„Tell Me Why“: Neues Episoden-Adventure von Dontnod angespielt

„Tell Me Why“ ist das neue Episoden-Adventure von Dontnod Entertainment, die auch hinter „Life Is Strange“ stecken. Im Gegensatz zu der zuletzt genannten Reihe, bleibt ihr neuester Streich aber zunächst Microsoft-Plattformen vorbehalten. Daher gibt es die erste, just erschienene Episode nur für Windows-PCs und die Xbox One. Ich habe das Game einmal für euch angespielt.

„Life Is Strange“ hat mich sehr begeistert – auch wegen des tollen Indie-Soundtracks. Die zweite Staffel fand ich deutlich durchwachsener, da sagte mir etwa das Spin-Off zur ersten Runde, „Life Is Strange: Before the Storm“, sogar mehr zu. „Tell Me Why“ erinnert mich dabei vom Ausgangsszenario her mehr an die zweite Season: Die Zwillinge Tyler und Alyson Ronan werden in der fiktiven Kleinstadt Delos Crossing in Alaska nach langer Trennung wieder vereinigt. Dabei versuchen sie gemeinsam einigen Mysterien aus ihrer Kindheit auf den Grund zu gehen.

Die Geschichte und die Charaktere sind schon etwas „woke“ (hier eine Erklärung, für Neulinge im Thema), was nicht jedem schmecken wird. Tyler ist ein Transgender-Charakter, der als Frau geboren wurde. Seine Hintergrundgeschichte ist auch ein wichtiges Element der Story. Das ist ein schwieriger Balanceakt. Einerseits ist es gut und natürlich wichtig, das Diverse in medialen Inhalten abzubilden. Andererseits mündet das oft entweder in selbst verherrlichenden Predigten oder aber Klischees.

Ein gutes Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte, ist etwa meiner Meinung nach die TV-Serie „Supergirl“. Dort wurde ein Trans-Charakter ohne Vorlauf als Liebling aller anderen Seriencharaktere eingeführt, ohne sich diesen Status zu verdienen, sodass es im Kontext der Geschichte keinen Sinn ergibt.

Dontnod hat dabei glücklicherweise seine Hausaufgaben gemacht: Ich will hier nichts spoilern, aber man hat offenbar viel über das Thema recherchiert und hebelt im Verlauf der Geschichte sogar bewusst einige Klischees über transsexuelle Menschen aus. Sehr gelungen stellt man dabei auch verschiedene Perspektiven gegenüber, was zugleich ein zentrales Element des Gameplays ist.

So erinnern sich Tyler und Alyson an ihre Kindheit und den Tod ihrer Mutter zurück, haben dabei aber teilweise ganz unterschiedliche Blickwinkel. Eine spannende Idee, denn auch in der Realität erinnern sich Personen ja oft, je nach eigener Perspektive und Meinung, ganz unterschiedlich an Ereignisse. Das wird hier im Spiel aufgegriffen und mit einem besonderen Dreh versehen. So können die Zwillinge ihre Erinnerungen, das ist der übernatürliche Mystery-Aspekt des Games, miteinander teilen. Als Spieler kann man dann aktiv entscheiden, welche der Betrachtungsweisen wohl realistischer ist.

Man deckt also viele Fragen auf – eben auch die allumfassende nach dem „Warum“ – bezogen auf die Entwicklung von Tyler und Alyson. Dabei spielt die Identität des Vaters der beiden eine Rolle und auch die Aufklärung des Todes ihrer Mutter. Welche Entscheidungen man als Spieler dabei trifft, beeinflusst nicht nur die Handlung, sondern auch wesentlich die Beziehung der Geschwister. Ihr könnt die beiden also näher zusammenführen oder auch auseinandertreiben – je nachdem, was für euch selbst Sinn ergibt.

Sehr gut gefällt mir dabei auch wieder der atmosphärische Soundtrack, der eine Mischung aus lizenzierten Songs und stimmungsvollem Gewaber bietet. Ich habe für diesen Test einen Code von Microsoft erhalten, konnte also vor der Veröffentlichung alle drei Episoden bereits anspielen. Dieses Mal gibt es aber keine langen Wartezeiten: Episode 1 ist schon verfügbar, Folge 2 erscheint am 3. September 2020 und die dritte und letzte Episode schließlich am 10. September 2020.

Mit meinem Vorabzugriff ging auch einher, dass noch nicht alle Bugs ausgebügelt gewesen sind. In einer Szene etwa löste sich Alyson für mich in Luft auf. Das Spiel wurde zwar korrekt fortgesetzt, der Charakter blieb aber unsichtbar. Diesen Bug hatte ich lustigerweise auch schon in „Life Is Strange 2“ in einer Episode. Ein Neustart schuf Abhilfe. Technisch sind „Tell Me Why“ und „Life Is Strange 2“ ohnehin gut vergleichbar. Erwartet also keine State-of-the-Art-Grafik. Wobei insbesondere die stimmungsvolle Beleuchtung sehr gelungen ist. Die Charakteranimationen sind hingegen manchmal etwas hölzern.

Die wichtigste Frage: Macht „Tell Me Why“ Spaß? Nun, das Spiel läuft, wie auch „Life Is Strange“ streckenweise eher wie ein interaktiver Film ab. Klar, man bewegt sich auch durch Umgebungen, klickt auf Gegenstände und initiiert Dialoge, doch es gibt auch wieder die typischen Dontnod-Abschnitte, in denen man sehr viel passiv vor dem TV / Monitor sitzt und nur hin und wieder aus ein paar Dialogoptionen wählt. Das muss man eben mögen bzw. sich von der Story angesprochen fühlen.

