Wenn die Hardware länger hält als die Cloud

9. November 2017 Kategorie: Hardware, Internet, geschrieben von: caschy

Der Fall Logitech bringt aktuell viele Menschen ins Grübeln. Das nicht in Deutschland erhältliche Gerät Harmony Link bekommt nach Jahren den Saft abgedreht. Harmony Link hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel, wurde aber laut Aussagen von Kunden noch Anfang des Jahres verkauft. Es handelt sich um einen Hub, der Befehle aus Nicht-Infrarot-Geräten entgegennimmt und diese dann für Unterhaltungsgeräte umsetzt, man kann also bequemer über Smartphone oder Tablet steuern.

Im März 2018 will Logitech die Server-Infrastruktur abschalten, was wohl dazu führt, dass die Kisten nutzlos sind. Logitech gibt Altkunden 35% Rabatt, wenn sie sich für den Nachfolger entscheiden, Kunden im Garantie-Zeitraum bekommen den Nachfolger kostenlos. Alles gut?

Die Mail an Kunden:

Dear,

This is an important update regarding your Harmony Link. On March 16, 2018, Logitech will discontinue service and support for Harmony Link. Your Harmony Link will no longer function after this date.

Although your Harmony Link is no longer under warranty, we are offering you a 35% discount on a new Harmony Hub. Harmony Hub offers app-based remote control features similar to Harmony Link, but with the added benefit of the ability to control many popular connected home devices. To receive your discounted Harmony Hub, go to logitech.com, add Harmony Hub to your cart, and use your personal one-time promotional code during checkout.

Thank you for being a Logitech customer and we hope you will take advantage of this offer to upgrade to a new Harmony Hub.If you have any questions or concerns about Harmony Link, please email the Harmony customer care team.

Regards,
Logitech Harmony Team

Der Hass bei Kunden ist groß, Boykott und Sammelklage sind nur einige Wörter, die im Logitech-Forum zirkulieren. Das Beispiel Logitech zeigt einiges auf und mag auch zum Überlegen anregen. Da es sich um ein US-Produkt handelt hätte ich eigentlich gar nicht so ausschweifend darüber berichtet, aber letzen Endes kann es doch mit bei uns im Markt befindlichen Geräten ähnlich laufen. Und das bringt mich zu den Überlegungen. Wenn ich Geld investiere, dann muss ich einer Firma vertrauen können. Zumindest, wenn es sich um ein Gerät handelt, welches nicht nur in der Garantiezeit funktionieren soll.

Logitech verkaufte den Harmony Link noch bis 2017 – und ich kann mir nicht vorstellen, dass man da nicht bereits wusste, dass man die Server abschaltet und dementsprechend die Kisten nutzlos sein könnten. Man hätte also direkt nach der Entscheidungsfindung kommunizieren können. Einstellen von Service und Garantie ist eine Sache, komplett alles stilllegen die andere.

Doch zurück zum Generellen, weg von Logitech speziell, deren Support in Deutschland ich in den letzten Jahren nur loben konnte, speziell, wenn es um Eingabegeräte ging. Kaufte man früher Dinge und sie gingen irgendwann – außerhalb der Garantiezeit – kaputt, dann war das eben so. Kann man nichts machen. Bei einem hält der TV eben 3 Jahre, beim anderen 10. Und – normale Garantie oder Gewährleistung vorausgesetzt: Beide haben die A-Karte gezogen, der TV ist kaputt. Wobei der vielleicht ein schlechtes Beispiel ist, da man ja noch einen TV eventuell reparieren kann.

Ich hätte jetzt auch ein Netzteil, ein Mainboard oder sonst etwas erwähnen können. Wenn da was irreparabel kaputt ist, dann ist das so. Ob nach 2 oder 10 Jahren. Heute ist das unter Umständen etwas anders. Zur Hoffnung, dass unser Gerät möglichst lange intakt bleibt, kommt noch, dass man dem Willen des Herstellers trauen muss, sein Gerät möglichst lange zu unterstützen. Und heute hängt eben extrem viel in der Cloud. Die Sache ist: Google wird so schnell nicht hinwerfen, Amazon, Apple oder Microsoft auch nicht.

Aber es gibt X Hersteller, die seit Jahren Hardware anbieten, die die Cloud voraussetzt. Sicherheitskameras, Foto-Dienste und und und. Und das ist ja das Krude: Nehmen wir an, du kaufst Hardware X für 200 Euro. Irgendwas machst du damit. Setzt die Cloud voraus. Nach 5 Jahren funktioniert der Kram immer noch tadellos. Bis der Hersteller dann aber sagt: Keine Cloud mehr, Produkt nutzlos. Wäre deine 200-Euro-Hardware nach 5 Jahren einfach kaputt gegangen, dann wäre das halt so. Du hättest es akzeptiert. Akzeptieren müssen. Ein Abschalten der Server und dem damit verbundenen Umfunktionieren zur Wegwerfware wirkt gehässig. Die Hardware ist heile, das Gerät dennoch Schrott. Da wird jeder den Ärger verstehen können.

Doch was will man machen? Grundsätzlich darauf verzichten, Hardware mit Cloud-Zwang zu kaufen? Das kann sicherlich nicht für alle die grundsätzliche Lösung sein, aber vielleicht sollte man sich als technisch interessierter und unter Umständen wissender Kunde in Zukunft genauer überlegen, wie man gewisse Dinge realisiert. Externe Anbieter sind schön, wenn es funktioniert. Man hat keine Wartung, man muss sich nicht selber um die Updates kümmern und im besten Falle funktioniert es. Aber wenn man mit einfachen Mitteln das Ganze auch selber realisieren kann? Ohne Zwang? Das könnte einen Unsicherheitsfaktor nehmen. Wir müssen umdenken. Vielleicht kapieren, dass jegliche Hardware mit Cloud-Zwang einem nur in der Garantiezeit gehört. Alles andere nach diesem Zeitraum ist ein bezahltes Glücksspiel.

(Update 10.11: Alle Logitech Harmony Link-Nutzer bekommen einen neuen Harmony Hub als Ersatz. Egal, ob noch Garantie auf dem Harmony Link vorhanden ist oder nicht.)


Über den Autor: caschy

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