Wie Google den Smartphone-Markt entschleunigt: Zwei Autoren und zwei Sichtweisen

2. August 2013 Kategorie: Android, Google, Hardware, Mobile, geschrieben von:

Ein Smartphone, viele Meinungen: Googles, beziehungsweise Motorolas „Moto X“. Einige sprechen vom Game Changer, einige von einem großen Flop. Es dürfte wohl kein Hahn nach dem Gerät gekräht haben, würde dieses Smartphone nicht von Google sein. Haben zwei Autoren dieses Blogs denn eine Meinung zum Gerät, beziehungsweise zur möglichen Strategie von Google? Auf jeden Fall!

MotoX-9851_678x452

Sascha:

Die letzten sechs Jahre waren ein reiner Wettlauf zwischen den Herstellern, sowohl im Software-, als auch im Hardware-Bereich. Das iPhone von Apple mischte 2007 den Markt auf, Google schob Android hinterher und sorgte mit einer Armada von Herstellern im Rücken dafür, dass sich das mobile Betriebssystem auf einen Siegeszug begab.

Gleichzeitig begann ein Spec-Race zwischen den Herstellern. Dual-Core, 3D, Quad-Core, immer größere Displays, Octa-Core, 41-Megapixel-Kameras und ein Gerät nach dem anderen auf den Markt werfen. Samsung geht aus diesem Rennen als großer Gewinner hervor, die anderen Hersteller müssen sehen, wie sie über die Runden kommen.

Google sagt mit dem Moto X nun „Stop!“, also offensichtlich, weil eigentlich haben es die anderen Hersteller bereits getan. Samsung brachte im Galaxy S4 hauptsächlich Software-Features als Neuerung, HTC konzentriert sich auf das Sounderlebnis, Nokia möchte die beste Kamera bauen.

Und Google? Google möchte mit dem Moto X das beste Android-Smartphone bauen. Hier kommt es nicht auf technische Details an, also in einem gewissen Sinn schon, aber eben nicht im GHz-Schwanzvergleich. Es kommt auf den Nutzer an, er soll das für sich perfekte Gerät erhalten.

Was Google mit dem Moto X macht, ist ziemlich Apple-Style, auch wenn es vorerst nur auf die USA beschränkt ist. Assembled in USA, ein amerikanisches Produkt für den amerikanischen Patrioten, entwickelt von einer Traditionsfirma, die immer noch ein sehr hohes Ansehen genießt.

Gleichzeitig setzt Google ein Signal an die anderen Hersteller. Es ist wie damals mit dem Nexus 7. Alle Android-Tablet-Hersteller orientierten sich am iPad, relativ erfolglos. Dann kam Google und sagte, man muss sich über den Preis definieren und setzte die magische Preisgrenze von 200 Dollar für 7-Zoll-Tablets. Heute bewegen sich viele 7-Zöller in diesem Preisbereich.

Google setzt erneut ein Zeichen. Diesmal geht es nicht um den Preis, es geht um die Funktionen. Ein Smartphone für die Massen braucht keinen Quadcore-Prozessor, es braucht kein Display mit einer höheren Auflösung als der Computer-Monitor, auf den man täglich blickt. Es soll ein Personal-Assistent sein, es soll Antworten wissen, wenn ich Fragen habe, es soll nicht vor mir schlapp machen, wenn der Tag zu Ende geht.

Das Moto X wird vorerst nur mit Vertrag in den USA angeboten. Man muss nicht zwischen schwarz und weiß wählen, man kann sich das Gerät optisch so zusammenstellen, wie man es möchte. Unzählige Kombinationen sind möglich. Man kann seinen eigenen Stil einfließen lassen. Dafür zahlt man dann so viel wie für ein Flaggschiff-Gerät der anderen Hersteller.

Ein schlecht gewählter Preis, oder ist er doch gerechtfertigt? Ich bin der Meinung, Google hat genau den richtigen Preis gewählt. Ein Smartphone für die Massen, zum Premium-Preis, den man gewillt ist zu bezahlen. Der Kunde bekommt mehr als nur ein Smartphone mit mittelmäßigen Spezifikationen. Er bekommt ein scheinbar individualisiertes Produkt, das genau das macht, was der Kunde erwartet.