Mir hat die Geschichte um die beiden, jungen Erwachsenen sehr zugesagt und mich auch emotional mitgerissen. Denn Dontnod gelingt es sehr gut eine Geschichte mit einem Transgender-Charakter zu erzählen, in der eben diese Eigenschaft aber nicht alles andere überschattet. Stattdessen ist diese Eigenschaft hier einfach einer von vielen Aspekten.

Wer den Xbox Game Pass abonniert hat, kann „Tell Me Why“ mit allen drei Episoden, sobald sie erscheinen, ohne Mehrkosten zocken. Für sich genommen kostet das Game 29,99 Euro. Jede Episode dauert dabei ca. 2-3 Stunden, sodass der Preis für die gebotene Spielzeit vielleicht etwas steil wirkt. Für mich ist „Tell Me Why“ eine wirklich gute Geschichte im Adventure-Kleid, die ich sehr weiterempfehlen kann. Story und Charaktere haben mir persönlich etwa besser gefallen als bei „Life Is Strange 2“. Das Hereinschauen empfiehlt sich für Fans von Spielen des Entwicklers also – mit Game Pass sowieso.

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André Westphal

Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich eines Tages als Ghostbuster sein Geld zu verdienen oder zumindest das erste Proton Pack der Welt zu testen. Mit geheimniskrämerischem Konto auch bei Facebook zu finden. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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6 Kommentare

  1. Hallo André , entschuldige das ich nur folgendes rauspicke. Aber auch nach mehrmaligen lesen und grübeln blicke ich es nicht. Kannst du es bitte kurz erklären was du genau meinst?

    „ Ein gutes Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte, ist etwa meiner Meinung nach die TV-Serie „Supergirl“. Dort wurde ein Trans-Charakter ohne Vorlauf als Liebling aller anderen Seriencharaktere eingeführt, ohne sich diesen Status zu verdienen, sodass es im Kontext der Geschichte keinen Sinn ergibt.“

    • PC ist eigentlich, wenn es völlig irrelevant ist, ob Du z.B. transgender, hetero oder asexuell bist. Der Mensch bzw. Charakter steht im Vordergrund und nicht die ethnische Herkunft, die sexuelle Orientierung oder die religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen. Wenn jedoch eine Rolle im Skript nur vorhanden ist, weil sie eine oder mehrere dieser Eigenschaften aufweist, ist dies nicht nur ein Bärendienst an der Gleichberechtigung, sondern bringt auch die Story nicht voran. Für den Zuschauer ist das meist verwirrend. Versucht dieser doch, die neue Rolle in den Story-Verlauf einzubauen. Wenn dies nicht ohne Weiteres klappt, führt dies eher zu Irritationen beim Betrachter. Für mich ist das etwas wie „positive Diskriminierung“.

    • André Westphal says:

      Da wollte ich nichts spoilern: In Staffel 4 der Serie wird eine Trans-Figur eingeführt, die innerhalb von 2-3 Episoden plötzlich rein positive Beziehungen zu so gut wie allen Hauptfiguren hat und lediglich hochgelobt wird. Sie wird auch in der Serie nie diskriminiert, sondern rundum abgefeiert. Egal ob trans oder nicht, der Charakter wird extrem schlecht eingeführt, gleichzeitig aber auch diese Eigenschaft recht holprig und realistisch thematisiert.

      Ich fand die Figur von Anfang an deswegen extrem nervig, da sie dem Zuschauer geradezu unter die Nase gerieben und aufgedrängt wurde. Dadurch haben die Autoren, wie Tandeki auch schon sagt, sowohl dem Charakter als auch der Schauspielerin und der Gruppe der Transsexuellen eher einen Bärendienst erwiesen. Es wirkt in der Serie eher so, als ob man sich da irgendwie anbiedern wollte – was dann auch für viel Kritik an der Serie an sich als „woke“ gesorgt hat, teilweise auch zu extrem – aber eben durch diese ungeschickte Herangehensweise herausgefordert.

  2. Also mich stört das Wokesetting nicht wirklich, zumal der Charakter hier ja eigenständig ist und dessen Geschichte erzählt wird (zumindest sieht es so aus, bin auch erst am Anfang).

    Ich kann das natürlich erst am Ende beurteilen, aber das erste Life is Strange hatte irgendwie das besondere Etwas, was allen Nachfolgern leider gefehlt hat. Das Original (wenn man solche Spiele mag) hat mich wirklich gefesselt und berührt. Auch before the Storm ging noch einigermaßen.

    Aber schon der Teil mit den Lateinamerikanern konnte mich nicht bei der Stange halten, die haben mich ganz schnell einfach nicht mehr interessiert. Und leider scheint auch tell me why in diese Richtung zu gehen, da es doch arg langatmig ist, und das bereits in der ersten Episode. Da war Life is Strange irgendwie besser geschrieben, da wollte man die Geschichte erfahren-bei Tell me Why wartet man nur, das der zähe Brei sich endlich mal auflöst und man irgendwas tun kann.

    Kann natürlich sein, dass es am Transgenderthema liegen wird-da dürften sich 99% der Menschen einfach nicht reinfühlen können. Da war das Teenydrama Life is Strange im Vorteil, da konnte jeder Überschneidungen zur eigenen Kindheit wiederfinden.

    Ich werde es erstmal weiterspielen und schauen, ob noch was kommt. Als Beginn ist die erste Episode leider eher schwach, für Woke People mag es natürlich schon reichen, dass da ein Transgender auftaucht, aber das alleine trägt eben doch keine Story. Hoffentlich bietet die Story im Verlauf mehr als das.

  3. Gibt es schon Onfos wann (und überhaupt) das ganze auch für andere Plattformen verfügbar ist?

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