„Judgment“ angespielt: Detektivarbeit mit den Fäusten

Für Stammleser des Blogs ist es kein Geheimnis, dass ich ein riesiger Fan der japanischen Spielreihe „Yakuza“ bin. In den letzten Jahren hat das Franchise endlich auch außerhalb Japans mehr und mehr Aufmerksamkeit erhalten – unter anderem durch das fantastische „Yakuza Zero“. Seit „Yakuza 6: Song of Life“ (hier mein Bericht) verwendet man eine neue Grafikengine und spielt nun auch technisch auf der Höhe der Zeit. Ein guter Zeitpunkt, um mit einem Spin-Off vielleicht nochmal neue Fans abzuholen. Und da tritt „Judgment“ auf den Plan.

Letztes Jahr sind gleich zwei „Yakuza“-Spiele erschienen, denn neben dem sechsten Teil kam auch noch das absolut gelungene Remake „Yakuza Kiwami 2“ (hier mein Bericht) heraus. 2019 werden wir mit „Judgment“ bedacht und auch Remakes zu „Yakuza 3“ und „Yakuza 4“ stehen schon in den Startlöchern für die Sony PlayStation 4. Es ist also eine gute Zeit, um ein Fan der Reihe zu sein. Das beweist auch „Judgment“, ein Ableger, in dem der Protagonist der bisherigen Teile, Kazuma Kiryu, durch Abwesenheit glänzt.

Stattdessen schlüpft man in die Rolle des ehemaligen Anwalts Takayuki Yagami, der sich mittlerweile als Privatdetektiv verdingt. Das wirkt sich nicht nur auf die Geschichte aus, sondern auch auf das Gameplay. So führt „Judgment“ zusätzlich zu den bekannten Prügelspiel- und RPG-Elementen auch ein paar Puzzle-Aspekte ein. Jedoch sind die Detektiv-Einlagen relativ einfach gehalten und haben mich am ehesten an Spiele wie „L. A. Noire“ oder bestimmte Abschnitte in den Batman: Arkham“-Spielen erinnert. Anspruchsvoll geht anders, aber das Spiel wird hier um neue Facetten bereichert.

Das ist eine feine Sache, denn der Vergnügungsabschnitt Kamurocho in Tokyo gleicht „Yakuza 6: Song of Life“ sowie „Yakuza Kiwami 2“ stark. Das ist aber für die Reihe bekannt, denn alle Spiele sind in diesem Setting angesiedelt. Mich stört das nicht, denn ich fühle mich mit jedem Spiel dadurch ein wenig so, als würde ich einen guten alten Freund wiedertreffen. Zumal es natürlich etliche neue Quests, Charaktere und Mini-Spiele gibt. Erneut könnt ihr mit Darts werfen, Hostessen becircen oder in Spielhallen Sega-Klassiker wie „Virtua Fighter 5“ zocken.

Die Geschichte des Spiels mag sich um Detektivarbeit drehen, entsprechend ist aber dennoch wieder die Yakuza involviert und man sieht auch ein paar alte Bekannte in Cameos wieder. Absolut dicht ist erneut die Atmosphäre, denn die Geschichte strotzt nur so vor Wendungen und die Charaktere sind allesamt bis hin zu den Nebenrollen super herausgearbeitet. Storytechnisch spielt „Judgment“ also genau wie die „Yakuza“-Reihe an vorderster Front. Man sollte eben nur ein kleines Faible für den Asia-Charme mitbringen.

So empfehle ich auch die japanische Sprachausgabe zu nutzen: Denn erstmals für ein Spiel aus dem „Yakuza“-Franchise seit PS2-Zeiten ist tatsächlich eine englischsprachige Synchro an Bord. Sie ist professionell gemacht, fühlt sich für mich aber „falsch“ an. Auch wenn ich die Sprache nicht verstehe, bekomme ich die Emotionen der japanischen Sprecher mit, die größtenteils aus einer Riege renommierter Schauspieler zusammengesetzt sind. Deswegen habe ich „Judgment“ tatsächlich wieder mit japanischer Sprachausgabe und englischsprachigen Untertiteln gezockt. Das passt einfach besser zur Stimmung des Spiels.

Die Grafik liegt auf Augenhöhe mit den beiden letzten Spielen mit der erneuerten Dragon Engine. Das heißt man erblickt durchaus einige Male ein paar matschige Texturen, gerade die Licht- und Partikeleffekte, die sehr belebte Umgebung Toykos und die Charaktermodelle und Animationen sind aber sehr beeindruckend. Auf der PS4 läuft das Spiel in 900p, die PS4 Pro schafft native 1080p. Was die Performance betrifft, so stieß ich auf keine Probleme. Manchmal wünsche ich mir zwar die 60 fps von „Yakuza Zero“ zurück, aber den Sprung in der Grafik möchte ich wiederum nicht missen.