Man kann das Moto X ein Stück weit mit dem iPhone vergleichen. Dies hinkt in Sachen Prozessorleistung und RAM ebenfalls den meisten Android-Flaggschiffen hinterher. Auch die oft diskutierte Display-Größe von 4 Zoll wir bei Android-Smartphones bereits im „Mini“-Segment überschritten. Dennoch kaufen es die Kunden.

Aber, und das ist ein großer Unterschied, während Apple versucht, dem Kunden ein Must-Have-Feature einzureden, heißt es beim Moto X vielmehr: „Wir wissen, was Du als Kunde brauchst, hier hast Du es.“ Als gutes Beispiel dient hier die Akkulaufzeit. Einen 2.200 mAh-Akku in einem aktuellen Gerät zu verbauen ist gewagt. Alle schreien nach mehr Akku und Motorola verbaut gerade einmal Standard. Aber, und auch hier kommen die mittelmäßigen Komponenten wieder ins Spiel, der Akku ist ausreichend, um das Smartphone laut Motorolas Aussage „über den Tag zu bringen“.

Das will der Kunde. Ihm ist es doch egal, welche Leistung der Akku hat, wenn das Smartphone den ganzen Tag nutzbar bleibt und man nicht ständig auf der Suche nach einer Steckdose sein muss. Dafür ist der Kunde bereit zu zahlen. Da nimmt er auch einen 720p-Screen in Kauf, weil er den Unterschied zu 1080p auf dieser Größe eh kaum wahrnehmen würde.

Das Moto X ist in vielen Belangen ein Premium-Smartphone, warum sollte es dann zu einem niedrigen Preis verramscht werden? Natürlich werden erst die Verkaufszahlen zeigen, ob die Strategie von Google / Motorola aufgehen wird. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass das Moto X ein großer Erfolg werden könnte.

Zudem wird es spannend zu beobachten sein, wie die anderen Hersteller darauf reagieren. Rücken Specs künftig weiter in den Hintergrund und es wird eher an der Funktionalität geschraubt? Motorola zeigt, dass dieser irrsinnige Wettlauf um das flachste, schnellste, hochauflösendste und größte Smartphone nicht mitgespielt werden muss, um sich im Premium-Bereich zu positionieren.

Carsten:

Ich werde hier nicht alles ein zweites Mal wiedergeben wollen, was Sascha bereits oben richtigerweise erwähnt hat. Dass das Moto X kein High End-Smartphone werden würde, das war lange Zeit vorher bekannt. Dennoch lief, von Google nicht schlecht gesteuert, die Hype-Maschine an. Sprecht drüber, tragt die Message weiter. Hier kommt das US-Handy. Von uns – für euch. Eine Aussage, die bei vielen patriotischen US-Bürgern gut ankommen wird. 199 Dollar sind zuviel? Kommt auf die Sichtweise an, knapp 200 Dollar sind nicht wirklich so viel Geld, zumal in den USA eher zum Vertrag gegriffen wird, als zum Vollzahler-Smartphone, wie es hier in Deutschland öfter der Fall ist.

Motorola hat garantiert ein wertiges Smartphone auf den Markt gebracht, welches gut verbaut ist und über eine tolle Haptik verfügt. Das kann man bei Motorola nämlich. Die Customize-Schiene ist eine ganz wichtige. Menschen passen gerne Dinge an, nicht umsonst haben Shops Erfolge, die anpassbare Waren anbieten, sei es Müsli, Schokolade, Shirts oder eben das Handy.

