„Kingdom Come Deliverance“ angezockt: Oh, hätte ich doch eine Brechstange!

„Kingdom Come Deliverance“ ist bereits im Februar 2018 auf den Markt gekommen. „Warum dann also jetzt ein Anspielbericht, Herr Westphal?“ Das fragt ihr euch vielleicht. Nun ja, diesen Monat ist zum einen die DLC-Erweiterung „From the Ashes“ erschienen. Zum anderen gibt es das Spiel aktuell für die Xbox One im Rahmen des Ultimate Game Sales für nur 40,19 Euro zu haben. Ich selbst schlug übrigens beim Amazon Prime Day zu. Da war der Deal mit 34,97 Euro noch verlockender. Zum Release erntete das Open-World-RPG ja harsche Kritik für seinen verbuggten Auslieferungszustand. Doch wie sieht es denn mittlerweile, nach einigen Patches aus?

Mich schreckte zur Veröffentlichung das unausgegorene Speichersystem des Rollenspiels ab: In „Kingdom Come Deliverance“ konnte man zur Veröffentlichung nämlich nur entweder durch Pennen in Betten, an festgelegten Punkten innerhalb von Story-Quests oder über im Spiel kaufbare Speichertränke abspeichern. Gerade da der Schwierigkeitsgrad doch eher gehoben ist, hätte mich das zu sehr genervt. Mittlerweile haben die Entwickler aber per Patch nachgebessert. Dadurch speichert das Game nun auch, wenn ihr das Spiel verlasst, weil ihr euch mal wieder der Realität zuwenden wollt. Das ist zwar immer noch nicht optimal, eine Quicksave-Funktion ist 2018 einfach für ein RPG ein Muss, aber man kann damit leben.

Doch worum geht es generell in diesem Titel der tschechischen Entwickler Warhorse Studios? In „Kingdom Come Deliverance“ schlüpft ihr in die Rolle des zum Waisen gewordenen Schmiedeburschens Henry (Heinrich, solltet ihr auf Deutsch spielen). Das Setting des Games ist recht ungewöhnlich, denn man verzichtet komplett auf die typischen Fantasy-Elemente. Stattdessen findet man sich im waschechten Bürgerkrieg des 15. Jahrhunderts im mittelalterlichen Böhmen wieder. Die Atmosphäre des rauen Mittelalters wird super eingefangen. So ist der Umgangston oft harsch und statt Hochglanz-Fantasy erlebt man dreckige Dorfbewohner,viel graue Tristesse in den Dörfern, aber auch malerische Waldlandschaften und florierende Städte mit einer enormen Kluft zwischen Arm und Reich.

Dabei mag die Rache-Story um den Protagonisten Henry / Heinrich sicherlich nicht für philosophische Diskussionen taugen, ist aber stringent und emotional erzählt. Zumindest ist das nach ca. 15 Spielstunden bisher mein Eindruck. Zumal die Dialoge sehr gut geschrieben sind und auch mit Wortwitz in den passenden Situationen nicht geizen. Die Aufgaben sind zudem abwechslungsreich genug, um bei der Stange zu halten und bieten meistens mehrere Lösungswege. Etwa kann man oft entscheiden, ob man sich zu einem Kampf hinreißen lässt, seine Überredungskünste anwendet oder vielleicht als geschickter Dieb zugreift, wenn sich die Chance bietet.

Letzteres ist allerdings in „Kingdom Come Deliverance“ sauschwer. Ich glaube, es ist realistisch gesehen einfacher ein echtes Schloss zu knacken, als in diesem Spiel selbst die verschlossenen Truhen und Türen zu öffnen, die als „sehr leicht“ gekennzeichnet sind. Denn die Steuerung beim Schlösserknacken ist eindeutig für Tastatur und Maus optimiert. An der Konsole muss man mit beiden Analogsticks hantieren. Einer muss einen Punkt an der richtigen Stelle halten, der andere den Schließmechanismus rotieren. Problem: Dabei muss auch der Punkt passend mitwandern. Mit Ach und Krach habe ich wie durch ein Wunder und mehr durch Glück als alles andere ein einziges Schloss knacken können. Eine Brechstange wäre hier sehr willkommen: Sowohl im Spiel als auch in der Realität, um meiner Wut freien Lauf zu lassen.

Auch die Kämpfe sind, gerade zu Anfang, sehr spröde, langsam und enden meistens darin, dass man schnaufend zu Boden sinkt. Allerdings stört das hier weniger: Hauptcharakter Heinrich ist eben der Sohn eines Schmiedes und kein strahlender Ritter. Wie in den Spielen der Reihe „The Elder Scrolls“ steigert man seine Fähigkeiten, je mehr man kämpft und seine Waffen nutzt. Das kann allerdings auch humoristische Auswüchse erzeugen. Als mich etwa so eine nervige Töle ankläffte, während ich in das Haus ihres Besitzers einsteigen wollte,  habe ich ihr doch schnurstracks mit dem Schwert eins übergebraten. Gewehrt sich der Köter lustigerweise nicht. Meine Schwert-Fähigkeit wuchs jedoch auch durch diese stumpfsinnige Aktion.

