Komasaufen-Prävention per App – echt jetzt?

Das sogenannte Komasaufen ist ein Problem, das steht außer Frage. Es ist auch ein Problem, das natürlich angegangen werden muss. Spiegel Online berichtete über eine App, die sowohl aufklären, als auch im Ernstfall helfen soll. An sich klingt das erst einmal ganz toll, schließlich erreicht man so die Zielgruppe sehr einfach. Das Ziel der App ist sehr löblich, die Ausführung könnte jedoch genau das Gegenteil bewirken.

HaLT_Screens

Dank meines fortgeschrittenen Alters gehöre ich wohl nicht mehr in die Gruppe, die es cool findet, sich am Wochenende mit Alkohol abzuschießen. Allerdings wird es nicht mehr lange dauern, bis meine Tochter in das Alter kommt, deshalb ist es ein Thema, das mich trotzdem beschäftigt. Und ich kann mich noch gut an meine Jugend erinnern. Wie viele von Euch sicher auch, haben wir es richtig krachen lassen, eben so wie es heute Jugendliche auch tun.

[werbung] Das als kleine Vorgeschichte, als Präventivmaßnahme für übereifrige Kommentatoren. Die App, um die es hier geht, heißt HaLT Alkohol Notfall. Sie ist kostenlos im Play Store verfügbar, eine iOS Version soll folgen. Hoffentlich nicht. Oder hoffentlich nur stark überarbeitet. Der Ansatz der App, die Aufklärung über Folgen von Alkohol, die Entmystifizierung von Alkoholmythen und der Notfallplan, alles super. Aber, und das ist ein großes aber, warum um Himmels Willen muss man dort ein Game mit reinpacken?

Das integrierte Spiel stellt eine Wochenendsituation eines Jugendlichen dar. Volksfest, Kneipe, Hausparty und Park. Überall lauert der Alkohol, den Highscore knackt man, wenn man alle Situationen korrekt meistert, also anderen hilft und auf Alkohol verzichtet. Wenn ich überlege, wir hätten eine solche App früher gehabt, ich weiß nicht ob ich lachen oder weinen soll. Und auch ein Kommentar unter dem Artikel von Spiegel Online trifft es ziemlich gut. Der Nutzer bourne schreibt: „Geil, die App muss ich unbedingt im praxisnahen Einsatz erproben! Schade das das Wochenende schon wieder vorbei ist, mit dieser App hätten wir uns viel sicherer abschießen können… :/“ Genau das war auch mein Gedanke und sicher auch der vieler Jugendlicher.

Das Spiel zerstört meiner Meinung nach jeglichen Nutzen der App. Ich kann mir richtig vorstellen, wie Jugendliche es als Anreiz nehmen, das Spiel in der Realität zu besiegen. Geht man dort auf eine Party und entscheidet sich zu trinken ist man nach sechs Bier tot. Sechs Bier? Bitch, please, da erreicht man doch noch nicht einmal richtige Feierlaune. Wie oft kann man wohl überleben, beim Versuch gegen das Spiel zu gewinnen? Der Coolness-Faktor im Spiel steigt übrigens, wenn man auf Alkohol verzichtet, Schlägereien schlichtet oder einem Betrunkenen hilft. Wie weltfremd ist das?

Der Rest der App ist aufklärungstechnisch sehr gut. Es wird mit Gerüchten um schnelleren Alkoholabbau aufgeräumt, ein Informationsbereich klärt über Alkohol im Allgemeinen auf. Der Notfallplan kann eingesetzt werden, wenn es schon zu spät ist, Erste Hilfe-Maßnahmen werden angesagt, so dass man eigentlich nichts falsch machen kann. Finde ich gut, wirklich. Aber einen Jugendlichen kann man damit wohl nicht hinter dem Ofen vorlocken, deshalb versucht man es wohl mit dem Spiel, verstehe ich. Aber ich gehöre auch nicht zur Zielgruppe.

Die App ist übrigens, mangels fehlender finanzieller Mittel, grafisch auf einem sehr niedrigen Niveau (das Spiel betreffend). So niedrig, dass es in meinen Augen fast schon wieder cool ist, daran sollte sich niemand stören. Die App belegte beim Wettbewerb Alkoholprävention der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung den zweiten Platz. Für mich nicht nachvollziehbar.

