Moto 360 Testbericht: Ist die Zeit reif für den Smartwatch-Messias?

5. Oktober 2014 Kategorie: Android, Wearables, geschrieben von: Pascal Wuttke

Das Thema Smartwatches hat in diesem Jahr einen Riesenschritt nach vorne gemacht. Nicht zuletzt durch das Mitspielen am Markt durch die beiden Big Player Google und Apple. Während Apple Fans noch bis 2015 auf die Apple Watch warten müssen, hat Google mit den ersten Android Wear Smartwatches bereits einen zeitlichen Vorsprung. Die Samsung Gear Live und LG G Watch sind die ersten Sprösslinge mit Android Wear und sind seit Juni verfügbar. Doch viele wollten von den beiden eckigen Smartwatches nichts wissen, denn sie haben auf den eigentlichen Superstar der ersten Android Wear Generation gewartet: Die runde Motorola Moto 360. Ich gehöre ebenfalls zu diesen Menschen und war sehr auf die Uhr gespannt – bis ich die Moto 360 endlich ausprobieren durfte. Hat sich das Warten am Ende gelohnt oder benötigt Android Wear für die Entwicklung einfach noch mehr Zeit?

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Optik, Design und Tragekomfort

Das Design der Moto 360 ist meiner Meinung nach unbestreitbar das schönste, was aktuelle Smartwatches zu bieten haben. Das runde Edelstahlgehäuse in wahlweise Silber oder Schwarz ist klassisch elegant und modern zugleich. Das Echtleder-Armband kann zu jeder Zeit gegen Armbänder in anderen Farben oder Materialien ausgetauscht werden und fühlt sich einfach richtig und bequem an.

Der Edelstahlknopf an der rechten Seite dient als Power-Knopf zum Ein- und Ausschalten des Displays und fügt sich ebenfalls nahtlos in das Design-Konzept der Moto 360 ein. Längeres Drücken des Knopfes führt direkt in die Einstellungen, von wo man das Gerät ein- oder ausschalten, sowie neustarten kann.

Als die Moto 360 zum ersten Mal auf der Google I/O in freier Wildbahn zu betrachten war, sprachen viele Medienvertreter davon, dass die Uhr viel zu groß und zu klobig sei. Außerdem wurde viel gezetert, dass die Moto 360 seinem Namen nicht gerecht würde, da sie ja gar nicht „komplett rund“ sei. Das liegt an dem schwarzen Balken, der am unteren Teil des Displays angebracht ist, der die Display-Treiber und den Umgebungslicht-Sensor beherbergt und somit einen Teil des Displays abdeckt und Platz wegnimmt.

Für viele ist dies ein K.O.-Kriterium, doch meiner Meinung nach ist das aus zwei Gründen Schwachsinn: Zum einen ist das runde Display ausreichend groß um alle Informationen und die Uhrzeit gut ablesen zu können und zum anderen muss man die Uhr selbst am Arm getragen haben um urteilen zu können. Denn spätestens nach zwei bis drei Stunden habe ich den störende Balken am unteren Rand überhaupt nicht mehr wahrgenommen.

Auch das Thema Größe am Handgelenk ist immer relativ zu betrachten. Ich habe ein ziemlich breites Handgelenk und daher wirkte die Uhr bei mir nach der Meinung vieler Freunde zu keiner Zeit überdimensioniert. Und mit lediglich 49 Gramm ist die Moto 360 federleicht.

Ich bin normalerweise kein Uhrenträger und kann sagen, dass der Tragekomfort nach kurzer Eingewöhnungszeit hervorragend ist und durch das in kleinsten Stufen verstellbare Armband weder zu locker noch zu fest sitzt. Auch die Höhe der Uhr ist vollkommen in Ordnung. Menschen, die schonmal eine G-Shock Digitaluhr am Arm hatten, haben hier einen ungefähren Referenzpunkt, was Größe und Komfort angeht.

