„GreedFall Gold Edition“ im Test: Traditioneller Titel für Rollenspiel-Fans

Das Rollenspiel „GreedFall“ erschien ursprünglich bereits im Herbst 2019 für den PC, die Xbox One und die PlayStation 4. Nun haben die französischen Entwickler Spiders und der Publisher Focus Home Interactive nicht nur mit „The De Vespe Conspiracy“ eine Erweiterung veröffentlicht, sondern schicken auch eine Gold-Edition des Spiels in die digitalen Stores sowie den physischen Handel. Wer jene an der PlayStation 5 bzw. Xbox Series X|S zockt, kommt zudem in den Genuss technischer Verbesserungen.

Preislich ruft man für die neue Gold-Edition, welche das Add-On direkt enthält, 39,99 Euro aus. Falls euch der Entwickler Spiders auf Anhieb nichts sagt: Wie der Publisher Focus Home Entertainment, so ist das Studio für seine Double-A-Spiele bekannt. Man kann also nicht mit Budgets wie Bioware, Bethesda oder CD Projekt RED arbeiten, wildert aber auch nicht im Indie-Segment. „Bound by Flame“ stammte etwa ebenfalls von den Franzosen. „GreedFall“ ist meiner Ansicht nach aber das mit Abstand anspruchsvollste Projekt und auch das beste Spiel des Studios.

Die Geschichte des Rollenspiels ist schnell erzählt: Als Adeliger namens De Sardet aus einem Land, das von einer mysteriösen und bisher unheilbaren Krankheit geplagt wird, reist man auf die Insel Teer Fradee. Letztere ist teilweise noch unerforscht und könnte ein Heilmittel bergen. Das Szenario wirkt ein wenig historisch und erinnert an die Kolonialzeit, spielt aber in einer fiktiven Welt. So kann man dann auch nicht nur Pistolen, Schwerter und Co. schwingen, sondern sich auch mit Magie behelfen. Bei der Charaktererstellung legt man hier nicht nur erste Schwerpunkte in Attributen und Fähigkeiten fest, sondern wählt auch Geschlecht und Optik der eigenen Figur.

Die gewählten Schwerpunkte wirken sich nicht nur auf Kämpfe, sondern auch auf Dialoge und andere Aspekte des Gameplays aus. Wer etwa seine Attribute passend steigert, kann auch über dünne Planken balancieren und so Areale erreichen bzw. Abkürzungen nehmen, die Tölpeln verborgen bleiben. Mit einem hohen Charisma wiederum kann man in Dialogen sein Gegenüber becircen und so oft sein Ziel erreichen, ohne sich einem Kampf widmen zu müssen. So ergeben sich dann auch unterschiedliche Lösungswege für die Quests der Spielwelt.

Letztere sind unterschiedlicher Natur: Mal liefert ein Händler keine Ausrüstung an die Stadtwache, weil er mehr Geld herausschlagen möchte, ein anderes Mal taucht ein Schiffsjunge nicht auf und wir gehen seinem Verschwinden auf die Spur. Es gibt immer kleine Geschichten, die ab und an auch mal einen unerwarteten Twist nehmen. Erwartet aber keine Qualität vom Kaliber eines „The Witcher 3: Wild Hunt“ oder „Yakuza: Like A Dragon“. Die Nebenaufgaben sind zudem nach einer Weile recht durchschaubar. So sind auch viele klassische Fetch-Quests dabei oder Aufgaben vom Schema „Töte X Monster“ bzw. „Bringe Gegenstand X zu Person Z“.

Die Kämpfe sind erfreulicherweise gar nicht so sehr der Schwerpunkt des Spiels, sondern „GreedFall Gold Edition“ lädt durchaus dazu ein, eher in der Geschichte zu versinken. So gibt es auf der Insel Teer Fradee unterschiedliche Fraktionen. Bei jeder von ihnen genießt man eine bestimmte Reputation, welche durch die eigenen Handlungen steigen und sinken kann. Man kann zwar eine Weile die Parteien gegeneinander ausspielen, früher oder später wird man sich aber entscheiden müssen und bei der ein oder anderen Gruppe mehr Punkte sammeln, als bei der anderen.

Jede Fraktion bringt Vor- und Nachteile in ihrer Moral mit sich. Die eine verhält sich etwa streng religiös und verdammt alles, was gegen den eigenen Glauben läuft. Dafür versucht man aber auch im Rahmen seiner Ideologie ethisch zu handeln. Das Gegenteil ist die Brückenallianz, die der Wissenschaft offen gegenüber steht, dafür aber auch skrupellose Experimente durchführt und die Ureinwohner von Teer Fradee als Primitivlinge abstempelt. Auch die eigenen Begleiter, die man im Spiel einsammelt, haben dabei zur Herangehensweise des Spielers eine Meinung, was sich auf potenzielle Romanzen auswirkt und zu handfesten Konflikten führt, wenn man stets gegen die Ansichten der Kameraden entscheidet. Im schlimmsten Fall verlassen Begleiter wie die Ureinwohnerin Siora dann sogar wieder die Truppe.

