„Chicory: A Colorful Tale“ im Test: Ein Indie-Titel bekennt Farbe

Letzte Woche habe ich fürs Blog noch mit „Ratchet & Clank: Rift Apart“ einen Sony-Blockbuster für die PlayStation 5 getestet: Ray-Tracing, modernste Technik, Triple-A-Budget… All das bietet das mir nun vorliegende „Chicory: A Colorful Tale“ nicht. Stattdessen handelt es sich hier um ein kleines Indie-Game, das via Kickstarter finanziert wurde und von einer Handvoll Entwicklern stammt. Trotzdem gestehe ich dem putzigen Adventure zu, dass es vielen Gamern vielleicht mehr im Gedächtnis bleiben könnte als mancher High-End-Kracher.

Ihr beginnt das Spiel dabei nicht als die namensgebende Häsin Chicory, sondern als Hund. Dessen Name richtet sich nach dem, was ihr auf eine anfängliche Frage als Lieblingsessen angegeben habt. Dabei werdet ihr in eine kunterbunte Welt geworfen, in der ihr als Aushilfe die Zimmer Chicorys putzt. Letztere ist eine Künstlerin, die dafür verantwortlich ist, der Welt Farbe zu verleihen – wie viele Vorgängerinnen vor ihr. Dafür wird von Künstler zu Künstler ein magischer Pinsel weitergereicht. Doch etwas ist geschehen, denn Chicory ist verschwunden und der Pinsel fällt nun der Spielfigur zu – in meinem Falle dem Hund namens Pizza.

„Chicory: A Colorful Tale“ gibt es sowohl für die PS4 als auch die PS5. Ich habe das Spiel an der PS5 gespielt: Es gibt hier zwar kein HDR, aber das Indie-Spiel erstrahlt in scharfem 4K mit 60 fps. Nun mag die Grafik nicht vor Details strotzen, aber das putzige Art-Design macht dennoch etwas her. Auch die Musik holt einen direkt in die verspielte Atmosphäre: Da mischen sich Retro-Sounds mit 8-bit-Flair mit Percussion, Flöten oder Akustikgitarren. Sprachausgabe gibt es nicht, stattdessen seid ihr darauf angewiesen, viele Texte zu lesen – die sind jedoch auch komplett auf Deutsch abrufbar und sogar gut übersetzt.

Während man nun ins Spiel einsteigt, wird man direkt an die zentrale Spielmechanik herangeführt: das Malen. Denn mit Chicorys Verschwinden sind auch alle Farben aus der Welt entwichen. Soll nicht alles schwarz-weiß bleiben, müsst ihr ran und mit dem Pinsel die Welt neu einfärben. Ich selbst bin alles andere als ein begnadeter Zeichner / Maler, doch selbst ich kam damit gut zurecht. So könnt ihr die Größe des Pinsels etwa mit R1 verstellen und mit L1 unterschiedliche Farben anknipsen. Haltet ihr L2 gedrückt, malt ihr los. Das Gedrückthalten von R2 radiert wiederum Farben wieder aus.

Dabei kann ein kurzes, beherztes Drücken größere Stellen ausradieren bzw. mit einem Farbklecks versehen. Ansonsten zieht ihr ganz nach Wunsch Linien. Es bleibt dabei euch überlassen, ob und wie ihr die Spielwelt einfärbt. Das Gameplay erinnert dabei ein wenig an „The Legend of Zelda“, denn ihr stapft zwar relativ frei durch die Spielwelt, die ihr aus einer Art Vogelperspektive betrachtet, stoßt aber immer wieder auf kleinere Puzzles. Einige könnt ihr sofort erledigen, um weiterzukommen. Für andere benötigt ihr zunächst noch neue Fähigkeiten, die ihr euch mit zunehmendem Spielverlauf aneignet.

Beispielsweise versperren einem anfangs im Spiel einige Blumen den Weg. Pinselt man sie an, schrumpfen sie zusammen – und der Weg ist frei. Andere Pflanzen beträufelt man mit Farbe, um sie anschließend wie ein Trampolin zu nutzen. Beim Absprung klatschen sie dann auch schön die Farbe um sich herum. Wer also die Spielwelt ganz akkurat gestalten möchte, radiert diese Kleckse anschließend direkt wieder weg. Auch eure Spielfigur und andere Charaktere, auf die ihr trefft, könnt ihr übrigens anmalen. Je nach Charakter stößt das mal auf mehr, mal auf weniger Begeisterung.

Dabei geben euch die Bewohner der Welt, allesamt sprechende Tiere, auch Nebenaufgaben. Etwa sollt ihr die Häuser eurer Freunde neu anstreichen oder ihnen bestimmte Klamotten präsentieren. So erhaltet ihr als Belohnungen immer wieder neue Hüte und Kleidungsstücke. Der simple Grafikstil ist dabei sicherlich nicht jedermanns Sache und wirkt wie aus einem Malbuch für Kinder. Allerdings klingen dabei im Verlauf der Handlung immer mal wieder ernste Untertöne an. Etwa brodeln hinter der Oberfläche Themen wie Burn-Out, Für und Wider des Kapitalismus oder Selbstzweifel und ihre psychologischen Folgen.

