Final Fantasy XV: Roadtrip zwischen Retro und Moderne

3. Dezember 2016 Kategorie: Games, geschrieben von: André Westphal

final-fantasy-xv-artikelbildZehn Jahre war „Final Fantasy XV“, ursprünglich noch als PlayStation-3-Exclusive unter dem Titel „Final Fantasy Versus XIII“ geplant, in der Entwicklung. Nicht nur der Name des RPGs änderte sich, Gameplay und Story wurden teilweise mehrfach umgekrempelt, die Engine gewechselt und das Besetzungskarussell drehte sich. 2012 räumte Tetsuya Nomura („Kingdom Hearts“) den Chefsessel für Hajime Tabata („Final Fantasy Type-0“). Zeitweise mochte man nach all den Verzögerungen, zuletzt von Ende September auf Ende November 2016, gar nicht mehr glauben, dass das Spiel überhaupt jemals erscheinen geschweige denn etwas taugen würde. Doch nun ist es da: „Final Fantasy XV“ soll sowohl Einsteiger als auch Serien-Veteranen begeistert. Ich selbst zähle eher zu den letzteren und bin seit Teil 6 auf dem SNES dabei. Geht der Plan von Square Enix auf?

Auch hier im Blog habe ich meine Vorfreude auf das Rollenspiel „Final Fantasy XV“ bereits mehrfach geäußert. „Kingsglaive: Final Fantasy XV“ war eine solide Einstimmung, auch wenn mir der Anime „Brotherhood“ deutlich besser gefiel. Auch die „Platinum Demo“ sagte mir zu, selbst wenn das Kampfsystem mir anno dazumal zu simpel erschien. Gleich eine Entwarnung: Die Reviewer scheinen allgemein sehr unterschiedlich zum Kampfsystem zu stehen. In einigen Tests wird mangelnde Tiefe unterstellt, in anderen werden gerade die verborgenen, taktischen Optionen gelobt. Tatsächlich kann man Kämpfe eben nicht, wie es noch bei der „Platinum Demo“ der Fall gewesen ist, einfach dadurch gewinnen, dass man den Kreis-Button an der PS4 gedrückt hält. Vielmehr ist es wie in den alten Spielen: Die richtige Kombination aus Ausrüstung, Teamwork und Timing ist entscheidend, um siegreich zu bleiben.

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Doch bevor ich hier weiter über das Gameplay labere, vielleicht grob etwas zur Story – welche übrigens leider eine Schwäche von „Final Fantasy XV“ ist. Allerdings ist das für die Serie leider nicht unbedingt etwas Neues, denn ich persönlich fand auch schon die Geschichten von „Final Fantasy XIII“ und „Final Fantasy XIII-2“ schwach. So erfolgt die Einführung ziemlich abrupt: Prinz Noctis verabschiedet sich von seinem Vater und reist mit seinen drei Begleitern Ignis, Prompto und Gladiolus zu seiner Verlobten Lunafreya. Die Ehe der beiden hat vor allem diplomatische Bedeutung und soll die Beziehungen von Noctis Königreich Lucis und dem Imperium Niflheim festigen. Dann startet Niflheim allerdings einen Überraschungsangriff, Noctis Vater wird vom Thron gestürzt und nun wird es in die Hände des Spielers gelegt das Schicksal des Reichs zu entscheiden.

Leider kommt die Geschichte gerade in den ersten Spielstunden nach dem anfänglichen Stakkato nur sehr gemächlich in Gang: Das liegt auch daran, dass Noctis und Co. statt den Eindringlingen Dampf zu machen eher von Hinz und Kunz angehauen werden, um beispielsweise Frösche im Sumpf zu fangen, Dog-Tags von Jägern zu sammeln oder Waren für einen Gemischtwarenhändler zu sammeln. Das sind zwar alles typische Nebenquests für RPGs von damals und heute, es wirkt allerdings schon amüsant, wie aus dem Prinzen und seiner Entourage hier ein Laufbursche wird – weitgehend ohne dass die Questgeber das irgendwie zur Kenntnis nehmen würden. Auch die Nebenaufgaben sind dabei erzählerisch weit entfernt von dem, womit uns etwa „The Witcher 3: Wild Hunt“ verwöhnt hat. Vielmehr haben mich die Quests extrem an die Aufträge aus „Dragon Age: Inquisition“ erinnert. So sind die Abläufe relativ gleichförmig: „Töte die X Monster an Ort Y“ oder „Bringe Gegenstand A zu Person B“. Ab und an gibt es aber tolle Highlights, wenn man etwa ein riesiges Monster schleichend im Nebel verfolgt, das die Chocobos aufschreckt. Wem „Chocobo“ nichts sagt: Das sind die gelben Vögel, die man in den „Final Fantasy“-Spielen als Reittiere missbraucht.