So, nun seid Ihr dran. Ich weiß nicht, wie viele Jugendliche hier lesen, aber genau von dieser Gruppe würde mich die Meinung zu so einer App interessieren. Mal ganz ehrlich, kann man durch so etwas eine Veränderung im Verhalten erwirken oder wird es eher als sportlicher Anreiz gesehen, um noch mehr zu kippen? Und an Eltern gibt es auch eine Frage. Würdet Ihr Euren Kindern so eine App empfehlen? Wenn ja, warum?

HaLT Alkohol Notfall
HaLT Alkohol Notfall

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Sascha Ostermaier

Technik-Freund und App-Fan. In den späten 70ern des letzten Jahrtausends geboren und somit viele technische Fortschritte live miterlebt. Vater der weltbesten Tochter (wie wohl jeder Vater) und Immer-Noch-Nicht-Ehemann der besten Frau der Welt. Außerdem zu finden bei Twitter (privater Account mit nicht immer sinnbehafteten Inhalten) und Instagram. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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12 Kommentare

  1. Hi, erstmal ein interessantes Thema was mich als Mutter von drei Teenies betrifft.
    Wie im Beitrag geschrieben finde ich diese App im Ansatz schon eine gute Idee nur das Game hätten die Entwickler sich sparen sollen.
    Aufklärung muss zu Hause bei den Eltern beginnen, das Thema „Alkohol“ darf kein Tabuthema sein.
    Ich finde man sollte seinen Kindern auch von seinen eigenen „Geschichten“ erzählen und welche Auswirkungen es hatte um eine Vertrauensbasis zu schaffen.
    Eine App wie diese kann nur als Unterstützung dienen den Kindern das Thema näher zu bringen, wenn man den passenden Anfang nicht findet.

  2. in der Schweiz wird gerade diskutiert, ob Komasäufer die verursachten Kosten selber tragen sollen, bzw. die Eltern falls minderjährig. Ich hoffe das wird umgesetzt und bringt wohl auch mehr als so eine App.

  3. Ich kann mich der Meinung von @Comel anschließen. Ich bin 18 und denke das es der Jugend an Interesse mangelt sich mit einer solchen App zu beschäftigen, vielleicht einige, aber nicht alle. Ich kenne genug in meinem alter die sagen: “ ach Blödsinn ich will trinken um zu feiern und nicht schauen was eine App mir sagt wann ich aufhören soll.“ Die Idee ist gut, aber die Zielgruppe wird nicht wirklich erreicht wenn das interresse fehlt. Ebenfalls stelle ich mir die frage warum die App den 2. Platz bekommen hat.

  4. So ein Schwachsinn. Ich bin 16 und hatte in der Schule schon 3 Aufklärungsveranstaltungen zum Thema Alkohol. Das hilft absolut nichts, stattdessen würde ich Kurse anbieten wo man wenigstens lernt eine stabile Seitenlage zu machen. Der Notfallplan in der App ist wohl das einzige nützliche Feature

  5. Hallo Sascha,

    für mich ist das auch keine Nutzer-App, sondern eher was für die beiden Kids. Ich habe einen Beitrag im TV über die App gesehen und habe mir das Teil auch gleich mal angeschaut.

    Unsere Meinung ist fast zu 100% identisch und als Aufklärung bei den Jugendlichen eher als negativ anzusehen. Den Umgang mit Alkohol kann und sollte man der Jugend nicht verbieten, sondern eher auf deren Verstand hoffen. Ich sehe in den meisten Fällen die Eltern in der Pflicht, Kindern und Jugendlichen indirekt zu manipulieren. Klappt bei mir immer am Besten… 😉

    Mach doch, aber…

    Da es kein direktes Verbot ist, ist es auch irgendwie uncool. Wenn man mal ehrlich ist, war es in unserer Jugend nicht anders und doch sind aus den meisten Partygängern heute keine Alkoholiker geworden.

    Grüße Ivo

  6. Unnötig. Zumindest das Game.. Ein Notfallplan dagegen ist sehr, sehr sinnvoll! Ich bin 18, also noch jung 🙂 Die Erfahrungen muss jeder selbst machen. Ist einfach so. Idioten wirds immer geben, jeder, der was im Kopf hat, weiß auch dass es auch beim Alkohol eine letale Dosis gibt. Ich bin aber der Meinung, dass jeder seine Grenze einmal austesten sollte, dann weiß man was geht, und was nicht. Dann weiß man selbst, wann man aufhören bzw mal ne Pause machen sollte. Gehört zum normalen Leben dazu.

