Deezer setzt sich für ein neues Abrechnungsmodell beim Musikstreaming ein

Deezer ist ein Anbieter von Musikstreaming, der direkt mit Apple Music und Spotify konkurriert. Dass sich letztere mit der Musikindustrie auch nicht immer so ganz einig sind, ist ja bekannt. Deezer will da nun ein paar Spannungen auflösen und plädiert für ein nutzerbasiertes Abrechnungsmodell – man nennt es auch User-Centric Payment System (UCPS). Klar, dass Deezer daraus aber auch einen eigenen Vorteil ziehen möchte, denn reiner Altruismus steckt nicht dahinter.

Eine offizielle Website zu UCPS hat Deezer dann auch schon eingerichtet. So möchte Deezer, dass die Streaming-Lizenzgebühren in Zukunft nicht mehr auf Marktanteilen basieren, sondern auf besagtem, nutzerbasierten Abrechnugsmodell. Über die verlinkte Website ist für Abonnenten von Deezer Premium sogar transparent, welcher Anteil ihrer Abo-Gebühren nach dem momentanen Modell an die von ihnen angehörten Künstler geht. Als Vergleich führt Deezer auch auf, was die jeweiligen Künstler nach Einführung eines UCPS erhalten würden.

Beim UCPS würde nicht mehr die Anzahl der Streams betrachtet, sondern die Anzahl der Hörer. Dieses Modell würde auch manche Tricksereien bzw. Verzerrungen erschweren, die aktuell durch Bots und Dauerhörer entstehen. Ein Streaming-Account kann unter UCPS nur den Umsatz generieren, der auch investiert wurde, also die Abo-Gebühr. Aus finanzieller Sicht werden Bots oder gekaufte Clicks damit uninteressanter.

Zudem unterstützt jeder einzelne Nutzer nur noch die Künstler, die er oder sie auch anhört. Ist aber so eine Sache: Deezer gibt an, dadurch würde die Bindung zwischen Künstlern und Fans gestärkt und es würde auch mehr Raum für Diversität schaffen. Ob das am Ende aber so in der Praxis hinkommt? Deezers eigentliche Motivation erscheint mir hier eher darin zu liegen, Geld zu sparen. Ich vermute nach dem angestrebten UCPS-Modell müsste man weniger Gebühren an die Künstler und Labels ausschütten. Das dürfte eher hinter den Bestrebungen des Anbieters stecken, als für Fairness zu sorgen – auch wenn das eventuell ein willkommener Nebeneffekt wäre.

Derzeit kalkuliert man die Auszahlungen noch auf Basis eines Modells, das den Gesamtmarktanteil und abgerufene Streams berücksichtigt. Deezer kritisiert daran, sicher auch nicht ganz zu Unrecht, dass davon vor allem bekannte Künstler profitieren, während für kleinere Acts deutlich weniger abfällt. Auch ist die Manipulation durch Bots leichter – dazu habe ich euch oben auch mal ein sehr spannendes Video verlinkt, welches das Problem anhand einiger Hip-Hop-Künstler verdeutlicht.

Apple hatte übrigens mal eine einfachere Idee, die leider keine Früchte trug: Man hatte vorgeschlagen unabhängig von den Marktanteilen des jeweiligen Streaming-Anbieters und der Popularität des Künstlers 0,00091 US-Dollar pro Stream über 30 Sekunden zu zahlen. Denn in Cupertino hält man bisherige Vergütungsmodelle für deutlich zu kompliziert. So zahle eben jeder Streaming-Anbieter einen anderen Betrag, weil die Marktanteile berücksichtigt würden. Es ergebe aber eigentlich keinen Sinn, dass für denselben Song desselben Künstlers unterschiedliche Summen flössen. Zumal die Künstler dadurch abhängig vom Erfolg der einzelnen Anbieter seien.

Fairer sei also, wenn jeder Streaming-Anbieter mit denselben Bedingungen arbeite. Apples Vorschlag wurde in den USA allerdings abgeschmettert. Google und Spotify machten sich unter anderem gegen jene Lösung stark und lehnten sie ab. Im Falle von Spotify ist das nur logisch, denn auch das werbefinanzierte Angebot wäre betroffen gewesen, das für die Schweden ohnehin ein Verlustgeschäft ist. Langfristig muss man den Markt mal beobachten. Zu hoffen ist nur, dass am Ende nicht wieder Insellösungen regieren – in diese Ecke bewegt sich aktuell ja leider wieder der Markt für Videostreaming.

