Rocksmith+ und die vergebene Chance, ein großartiges Musiklernspiel zu bauen

Musik gehört für mich fest zum Tagesablauf und zum Leben dazu. Bei uns zu Hause lief immer ein Radio und mit 5 Jahren fing ich an, Instrumente zu lernen. Was Genres betrifft, höre ich persönlich in alles rein und hab auch kein echtes Problem mit irgendeiner Musikrichtung. Klar, Schlager und Volksmusik müssen es nun nicht sein. Wenn ich es mir aussuchen darf, muss es etwas mit Gitarren sein, das zieht sich von Classic Rock über Metal bis hin zu den richtig harten Sachen, die je nach emotionaler Lage auch gut gehen.

So kam es, dass Guitar Hero damals mein Faible für Computer-/Konsolenspiele und den entsprechenden Musikrichtungen vereinte. Jeden Teil der Serie habe ich mir gegönnt und die Plastikgitarre gestresst. Dann kam Rockband dazu, mit dem man dann auch mal Singen oder Schlagzeug spielen durfte.

Die Zeiten sind mittlerweile vorbei und Rocksmith sprang für mich in die Bresche. Da ich mir selbst das Gitarre-Spielen so halb beigebracht habe (für ein paar Titel am Lagerfeuer reicht es) war das für mich die logische Konsequenz, mal Daddeln und Instrument-Lernen miteinander zu verbinden. Meine Bibliothek ist sowohl auf der PlayStation als auch auf Steam ziemlich umfangreich und ich mochte die Möglichkeit, Hits meiner Lieblingsbands nachzukaufen. Leider schaffte es Metallica nie offiziell in das Spiel. Jedenfalls war ich Feuer und Flamme, als ich von Rocksmith+ erfuhr. Dabei sollte es sich um das „alte Spielprinzip“, mit der Möglichkeit des „überall spielen können“ und dem Nachteil des Abos handeln.

Für die, die es nicht kennen: Bei Rocksmith laufen die aus Guitar Hero bekannten farbigen Blöcke auf den entsprechenden (virtuellen) Saiten auf euch zu und ihr müsst im richtigen Moment den entsprechenden Griff und die richtige Saite anschlagen, um einen Treffer zu erzielen. Macht ihr das mehrmals in Folge, sammelt ihr Punkte und könnt euren Score erhöhen. Nach und nach steigt der Schwierigkeitsgrad in den Segmenten des Songs automatisch, wenn ihr eine gewisse Trefferrate erzielt. So lernt ihr nach und nach den Song auf der echten Gitarre kennen. Doch das Ganze hört sich einfacher an als es am Ende ist. Denn eine Gitarre bietet wesentlich mehr Kombinationen als ein Plastikcontroller mit fünf Knöpfen und einem Anschlag.

Und so kommt es, dass euer Hirn die dahin laufenden farbigen Blöcke auf den sechs Linien und den Bünden wesentlich schwieriger aufnehmen wird und es am Ende in einem Wirrwarr enden kann. Dennoch hat man es nach einer gewissen Zeit und Fingerfertigkeit mal schneller und mal langsamer verinnerlicht und man beginnt, erste Erfolge zu erzielen. Gerade das motiviert ungemein und es macht Spaß, den eigenen Fortschritt im Titel zu sehen und Phasen separat üben zu können. Da kann man beispielsweise auch das Tempo verlangsamen, um sicherer zu werden oder im Segment noch einmal die Schwierigkeit nach unten nehmen.

Wer den Durchblick in die bunte Klötzchen-Schlacht nicht hinbekommt, kann – und das ist wirklich eine sinnvolle Verbesserung – die Tabulatur-Ansicht jetzt zuschalten. Da seht ihr verständlicher, welche Bünde auf welcher Saite ihr anschlagen müsst.