  7. @ Ivo:
    „Wenn man mal ehrlich ist, war es in unserer Jugend nicht anders […]“

    Bin ich der einzige hier, der sich in seiner Jugend nicht regelmäßig bis zum Umfallen die Kante gegeben hat?
    :-O

    Ich stimme dir allerdings zu, dass es in erster Linie die Eltern sind, die (im Übrigen nicht nur beim Thema Alkohol) den Grundstein für das Verhalten der Kinder/Jugendlichen legen. Und da geht leider einiges schief.

    • @Tchoee, ich denke da hast du recht, die Eltern sollten den Grundstein legen.
      Aber man sieht ja, wenn es nicht klappt sollte sich zumindest (die Theorie der App) als Zusatzhilfe mit einbringen können.

  8. @ peurot:
    Ich habe gegen die App ja gar nichts gesagt, denn ich habe sie mir nicht angesehen. Aber die Meinungen hier sind ja eher negativ.
    Wenn du in dem Alter (oder so gerade noch in dem Alter) der Zielgruppe bist, wie du schreibst, was hast du für Vorschläge, wie man die Jugendlichen am besten erreichen und etwas bewirken kann?
    Wie gesagt kann ich da nicht mitreden, da es bei uns Komasaufen nicht mal ansatzweise gab. Trinken ja, auch mal richtig viel trinken, aber nicht bis zum Abschuss und schon gar nicht mit Vorsatz.

  9. Gehöre mit 18 Jahren wohl auch zur Zielgruppe dieser App. Die Idee finde ich gut, aber das Spiel ist wirklich ziemlich lächerlich. Zwar würde mich dieses nicht zum mehr trinken animieren, aber sinnvoll ist es auf jeden Fall nicht. Ausserdem habe ich schon lange nicht mehr ein so schlecht programmiertes „Spiel“ gesehen.
    Ich denke, das Problem lässt sich nicht einfach mit einer App lösen. Die Jugendlichen sind sich normalerweise der Gefahr bewusst.

    @Cornel:
    Ich sehe eine riesige Gefahr darin, wenn die Kosten selber bezahlt werden müssen. Schon jetzt werden Jugendliche eher selten im Krankenhaus eingeliefert, weil sie bspw. Angst vor der Reaktion der Eltern haben. Aber dann würde dies wohl noch viel seltener geschehen.
    Vor allem zahle ich als 18-jähriger 400 (!) Franken Krankenkasse. Ich denke also, die Krankenkassen holen das Geld für diese Einsätze bei den Jungen schon wieder rein.

  10. Eine App zu diesem Thema – ob das der richtige Ansatz ist? Ich weiß nicht. Ich gehöre schon lange nicht mehr zur Zielgruppe würde aber meinen das viele Jugendliche die App vielleicht einmal herunterladen, durchklicken und sofort wieder löschen. Ich sehe hier viel eher die Eltern in der Pflicht.

    Grenzen austesten, gut und schön. Muss man sich dazu direkt so die Kante geben das man ins Krankenhaus eingeliefert werden muss – mit Sicherheit nicht!

    @Roman: Die Krankenkassen erhöhen ganz einfach die Beiträge und wir alle zahlen für die Komasäufer mit. Da finde ich den Ansatz die verursachten Kosten vom Jugendlichen bzw. dessen Eltern bezahlen zu lassen nicht so verkehrt.

  11. Diese Diskussion darum, die Komasäufer selber zahlen zu lassen, hatten wir in D doch über die Boulevardpresse auch schon. Das geht gar nicht. Die Krankenversicherung ist nun mal eine Solidarkasse. Dann müsste man bei jedem Unfall o.ä. prüfen, ob womöglich Selbstverschulden vorliegt. Warum soll ich für Raucher zahlen? Oder Skifahrer? Oder, oder…
    Zudem sehe ich die starke Gefahr, dass dadurch Menschenleben gefährdet werden, weil sich die Familie die Behandlung nicht leisten kann – genau der Grund dafür, dass es eine bindende Krankenversicherung überhaupt gibt.

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