Instagram: Ohne nackte Haut geht nichts

Es ist wohl nur menschlich: Erblickt eine Frau einen attraktiven, halbnackten Mann – dann schaut sie gerne hin. Umgekehrt gilt das natürlich genau so, wenn nicht sogar noch stärker, für die Männerwelt. Daran ist zunächst auch nichts verwerflich. Schwierig wird es aber, wenn soziale Netzwerke wie Instagram nackte Tatsachen einerseits öffentlich verdammen, andererseits über ihren Algorithmus gezielt Menschen in knapper Bekleidung besonders hervorheben. Eine Studie legt nun nahe, dass im Foto-Netzwerk ohne nackte Haut wenig läuft.

Nun könnte man zunächst vermuten, dass nicht Instagram selbst da Einfluss nehme, sondern die Interessen der User einfach so gelagert seien. Wenn das Gros des Publikums eben lieber auf eine Frau im Badeanzug oder einen Mann mit Sixpack blickt, dann ist das eben so. Die Studie von Algorithm Watch legt aber eine andere Schlussfolgerung nahe. Demnach würde Instagram gezielt über seinen Algorithmus Fotos, die viel nackte Haut zeigen, besonders in den Feeds der Nutzer nach oben schieben.

Überprüft hat man das mit 26 Freiwilligen und 37 Content Creators aus 12 Ländern. Ihr könnt die genaue Methodologie der Studie und die kompletten Ergebnisse auch hier nachlesen, denn ich will sie hier stark raffen. So zeigte sich jedenfalls, dass die 26 Freiwilligen trotz individueller Präferenzen und des Folgens von Konten mit einer ausgewogenen Foto-Mischung bevorzugt Bilder mit viel nackter Haut präsentiert bekamen.

Fotos, die Frauen in Unterwäsche oder Bikinis zeigten, wurden den Freiwilligen mit einer um 54 % höheren Wahrscheinlichkeit gezeigt als andere Aufnahmen. Fotos von Männern mit nacktem Oberkörper landeten mit 28 % höherer Wahrscheinlichkeit in den Newsfeeds. Spannend: Für Bilder von Essen oder Landschaften galt das Gegenteil. Sie landeten mit einer um 60 % verringerten Wahrscheinlichkeit im Feed.

Laut den Urhebern der Studie sei es aber sinnvoll größere Stichproben zu ziehen, um herauszufinden, ob diese Ergebnisse wirklich auf alle Nutzer zutreffen. So gab es auch einige wenige Studienteilnehmer, bei denen die im Newsfeed gezeigten Bilder besser zu ihren Präferenzen passten. Es sei aber wahrscheinlich, dass der Instagram-Algorithmus nackte Haut gegenüber anderen Motiven bevorzuge – dies könne aber durch individuelle Nutzerpräferenzen abgemildert werden.

Man konfrontierte Facebook mit Fragen zum Thema, erhielt aber keine Antworten, sondern nur einen allgemeinen Kommentar zur Studie. Das soziale Netzwerk bezeichnete die Methodologie als fehlerhaft. Zudem sei die Funktionsweise von Instagram falsch verstanden worden. Es spiele für die Bewertung und Präsenz eines Fotos grundsätzlich keinerlei Rolle, ob da eine Frau oder ein Mann knapp bekleidet zu sehen sei, so Facebook.

Allerdings gibt es Patente von Facebook, die explizit darauf hinweisen, dass auch der Grad der Bekleidung eine Rolle dabei spielen könne, welche Erfolgsaussichten man einem Bild bescheinige und wie präsent man es mache. Als Folge ist es durchaus möglich, dass Nutzern nicht tatsächlich die für sie interessantesten Bilder gezeigt werden, sondern eben die, von denen der Algorithmus nur annimmt, sie seien für sie interessant – und nackte Haut rangiert da eben hoch in der Prognose des Algorithmus. Da kommt es auch darauf an, wie gut der Algorithmus differenziert.

Algorithmen können nämlich wie Menschen „Vorurteile“ entwickeln, je nachdem mit welchen Bildern sie gefüttert werden. Beispielsweise wurde so auch gezeigt, dass Google Vision den Begriff „Schönheit“ nur mit Frauen assoziiert. Für die Nutzer ist es dadurch ein Balanceakt: Oft zeigen sie so viel Haut wie möglich, um sich sabbernde Kommentare und Likes zu sichern, aber trotzdem die Richtlinien einzuhalten. Da die Influencer stark von der Plattform abhängig sind, wollen sich aber auch die wenigsten öffentlich beschweren.

Die ganze Angelegenheit ist durchaus komplex: Denn für Frauen ist es bei Instagram noch wichtiger Haut zu zeigen als für Männer. Das sei eigentlich eine Geschlechterdiskriminierung, so argumentieren die Urheber der Studie. Es fehle aber an Regeln für Selbstständige und Freiberufler, die mit derartiger, indirekter Diskriminierung durch Plattformen wie Instagram konfrontiert seien. Ein schwieriges Thema – was meint ihr dazu?