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Während Story und das Design der Nebenaufgaben eher an MMOs erinnern, weist „Final Fantasy XV“ dafür andere Stärken auf: Die Spielwelt ist nicht nur groß, sondern auch detailliert und liebevoll gestaltet. Viele Mechanismen greifen hier ineinander, um zur Erkundung anzuregen. Noctis Freund Ignis etwa verdingt sich auch als Chefkoch der Heldentruppe. Gabelt man nun in einer dunklen Ecke einen neuen Pilz auf, kann es passieren, dass sich Ignis zu Wort meldet, weil ihm ein neues Rezept dazu einfällt. Das hat greifbare, spielerische Vorteile: Der Konsum von Essen bei einer Rast verleiht der Party Boni – z. B. mehr Hitpoints oder höhere Angriffswerte. Wer herumstromert, entdeckt zudem neue Nebenaufgaben wie verletzte Jäger, die auf Hilfe warten, versteckte Schätze und sogar neue Dungeons. Außerdem könnt ihr Monsterjagden annehmen, welche allerdings stets nach Schema F verlaufen: Monster aufstöbern, plattmachen, Belohnung einheimsen. Wer sich zulange damit beschäftigt, wird sich also irgendwann langweilen – als Auflockerung zwischen den deutlich abwechslungsreicheren Storymissionen funktioniert das aber sehr gut.

Was mir persönlich extrem gut an „Final Fantasy XV“ gefällt ist die Atmosphäre: Ich wurde nie mit der sterilen Science-Fiction-Welt von „Final Fantasy XIII“ warm. EOS, die Welt von „Final Fantasy XV“ mischt Science-Fiction, Fantasy und Elemente aus unserer heutigen Realität – wie Smartphones. Prompto etwa knipst nur allzu gerne Selfies und Questgeber rufen Noctis gerne übers Mobiltelefon an. Dazu kommt, dass die Charaktere sehr viel im Auto unterwegs sind, an Außenposten mit kleinen Shops und Motels rasten und es jederzeit möglich ist, eine Pause einzulegen, auszusteigen und die Welt zu erkunden. Dadurch entsteht eine Roadtrip-Atmosphäre, die für ein Rollenspiel einzigartig ist. Hier verneigt sich Noctis Abenteuer vor der Vergangenheit der Spielreihe: Im Autoradio könnt ihr Songs aus allen bisherigen Spielen der Reihe hören. Anfangs ist das Repertoire noch beschränkt, doch als ich etwa im Verlauf meiner Erkundungstouren bei einem kleinen Stand den Soundtrack zu meinem Lieblingsteil „Final Fantasy VI“ für die nächste Fahrt mitnehmen konnte, schlich sich automatisch ein Grinsen auf mein Gesicht.

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Die Charaktere des Spiels hingegen sind voller Licht und Schatten: Noctis ist zu Beginn des Spiels launisch – von Beruf Sohn und benimmt sich entsprechend. Immerhin wächst er mit den Missionen. Ein Lachen oder eine freundliche Geste kommt beim Burschen trotzdem nur selten vor. Das Gegenteil ist Prompto, der als Comic-Relief fungiert, allerdings sonst nur wenig erkennbare Eigenschaften aufweist. Prompto liebt Selfies und Chocobos, viel mehr Charakterzeichnung erhält der quirlige Kerl allerdings nicht. Ignis ist dann der rationale Intellektuelle des Teams, während Gladiolus der Muskelprotz mit dem weichen Kern ist. Auch wenn die Protagonisten Klischees bleiben, ist Square Enix das Zusammenspiel zumindest super gelungen. Nicht nur bei den Autofahrten, vor und nach Kämpfen oder bei der Annahme einer Quest kommentieren Noctis Begleiter die Situation, auch beim Wandern durch die Spielwelt entdecken sie hin und wieder versteckte Objekte oder fangen Gespräche miteinander an.

Das sorgt dafür, dass man wirklich das Gefühl hat mit Freunden einen Roadtrip zu unternehmen. Kleine Aktionen tragen hier viel zur Glaubwürdigkeit bei: Etwa fragt Prompto Noctis während einer Autofahrt, worauf er bei seinen Schnappschüssen den Fokus legen sollte. Ihr sucht euch dann aus, ob Prompto in Zukunft beispielsweise stärker Noctis Heldentaten in Szene setzt oder vielleicht Gladiolus Kapriolen im Kampf besonders beleuchtet. Apropos Kämpfe: Wie eingangs angedeutet, sind jene wesentlich dynamischer, als noch in den Demos. Mit Kreis startet man Angriffe, Quadrat pariert und dann lassen sch auch noch Items benutzen, Team-Kommandos erteilen und Noctis Warp-Fähigkeit einspannen, um etwa flugs aus dem Gemenge zu verschwinden oder weiter entfernte Gegner zu attackieren. Hier kommt durchaus Taktik ins Spiel, denn die Team-Angriffe sollte man gerade in schwierigen Kämpfen gut timen, da sie über Sieg und Niederlage entscheiden können. Wer zudem wie wild Noctis Warp-Fähigkeit nutzt, dem fehlen im richtigen Moment die Magiepunkte, um einem starken Angriff auszuweichen, oder einen nervigen Scharfschützen auf einem höher gelegenen Plateau zu erwischen.