Eines muss jedoch hinzugefügt werden: Die Moto 360 ist definitiv nicht für Herren mit schmalen Handgelenken und insbesondere nicht für Damen gemacht. Hier wirkt die Uhr dann tatsächlich etwas riesig.

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Das Display

Das runde Uhrenglas besteht aus Corning Gorilla Glass 3 und ist somit besonders robust und vor allem kratzfest – so zumindest die Theorie. Ich habe die Uhr für rund 14 Tage im Alltagstest benutzt und kann daher nicht für die Langlebigkeit und Haltbarkeit der Schutzschicht des Gorilla Glass sprechen aber bis heute hat die Uhr zumindest keinen Kratzer abbekommen.

Das Display unter dem Glas selbst ist ein LCD-Display mit einer Auflösung von 320 x 290 Pixeln. Das Display bricht, wie auch bei allen aktuellen Android Wear Smartwatches, offensichtlich keine Rekorde für scharfe Schriften, ist jedoch absolut ausreichend und aus normalem Betrachtungswinkel gut ablesbar.

Die Moto 360 machte von vornherein durch das runde Design alles etwas anders und gewagter. Denn Android Wear ist mit aktuellem Stand eben halt immer noch ausschließlich auf eckige Smartwatches ausgelegt. Das hat natürlich zur Folge, dass Benachrichtigungen oder Watchfaces auf der Moto 360 teilweise nicht ganz korrekt angezeigt und abgeschnitten werden. Jedoch ist dies selten der Fall und hat eher einen gewissen Charme als dass es ein nennenswerter Störfaktor wäre.

Ein Manko der LG G Watch und der Samsung Gear Live war die Helligkeit, bzw. die Ablesbarkeit des Displays bei hellem Tageslicht. Bei der Moto 360, die im Gegensatz zu den anderen genannten, einen Umgebungslichtsensor für automatische Displayhelligkeit besitzt, hatte ich zu keiner Zeit Probleme das Display abzulesen. Der Umgebungslichtsensor hatte lediglich die Displayhelligkeit hin und wieder zu stark abgedunkelt, sodass ich manuell nachjustieren musste. Doch das kam lediglich zwei Mal vor.

Auch wenn mich die relativ geringe Auflösung des Displays nicht sehr gestört hat, hoffe ich doch, dass sich die Auflösung für eine bessere Darstellung in kommenden Generationen von Android Wear Smartwatches etwas steigert. Doch um mehr Pixel über das Display zu schieben, verbrauchen die Uhren auch wieder mehr Akku und das ist bislang der wohl größte Knackpunkt bei allen Smartwatches.

Akkulaufzeit

Als die eher magere Laufzeit der LG G Watch und der Samsung Gear Live ans Licht kamen, lag die ganze Hoffnung auf Motorola. Denn Motorola ist für gutes Energiemanagement bei relativ geringer Größe des Akkus in Smartphones bekannt. Der Akku der Motorola Moto 360 wurde schließlich nach einiger Verwirrung kurz nach der Veröffentlichung zwischen 300 und 320 mAh angegeben und konnte in ersten Tests leider ebenfalls nicht überzeugen. Viele Interessenten waren spätestens jetzt von ihrer Kaufentscheidung abgebracht, denn die Laufzeit der Moto 360 sollte, wie bei der Konkurrenz, nicht mal ein Tag sein.

Auch Motorola schien die geringe Akkulaufzeit ein Dorn im Auge zu sein und suchte nach einer Lösung. Diese präsentierte man schließlich mit dem Firmware Update KGW42R, das eine dramatische Verbesserung der Akkulaufzeit der Moto 360 versprach – und Motorola hat Wort gehalten.

Da ich beim Erhalt des Review-Geräts direkt das Update installiert habe, kann ich leider keinen Vergleichswert aufstellen. Doch in den ersten beiden Tagen und Nächten nach dem Update und dem Gebrauch der Uhr war auch ich erst enttäuscht. Die Moto 360 hatte am ersten Tag keine 8 Stunden und am zweiten keine 12 Stunden durchgehalten. Doch dann besserte sich die Akkulaufzeit wie durch Zauberhand. Ein paar Tage später hatte sie sich schließlich eingespielt und die Uhr hält so zwischen mindestens 24 Stunden bis maximal zwei Tagen aus. Dies hängt natürlich immer vom Gebrauch der Uhr ab.