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André Westphal

Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich eines Tages als Ghostbuster sein Geld zu verdienen oder zumindest das erste Proton Pack der Welt zu testen. Mit geheimniskrämerischem Konto auch bei Facebook zu finden. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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27 Kommentare

  1. Tja, so ist das, mit den „objektiven“ Algorithmen und darauf basierenden Entscheidungen. Gibt da interessante Beiträge über die Ethik von Algorithmen. Trifft nicht nur Facebook, sondern das Problem ist ja breiter. z.B. werden dadurch auch diskriminierende Personalentscheidungen getroffen durch algorithmische Auswertung der Bewerber und ihrer verfügbaren Daten.

    • Ok, aber was genau hast du erwartet? Wenn die Ground Truth für die Algorithmen von Menschen erstellte subjektive Daten sind, dann wird der Algorithmus genau so rassistisch, diskriminierend und sexistisch, wie die Leute, die die Daten erstellt haben. So funktioniert deep learning nun Mal.

  2. Und natürlich wird auch dieser Artikel mit einem sexistischen Bild „aufgewertet“.

    • André Westphal says:

      Wenn du schon eine attraktive Frau in knapper Bekleidung per se als sexistisch empfindest, wird es aber schwierig… Zumal aus Gleichberechtigung auch ein Mann im Artikel zu sehen ist.

      Und na ja, wenn es gerade um solche Bilder im Artikel geht (und mögliche Problematiken dahinter), dann muss man das auch irgendwie zeigen, oder?

      Zumal ein Bild einer knapp bekleideten Person per se absolut nichts sexistisches oder diskriminierendes an sich hat – auf den Kontext kommt es an. Sonst wäre ja auch jeder Strand automatisch ein absoluter Pfuhl des Sexismus.

      • In größeren Teilen von Nordrhein-Westfalen zählen diese Art von Bildern zur Pornografie. Wenn ich da an die Netto Werbung denke und wie die Deutschen sich darüber aufgeregt haben…

        • AppleRola says:

          Nur weil sich „die Deutschen“ (wie viele es auch immer waren) aufregen, muss es ja nicht gleich richtig sein. 😉 Der Deutsche neigt grundsätzlich zu viel „meckern“.

          • Eigentlich waren es weniger die „Deutschen“ im eigentlichen Sinn, sondern die die halt… ich habe gerade keinen aktuellen Neusprech Diktionär zur Hand, also die eben.

      • Hat mit Gleichberechtigung nicht zu tun wenn man einen Mann zeigt…

        • Warum ist eine leichtbekleidete Frau sexistisch, ein halbnackter Mann nicht? Werden dann nicht beide auf ein Sexsymbol reduziert? Oder darf man dies Reduzierung nur bei Frauen nicht, bei Männern schon? Wenn das Dein Gedanke ist, hast Du sicher eine Diskriminierung aufgezeigt, aber nicht die, die Du meintest.

          • AppleRola says:

            Außerdem sieht man auf dem Bild jetzt auch nicht mehr, als das, was man am See oder im Freibad auch sehen würde. Oder werden da auch alle als sexistisch bezeichnet, weil sie in Badeanzug, Bikini und Badehose rumlaufen? Was ist nur verkehrt in dieser Welt?

    • Schließ dich ein, die Welt nichts für dich!

  3. Mehr Haut > mehr Pageviews > mehr Clicks > höhere Werbeeinnahmen. Ende der Geschichte. Gedruckte Magazine haben sich auch so verkauft. Da musste auch immer genug Haut auf das Cover. Aber Computermagazine haben schon immer mehr auf Gleichberechtigung geachtet: https://images2.imgbox.com/ac/57/QAFci8NX_o.jpeg

  4. Das Buch, das die junge Frau in Händen hält, zeigt deutlich mehr nackte Tatsachen…

  5. Mein erstes Internet basiertes soziales Netzwerk waren Foren und IRC und ICQ. Das liegt 20 Jahre zurück. Da lernte man Leute über gemeinsame Interessen ohne Fotos einfach kennen, es gab keine likes denen nachgeeifert wurde.
    Die Macht von social Media in der jetzigen Zeit ist die Jagd nach möglichst vielen Likes, es gibt neue Berufe „Content Creator“/ Influencer, die durch Likes (und Werbung) bezahlt werden.
    Jeder eifert danach eine möglichst große Reichweite zu bekommen, wegen monetärer Gründe oder Prestige.
    Sex sells ist ja bekanntlich ein alter Hut, der jetzt aber immer offensiver genutzt wird. Inhalte und Werte geraten immer weiter in den Hintergrund.
    Ich nutze tatsächlich mittlerweile weder Facebook noch andere social Media Kanäle mehr, die Relevanz ist mittlerweile dank der Algorithmen nicht mehr gegeben. Foren nutze ich tatsächlich immer noch mit am liebsten.

