„Shenmue 3“ angespielt: Ein ruhiger Nostalgie-Trip

„Shenmue“ und „Shenmue II“ sind unter Dreamcast-Fans legendär und zählen zu den bekanntesten Games für Segas gefloppte Konsole. Damals mit einem Triple-A-Budget produziert, hoben sie sich durch ihre detailverliebten Spielumgebungen und den Gameplay-Mix aus Adventure, Prügelspiel und Alltags-Simulation von anderen Titeln deutlich ab. Wider Erwarten ist nun, 20 Jahre nach der Veröffentlichung des Erstlings, ein dritter Teil für den PC und die PS4 erschienen.

Yu Suzuki, der Schöpfer der Reihe, startete dafür 2015 eine Kickstarter-Kampagne, die mit einem Ergebnis von 6,33 Mio. US-Dollar sehr erfolgreich verlief. Am 19. November 2019 ist es dann so weit gewesen und „Shenmue III“ ist auf den Markt gekommen. Wer die beiden Vorgänger übrigens verpasst hat: Es gibt mittlerweile HD-Neuauflagen der Spiele für die PS4, den PC und auch die Xbox One, welcher Teil 3 aber leider vorenthalten bleibt.

Liest man nun die meisten Tests, so kommt „Shenmue III“ in der Regel gut weg, wird aber nur Fans der Serie empfohlen. Neueinsteiger könnten von dem doch eher altbackenen Gameplay mit vielen Eigenheiten abgeschreckt sein. Zumal „Shenmue III“ im Vergleich zu den beiden Vorgängern kein Triple-A-Budget mehr erhalten hat. Deswegen wurde es auch auf Basis der Unreal Engine 4 entwickelt, statt wie bei den Vorgängern auf eine eigene Lösung zu setzen.

Ich habe Teil 1 und 2 nie wirklich gespielt. Vielmehr begegnete ich „Shenmue“ damals mit viel Unglauben in einem Karstadt hier in der Nähe. Damals stöberte ich in der Spieleabteilung. Als (damals) reiner PC-Gamer besaß ich keine aktuelle Konsole und war von „Shenmue“ an der neu veröffentlichten Dreamcast ziemlich weggeblasen – zumindest aus technischer Sicht. Das Gameplay konnte ich in meiner 10-minütigen Anspielsession kaum erfassen. Man sieht aber – bis heute erinnre ich mich an diese „Begegnung“.

Entsprechend habe ich mich trotz der Warnungen in anderen Tests an „Shenmue 3“ herangewagt. Motiviert hat mich dabei auch, dass ich riesiger Fan der „Yakuza“-Reihe bin, welche sich bekanntermaßen von „Shenmue“ Inspiration geholt hat. In die Vorgeschichte wird man übrigens gut hinein geholt. Denn es gibt direkt im Hauptmenü die Option sich einen Rückblick auf die Handlung von „Shenmue“ und „Shenmue II“ geben zu lassen. Klar, diese Option habe ich dankbar angenommen.

Auch so hat mich „Shenmue III“ dann aber direkt mit einer verträumten Stimmung abgeholt. Das Spiel verlagert die Handlung zwar später in eine Stadt, beginnt aber in einem beschaulichen Dörfchen mitten in der chinesischen Natur. Von „Yakuza“ hebt man sich dabei übrigens doch in der Stimmung sehr ab. Während die Spiele um Kazuma Kiryu von ihrem Kontrast aus dramatischer, ernster Haupthandlung und vollkommen absurden Nebenaufgaben zehren, gibt sich „Shenmue III“ da mehr aus einem Guss und deutlich ruhiger. Daran musste ich mich erst gewöhnen, was aber an meiner Erwartungshaltung gelegen hat.

Mit „Yakuza“ hat „Shenmue III“ aber den eigenwilligen Charme bzw. eine gewisse Schrulligkeit gemeinsam. Während „Yakuza 6: Song of Life“ und „Yakuza Kiwami 2“ aber schon deutlich moderner daherkamen, fühlt sich „Shenmue III“ teilweise wie ein Titel aus den frühen 2000er-Jahren an. Das fängt bei dem hässlichen aber irgendwie auch nostalgischem Titel-Screen an und erstreckt sich bis tief in die Gameplay-Mechaniken. Die Mini-Spielchen, die man etwa im Alltag immer wieder wiederholen muss, um Geld zu verdienen oder seine Martial-Arts-Fähigkeiten aufzupolieren, beschränken sich in der Regel auf simple Quicktime-Events.

Auch die „seltsamen“ Dialoge muss man mögen. Ein ums andere Mal musste ich doch bei den Gesprächen herzlich lachen, weil der banale Wortaustausch zwischen dem Protagonist Ryo Hazuki und den Dorfbewohnern völlig ergebnislos verlief, aber mit so einer Stoik durchgeführt wurde, dass die unfreiwillige (?) Komik mich aus der Atmosphäre riss. Doch auch wenn das Gameplay altbacken wirkt, hat es etwas Erfrischendes: Wer mit der Mentalität „früher war alles besser“ heutige Games verdammt, die einen bei allem an die Hand nehmen und sehr bequem sind, der wird sich bei „Shenmue III“ wieder wie in seiner Jugend fühlen.