Ich erhalte täglich ein paar wenige Emails, mehrere Messenger Benachrichtigungen und checke öfter die Benachrichtigungen durch Google Now auf der Moto 360 und komme wunderbar über 1,5 Tage mit einer Akkuladung.

Auf der anderen Seite muss logischerweise angemerkt werden, dass die Akkulaufzeit des via Bluetooth gekoppelten Smartphones trotz BLE (Bluetooth Low-Energy) über Tag einige zusätzliche Prozente verliert.

Wenn der Saft der Moto 360 dann einmal leer ist, greift man zur, im Lieferumfang enthaltenen, Ladestation für drahtloses Aufladen. Ist die Uhr einmal in die kleine Ladestation eingelegt, wird man von einer netten Ladeanimation begrüßt. Obwohl Wireless Charging nicht für sonderlich rasche Ladezeiten bekannt ist, konnte ich die Uhr ziemlich fix wieder aufladen. Innerhalb einer Dreiviertelstunde hatte die Uhr rund 30 Prozent Strom getankt.

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Performance und Zusammenspiel mit Android Wear

Als Google Anfang des Jahres das erste Mal Android Wear in der Entwicklerversion präsentierte, machte man sofort klar, dass man für Android Wear keinerlei Spielraum für abgeänderte Benutzeroberflächen oder sonstige Hersteller-Extras lassen würde. Android Wear hat die bislang striktesten Anforderungsrichtlinien an die Hersteller und so erhält man auf jeder Google-Smartwatch immer das gleiche Nutzererlebnis.

Zwar gibt Google den Entwicklern und Herstellern gewisse Maßstäbe und Feature-Paletten wie einen optionalen Einbau eines Herzfrequenzmessers an die Hand, doch was die Mindestanforderungen an den Prozessor angeht, hat man offenbar die freie Wahl. Und genau hier hat Motorola einen der größten Mankos in die Moto 360 verbaut.

Der verbaute TI OMAP 3630 Prozessor ist mittlerweile über vier Jahre alt und ist nicht mehr auf dem aktuellsten Stand der Dinge. Das hat zur Folge, dass die Android Wear Oberfläche oftmals langsam und sehr ruckelig läuft. Es ist zwar immer noch weit von unbrauchbar entfernt, jedoch sehr offensichtlich.

Dieser recht schwache Prozessor wirkt sich leider auch auf die Sensoren aus. Das verbaute 9-Achsen Gyroskop ist hierdurch oft so träge, dass das simple Ablesen der Uhrzeit, was schließlich die Grundfunktion einer Uhr am Handgelenk ist, zum Geduldsspiel wird. Manchmal reagiert der Sensor ständig bei jeder Bewegung, manchmal überhaupt nicht.

Gleiches gilt für die Spracherkennung unter dem Hotword „OK Google“, die teilweise träge oder gar nicht funktionierte bis hin zur falschen Erkennung meiner Spracheingabe. Doch das war an der Spracheingabe gar nicht mal das Schlimmste: wer ein neues Motorola Moto X der zweiten Generation besitzt, hat das Privileg die Moto Voice-Funktion (ehemals Touchless Control) auf einen x-beliebigen Auslösesatz zu trainieren. Wer, wie ich, ein Moto X der ersten Generation besitzt und die Touchless Controls noch mit dem Auslösesatz „OK, Google Now“ aktivieren MUSS, der wird seiner Freude haben.

Warum? Die Moto X der ersten Generation sind oft so empfindlich, dass der Auslösesatz „OK Google“ reicht, um vom Smartphone erkannt zu werden. Spricht man jedoch gerade seine Moto 360 Smartwatch an, springt eben auch das Moto X an und die Verwirrung ist groß. So ist es bei mir mehrmals passiert und nervt sehr!