Wer also seine Kampffähigkeiten steigern will, kann im Dorf auch Hunden und Schweinen nachstromern. Aufpassen sollte man dabei nur, dass die Wachen einen nicht mit gezückter Waffe erwischen. Dann hagelt es Strafen oder sogar Gefängnis. Da ich selbst in Open-World-RPGs immer als Kleptomane agiere, bekam ich ebenfalls schnell den langen Arm des Gesetzes zu spüren. In „The Elder Scrolls V: Skyrim“ hatte ich am Ende wohl dank Taschendiebstahl den Schlüssel zu jedem Haus im Spiel. Keine Tür blieb mir verschlossen, keine Bude war vor mir sicher. So kann man auch in „Kingdom Come Deliverance“ vorgehen. Doch dank des KI-Systems im Hintergrund macht sich dann Unmut breit, die Wachen werden aufmerksamer und skeptischer.

Als Ergebnis wollten sie mich mehrfach spontan nach Diebesgut durchsuchen. Eine Bestechung hat es stets gerichtet, doch so lohnt sich das Zusammenklauben günstiger Objekte wie Birnen, Karotten oder Brot rasch leider nicht mehr. Denn Essen benötigt man ebenfalls. Man muss regelmäßig Essen und Schlafen. Meistens sind derlei Spielmechaniken „gut gemeint“, nerven aber rasch, weil man sich stupide in regelmäßigen Abständen Mahlzeiten reinhaut und einfach nur einen Balken oben hält. Hier übertreibt man es aber nicht und bindet die Mechanik sinnvoll ins Gameplay ein. Wer etwa lange pennt, hat wieder mehr Energie, wird aber hungrig. Entsprechend kann man sich dann aber nett in einer Taverne verköstigen lassen oder muss vor dem Patrouillengang als Stadtwache nochmal ein paar Kohlköpfe einschieben.

Übrigens tauchten in meiner bisherigen Spielzeit kaum Bugs auf. Einmal stratzte ich in einen Raum, der plötzlich nur schwarz war wie die Nacht, weil ein Grafikfehler wohl die Beleuchtung ausknipste. Das behob sich aber rasch von selbst. Ja, die KI hat zwar eigene Tagesabläufe, zieht es aber manchmal vor behäbig gegen einen Baum zu poltern, statt Drumherum zum Ziel zu marschieren. Generell scheinen die Patches dem Game aber sehr gut getan zu haben. Zumindest wirkt „Kingdom Come Deliverance“ auf mich an der Xbox One X recht stabil. Abstürze, Freezes oder ernsthafte Quest-Fehler blieben jedenfalls bei mir bisher aus.

Man sollte allerdings etwas offen für den spröden Charme des Titels ein. Man merkt schon, dass hier kein riesiges Team Hand angelegt hat, sondern ein kleineres Studio via Crowdfunding seinen Traum von einem ambitionierten RPG verwirklichen wollte. So ist die Grafik zwar, gerade in den ausladenden Wäldern, hübsch anzusehen doch immer wieder erblickt man auch detailarme Texturen oder hölzerne Charakteranimationen. Dazu kommen etwas überladene Menüs mit vielen einzelnen Reitern und vielen Statistiken, deren Bedeutung man sich meistens selbst ableiten soll. An die Hand genommen wird man nämlich in „Kingdom Come Deliverance“ kaum. Mir gefällt das aber ganz gut, so sammele ich meine eigenen Erfahrungen, komme auch mal vom Pfad ab und lerne aus Fehlern.

Auf mich wirkt dieser Titel daher ein wenig wie eine Mischung aus der offenen Spielwelt eines „The Elder Scrolls V: Skyrim“ und des rauen Charmes eines „Gothic“. Loben möchte ich dabei auch, dass man hier ein RPG mit eher klassischen Tugenden und viel Raum zu Experimentierung und Charakterentwicklung vorgelegt hat – kein RPG Light, wie es etwa „Fallout 4“ leider gewesen ist. Auch hier gibt es allerdings neben der Möglichkeit Grundwerte wie Stärke und Fähigkeiten wie „Alchemie“ zu steigern auch sogenannte Perks. Alle paar Levelaufstiege bzw. wenn man eine Fähigkeit entsprechend hochgelevelt hat, kann man sie sich auswählen. Hier sind durchaus witzige Merkmale dabei. Wer etwa den männlichen Geruch wählt, kann sich zwar besser bei Frauen einschleimen, wird aber beim Schleichen eher entdeckt.

