Kontrovers: IndieGoGo will Unternehmen vom Crowdfunding überzeugen

7. Januar 2016 Kategorie: Internet, geschrieben von: André Westphal

indiegogo logoIm Gegensatz zu Sascha bin ich kein Freund des Crowdfundings: Gerne lege ich Geld für ein fertiges Produkt auf den Tisch und unterstütze auf diese Weise auch Startups und innovative Ideen. Doch ich fühle mich als Kunde, der für das fertige Endprodukt zahlt und nicht schon vorab eine Idee bezuschusst. Auch ich verstehe aber, dass einige tolle Gadgets erst durch die Schwarmfinanzierung möglich geworden sind, da viele große Firmen niemals die mit der Entwicklung verbundenen Risiken eingegangen wären. IndieGoGo geht gerade deswegen nun einen kontroversen Weg: Die Plattform will in Zukunft vor allem große Unternehmen vom Crowdfunding überzeugen.

Neu ist die Idee übrigens nicht, dass auch Unternehmen via Crowdfunding ihre Kundenbasis anzapfen, statt selbst Geld für Projekte aufzubringen: In Japan betreibt Sony etwa eine eigene Crowdfunding-Plattform namens „First Flight„. Die Kontroverse um die Finanzierung des Spiels „Shenmue 3“ hat ebenfalls gezeigt, dass das Thema Crowdfunding und große Unternehmen sensibel ist. Dennoch sieht IndieGoGo hier die Zukunft und hat auf der CES 2016 seinen neuen Dienst für das Enterprise Crowdfunding vorgestellt. Im Wesentlichen handelt es sich um eine Initiative, die Unternehmen helfen soll über die Plattform IndieGoGo ihre Kampagnen zu planen und zu optimieren. Zudem erhalten Geschäftskunden auf diese Weise erweiterte Analyse-Daten. Für die IndieGoGo-Besucher bzw. -Backer sehen die Projekte der Unternehmen aber aus wie jedes andere Crowdfunding-Konzept auf der Seite.

Laut Jerry Needel, der bei IndieGoGo für Partnerschaften mit den Anbietern verantwortlich ist, seien in den letzten Jahren verstärkt große Firmen an IndieGoGo herangetreten. Dem Bedarf wolle man nun nachkommen. Zwar war IndieGoGo seit jeher nicht nur für Startups und Co. offen, sondern auch für Unternehmen bzw. Konzerne, doch jetzt nehme man jene über das Enterprise Crowdfunding direkt an die Hand. Needel sieht IndieGoGo in diesem Bezug als wertvolle Chance, um Marktforschung zu betreiben. Die Firmen könnten ohne finanzielles Risiko Ideen in den Raum stellen und das Interesse der Kunden auswerten.

indegogo enterprise

In der Vergangenheit hatte IndieGoGo beispielsweise bereits mit Hasbro gearbeitet, um über eine Crowdfunding-Kampagne die Potentiale für verschiedene Game-Konzepte auszuloten. Derartige Kampagnen könnte man in Zukunft öfter bei IndieGoGo erleben. Allerdings dürften auf diese Weise auch die Kontroversen zunehmen. Kritiker der Schwarmfinanzierung, wie eben auch ich selbst, erhalten noch mehr Argumente. So halte ich es für eine höchst bedenkliche Entwicklung, wenn Unternehmen nicht mehr selbst Risiken eingehen, sondern schon vor der Produktentwicklung / – veröffentlichung Geld einsacken möchten. Ein weiteres, kontroverses Beispiel war in diesem Bezug in den letzten Jahren Scrubs-Alumni Zach Braff mit seinem Film „Wish I Was Here“. Der Millionär schnorrte die Community um Geld an, nur weil er selbst die volle kreative Kontrolle behalten wollte – im Grunde also wegen absoluten Luxusproblemen. Denn große Filmstudios hätten seinen Film sehr wohl finanziert, verlangen aber (wie es üblich ist) als Geldgeber auch Mitspracherechte. Braffs Vorgehensweise führte sogar zu Gegenkampagnen wie „Don’t Back Braff„.

IndieGoGo selbst und die Unternehmen wird das freilich nicht jucken: Vielmehr erhalten die Geschäftskunden sogar die Möglichkeit gegen einen zusätzlichen Obolus prominenter auf der Site platziert zu werden und so gegenüber anderen Kampagnen im Vorteil zu sein. Immerhin fällt eine Gebühr für die Zusatzdienste des Enterprise Crowdfundings an. Was haltet ihr denn von dieser Entwicklung? Seid ihr genau so skeptisch wie ich oder heißt ihr große Unternehmen und ihre Projekte auf Plattformen wie IndieGoGo willkommen?


Über den Autor: André Westphal

Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich eines Tages als Ghostbuster sein Geld zu verdienen oder zumindest das erste Proton Pack der Welt zu testen. Mit geheimniskrämerischem Konto auch bei Facebook zu finden. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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