Was leider weniger erfolgreich ist, dass die Ansicht seltsam umblättert, anstatt zu scrollen und somit der Fluss beim Verfolgen der Musik gehindert wird. Bis hier hin ist dennoch an und für sich alles super, denn auch die Gitarre ist zügig mit dem speziellen Klinke-zu-USB-Kabel verbunden. Man kann zum Verbinden auch die kostenlose Rocksmith+-App verwenden. Mit der wird das Mikrofon des Smartphones als Abnehmer verwendet. Das funktioniert per se gut, aber eben bedauerlicherweise nicht immer. Ab und zu „hört“ die App entweder gar nichts oder falsche Noten, was dann im Spiel wiederum ärgerlich ist. Wenn ihr das Kabel nicht habt, denn das wurde schon beim alten Rocksmith genutzt, dann müsst ihr eines für 30 Euro erwerben. Das ist dann aber wirklich zuverlässig und relativ latenzfrei.

Als ich das Spiel dann zum ersten Mal geöffnet hatte, machte ich mich direkt auf die Suche nach meinen Lieblingstiteln und … wurde enttäuscht. Die Bibliothek ist wirklich dünn und Ubisoft ist mit der Anzahl der auswählbaren Songs (7.000 Titel) nicht ganz ehrlich. Denn die sprechen von den Arrangements (Lead, Rhythmus, Bass etc.) und nicht von eindeutigen Songs. Und so stand ich dann da und habe bis auf Boston nicht einen der Klassiker gefunden. Kein Pearl Jam, Queen, Foo Fighters, Metallica, Rammstein, Alter Bridge, 3 Doors Down, Asking Alexandria, Avenged Sevenfold und, und, und. Nichts.

Es gibt ein paar bekannte Namen wie Amon Amarth, The Cure, The Clash, Boston, Billie Joel oder Alice Cooper, aber bei denen hält sich die Titelauswahl auch in Grenzen. Da ist dann manchmal nicht mal einer der Top-Songs dabei. Die Auswahl ist einfach nur enttäuschend und wenn man nicht gerade nur in Nischen herumkriecht, dann werdet ihr keinen Spaß haben. Ich meine: Es heißt Rocksmith, was hat da zum Beispiel Destiny’s Child zu suchen? Ubisoft hat hier offensichtlich einfach nur versucht, möglichst billig Musik zu sichern und die dann möglichst teuer an die Kunden zu verschachern. Zwischen 8,33 Euro (Jahres-Abo) und 15 Euro pro Monat (monatlich) bezahlt ihr und das ist für das Gebotene eine absolute Frechheit.

Ubisoft bemüht sich nicht einmal. Würde man an Bestandskunden denken, hätte man ja eine Art Legacy-Modus und die Kopplung mit Steam denken können. Bestandsbibliothek wenigstens spielbar machen, würde sicher einige freuen. Aber ist nicht. Das Ärgerliche dabei ist, dass ihr auch nicht wirklich ins Lernen kommt. Üblicherweise ist es so, dass eine Band oder ein Künstler ja meist seinen ganz eigenen Stil hat oder spöttisch gesagt „immer gleich klingt“. Das heißt, habt ihr Techniken aus einem Titel halbwegs drauf, könnt ihr das auch woanders wieder anwenden und bekommt so viel mehr Sicherheit beim Greifen und Verschieben von Akkorden oder beim Picking. Aber geht halt nicht, wenn man nur ein oder zwei beliebige Titel von einem Künstler spielt und Lieblingsbands dann nicht mal dabei sind. Bekanntheit fördert Motivation – Fehlanzeige.

Selbst innerhalb von Schwierigkeitsgraden – in denen man ja üben könnte – sind da Dinger zwischen, die euch total aus dem Konzept bringen können, weil sie so schwere Passagen beinhalten. Und so bleibt immer eine gewisse Ratlosigkeit, Ärger und fehlende Motivation übrig, weil man immer auf der Suche ist, einen Titel zu finden, den man gerne spielen möchte. Wenn ich an meine ersten Songs denke, dann waren wenigstens so klassische Lagerfeuer-Dinger wie Knocking on Heavens Door oder House of the Rising Sun dabei. Die hat man sich halt herausgegriffen, weil die alle spielten und man sich das eine oder andere im Anschlag etc. schon abschauen konnte. Es gibt auch keinen roten Faden, der einen Anfänger durch den Lernprozess führt.