Technisch kann man übrigens nicht wirklich meckern: An der PS4 Pro läuft das Spiel zwar nur in 1080p, man holt aus der Unreal Engine 4 aber detaillierte Spielumgebungen mit knackigen Texturen, dynamischem Wetter und einem sehr sauberen Bild, frei von flimmernden Kanten heraus. Allerdings ist das Bild insgesamt durch die geringe Auflösung an 4K-TVs doch recht weich gehalten. Mich hat das persönlich allerdings nicht so gestört, da der weichgezeichnete Look irgendwo auch zur eher verträumten Atmosphäre passt.

So sollte man den Action-Anteil von „Shenmue III“ dann auch nicht zu hoch bewerten: Manchmal haut man sich zwar mit Gegnern die Nase platt, doch das Gros des Spiels plappert man mit anderen Charakteren, gibt sich Aktivitäten hin, um Geld zu verdienen und durchsucht allerlei Schränke nach versteckten Gegenständen. Hier kommen eben die Adventure-Elemente ins Spiel, da die Story nur fortgesetzt werden kann, wenn ihr bestimmte Handlungs-Puzzleteile entdeckt habt. „Shenmue III“ hat also mehr mit einem „Sherlock Holmes“-Titel gemeinsam als mit klassischen Action-Adventures.

Genau das macht die Spielereihe wohl auch so kontrovers. Denn ich kann nachvollziehen, warum viele Gamer mit dieser Art von Spiel absolut nichts anfangen können. „Shenmue III“ nimmt sich Zeit zu entspannen. Es handelt sich hier eben nicht um ein Spiel, das dem Nutzer den nächsten Adrenalin-Kick verpassen will. Stattdessen eignet es sich perfekt, um nach einem Arbeitstag herunterzukommen, ein oder auch zwei Stunden in der malerischen Welt zu verschwinden und dann wegzuschlummern. Entsprechend würde ich hier z. B. auch kein Binge-Gaming empfehlen, sondern kleine Dosen.

Sonst stört man sich eventuell auch fix an der Monotonie: Geld durch das Hacken von Holz verdienen, für den Kampfsport trainieren, Lebensmittel kaufen, um die eigene Energie hochzuhalten – und das immer wieder im Kreis, kann einem sonst durchaus auf den Geist dienen. Dieser Loop macht vor allem dann Spaß, wenn man ihn, wie Ryo, in langsamem Tempo angeht. So sind es bei „Shenmue III“ eher die kleinen Dinge, die einen mitreißen und diesen Titel aus der Masse herausstechen lassen – etwa Ryos wirklich erstklassig geschriebene Beziehung zu seiner Freundin Shenhua, die sich mit der Zeit entwickelt und so dreidimensional wird, wie in einer guten TV-Serie.

Nach einigen Stunden mit „Shenmue III“ gebe ich den bisherigen Tests in dem Sinne recht, dass das Game tatsächlich kein Spiel für jedermann ist. Es spricht, wie auch viele Pixel-Art-Games, Retro-Gamer an und weckt Nostalgie – nur auf andere Weise. Auch wenn ich die Vorgänger nie richtig gezockt habe, fühlte ich mich in „Shenmue III“ sehr flott zu Hause. Seht das also durchaus als Ermunterung mal reinzuschnuppern, falls es euch ähnlich ergeht wie mir. Ich mag aber eben auch Games wie das mehrfach erwähnte „Yakuza“, sodass da sicher eine gewisse Affinität zum Gameplay von „Shenmue“ gegeben gewesen ist.

Falls euch wiederum moderner Komfort wichtig ist, ihr permanente Spannung und Action wünscht, dann ist „Shenmue III“ nichts für euch und ihr werdet rasch „laaangweilig“ rufen. Mir gefällt „Shenmue III“ aber ausgesprochen gut und ich werde sicherlich noch viele entspannte Stunden in das Game buttern. Gibt es unter euch Fans der Reihe? Wie hat euch denn diese unverhoffte Fortsetzung gefallen?

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André Westphal

Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich eines Tages als Ghostbuster sein Geld zu verdienen oder zumindest das erste Proton Pack der Welt zu testen. Mit geheimniskrämerischem Konto auch bei Facebook zu finden. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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Ein Kommentar

  1. tomasioBLITZ says:

    SHENMUE III Backer hier: Ich freue mich auf das Spiel – werde aber vorher erst noch Kingdom Hearts 3 spielen, nachdem ich nun endlich Dragon Quest 11 nach 140h durchgespielt habe – alles Empfehlungen 🙂

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