Zu Besuch beim spanischen Smartphone-Hersteller bq

3. Oktober 2015 Kategorie: Android, Hardware, geschrieben von:

artikel_bqSujeevan hat für uns schon den EU-Start von Android One durch den Hersteller bq gecovert. Bei bq war es auch, wo er sich einmal ein bisschen genauer umschauen konnte und so einen tieferen Einblick in die Produktion eines Smartphones erhalten hat. Vom Design bis zu den Härtetests, es ist ein langer Weg von der Idee zum fertigen Smartphone. Seine Eindrücke schildert er Euch in diesem Artikel, ebenfalls stellt er ein Video zu Verfügung, das Euch mit in die Testlabors von bq nimmt.

Unternehmenspräsentation

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Zu Beginn begann der stellvertretende Geschäftsführer Rodrigo del Prado mit einer kleinen Firmen-Präsentation. BQ ist zwar in Deutschland im Smartphone-Markt noch relativ unbekannt, doch hat die Firma eine große Käuferbasis in Spanien und Portugal. Das Unternehmen ist noch recht jung, denn es wurde erst 2010 gegründet und widmete sich zunächst dem Verkauf von Ebook-Readern, später folgten dann die ersten Smartphones und Tablets auf Android-Basis und in diesem Jahr Smartphones mit Ubuntu und Android One.

Zur Zeit konzentriert sich bq hauptsächlich auf den europäischen Markt, in Deutschland sind sie erst seit letztem Jahr vertreten, mittlerweile findet man sie in einer überschaubaren Anzahl von deutschen Online-Shops, wie die von Media Markt, Saturn und notebooksbilliger.de. Die ersten Schritte im asiatischen Markt erfolgen zurzeit ebenfalls. Mittlerweile gibt es seit dem Verkauf von Nokia an Microsoft bekanntlich keine großen europäischen Marken im Smartphone-Geschäft. BQ fertig seine Geräte in China, die Entwicklung und die Qualitätssicherung der Geräte findet allerdings fast ausschließlich in Spanien statt, dazu später mehr.

Entwicklungsprozess

BQ gibt sich ziemlich offen und verrät einige Details zum Entwicklungsprozess. In einer Grafik zeigen sie, wie lang die Entwicklung eines Smartphones im Idealfall dauert: 9 Monate. Beteiligt sind insgesamt vier Teams. In den ersten beiden Monaten wird fast ausschließlich an den ersten Prototypen gearbeitet. Das sind zum einen die Designer, die für das optische Erscheinungsbild zuständig sind und die mechanischen Designer, welche die Hardware an sich designen.

Da die Platinen, Kabel und Bildschirme mit in den entsprechenden Rahmen zusammenpassen müssen, arbeiten beide Teams schließlich eng zusammen. In dieser frühen Phase sollen wohl nur neun Leute arbeiten. Die genauen Details über die Anzahl der Mitarbeiter in den Teams lassen sich aus den Bildern der Präsentation entnehmen.

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Sobald dies erledigt ist, geht die erste Test-Produktion los, mit einer überschaubaren Anzahl von 80 Geräten. Dann folgt eine dreimonatige Phase „Engineering Verification Testing“, in der der produzierte Prototyp auf die gängigen Funktionen getestet wird und Optimierungen durchgeführt werden. Dies umfasst auch die Temperatur-Entwicklung bei verschiedenen Auslastungsszenarien, Akkulaufzeit, sowie Tests der Vibrationsfunktion und einigen weiteren Hardware-Teilen, wie dem Sound und der Kamera. Mit einem Monat Verzug fangen dann auch die Software-Entwickler an die Kernel-Entwicklungen zu starten und die Qualitätssicherung beginnt auch schon mit ihrer Arbeit.

Nach dieser Phase geht es in das „Design Verification Process“ über, wo noch einmal Überarbeitungen am Design durchgeführt werden von allen Teams. In dieser Phase wird mit 140 Test-Exemplaren getestet und entwickelt. Dies ist auch die Phase in der das „Full Stack Development“ startet, also die vollständige Entwicklung stattfindet, von der Hardware-Unterstützung auf Kernel-Ebene bis zum User-Interface, welches die Nutzer zu Gesicht bekommen.

Im Anschluss folgt dann die der etwas größer angelegte Test, dem „Process Verification Test“, das quasi das Beta-Release eines Gerätes ist. Auch dort finden alle Tests und Entwicklungen aus den vorherigen Phasen statt. Fokus liegt hierbei auf das Finden und Korrigieren von Fehlern. Zu diesem Zeitpunkt ist die Hardware allerdings schon fix, das heißt, wenn man an dieser Stelle noch einen gravierenden Fehler findet, muss der Prozess wieder von vorne aufgerollt werden. In diesem Prozess wird insgesamt mit über 2000 Geräten getestet. Anschließend geht es im 8. und 9. Monat in die Massenproduktion – danach folgen nur noch OTA-Updates.

Die Führung

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Nach der Präsentation der Firma und des Entwicklungsprozesses ging der interessante Teil des Tages los. Wir bekamen die Möglichkeit mit diversen Ingenieuren und Mitarbeitern zu Reden, die einen Einblick in ihre Arbeit gegeben haben. Zunächst ging es zu dem kleinen Designer-Team, wovon zwei von ihrer Arbeit berichteten. Kurz vorher wurden schon die Wände provisorisch abgeklebt, um die Designs von neuen Produkten zu verstecken. Einen kleinen Blick konnte man trotzdem erhaschen. 😉

Die Designer arbeiten eng mit der Chef-Etage und den mechanischen Designern zusammen, auf den Tischen lagen viele Bleistiftzeichnungen von Smartphones und auch ein paar Dummy-Phones, um das Design und die Hardware-Eigenschaften noch während der Design-Phase zu verdeutlichen.

