meiner freien Tage kam sie mit dem Smartphone und mir auf die Reise. Ein 400 mAh starker Akku soll laut LG und den Angaben im Play Store wie folgt halten: „Mit dem kompakten, aber dennoch leistungsstarken Akku läuft Ihre G Watch den ganzen Tag mit nur einer Akkuladung.“

Kann man der Aussage zustimmen? Auf jeden Fall. Ich bin schon mit vielen Benachrichtigungen gesegnet, war einen ganzen Tag unterwegs und nutzte die Uhr reichlich. Irgendwann weit nach Mitternacht kam ich nach Hause und die Smartwatch von LG hatte immer noch genügend Dampf, ihr solltet also mit der Smartwatch von LG auf jeden Fall gut durch den Tag kommen, wahrscheinlich sogar bis weit in den zweiten. Meine Displayhelligkeit war dabei auf mittlerer Stufe, das Display auf „immer an“. Das Display bei direkter Sonneneinstrahlung? Eher schlecht einsehbar.

280 x 280 Pixel bietet die LG G Watch auf ihrem 1,65 Zoll großen Display und auch wenn der Regen kommt, müsst ihr keine Angst haben, die LG G Watch ist nach IP67 vor Spritzwasser und ähnlichem geschützt. Rein optisch sind derzeit im Handel befindliche Smartwatches keine Offenbarung, der moderne Mensch wird unter Umständen einmal auf die Optik achten, hier ist in der Standardausgabe erst einmal Schmalhans Küchenmeister, eckig und schlichtes Schwarz ist Trumpf. Ich persönlich habe da jetzt nicht so den Stress, weil mir diese 80er Jahre Casio-Optik nichts ausmacht, doch ich hätte sicherlich auch ein paar Euro mehr für andere Farben und vor allem andere Materialien des Armbandes auf die Theke gelegt.

Zumindest bei der LG G Watch das Armband wechseln. Warum man hier nicht gleich Optionen mit Stahlarmband auf den Markt gebracht hat, ist mir unverständlich – eine Uhr ist halt auch Schmuckstück. Aufgeladen wird die LG G Watch über eine kleine Ladeschale, wer diese nicht dabei hat, kann die Uhr nicht aufladen, einfach microUSB ist nicht vorgesehen. Aber hey – bald haben die Smartwatches eh alle die Möglichkeit, drahtlos aufgeladen zu werden.

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Zusammenfassend: Android Wear gibt ein wenig Ausblick auf die Zukunft. Das was wir jetzt sehen, ist erst der Anfang. Wir werden mehr Informationen auf das Display pressen können. Wir werden bessere Spracherkennung und Interaktionsmöglichkeiten mit dem Smartphone bekommen, dessen bin ich mir sicher. Was allerdings noch lange dauern wird, das ist das Verbessern der Akkulaufzeit. Hier sind – bedingt durch die Bauart, Dicke und das Gewicht – einfach Grenzen gesetzt. Klar könntest du eine Uhr kaufen, die locker eine Woche hält, die ist dann aber auch ein paar Mal so schwer, wie jetzige Lösungen.

Vielleicht kommen da mal flexible Akkus zum Einsatz, die in breiteren Armbändern verbaut sind – wer weiss. Ebenfalls muss man sich vor Augen halten, dass das Smart in Smartwatch derzeit noch für die Verbindung mit dem Smartphone steht. Wer das Android-Smartphone in der Schublade hat, dann aber auf der Toilette sitzt und sich damit ausserhalb des Bluetooths-Bereichs befindet, der kann keine Benachrichtigungen empfangen.

Android Wear ist kein Wow-Knall, zumindest bei mir nicht. Aber es ist durchaus spannend und erst der Anfang der Vernetzung, die über unser Handgelenk läuft. Ob hierdurch 2014 das Jahr der Smartwatch wird, darf bezweifelt werden. Erst muss der messbare Mehrwert für den einfachen Konsumenten hergestellt sein, der nicht mindestens 200 Euro ausgibt, um ein Bzzzzz am Handgelenk zu spüren. Aber das wird kommen, ich glaube an diese Produktkategorie.


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Über den Autor:

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