Der enttäuschte Freak, der das Gerät als Müll tituliert, weil ohne Wechselakku und ohne Quad Core? Diese scheinbar lauten Stimmen sind ein laues Lüftchen im Gegensatz zu vielen Kunden aus der Masse. Das Motorola Moto X will das Volks-Phone für die Massen in den USA sein. Made in USA. Quad-Core, Okta-Core und Co. Nice to have – doch wer braucht es wirklich? Wichtig ist ein stimmiges Gerät, welches die angekündigten Features flott und sauber erledigt. Man schaue einmal auf die iOS-Plattform. Da gibt es kaum Benutzer, die sich Sorgen machen müssen, dass Spiel A oder B nicht läuft. Es läuft einfach auf den meisten iOS-Geräten. Ich kaufe ein Gerät und muss mir um nichts anderes mehr einen Kopf machen.

Google muss ein Smartphone oder mal zumindest einen gemeinsamen Nenner finden. Ob Android oder iOS, dies ist vielen heute egal. Sie entscheiden sich aufgrund eines App- oder Zubehör-Ökosystems für einen Plattform. Kaufe ein iPhone und du weisst, dass du wirklich jeden Krempel als Zubehör bekommst. Android? Ein paar Kopfhörer und mehr oder wenig gute Docking-Stationen.

Google zieht in der Tat geschickt die Reissleine im Wahn des Wettrüstens, rückt wieder den Benutzer in den Vordergrund. Das mag sympathisch wirken, soll letzten Endes auch die eigene Marke stärken. Verkäufe über den Play Store? Da verdient Google mit – ob Samsung oder Motorola. Google hat es einstweilen geschickt verstanden, die Konkurrenz in Sicherheit zu wiegen. Hey – wir bieten nur ein Smartphone für die Massen an, mit normaler Ausstattung. Habt keine Angst – wir können friedlich nebeneinander existieren! So zumindest die ausgestrahlte Meinung. Keine Extrawürste, keine großartigen Special-Funktionen, obwohl dies natürlich ohne Probleme möglich wäre. Doch man will keine Unruhe in den Android-Markt bringen, der trotz seiner Marktmacht noch eine zarte Pflanze ist.

Was noch alles folgen wird, das steht natürlich in den Sternen und ist nicht absehbar. Nur wenige dürften Googles Pläne und Ängste kennen. Pläne wie Wachstum Jahr für Jahr dürften bekannt sein, aber dieses wird man weiterhin nur realisieren, wenn man die Partner auf Android-Ebene nicht verprellt. Man stelle sich vor, dass Samsung entscheidet, ein eigenes System zu realisieren. Samsung ist die einzige Firma, die solche Projekt stemmen kann, Samsung ist mittlerweile in meinen Augen die mächtigste Firma der Welt – man hat einfach überall die Hände drin. Kameras, Spülmaschinen, Kühlschränke, Tv-Geräte, Entertainment, selbst Kriegsschiffe. Der Galaxy-Brand bei Samsung ist mittlerweile so stark, dass die Massen einen eigenen Android-Fork mit Samsung-Store ohne Probleme annehmen würden, wenn es denn hart auf hart kommt.

Das Motorola Moto X – im Prinzip Googles erstes eigenes Smartphone. Ob Hit oder nicht – ich vermag es nicht zu beurteilen. Ich persönlich finde es gelungen, wobei der Preis natürlich immer noch eine Ansage ist. Verständlich dass Google erst einmal nur auf eigenem Terrain, den USA, das Risiko eingehen will. Dort, wo Motorola noch einen guten Namen hat. Und wenn alles den Bach runter geht, dann bleibt immer noch die Nexus-Schiene mit Partnern und ein ordentlicher Schwung Patente. An einen Game Changer, so wie er von einigen Experten gerne gesehen wird (die jedes neue Gerät als das beste titulieren), glaube ich allerdings nicht. Das Moto X mag ein Puzzleteil für Google sein. Die Zeit wird es zeigen.


Du entscheidest mit! Wir suchen das Smartphone des Jahres 2017! Jetzt abstimmen!

 

Über den Autor:

Hallo, ich bin Carsten! Baujahr 1977, Dortmunder im Norden, BVB-Getaufter und Gründer dieses Blogs. Auch zu finden bei Twitter, Google+, Facebook, Instagram und YouTube. Persönliches Blog. PayPal-Kaffeespende. Mail: carsten@caschys.blog

Carsten hat bereits 25452 Artikel geschrieben.