Die mechanischen Designer kümmern sich hingegen um das Innenleben der Geräte. Also um das Design der kompletten Platine, auf dem sich die CPU, RAM, WLAN-Chips und weitere Hardware-Komponenten befinden. Wie man auf den Bildern sieht, befinden sich darauf auch die beiden microSIM-Slots und der microSD-Slot. Wenn man sich die Bilder ansieht, wird einem schnell deutlich, warum einige Hardware-Hersteller auf Speichererweiterungen oder Dual-SIM verzichten, denn sie nehmen schon enorm viel Platz weg. Der Rest eines Gerätes besteht dann schließlich fast nur noch aus dem Display, dem Akku und dem Gehäuse. Die mechanischen Designer sind auch dafür zuständig, dass die Hardware zum Gehäuse passt, der Energieverbrauch möglichst niedrig bleibt und auch die Funk-Antennen gut funktionieren. Während das äußere und innere Design in Spanien designt wird, erfolgt die Produktion vollständig in China. Nach der Produktion der Entwicklungs-Geräte, erfolgt die Qualitätssicherungsprozesse allerdings auch in Spanien.

BQ hat insgesamt sieben verschiedene Tests die in deren Laboren durchgeführt werden. Die „Vibration Test Machine“ testet nicht etwa die Vibrationsfunktion des Gerätes, sondern lässt das Gerät kräftig schütteln. Ziel ist es, dass keine Teile des Gerätes sich lösen oder nach einer Weile wacklig werden. Dieser Test wird auch für einige Stunden ausgeführt, um einen langen Nutzungszeitraum zu simulieren. Um zu verhindern, dass die äußeren Anschlüsse, wie die Kopfhörer- und USB-Anschlüsse kaputt gehen. Der dritte Test ist der „Bendgate“-Test. Wer sich noch an das Bendgate vom iPhone 6+ erinnert, der dürfte noch wissen, dass sich die Geräte verbiegen, wenn man sich hingesetzt hat und das iPhone sich in der hinteren Hosentasche befindet. Dieses Szenario wird ebenfalls einige tausendmal mit einer „Soft Pressure Machine“ getestet. Eine andere Methode hat allerdings der stellvertretende CEO im Konferenzraum vorgestellt, in dem er kräftig sein Telefon gegen die Tischkante geschlagen hat.

Der Klassiker bei kaputten Smartphones ist bekanntlich ein gebrochenes Display. BQ führt zwei verschiedene Drop-Tests durch. Zum einen wird simuliert, wenn man das Smartphone auf den Tisch fallen lässt aus kleiner Höhe. Dieser Test wird aus verschiedenen Höhen ausgeführt. Die „Tumbling Test Machine“ ist eine etwas größere Kiste, welches die Geräte umher schleudert, um mit ein bisschen mehr Zufall zu testen.

Die letzten beiden Maschine testen weiterhin die äußeren Einflüsse aus die Geräte. Die „Dust Test Machine“ wirbelt ganz viel Staub auf, um zu prüfen ob sich Dreck oder Staub im Gerät absetzt – etwa unter dem Display-Glas, an der Kamera oder an den Lautsprechern. In der Klima-Kammer hingegen wird auf viele verschiedene klimatischen Bedingungen getestet. Weiterhin gibt es noch einige weitere Entwicklungslabore für die Kamera und den Sound.

Fazit

BQ hat einen interessanten Einblick in die Arbeitsweise gewährt und war auch offen für Fragen. So verkauft das Unternehmen zwar hauptsächlich Smartphones und Tablets mit Android, doch hat sie mit Ubuntu Phones auch noch weitere Smartphones im Angebot. Das Android One Phone ist zum Beispiel auch nur wenig anders als ihre gängigen Smartphones. Unterschiede liegen da fast nur in den vorhandenen On-Screen-Buttons, einem anderen Wallpaper und die Zertifizierung von Google. BQ beantwortete auch Fragen – etwa warum man solche Experimente eingeht: so sind sie der Meinung, dass es immer gut ist, seine Augen offen zu halten und neue Optionen am Markt auszuprobieren. Vom Erfolg von den Ubuntu Phones waren sie etwa selbst überrascht – auch wenn es vermutlich nur einen Bruchteil dessen ist, was sie mit ihren Android-Geräten umsetzen. Einige Eindrücke – vor allem von den Test-Maschinen – habe ich einem Video aufgenommen, welches sich auf YouTube ansehen lässt.

Über den Autor

Sujeevan Vijayakumaran ist seit über vier Jahren in der deutschen Ubuntu-Community auf ubuntuusers.de aktiv. Man findet ihn auf Google+ undTwitter und er bloggt auch manchmal auf seinem eigenen Blog.


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Über den Autor:

Der Gastautor ist ein toller Autor. Denn er ist das Alter Ego derjenigen, die hier ab und zu für frischen Wind sorgen. Unregelmäßig, oftmals nur 1x. Der Gastautor eben.

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