„Disco Elysium: The Final Cut“ angespielt: Ein Blick in den Abgrund

„Disco Elysium: The Final Cut“ ist in dieser Woche ohne viel Tamtam für die PlayStation 4, PlayStation 5, Google Stadia und auch als Upgrade für den PC erschienen. Seit dem Erscheinen der ursprünglichen PC-Version im Herbst 2019 habe ich einer Konsolenversion entgegengefiebert. ZA/UM hat seinem Detektiv-Rollenspiel nun komplette Sprachausgabe spendiert, was denjenigen entgegenkommen dürfte, die am TV keine ellenlangen Texte lesen möchten. Dem RPG merkt man seine PC-Wurzeln aber dennoch enorm an. Wie ich im Test herausfinden durfte, gilt das vor allem im Positiven – ab und an aber auch im Negativen.

Wichtige Anmerkung: Komplett durchspielen konnte ich „Disco Elysium: The Final Cut“ noch nicht, da ich genau wie alle anderen erst zum Release am 30. März 2021 loslegen durfte. Da schlug das Spiel relativ abrupt im PlayStation Store auf, nachdem es zuvor nicht einmal vorbestellbar gewesen ist. Mit ca. 9 GByte gibt es sich angenehm schlank als Download. Es soll auch noch eine physische Version mit allerlei Boni erscheinen – allerdings erst im Sommer 2021 und zu einem Preis von 249,99 US-Dollar. Das ist dann was für echte Hardcore-Fans.

Aktuell gibt es „Disco Elysium: The Final Cut“ ebenfalls noch nicht für die Xbox-Konsolen und die Nintendo Switch. Auch diese Plattformen versorgt man erst im Sommer 2021. Ich selbst habe das Rollenspiel nun an der Sony PlayStation 5 gespielt. Bevor ich weiter ans Eingemachte gehe, seid zur Story ins Boot geholt: „Disco Elysium: The Final Cut“ nimmt euch mit in eine düstere Welt in nicht allzu ferner Zukunft, in welcher ihr als Polizist einen Mord in einer tristen Stadt aufklären sollt. Das Spiel hat aber wenig mit Titeln wie „Cyberpunk 2077“, „Persona 5 Royal“ oder „Yakuza: Like A Dragon“ gemeinsam, sondern am ehesten mit „Planescape Torment“ oder dessen indirektem Nachfolger „Torment: Tides of Numenera“.

So gibt es keinen einzigen Kampf im klassischen Sinne. Vielmehr verteilt ihr zu Anfang für euren Charakter, ganz wie in einem Pen-and-Paper-Rollenspiel, Attributspunkte auf Eigenschaften wie Psyche, Intellekt und Körper. Je nachdem, in welche Attribute ihr mehr Punkte steckt, startet ihr mit höheren Skills. Jene Skills sind aber noch keine Garantie für erfolgreiches Vorgehen. Steht in einer bestimmten Situation ein Skill-Check an, so wird tatsächlich gewürfelt. Ihr sehr vorab eure Erfolgschance und dürft dann entscheiden, ob ihr euer Glück versuchen möchtet.

So kann es eben auch durchaus einmal vorkommen, dass euch bei einem Empathie-Wurf trotz 90-prozentiger Erfolgswahrscheinlichkeit das Unglück trifft. Manchmal sind aber selbst diese Optionen amüsant, zumal ihr die meisten Skill-Checks nach einer Weile erneut durchführen dürft. Fehlt es euch etwa an Körperkraft und Geschicklichkeit und ihr wollt euren Regenmantel von einer Antenne fischen, dann kann das schon beim Anlauf scheitern – und euch entsprechend entmutigen. Eure „Lebensenergie“ besteht dabei aus zwei Werten: Gesundheit und Moral. Die Gesundheit kann sinken, wenn ihr an körperlichen Anforderungen verzweifelt oder anderweitig euren Charakter strapaziert. Entsprechend kann euere Moral eher durch Versagen bei mentalen Aufgaben sinken.

Beispielsweise wollte ich die Tochter einer Bücherverkäuferin mit meinem Detektivgespür beeindrucken, was gründlich daneben ging. Ein Kind zu enttäuschen, trübte dann die Stimmung meiner Spielfigur und die Moral sank. Erreichen Gesundheit oder Moral den Nullpunkt, ist das Spiel aus. In der Spielwelt oder in Shops lassen sich aber immer wieder Medikamente finden, die einen wieder aufpäppeln. Auch eine durchgeschlafene Nacht heilt die Spielfigur völlig. Wobei es anfangs seine Tücken hat, zu einem Bett zu kommen…

Denn anfangs ist der Protagonist ein Wrack, das im Suff sein Hotelzimmer zerlegte. Jeden Tag soll man daher nun im Voraus zahlen, was herausfordernd ist. Geld zu verdienen ist schwierig, denn auf der Straße findet man zwar ab und an ein paar Cent, das war es aber auch schon. Mit einer Plastiktüte kann man zumindest Flaschen sammeln gehen, muss sonst aber auf Unterstützung seines Partners Kim Kitsuragi hoffen. Letzterer fungiert nicht nur in haarigen Situationen als Stichwortgeber, sondern hat auch seine ganz eigene Meinung. Man kann sich also mit ihm gut stellen oder ihn abschrecken.