    • Beobachter says:

      @ Jens S.: Besser kann man eigentlich gar nicht zusammenfassen, was da in der Gesellschaft abgeht. Eine Ergänzung nur: „Früher“ kannte man den Unterschied beispielsweise zwischen der Gazette mit den vier Buchstaben (die keiner las) und der Zeitung, hinter der „immer ein kluger Kopf steckt“. HEUTE werden Begriffe wie „Blogger“ und „Influencer“ unkritisch als „Qualitätssiegel“ verliehen. Deshalb hat ja auch „das Internet“ diese schier unendlich manipulative Macht.

    • Wie wahr. Ich finde, man erkennt es bereits am Begriff. Influenzer (klingt nicht nur ähnlich zu Influenza) heißt doch nichts anderes als Beeinflußer, was nichts positives ist, beschönigt doch nut die Wahrheit. Genauso Content Creator. Sorry, früher erkannre man Leute, die Inhalte produzierte an ihrem Inhalt, heute wohl nur noch an der Berufbezeichnung, der Inhalt fehlt vermutlich. Und damit es nicht so auffällt, nimmt man halt den Anglizismus dazu und es klingt geil. Seh ich an meinen Jobtitel auch.

  6. Man erinnere sich, wieso Tumblr damals so gut ging. Das war unter anderem gewissen Beiträgen geschuldet.

  7. Am Inhalt des Artikels will ich gar nichts rütteln. Nacktheit verkauft… das ist so.
    Interessant finde ich aber die Art der dargestellten Sichtweisen. Ganz klassisch: Frau mag nackten Mann, Mann mag nackte Frau. Auch in der Tech-Welt ist mittlerweile doch klar, dass diese Sichtweise viele Individuen ausschließt… Vielleicht als Anregung für die nächsten Artikel mitnehmen. Es ist gar nicht schwierig sprachlich da offener zu agieren!

    • Bitte nicht, sonst werden Texte nich länger, nur weil man jede Gruppe erwähnen muß. Es reicht schon wenn immer beide Geschlechter eyplizit,genannt werden müssen (bzw. eigentlich nur das weibliche, das männlich darf man ruhig auslassen *Augenverdrehen* also z.B. nur Leserinnen schreiben.
      Die Mehrheit ist nun einmal auf das klassische Bild ausgelegt. Die Mehrheit anzusprechen ist aber nicht automatisch diskriminierend. Wenn stets jede Gruppe erwähnt werden muß, geht es bald nicht mdhr um Inhaltr, sonderen darum, ob man denn auch alle erwähnt hat. Wir sind alles Menschen, egal welcher Orientierung. Das bleiben wir auch bei Nichterwähnung.

      • Danke Jörg, ich bin da ganz bei dir. Weder gibt es nur zwei Gender, noch sind die immer heterosexuell. Fraggle, es geht ja gar nicht darum, dass man jede mögliche Konstellation von Gender-Identität und sexueller Orientierung aufzählt – im Gegenteil. Wie Jörg richtig einwendet, wären neutrale Formulierungen da einfacher und würden der Realität eher besprechen.

        Die Formulierungen aus dem Text („Erblickt eine Frau einen attraktiven, halbnackten Mann – dann schaut sie gerne hin. Umgekehrt gilt das natürlich genau so, wenn nicht sogar noch stärker, für die Männerwelt. „) sind unnötig – etwas im Sinne von „Nackte Haut zieht an – das weiß auch Instagram.“, ganz ohne Festlegungen auf Gender-Identitäten und sexuelle Orientierung sagt das gleiche, aber sehr viel umfassender aus.

        • Danke, hat mich beim Lesen des Artikels auch gestört, im Gegensatz zur Abbildung von nackter Haut.

          Außerdem so leicht zu umgehen ohne alle Realitäten abbilden zu müssen: „Erblicken Menschen einen attraktiven, halbnackten Menschen – dann schauen sie gerne hin.“

          • First World Problem. Anders kann ich mir das mit dem Gender-Wahn wirklich nicht mehr erklären. Welche biologischen Geschlechter gibt es denn bitte noch? 🙂

            • Wohl wahr, auf anderen Kontinenten haben die Leute gar keine Zeit sich über so einen Firlefanz Gedanken zu machen, weil sie damit beschäftigt sind, um ihren Lebensunterhalt und das Essen für den nächsten Tag zu kämpfen. Dieser ganze politisch korrekte und hochstilisierte Genderblödsinn ist alles nur eine Verkrampfung der industrialisierten Welt.

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