Was neben dem Spielsystem aber durchaus sehr gut ist – also mein Genörgel über die Songauswahl etc. mal außen vor gelassen – sind die Tutorials, die euch mit Übungen und kleinen, aber sehr guten Videos ein paar Dinge vermitteln. Ihr möchtet Hammer-ons und Pull-offs üben? Könnt ihr machen, auch wenn die Variation in der Übung natürlich nicht besonders groß ist.

Dennoch hat mir dieser Teil gut gefallen, auch wenn dieser Sektion der spielerische Anteil total abgeht. Rocksmith-Spieler hier, die nun aufschreien „Gibt doch Guitarcade, oder nicht?“ Nicht! Auch so eine Entscheidung, die man eigentlich nicht nachvollziehen kann, weil: Kann man kurzweiliger üben als irgendwelche Mini-Spiele mit den Noten und Akkorden zu bedienen? Jedenfalls leider auch nicht dabei. Schade.

Was bleibt am Ende? Vergebene Chancen, und zwar viele. Ubisoft hätte mit Rocksmith+ das Musikspiel-Genre wieder bereichern und ein bewährtes Spielprinzip einer vollkommen neuen Zielgruppe frisch darbringen können. Aber die wirklich miese Songauswahl und das Weglassen von guten Dingen des Vorgängers erzeugen mehr „Geschmäckle“ als man durch das gute Spielprinzip und die schönen Übungen erzeugen kann. Dadurch entsteht bei mir der schlimme Eindruck, dass Ubisoft mit wenig Aufwand eine Abo-Maschinerie in Gang setzen will, die gar nicht mal so viel Gutes zu bieten hat. Ihr seht das sicher anders als ich, aber ich bin nach wie vor (spiele immer noch) ein großer Fan des Vorgängers und habe mehr Lebenszeit in diesem Genre verschwendet, als es mir lieb ist. Also seht es mir nach, wenn ich hier und da zu deutlich bin.

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Hauptberuflich im SAP-Geschäft tätig und treibt gerne Menschen an. Behauptet von sich den Spagat zwischen Familie, Arbeit und dem Interesse für Gadgets und Co. zu meistern. Hat ein Faible für Technik im Allgemeinen. Auch zu finden bei Twitter, Instagram, XING und Linkedin, oder via Mail. PayPal-Kaffeespende an den Autor

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6 Kommentare

  1. Frank Oberhoff says:

    BTW zu Rocksmith(+): Wird viel (!!!) besser wenn man es mit einem Soundinterface spielt, z.B. Focusrite oder dergleichen. Der Bericht hier ist bezüglich Plus ernüchternd. Es hieß mal es sollten mehr Instrumente dazu kommen, leider alles nicht gekommen, ein hoch auf die CDLCs.

    • Helga aus dem Birkenwald says:

      Was genau wird besser? Klang oder Latenz oder beides? Du hast die Boxen dann m Focusrite, richtig?

      Scheint eine interessante Alternative zum Real-Tone-Kabel zu sein. Würde das auch an einer Xbox oder PlayStation funktionieren?

      • Frank Oberhoff says:

        Ich habe habe den Verstärker analog mit dem Focusrite verbunden, spiele aber meistens mit Kopfhörer, was aber technisch das gleiche ist imho. Die Latenz ist besser finde ich, seitdem mache ich mehr Fortschritte und ich höre in meinem Fall den Bass ohne Verzögerung. Ich hatte vorher die Boxen auch analog verbunden aber die Latenz vom RT ist da ja immer noch.