So läuft das dann im Grunde auch mit allen Personen, die man in „Disco Elysium: The Final Cut“ trifft. Wobei man nicht nur mit anderen Spielfiguren debattiert, sondern auch innere Monologe führt. Das ist recht spannend gelöst, denn es treten quasi verschiedene Facetten des Charakters in Dialog miteinander. Beispielsweise können Empathie und Autorität einander entgegenstehen und einem ganz unterschiedliche Herangehensweisen in einer Situation mit einem rassistischen Truckerfahrer nahelegen. Generell gibt es da aber kein simples Moralsystem: Ihr entscheidet, wie ihr euren Charakter mit seinen Entscheidungen weiter entwickelt.

Und diese Entscheidungen haben nicht nur äußere, sondern auch innere Konsequenzen. Wer sich etwa stets für seine besoffenen Exzesse entschuldigt, dem schlägt der eigene Verstand schnell die Charakterisierung als „Sorry Cop“ vor. Haut ihr verbal oft zugunsten der Arbeiterklasse auf die Pauke, könntet ihr euch als Kommunist outen. Ihr habt aber stets die Wahl, ob ihr euch diese Zuschreibungen gefallen lassen wollt. Sie werden dann im Gedankenkabinett des Charakters entwickelt. Klingt kompliziert, ist aber so ähnlich wie bei der Loot oder auch Perks, wie man sie aus „Fallout“ kennt: Ihr erhaltet über die „Gedanken“ schlichtweg bestimmte Mali und Boni.

Das gilt auch für diverse Kleidung, die ihr im Spiel ergattert. Spaßig ist daran, dass man nie das Gefühl hat, da würde eben ausschließlich eine Statistik aufpoliert. Es steckt auch immer eine logische Story dahinter: Wer sich etwa eine potthässliche Sonnenbrille aufsetzt, büßt an Charme ein, zeigt aber Selbstbewusstsein, komme was wolle. Oder wer sich Gedanken an körperliche Perfektion hingibt, erhält Boni, wenn er ohne Shirt herumstolziert, schränkt aber sein logisches Denken ein.

Die Möglichkeit neue Gedanken zu entwickeln, entsteht oft durch amüsante Situationen, regt aber manchmal auch selbst zum Nachdenken an. Will man wirklich abstruse Gedanken an Rassenlehre entwickeln, nur um an einem ekligen Typen vorbeizukommen, der einem körperlich überlegen ist? Das ist eine Entscheidung, die nicht nur den Hauptcharakter und seinen Partner zum Grübeln bringt. Ich hatte bei „Disco Elysium: The Final Cut“ stets eine enge Bindung zum Geschehen auf dem Bildschirm und habe mich daher automatisch so entschieden, wie ich am ehesten auch in der Wirklichkeit reagieren würde.

Technisch ist das Spiel im Übrigen zum Launch ein wenig durchwachsen. Stabile 60 fps hält der Titel leider nicht und die Bedienung steckt noch sehr in ihren PC-Wurzeln fest. Etwa ist es oft hakelig Objekte in der Spielwelt zu untersuchen und man muss sie doppelt markieren oder den X-Button mehrfach drücken, weil der erste Anlauf ignoriert wurde. Das dürfte gerne flüssiger ablaufen. Mir hat es den Spielspaß nicht kaputt gemacht. So kann ich mit den Ecken und Kanten leben, weil das RPG so grandios geschrieben ist. Jeder Dialog ist extrem lesens- und hörenswert. Das muss allerdings auch so sein, denn schon einzelne Gespräche können ellenlang sein und sich 15 Minuten und mehr erstrecken, wenn man alle Dialogoptionen ausschöpft.

Die Grafik nutzt einen sehr effektiven Wasserfarbenstil, der mir persönlich richtig gut gefällt, auch wenn das Spiel viel Tristesse versprüht. Gut, dass die Entwickler extrem viel schwarzen Humor eingestreut haben. Oftmals tendiert dieser auch ins Absurde. Musikalisch gibt es hier spartanische Musik von British Sea Power, die ich tatsächlich schon vor „Disco Elysium: The Final Cut“ ab und an in meinen Spotify-Playlists vorgefunden habe. Die Soundkulisse ist generell aber eher zurückhaltend und so ist es nur begrüßenswert, dass nun vollwertige Sprachausgabe vorliegt.

Vereinzelt hatte ich da den Bug, dass Charaktere doch einmal stumm geworden sind – ein Neustart des Gesprächs behob das Problem dann jeweils. Die (ausschließlich englischsprachige) Sprachausgabe ist sehr gelungen und die Charaktere gut besetzt. Die Texte könnt ihr auch auf Deutsch einrichten, auch wenn ich mal auszugsweise verglichen habe und im Zweifelsfall zum Original tendieren würde. Zumal mich persönlich so ein Mix aus gesprochenem Englisch und geschriebenem Deutsch eher irritiert.