Dass „Kingdom Come Deliverance“ mit seinem verbuggten Release viele Interessenten vergrault hat, ist nachvollziehbar. Mehrere Monate und Patches später, kann ich als unbefangener Neueinsteiger aber sagen, dass das Game mir nach einer gesunden Portion Skepsis richtig gut gefällt. Den DLC „From the Ashes“ habe ich mir jedenfalls mit neu gefundenem Optimismus ebenfalls gegönnt, weil ich mir hier noch viele tolle Spielstunden erhoffe. Falls ihr also Bock auf ein Open-World-RPG mit Mittelalter-Setting und eher klassischen Rollenspiel-Tugenden sowie Ecken und Kanten habt, dann gebt „Kingdom Come Deliverance“, spätestens bei einem Sale, vielleicht nochmal eine Chance. Ich habe es jedenfalls absolut nicht bereut.

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André Westphal

Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich eines Tages als Ghostbuster sein Geld zu verdienen oder zumindest das erste Proton Pack der Welt zu testen. Mit geheimniskrämerischem Konto auch bei Facebook zu finden. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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7 Kommentare

  1. Hehe, ich habe im Microsoft Sale jetzt auch zugeschlagen für die Xbox One X mit alles DLCs.
    Es macht schon Spaß, es gibt aber auch einige große Frustmomente, wie du schon schreibst. Für mich sind das folgende:
    – Das Schlösser knacken ist meiner Ansicht nach total fürn A… Warum vereinfacht man es nicht teilweise. Oder bietet eine andere Variante an. Ich habe bisher vielleicht eine Truhe und eine Tür damit auf bekommen
    – Diebstahl ist eigentlich auch fast unmöglich. Das System an sich, ist eigentlich recht cool ausgedacht. Die Umsetzung aber grauenvoll. Das liegt für mich aber daran, dass die Steuerung in dem großen Drehrad wo man das Diebesgut auswählt so extrem träge ist. Man soll in wenigen Sekunden durch scrollen zum Diebesgut gelangen, dieses auswählen und danach wieder zurück scrollen zu dem Ausgangs-Symbol…
    – Bogen Schießen ist auch grenzwertig. Kein Fadenkreuz oder Punkt und die Ausdauer ist viel zu kurz bevor er anfängt zu zittern.

    Es ist sicher alles noch verbesserbar mit Skillpunkten. Aber gerade am Anfang ist es fast unmöglich. Ein Pferd besitze ich auch noch nicht. Was sich auch schwierig gestaltet.
    Ansonsten aber ein schönes Spiel. Viel zu Entdecken, viel frei zu schalten usw.

    • Spiel weiter. Diese Frustmomente am Anfang zu überwinden lohnt sich, denn kein Spiel hat mir dieses „Hocharbeiten-bis-man-wer-ist“-Gefühl bisher besser vermittelt, als Kingdom Come: Deliverance. Schlösserknacken wird einfacher, Taschendiebstahl wird einfacher, Bogenschießen wird einfacher. Alles wird einfacher, routinierter. Üben, üben, üben. Hier macht es wirklich den Meister. Viel Spaß!

      • Ich mache auf jeden Fall weiter. Es macht ja ansonsten echt Spaß bis auf die (für mich) drei Kritikpunkte.

        • Deine drei Kritikpunkte werden alle durch Tutorials bei entsprechenden Training beseitigt. Taschendiebstahl und Schlösser knacken bei Müller Peschek (es gibt 2 perks, die den Cursor im Drehrad schneller springen lassen) und Bogenschießen bei Hauptmann Bernard und in Ledetschko am Fluss. Letzteres sorgt außerdem noch für ein bisschen Kohle und man steigt pro Durchgang min. ein halbes Level beim Bogenschießen.

          Und wie schon gesagt, Übung macht den Meister. Ich hab erst gestern das halbe Kloster leer geräumt und in Rattay das Rathaus. Alles eine Frage der Übung.

      • Max Mustermann says:

        Besser kann man es nicht ausdrücken, Ich sehe es genau so und das Leveln macht sehr viel Spaß.

  2. ich finde das Spielerlebnis etwas langwierig. Habe nicht so viel Zeit zu spielen. Daher nervt mich das ein wenig.
    Aber wenigstens sind es keine Schlauch Level.

  3. Wanderdüne says:

    „eine Quicksave-Funktion ist 2018 einfach für ein RPG ein Muss“

    Dem möchte ich widersprechen! Nur weil man Quicksave / Quickload in vielen Spielen findet ist es nicht automatisch etwas das man Vorraussetzen sollte. Im Gegenteil, meiner Meinung nach zeugt diese Möglichkeit, schnell speichern und sofort wieder laden zu können, bei einigen Spielen sogar von schlechtem Design. Grade in RPGs soll man mit den Konsquenzen seiner Handlungen leben müssen und nicht ständigig die Rückspultaste betätigen, da das ansonsten schnell die Immersion zerstören kann und den Druck vom Spieler nimmt. Das Speichern einzuschränken ist eine bewusste Designentscheidung.

    Somit finde ich die Entscheidung, dass ungehinderte Quicksaving zu unterbinden und durch spielerischen Bedingungen einzuschränken (Rettungsschnaps/Bett), für ein Spiel dieser Art sehr gut.

    Was auf jeden Fall aber sinnvoll war, das das Speichern auch beim Verlassen ausgeführt wird, da man manchmal ein Spiel einfach umgehend beenden möchte.

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