Die Kämpfe von „GreedFall“ sind, wie ich bereits beschrieb, nicht der Schwerpunkt des Spiels und das ist auch gut so. Denn teilweise fühlen sie sich etwas hölzern an. Ich selbst spielte einen Charakter mit Schwerpunkt auf Magie und zauberte gerne aus der Ferne. Das ist aufgrund des etwas störrischen Ausweichens, nicht immer einfach gewesen, zumal die Animationen und eine gewisse Latenz verhindern, dass sich die Scharmützel so dynamisch wie in anderen Titeln anfühlen. Die Begleiter hauen dabei gerne mit drauf und agieren größtenteils gescheit. Von den Gegnern kann man das nicht immer behaupten. Mehrfach konnte ich die KI austricksen, indem ich bei größeren Gruppen einzelne Feinde plattmachte und dann ein paar Schritte zurücklief. In der Regel stapfen die Schergen dann zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Ihre Energie lädt sich dann zwar wieder auf, so kann man aber entspannt einzeln Feind für Feind erledigen, ohne sich mit einer Masse herumschlagen zu müssen.

Technisch ist „GreedFall Gold Edition“ ein bisschen wie eine Wundertüte: Da stecken einige richtig gute Sachen drin, andere sind erschreckend billig. Lob verdient vor allem der Soundtrack, der sich teilweise mit Streichern, Gesang und Percussion sehr organisch ins Geschehen integriert und hochwertiger wirkt, als bei manchem Triple-A-Titel. Die englischsprachige Vertonung geht in Ordnung, einige Sprecher wirken aber etwas gelangweilt. Eine deutsche Sprachausgabe gibt es nicht, sehr wohl aber deutsche Untertitel. Leider wirken die Lippenanimationen sehr krude und passen so gut wie nie richtig zum gesprochenen Wort. Das erinnert eher an die vorletzte Konsolengeneration.

Wiederum sehen die Texturen, die Spielwelt und die Lichtstimmungen teilweise richtig gelungen aus. Gerade in den größeren Hub-Arealen von Teer Fradee gibt es eine hohe Weitsicht und auch die Performance ist sehr stabil. Schade ist, dass sich dafür die Gebäude innen alle recht steril anfühlen und mit künstlichen Begrenzungen verwirren: Da sieht man dann etwa eine Treppe, die frei nach oben führt, kann sie aber nicht betreten. Solche etwas unnatürlichen Begrenzungen erlebt man auch in den Städten hin und wieder.

Dank HDR und 4K-Grafik ist „GreedFall Gold Edition“ aber visuell durchaus ansehnlich, auch wenn man die Cross-Generation-Wurzeln deutlich erkennt. Gefundene oder gekaufte Items machen sich ebenfalls visuell bemerkbar. Es gibt hier ein vollwertiges Equipment-System mit Stiefeln, Hüten, Capes, Mänteln, etc. Ständig neue Loot ergattert man allerdings nicht, die besten Items muss man sich von mächtigen Gegnern erkämpfen. Auch die Aufwertung der Waffen und Rüstungen ist an Werkbänken möglich, vorausgesetzt man verfügt über die notwendigen Fähigkeiten.

„GreedFall Gold Edition“ ist durchaus ein langes Spiel, denn mit der neuen Erweiterung „The De Vespe Conspiracy“ könnt ihr wohl gut 35 Stunden einkalkulieren. Wer ältere Bioware-Spiele wie „Jade Empire“ schätzte, wird hier sicherlich viel Spaß an dem etwas ungeschliffenen aber guten Rollenspiel haben, dem man sein beschränktes Budget eben etwas anmerkt.

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8 Kommentare

  1. Macht euch auf die längsten Laufwege eurer Gamer Geschichte gefasst, ohne Witz.

  2. Total langweiliges Spiel, eines der wenigen Rollenspiele die ich abgebrochen habe. Lange Laufwege, immer gleiche, respawnende Gegner, eintönige Aufträge. Verstehe nicht die guten Kritiken, so toll ist die Story auch nicht, dass sie alles wieder rausreißt.

    • Genau so erging es mir auch. In der ersten Stadt war ich noch dabei, aber dann auf der Insel angekommen hat mir das ständige Gelaber dann irgendwann gereicht. Und mir gefallen normalerweise Spiele mit guter Geschichte. Für GreedFall jedoch hat meine Geduld einfach nicht gereicht.

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