Dies kann einem den letzten Nerv rauben. Hier führte ein Neustart zur vorübergehenden Problemlösung, jedoch hoffe ich, dass Motorola hier noch einige Optimierungen vornimmt.

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Technische Besonderheiten

Die Moto 360 verfügt auf der aus Edelstahl gefertigten Rückseite, wie die Samsung Gear Live, einen Herzfreqzenzmonitor. Das ist meiner Meinung nach eher eine nette Spielerei als medizinisches Produkt, da ich die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse nicht medizinisch belegen kann. Im Gegensatz zur Samsung Gear Live zeigt die Moto 360 die Herzschläge nicht nur simpel an, sondern speichert diese in einer speziellen „Fit“-App.

In der Fit-App kann auch die Anzahl der gelaufenen Schritte aufgezeichnet werden, um eine Art Fitness-Tagebuch zu führen. Dies soll den Träger selbstverständlich motivieren sich mehr zu bewegen. Das Problem ist jedoch, dass der Schrittzähler unzuverlässig ist. In einer Situation zeigte mir die Moto 360 angeblich 13 Schritte an, die ich im Sitzen getätigt haben soll. Nach etwas Computerarbeit bin ich aufgestanden und einen Raum weitergegangen, um mir die Schuhe anzuziehen. Eigentlich müssten dies zirka 20 Schritte sein, die Moto 360 hat diesen Vorgang jedoch als 120 Schritte gewertet. Daher war der Schrittzähler die erste Funktion, die bei mir ausgeschaltet wurde.

Ein sehr nettes Feature ergibt sich im Zusammenspiel mit einem Motorola Moto X oder Moto G: In der exklusiven „Connect“-App verbergen sich nun einige Zusatzfeatures für die Moto 360. So kann man von hier aus sämtliche vorinstallierte „Watchfaces“, also Ziffernblätter, der Moto 360 nach belieben farblich anpassen. Außerdem kann man ein Gesundheitsprofil mit Angaben zu Körpergröße und -gewicht sowie Geschlecht und Geburtsdatum erstellen, dessen Metadaten als Grundgerüst für die Fit-App dienen.

Das letzte Feature in der Connect-App ist eine Art „Find my Phone“ für die Moto 360. Hier wird der letzte Aktivitätsstandpunkt der Uhr mitsamt Geodaten auf einer Karte abgebildet.

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Fazit

Die Motorola Moto 360 ist nicht unfehlbar und nicht der Smartwatch-Messias, den sich viele herbeigesehnt haben. Wer sich an genannten Dingen wie dem schwarzen Balken am unteren Rand oder der, zwar gebesserten aber immer noch nicht perfekten, Akkulaufzeit und dem nicht sehr leistungsfähigen Prozessor stört, dem sei geraten: Wartet auf die nächste Generation Moto 360.

Wer aber mit den kleinen Mankos leben kann und aktuell bereit ist für die Uhr 249 Euro auszugeben, um ein geekiges aber extrem elegantes Gimmick an der Hand zu tragen, wird dennoch seine wahre Freude haben.

Die Moto 360 ist, wie alle anderen Android Wear Smartwatches, noch keine richtig schlaue Uhr, sondern fungiert als Smartphone-Benachrichtigungsspiegel mit Zeitablesefunktion. Nicht mehr und nicht weniger. Aber diese relativ geringe Funktionspalette meistert die Moto 360 mit viel Klasse und Stil.

Ein offizielles Datum für den Verkaufsstart der Moto 360 in Deutschland gibt es nicht. Motorola spricht hierbei jedoch von der zweiten Oktoberwoche.



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Über den Autor: Pascal Wuttke

Nerdlicht in einer dieser hippen Startup-Städte vor Anker. Macht was mit Medien... Auch bei den üblichen Kandidaten des sozialen Interwebs auffindbar: Google+, Twitter, Xing, LinkedIn und Instagram. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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