    • Rocksmith+ ist für mich(!) ein echter Rückschritt.
      Die Notenerkennung über das DirectTone-Kabel ist sehr bescheiden, über mein Focusrite Souninterface kaum besser, die Songs sind einfach nur Masse statt Klasse.
      Kein Session Mode, keine Spiele mehr, kein ScoreAttack mehr, kein richtiger roter Faden. Keine Vergleichsmöglichkeiten mit der Community, die wahrscheinlich sowieso kaum vorhanden ist, und dumme kosmetische Belohnungen für Stufenaufstiege, die eh keiner braucht. Selbst die Statistiken, die nur rudimentär in der UPlay Connect App vorhanden sind, zählen falsch. Sogar bei der modernen und teils viel gefälligeren Optik hakt es, da man oftmals überhaupt nicht erkennen kann, welche Note zu spielen ist und ob diese Note auch getroffen wurde.
      Auch die „künstliche Intelligenz“ ARCHI, die Lieder auswerten kann, funktioniert nur bescheiden. Auf Gitarrenseite geht es eigentlich, mit den Akkord-Diagrammen kann man tatsächlich ein bisschen was anfangen. ARCHI scheint aber zu glauben, dass man bei der Bassspur einfach über jeden Takt eine Note mit Sustain legt und das das dann schon irgendwie als Song für Bassisten durchgeht. Öde und billig…
      Und das schlimmste: man kann kaum mehr mitsingen (außer man kennt den Text auswendig), denn man hat sogar bei den offiziellen „Team Rocksmith“-Titeln oftmals einfach keine Songtexte mehr in die Lieder mit eingebracht. Das gab es in den beiden Vorgängern überhaupt nicht.
      Bei den ARCHI-Songs war das durchaus zu erwarten, aber bei den offiziellen Rocksmith-Songs ist das ein absolutes No Go.
      Lediglich die Lernvideos und Übungen sind ok, auch die „Briefkasten“-Videos mit Infos rund um das Equipment und ähnliches sind brauchbar. Hier ist bis auf ein paar aufeinanderfolgenden Kursvideos aber ansonsten auch kein roter Faden in den Lerninhalten zu erkennen.
      Das reicht einfach hinten und vorne nicht für ein Abo-Modell aus.

      Mein Fazit: Ein deutlicher Rückschritt von Rocksmith 2014 und Rocksmith, das Jahresabo tut mir wirklich jetzt schon leid.
      An allen Ecken bekommt man das Gefühl, dass das Spiel einfach noch nicht fertig ist und trotzdem auf Biegen und Brechen veröffentlicht werden musste. In Rocksmith 2014 habe ich fast 350 Stunden verbracht (in Rocksmith auch knapp 250 Stunden, kann aber immer noch nichts spielen), in Rocksmith+ habe ich nach rund 40 Stunden überhaupt keinen Bock mehr, das Programm überhaupt erst zu starten. Nun gut, blauäugig wie ich war, habe ich mir natürlich ein Jahresabo gegönnt und werde halt hin und wieder rein sehen, ob sich da irgendwas zum positiven verändert. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass Rocksmith+ nicht sonderlich erfolgreich sein wird und UBI bald der Software den Hahn abdreht. Wie gesagt, nur so ein Gefühl.

      • Christopher says:

        Kann ich nur unterschreiben. Man nachdem man das Jahresabo abgeschlossen hat in der Hoffnung ein paar euros sparen zu können fühlt, es sich kurz nach dem Starten des Spiels an als wäre man von einem dubiosen Klinkenputzer über den Tisch gezogen worden. Man möchte am liebsten zum Verbraucherschutz rennen um aus dem Vertrag schnellst möglich wieder raus zukommen. Und ich habe in die Vorgänger weit über 1500 Stunden investiert, da gerade RS 2014 einfach genial war.
        Ich kann nur jedem raten spart euch das Geld!!!!
        Ich bin stinksauer.

  2. Danke für diesen ausführlichen Test. Ich bleibe dann wohl doch bei Rocksmith 2014, in welches ich ebenfalls schon einiges investiert habe, sowohl Geld für meine mittlerweile sehr ansehnliche Songbibliothek als auch viele hundert Stunden des Gitarrespielens.

    Bis auf die Tabs finde ich da auch jetzt nichts, was das alte nicht mindestens genauso gut gemacht hätte.

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