Wer noch nie ein „Yakuza“ gespielt hat: Ihr bewegt euch in einem offenen Stadtteil, folgt der Main Story, indem ihr bestimmte Missionen erfüllt, könnt aber jederzeit Kamurocho frei erkunden, euch Mini-Spielen hingeben oder etliche Nebenaufgaben erfüllen. Oft stoßt ihr dabei auf den Straßen auf Raufbolde, denen ihr bei Widerworten eine knallen könnt. Als Belohnung gibt es Erfahrungspunkte, die ihr in bessere Fähigkeiten steckt und Charakterwerte investiert. Aber nicht nur fürs Prügeln, auch für erfüllte Aufgaben oder das Speisen in Restaurants erhaltet ihr XP. Dadurch lohnt sich so gut wie jede Ablenkung in „Judgment“.

Dabei lebt die einzigartige Atmosphäre von dem Kontrast der sehr dramatischen und toll geschrieben Hauptgeschichte und den oftmals komplett absurden Nebenaufgaben, die mit urtypischem, japanischem Humor gewürzt sind. Eigentlich müsste einen das aus dem Spiel reißen und dürfte nicht zusammenpassen, intensiviert das Flair von „Judgment“ aber noch. Falls man also eine Pause von den emotionalen Strapazen der Hauptgeschichte braucht, kann man sich bei den Nebenaufgaben einige Schmunzler sichern. Aber auch da gibt es, typisch für das Franchise, oft überraschend herzerwärmende Momente.

Meiner Ansicht nach ist den Entwicklern mit „Judgment“ eine tolle Mischung aus Prügelspiel, RPG, Open World und Detektivarbeit gelungen. Ich bin jedenfalls wirklich begeistert, obwohl ich anfangs etwas skeptisch war, da das letzte Spin-Off zu „Yakuza“, das im Westen erschien, „Yakuza: Dead Souls“, alles andere als brauchbar gewesen ist. Kritisieren könnte man an „Judgment“ nur, dass sich das Spiel im Großen und Ganzen eher geringfügig von der Hauptreihe unterscheidet. Außerdem nerven manche Verfolgungsmissionen, bei denen man stupide Personen hinterherlaufen muss und ab und zu mal hinter ein Auto oder andere Deckung huscht, damit sie einen nicht erspähen.

Das trübt den Gesamteindruck aber nur minimal: „Judgment“ ist ein tolles Spiel, das viel fürs Geld bietet: Technik auf der Höhe der Zeit, eine super Story, abwechslungsreiches Gameplay und wohl rund 40-50 Stunden Umfang. Ich könnte mir sogar gut eine Fortsetzung vorstellen und kann euch den Titel echt nur empfehlen. Falls ihr Thriller mögt, ein Faible für Asien habt oder einfach auf gute Stories in Kombination mit einer offenen Spielwelt und actiongeladenem Gameplay steht, dann zockt „Judgment“ zumindest mal an. Auch dank der englischsprachigen Vertonung, wer sie denn nutzen mag, kam man nie leichter in die „Yakuza“-Reihe hinein.

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André Westphal

Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich eines Tages als Ghostbuster sein Geld zu verdienen oder zumindest das erste Proton Pack der Welt zu testen. Mit geheimniskrämerischem Konto auch bei Facebook zu finden. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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2 Kommentare

  1. Kurz mal eine Frage, da Du OT mit Untertiteln magst. Klaut dieser Umstand nicht Atmosphäre, weil man lesen muß und gar nicht mehr auf Mimik und generell das Bild achten kann? Mich stört dies z.B. insbesondere, wenn in einer Phantasiesprache gesprochen wird, z.B bei Game of Thrones, auch wenn ich die Serie liebe.

    • André Westphal says:

      Also englischsprachige Sachen schaue ich immer ohne Untertitel, generell mag ich es auch lieber ohne. Ich bin einfach sehr an die japanische Sprache bei Yakuza gewöhnt und deswegen hat sich die englische Vertonung für mich einfach deplatziert angefühlt. Vor allem da das japanische Flair natürlich extrem ausgeprägt ist und wenn dann plötzlich alle Menschen in der urtypischen Umgebung englisch reden, dann passt das für mich einfach nicht.

      Ist aber so eine Sache und es ist ja gut, dass es beide Optionen gibt – für sich genommen ist die englische Umsetzung auch gut gemacht, was die Sprecherwahl und Dialogregie angeht, zumindest das, was ich mir angehört habe. Aber ich ziehe die japanische Version vor :-).

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