„Mass Effect: Andromeda“ angespielt: Neandertaler im Weltall

27. März 2017 Kategorie: Games, geschrieben von: André Westphal

Letzte Woche ist „Mass Effect: Andromeda“ erschienen. Als Ex-Bioware-Fan, musste ich mir das Spiel natürlich anschauen. „Ex-Fan“ deshalb, da der Entwickler nach dem Ausscheiden der Gründer und mauen Games wie „Mass Effect 3“ und „Dragon Age: Inquisition“ bei mir stark an Ansehen eingebüßt hat. Den Ruf, den früher Bioware genossen hat, schreibe ich heute CD Projekt zu, die mit „The Witcher 3: Wild Hunt“ für mich den immer noch geltenden Maßstab in Sachen Rollenspiele gesetzt haben. Um „Mass Effect: Andromeda“ gab es ja nun auch bereits handfeste Kontroversen – zurecht?

So hatte man bei den zahlreichen Vorabvideos und Veralberungen fast das Gefühl hier eher eine Art „Die Sims“ vor sich zu haben, denn alles fokussierte sich nur noch auf die Charakter-Interaktionen bzw. -Animationen. Speziell die Gesichtsanimationen stießen etlichen Fans sauer auf. Ja, und sie sehen tatsächlich alles andere als zeitgemäß aus. Wie sehr euch das stört, wird aber ganz individuell variieren. Mich bringt es ab und an zum Lachen, da mein Charakter unabsichtlich etwas bräsig aussieht mit seinem markanten Kinn und langen Gesicht. Lässt Bioware dann die Muskeln, sorry die Animationen, spielen, wirkt ein schmitziges Grinsen bei meinem Protagonisten oft wie dümmliches aus der Wäsche gucken. Mich amüsiert das meistens aber eher, als dass es mich ärgert. Da hat natürlich jeder andere Toleranzgrenzen.

Ansonsten versprach Bioware vorab aus den Fehlern in „Dragon Age: Inquisition“ (DAI) gelernt zu haben. Für mich sind der größte Kritikpunkt an DAI die generischen Nebenaufgaben. So hatte ich damals beim Zocken teilweise das Gefühl ein austauschbares MMORPG zu spielen. Wenn ich beim Abschluss einer Quest nur ein Textfenster aufploppen sehe und immer wieder die gleichen, monotonen Aufgaben erledige, schalte ich schnell ab. Zumal das bei DAI nicht einmal ganz zu vermeiden war, da man Machtpunkte anhäufen musste, um neue Gebiete freizuschalten bzw. in der Story voranzukommen. Und jene Machtpunkte bekam man durch stupides Abarbeiten der Sidequests.

Das hat Bioware sich für „Mass Effect: Andromeda“ zum Glück geschenkt. Die Questen sind allerdings auch hier nicht das Gelbe vom Ei. So kommen jedenfalls die Nebenaufgaben keineswegs an eben ein „The Witcher 3: Wild Hunt“ oder auch nur ein „Fallout 4“ ran. Als Beispiel: Eine Forscherin auf der Nexus-Station bittet mich ein verschollenes Außenteam zu suchen. Klingt erst einmal nach einer spannenden Aufgabe, die eine überraschende Wendung nehmen könnte. Steckt vielleicht eine neue Alienrasse hinter dem Verschwinden? Ich freute mich schon darauf das Außenteam zu bergen und zu erfahren, in welche Schwierigkeiten sie geraten sein könnten. Das Ergebnis ist leider, dass man im Weltall mit einem Knopfdruck eine Anomalie scannt und ein zerstörtes Shuttle findet, das man aber nicht betreten kann. Textfenster ploppt auf und nun kann man der Questgeberin nur noch berichten. Tolle Inszenierung sieht anders aus. Viele Questen gehen leider in diese Ecke.

So hat man in „Mass Effect: Andromeda“ einen Scanner, mit dem man in der Umgebung immer wieder Objekte untersucht. Das gibt Forschungspunkte. Kommt auch in Aufgaben leider sehr verschwenderisch zum Einsatz: Eine Komponente des Raumschiffs geht kaputt – scannen. Man findet eine Leiche – scannen. Man sucht nach Ressourcen – scannen. Rasch bin ich es leid geworden, stets die ganze Umgebung nach Objekten abzuscannen, die mich orange anleuchten.

Zumal das Crafting-System, für dass ich eben immer wieder Ressourcen abscanne, ziemlich redundant ist: Erst muss ich nämlich Punkte ausgeben, um Baupläne zu erfinden. Anschließend gebe ich in einem separaten Menü nochmal anderweitige Punkte aus, um auf Basis der Baupläne nun Waffen, Rüstungen und andere Gegenstände zu entwickeln. Macht in etwa so viel Spaß wie eine Steuererklärung zu erstellen.