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Zaubersprüche kombiniert man übrigens selbst, indem man in der Spielwelt Elementarenergie entdeckt und aufnimmt. Anschließend lässt sich jene Energie dann mit Katalysatoren verschmelzen. Wer ein Gegengift etwa mit Eis kombiniert, erhält einen Zauber, der die Gegner sowohl durchfrostet als auch vergiftet. Im Kampf spielen dabei neben den Levels der eigenen Charaktere und Gegner vor allem die Ausrüstungsgegenstände eine enorme Rolle. Noctis kann vier Waffen parallel griffbereit halten, welche nicht nur seine Angriffswerte, sondern auch seine Verteidigung und seine Hitpoints beeinflussen. Außerdem können er und seine Kumpels Accessoires mit Zusatzeffekten tragen – etwa verleihen einige Immunität gegen Gift, mehr Stärke, mehr Magiepunkte, etc. Daher ist zu empfehlen, erlangte Ability Points rasch in mehr Accessoire-Slots zu investieren.

Grafisch ist „Final Fantasy XV“ übrigens ein richtig tolles Spiel geworden. Ich spiele es selbst an der PS4 Pro im Modus „High“, so dass an meinem 1080p-Display durch Super Sampling ein ruhiges Bild entsteht. Wer allerdings auf Framepacing-Probleme empfindlich reagiert, sollte lieber den Lite-Modus wählen: Jener liefert die bessere Performance. Denn auch wenn die Spielwelt malerisch wirkt und die Licht- und Partikeleffekte besonders bei Nacht extrem beeindrucken, erlaubt sich die Technik bei der Leistung ihre Schwächen. Hier ist zu hoffen, dass ein Patch bald bei den Ruckeleien nachbessert. Im Dezember soll ja ein Update für die das Spiel auf der PS4 Pro erfolgen, mit dem 1080p-Gaming mit 60p oder offener Framerate möglich sein wird. Der Soundtrack ist dagegen, auch ohne die Retro-Songs aus den alten Spielen, über jeden Zweifel erhaben – mich hatte „Final Fantasy XV“ in diesem Bezug sofort gewonnen, als in einer frühen Szene eine Coverversion von „Stand By Me“ erschallte.

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„Final Fantasy“ hat sich bisher mit jedem Spiel neu erfunden und da passt auch „Final Fantasy XV“ gut ins Schema. Gut, der Abschied vom bisherigen Active-Time-Battle-System ist ein enormer Schritt, welcher dem Spiel aber gut zu Gesicht steht. Vor allem von den Quests und der Story hätte ich mir aber in der Post-Witcher-3-Ära mehr erwartet. Trotzdem macht „Final Fantasy XV“ extrem viel Spaß und bietet Content, der auf hohem Niveau sicher noch Wochen beschäftigen wird. Lasst euch übrigens nicht abschrecken: In Foren bekriegen sich aktuell einige Zocker bezüglich der potentiellen Spielzeit des Titels. Tatsächlich soll es möglich sein die Main-Story in ca. 20-25 Stunden durchzuspielen. Für ein JRPG ist das relativ wenig. Ich selbst stecke mit etwa 15 Stunden Spielzeit aber immer noch im zweiten Kapitel, da ich die Spielwelt erkunde, Nebenaufgaben erledige und auch Aktivitäten wie dem Angeln fröne. All das macht Spaß und dank der Kameraderie unter den Protagonisten fühle ich mich wohl in der Welt des Spiels. Am Ende ist „Final Fantasy XV“ also wohl so lang und umfangreich, wie es eurer Spielstil vorgibt.

Am Ende waren meine Erwartungen an „Final Fantasy XV“ immens. Auch wenn das Spiel sie vielleicht im Gegensatz zu einem Meilenstein wie „The Witcher 3: Wild Hunt“ nicht alle erfüllen konnte, so hat das Game die Marke „Final Fantasy“ für mich nach mehreren Enttäuschungen wieder auf Kurs gebracht. Für diese durchaus immense Leistung wird man sich an diesen Serienteil aus meiner Sicht dann auch in Zukunft erinnern.


Über den Autor: André Westphal

Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich eines Tages als Ghostbuster sein Geld zu verdienen oder zumindest das erste Proton Pack der Welt zu testen. Mit geheimniskrämerischem Konto auch bei Facebook zu finden. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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