Update (13.09.2019):

Deezer hat sich bei mir gemeldet, um die Pläne rund um das nutzerbasierte Abrechnungsmodell noch etwas mehr aufzuschlüsseln:

Wir würden auch nach dem neuen Modell dieselbe Menge Geld ausschütten. Zudem verdient Deezer nach beiden Modellen gleich. Es geht zunächst darum ein Bewusstsein zu schaffen und eine öffentliche Diskussion anzuregen, da viele Nutzer sowie auch Künstler nicht wissen, wie das Abrechnungsmodell im Streaming überhaupt funktioniert. Zudem möchten wir alle relevanten Parteien informieren, denn das neue Modell kann nur umgesetzt werden, wenn auch alle Rechteinhaber, Künstler, etc. an Bord sind.

Deezer setzt sich schon seit zwei Jahren für UCPS ein und hat inzwischen jede Menge Daten dazu analysiert. Jetzt sind wir auch mit der technischen Infrastruktur so weit, dass wir das UCPS umsetzen könnten. In Deezers Heimatmarkt Frankreich gibt es für das neue Modell des Weiteren Rückenwind und Unterstützung von politischer Seite, denn dort wird die Förderung lokaler Künstler und Genres großgeschrieben.

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André Westphal

Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich eines Tages als Ghostbuster sein Geld zu verdienen oder zumindest das erste Proton Pack der Welt zu testen. Mit geheimniskrämerischem Konto auch bei Facebook zu finden. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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8 Kommentare

  1. Laut der Webseite darf Deezer von 20€ nur 6€ behalten – also 30%. Mal angenommen bei Spotify ist es genau so: dann blieben für Spotify noch genau 0% übrig, nachdem sie 30% Apple-Steuer gezahlt haben. Wow, Subscriptions über den App Store lohnen sich echt nicht für Musik Streaming Anbieter (außer natürlich Apple selbst). Da kann ich gut verstehen dass Spotify da nicht mehr mitmacht und sich stattdessen bei der Wettbewerbsbehörde Beschwerde einreicht.

    • So wie du rechnest, werden also alle Spotify Abos über den Apple App Store abgerechnet. 1. Seit wann bietet Spotify sein Streaming nur auf Apple Geräten an, so dass 30% an Apple zu zahlen wären? 2. Informiere dich besser, denn Spotify bietet das Abo gar nicht mehr per inApp-Kauf bei Apple an, nur noch bestehende Abonnenten, die seinerzeit das Abo vor der Änderung in der App abgeschlossen haben, werden noch über Apple abgerechnet. 3. Ab dem 2. Jahr eines über Apple abgeschlossenen Abos zahlt Spotify nicht 30%, sondern 15% an Apple.

      Völliger Quatsch also, was du da von dir gegeben hast.

  2. Das Problem wird sich im Videomarkt auch wieder lösen, wenn die Rechteinhaber erkennen, dass sie sich dadurch nur wieder das Schwarzkopie Problem neu schaffen und verschärfen, und damit selbst schaden.

    • Sicher. Doof nur, dass deren Reaktion vermutlich wieder darin liegen wird, mehr Geld in die Lobby zu investieren, weil man das Urheberrecht – und somit die eigene Existenz – wieder bedroht sieht, statt das hausgemachte Problem konstruktiv zu lösen. Was will man auch attraktive Angebote für die Kunden aufziehen, wenn die eh alle illegal downloaden! Raubmordkopierer!!!!!eins1!!111

      Was mich gerade zu der Frage bringt, wie sich unter solchen Bedingungen mal das Modell der klassischen Videothek entwickeln und etablieren konnte? Ich glaube, unter solchen Bedingungen, die sich hier bei den Streaming-Diensten anbahnen, wird das wieder ein verdammt attraktives Modell. Persönlich hatte ich jedenfalls noch nie ein Problem damit, zu warten, bis ein Film auf DVD/Blueray in der Videothek verfügbar war. Zumal die dort früher raus kamen, als die Kaufversion.

  3. Und wie genau würde das Geld einsparen aussehen? Wenn man schon so eine Unterstellung in den Raum wirft.

    • André Westphal says:

      Ist doch im Artikel erwähnt: Da die Lizenzzahlungen quasi an die Abo-Gebühren direkt gekoppelt wären, könnte Deezer dann zwangsläufig nie mehr zahlen, als ein Abonnent zahlt – nach dem aktuellen Modell kann das aber theoretisch durchaus geschehen. Zumindest verschieben sich die Relationen dann zum Vorteil der Streaming-Anbieter – das nimmt man sicherlich gerne mit.

  4. Ich fände das total super, da ich fast ausschließlich Nische höre und die Künstler in dem Bereich auch immer Probleme mit streaming haben, den meine 10 Euro monatlich gehen zu 99% nicht zu ihnen sondern zu Künstlern, die ich nie höre. Für mich persönlich heißt dass dann also meine Geld geht zum großen Teil an die, die ich höre. Die Künstler müssen ihre CDs nicht aus dem Katalog nehmen, weil sie monatlich Geld sehen…
    Finde es fair und jeder streaming Dienst sollte das so machen

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