Was das Gameplay betrifft, ist „Mass Effect: Andromeda“ noch actionlastiger als die Vorgänger. Die Action ist hier aber wesentlich besser gelöst. So war Commander Shepard stets ein unbeweglicher Klotz, der selbst vor kleinsten Hindernissen nur ratlos herumstehen konnte. Der neue Hauptcharakter Ryder, ihr wählt ob männlich oder weiblich, saust mit seinem Jetpack durch die Lüfte, überspringt Hindernisse und rennt deutlich flotter durch die Pampa. Weiter zurückgefahren hat Bioware die RPG-Elemente trotz der Action aber nicht. Weiterhin gebt ihr Skillpunkte für neue Fähigkeiten aus und setzt dabei nach und nach Schwerpunkte für euren Charakter.

Ob ihr also am Ende einen Ballerfritzen entwickelt, der vor allem treffsicher und mit Kawumm Gegner umholzt, oder Punkte in die biotischen Sonderfähigkeiten buttert, die euch Gegner werfen bzw. deren Schilde manipulieren lassen, entscheidet ihr selbst. Klar, von der Tiefe eines klassischen Rollenspiels wie „Torment: Tides of Numenera“ bleibt „Mass Effect: Andromeda“ weit entfernt, wurde aber im Vergleich mit „Mass Effect 3“ nicht noch weiter abgespeckt.

Viel Kritik wurde an der Story und dem langsamen Anfang des RPGs laut. Das kann ich wiederum bisher nicht nachvollziehen – befinde mich aber auch aktuell noch auf der ersten, großen Welt EOS. So gefiel mit der Prolog um den Vater von Ryder und die ersten Erkunden auf der Suche nach „goldenen Welten“, welche die Menschen besiedeln könnten, ausgesprochen gut. Gut, wieder mal wird der Hauptcharakter, so klassisch wie einfallslos für Bioware, zum „Auserwählten„. Aber da andere Charaktere das ebenfalls skeptisch sehen, fand ich das durchaus gut gelöst. Bei den Nebencharakteren fehlt es zwar noch an denkwürdigen Figuren, aber so fade wie die Begleiter in „Dragon Age: Inquisition“ sind sie auch lange nicht.

Abseits der Charakteranimationen spielt die Grafik übrigens auf einem zeitgemäßen Niveau. Die Außenareale auf den Planeten sind sehr detailliert, es gibt schöne Licht- und Schatteneffekte und auf der PS4 Pro ist auch die Performance solide – das soll auf der regulären PS4 leider weniger der Fall sein. Die Soundkulisse ist dagegen zwiegespalten. So setzt „Mass Effect: Andromeda“ Musik eher spartanisch ein und die Waffensounds und Co. entsprechen dem Genre-Standard. Die deutsche Sprachausgabe konnte ich mir nicht lange antun, bin da aber auch kein Maßstab, da ich durch englischsprachige Videospiele-Synchronisationen verwöhnt bin.

Auch die englischen Sprecher enttäuschen aber überraschenderweise. Zwar sind mir Sprecher wie Natalie Dormer („Game of Thrones“) oder Kumail Nanjiani („Silicon Valley“) positiv aufgefallen, die meisten Charaktere in Biowares Space Opera klingen aber entweder apathisch oder seltsam wankelmütig. So hapert es an der Dialogregie. Teilweise schwanken Spielfiguren in der Betonung in einem einzigen Dialog zwischen „latent aggressiv“ bis „übermäßig freundlich“. Hier fehlte den Sprechern ganz offenbar der Kontext. Das ist bei der Menge an Aufnahmen in großen Rollenspielen natürlich auch schwierig, aber andere Genrevertreter zeigen eben, dass es deutlich besser geht.

Sollte ich ein vorläufiges Fazit ziehen, müsste ich bisher sagen, dass mir „Mass Effect: Andromeda“ trotz der Mankos insgesamt gut gefällt – denn das Spiel ist zum Glück mehr als die Summe seiner Teile. Das Game nur wegen der Animationen zu bashen, empfinde ich als überzogen. Allerdings sollte man hier auch keinen Bioware-Hit der alten Schule erwarten. Bisher habe ich den Eindruck, dass „Mass Effect: Andromeda“ eine Art verbessertes „Dragon Age: Inquisition“ im Weltall ist. Wer sich mit diesem Gedanken anfreunden kann, wird viel Spaß mit dem Game haben. Zumal es, solltet ihr euch denn dafür begeistern, auch noch einen Multiplayer-Modus gibt – ist für mich bei der Reihe „Mass Effect“ irrelevant, aber vielleicht habt ihr ja Lust drauf. Alle anderen sollten vielleicht auf das schon am 4. April erscheinende „Persona 5“ warten – ein weiteres, hochkarätiges RPG.


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Über den Autor: André Westphal

Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich eines Tages als Ghostbuster sein Geld zu verdienen oder zumindest das erste Proton Pack der Welt zu testen. Mit geheimniskrämerischem Konto auch bei Facebook zu finden. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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