Wie gesagt, durchgespielt habe ich „Disco Elysium: The Final Cut“ noch nicht – rund 20 bis 30 Stunden kann man wohl investieren, bis der Abspann über den Screen flimmert. Mir gefällt der Titel aber bisher super und er kann mit seiner intelligenten Erzählweise auch meine Erwartungen erfüllen. Es fühlt sich insbesondere sehr organisch an, wie verschiedene Aufgaben das Tagebuch des Protagonisten füllen und sich hier auch Ketten aufbauen. Viele Quests sind dabei optional, doch alle Dialoge von so gleichbleibend hoher Qualität, dass man gerne alles mitnehmen möchte, was sich einem in dieser Spielwelt anbietet.

Insofern möchte ich denjenigen, die nach einem RPG mit erzählerischem Tiefgang suchen und die notwendige Ruhe mitbringen „Disco Elysium“ nach meinen ersten rund 10 Spielstunden sehr empfehlen. Solltet ihr Rollenspiele vom alten Schlag schätzen, seid ihr hier genau an der richtigen Adresse.

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7 Kommentare

  1. Klingt sehr spannend. 20-30 std ist auch eine sehr ordentliche Spielzeit.
    Patch 1.2 ist schon angekündigt. Hoffentlich werden da die kleinen technischen Macken mit behoben.

  2. Ich interessiere mich sehr für das Spiel, habe aber Bedenken, wie das mit der englischen Sprachausgabe und dem deutschen Text funktioniert. Gleichzeitig englisch hören und deutsch lesen funktioniert nicht.
    Zuerst englisch hören und DANACH deutsch lesen wird mir wahrscheinlich zu zäh, wenn es denn überhaupt funktioniert und man das Spiel entsprechend pausieren kann.
    Und bei komplett auf englisch habe ich Bedenken, ob mir das auf die Dauer nicht zu anstrengend ist und ich überhaupt alles verstehe (soll ja doch recht anspruchsvoll sein), und das obwohl ich normales englisch recht gut verstehe.
    Eine deutsche Komplettvertonung ist wahrscheinlich auszuschließen (ist ja schon extrem gut, dass die Texte alle übersetzt wurden).

    Kann vielleicht jemand aus eigener Erfahrung über das Thema berichten?

    • Hi omegaman,

      ja, die Texte können schon sehr anspruchsvoll sein. Alles ist sehr ausgeschmückt beschrieben, hat mich an die Herr der Ringe-Bücher erinnert. Es ist auf jeden Fall kein leichtes Englisch! Falls du jemand bist, der wirklich jedes Wort wissen will, dann würde ich dir eher abraten, denn immer wieder pausieren um die Wörter nachzuschlagen macht meiner Meinung nach nicht so Spaß. Falls du aber jemand bist wie ich, dem es nix ausmacht, dass er vielleicht nur 80% versteht und sich den Rest halt irgendwie selbst zusammenreimt, dann kann ich es schon empfehlen. Guck dir doch mal ein Let’s Play an und entscheide dann.

      • Let´s plays hab ich schon angeschaut, also von der normalen Version.
        Es finde das Spiel so interessant, dass ich es wahrscheinlich trotz meiner Bedenken mal kaufen werde.
        Aber ob ich das Spiel komplett durchspielen werde? Naja, mal sehen, bin sehr gespannt.

        • André Westphal says:

          Also das Spiel hat ne klasse Stimmung und Geschichte sowie Charaktere, denn alles ist echt gut geschrieben. Ich behaupte, das Spiel ist auch eine gute Chance sein Englisch zu verbessern, da man ja alles in Ruhe lesen / hören kann. Du musst nie unter Zeitdruck etwas machen.

          Teilweise fühlt es sich aber auch fast wie ein Adventure an und weniger wie ein RPG, da man eben weitgehend mit Dialogen beschäftigt ist. Also ich finde es echt klasse.

          Mittlerweile bin ich wohl bei rund 20 Stunden Spielzeit, hatte aber doch noch ein paar Bugs: Einmal tauchte in einer wichtigen Story-Sequenz nicht der Button zum Abschließen des Dialogs ab, was sich leider auch nach Laden des Spielstandes replizieren ließ. Lustigerweise half es, während der Dialog vorgelesen wurde, wild mit dem rechten Analogstick hoch- und runterzuscrollen.

          1-2 Patche um solche Dinge auszumerzen wären dann doch gut, aber insgesamt macht es Laune und die Fehler halten sich in Grenzen.

  3. Habe mich durch die Berichterstattung die es hier im Vorfeld gab, sehr auf das Spiel gefreut und mir die PC Version gekauft.

    Wenn man aber der englischen Sprache nicht so gut mächtig ist, macht es meiner Meinung nach allerdings keinen Spaß. Ich bin, da ich nicht so gut Englisch kann, auf die deutsche Textausgabe angewiesen. Und da, wie im Artikel erwähnt, die Dialoge teilweise lang und komplex sind , macht es mir persönlich keinen Spaß diese langen Texte zu lesen und nebenbei alles auf Englisch zu hören.

  4. Ich spiele es auf der ps4 und finde es klasse.
    Vielen Dank für den Tipp.

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