Allerdings werden diese Themen eher als Analogien in die charmante Welt integriert, sodass Kinder, die sind schließlich eine Zielgruppe des Spiels, da nicht verstört werden. Erwachsene erhalten aber etwas Stoff zum Nachdenken, wenn sie es denn wünschen. Generell ist „Chicory: A Colorful Tale“ aber eher von einer humorvollen, positiven Atmosphäre geprägt. Dennoch gibt es auch eine Bedrohung, welcher man Herr werden muss: Durch Chicorys Abstinenz und das Verschwinden der Farben bedrohen nun Anomalien bzw. Makel die Welt. Da gibt es dann auch einige „Boss-Kämpfe“ mit diesen Wesen, in denen ihr sie beispielsweise abwechselnd radieren und anmalen müsst, um zu bestehen.

Wirklich sterben könnt ihr dabei glücklicherweise nicht. Werdet ihr zu oft von Gegnern vermöbelt, seid ihr zwar kurz außer Gefecht, könnt dann aber wieder loslegen – sehr fair. Ist euch das dennoch zu schwer, könnt ihr im Menü eure Lebensenergie erhöhen. Man merkt, dass das kleine Entwicklerteam es hier eher darauf angelegt hat, eine entspannende (aber nicht langweilige) Erfahrung zu bieten. Da will man sicherlich auch Menschen abholen, die sonst nicht so die typischen Gamer sind, aber sich etwa am Ausmalen von Büchern erfreuen. Solche Malbücher gibt es ja auch für Erwachsene, die den Kopf freibekommen möchten.

So könnt ihr euch in einer der Telefonzellen in der Spielwelt auch jederzeit Tipps geben lassen. Das ist sehr liebevoll gelöst: Ihr ruft eure Eltern an, die euch mit Rat und Tat zur Seite stehen. Erst gibt euch eure Mutter einen allgemeinen Tipp. Reicht das nicht aus, könnt ihr euren Vater an die Strippe ziehen, der dann ganz konkrete Hinweise auspackt. Diese Hints sind so spezifisch, dass Sackgassen eigentlich nicht vorkommen sollten.

Auch wenn „Chicory: A Colorful Tale“ von einem gerade mal fünfköpfigen Entwicklerteam produziert worden ist, ist es kein kurzes Spiel: Je nachdem, wie viele Nebenaufgaben ihr löst und wie viel Spaß ihr am Ausmalen der Spielwelt habt, desto länger seid ihr beschäftigt. 15 bis 20 Stunden sind da locker drin, wenn ihr viel experimentiert, dann mit Sicherheit mehr. Die Nebenaufgaben sind sogar recht unterhaltsam, wenn man den Texten dazu aufmerksam folgt. Etwa werdet ihr vom Postamt einer Großstadt eingestellt und liefert Briefe an diverse Charaktere aus. Klingt erstmal nach dem typischen „Bringe Objekt A zu Person B“, beinhaltet aber immer interessante Geschichten über Brief und Empfänger.

Insgesamt hat mir „Chicory: A Colorful Tale“ sehr viel Spaß gemacht und ist eine angenehme Abwechslung von Mainstream-Games. Zumal das Spiel auch nach einem langen Arbeitstag zur Entspannung beiträgt. Einziger Wermutstropfen: Die Steuerung des Pinsels über die Analogsticks oder wahlweise das Touchpad des DualSense / DualShock 4 kann hakeliger sein, als man sich das wünschen würde. Wer also die Option hat, den Titel am PC mit Maus und Tastatur zu zocken, hat sicherlich noch eine Ecke mehr Spaß.

Zum Preis von aktuell rund 19,99 Euro bekommt man hier jedenfalls ein Indie-Game, das ganz offensichtlich mit viel Herz entwickelt wurde und Unterstützung verdient. Solltet ihr also ein Spiel für ein paar ruhige Feierabende suchen oder mit den Kids zocken wollen, ist „Chicory: A Colorful Tale“ eine echte Empfehlung. Denn: Es gibt auch einen Koop-Modus, bei dem ein zweiter Spieler dann beim Ausmalen mithelfen kann – schöne Lösung für zwei Personen.

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5 Kommentare

  1. Blacky Forest says:

    Gibt es eine deutsche Übersetzung?
    Wäre für meinen Sohn super, englisch kann er noch nicht.

    • André Westphal says:

      Steht doch im Review – gibt auch komplett deutsche Texte :-). Sprachausgabe gibt es eh nicht, die Tiere machen nur kurze Geräusche in den Dialogen.

      • Blacky Forest says:

        äh, danke. Habe es jetzt noch zwei Mal lesen müssen, bis ich das bewusst gefunden habe. Sonntag ‍♂️

        • André Westphal says:

          Kein Ding :-D. Wusste nur, dass ich es erwähnt hatte, da ich mir die deutsche Übersetzung extra ein wenig angesehen hatte – spiele sonst eigentlich grundsätzlich fast alles in englischer Sprache.

  2. die schönen Spiele bleiben mir auch im Gedächtnis, da braucht’s keine HighEnd Grafik. Am c64 damals Elite gespielt, alles nur Drahtmodelle. Am PC gab’s dann Lucas Arts Zeig-und-Klick, an der Playstation Journey.
    Doom ist der Shooter, für den ich mir eine Soundkarte besorgte, und mich sonst beeindruckte, aber zu Hexen oder Battlefield 4 etc. fällt mir ausser dem Namen nichts mehr ein, was nachhallt. Die Doctor Who Spiele (einfache vier Gewinnt Varianten) hatten auch tieferen Eindruck als Elite-Klone auf dem smarten Telefon hinterlassen

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