„Dying Light 2: Stay Human“ im Test: Ein würdiger Nachfolger

„Dying Light 2: Stay Human“ ist das neueste Spiel des polnischen Entwicklerstudios Techland, die trotz langjähriger Arbeit dann so richtig durch „Dead Island“ bekannt geworden sind. Jenem Spiel zollt man dann auch direkt zu Anfang durch eine kleine Anspielung in seinem neuen Open-World-Zombie-Abenteuer Tribut. Wie der Vorgänger ergeht sich „Dying Light 2: Stay Human“ allerdings in einer deutlich ernsteren Atmosphäre. Lohnt hier das Anspielen?

Zunächst behält Techland einen „Klassiker“ bei: Zumindest meine Vorabversion war noch relativ verbuggt. Techland hat zwar versprochen, die meisten Fehler über einen Day-One-Patch auszumerzen, ob das gelungen ist, konnte ich zum Zeitpunkt des Schreibens aber noch nicht absehen. So brach bei meinem Spielen an der Xbox Series X ab und an die Framerate unvermittelt ein, kurzzeitig stotterte mal der Ton oder erschlagene Untote fielen nicht etwa zu Boden, sondern mutierten zu Zitteraalen, die aufrecht vor sich hin zuckelten.

Ich selbst kann das bei so einem Open-World-Spiel durchaus zum Launch verzeihen, solange Missionen dadurch nicht zerschossen werden. Auch das kam aber leider vor. Manche Questgeber ließen etwa plötzlich nicht mehr mit sich reden, auch das soll aber zum Launch nun behoben sein, sodass ihr hoffentlich nicht fürchten müsst, ständig alte Spielstände für neue Versuche zu laden. Ansonsten macht „Dying Light 2: Stay Human“ im Übrigen technisch eine gute Figur.

Klar, auch diesem Titel sieht man seine Last-Gen-Wurzeln an, was sich sowohl in den Charaktermodellen als auch der Umwelt mit ab und an etwas verwaschenen Texturen zeigt. Und auch Pop-In kommt regelmäßig vor, sodass man den Zombies manchmal eine Teleportations-Fähigkeit unterstellen mag. Die Weitsicht ist aber sehr beeindruckend und der Schauplatz des Spiels, die Stadt Villedoor, ist visuell vielfältiger als das tristere Harran des Erstlings.

Während die Umgebung an Farbe gewonnen hat, bleibt Protagonist Aiden Caldwell jedoch ziemlich blass. Die Motivation des Charakters, seine verschollene Schwester aufzuspüren, übertrug sich zudem nie auf mich, da sie als kleines Mädchen in den sporadischen Flashbacks eher anstrengend als sympathisch wirkt. Wie schon im ersten Teil, sind es aber die Storys der anderen Bewohner, die gut gemacht sind. Dabei gibt es neben der Hauptgeschichte auch zahlreiche Nebenaufgaben zu entdecken.

Die ersten drei bis vier Stunden, je nach Schwierigkeitsgrad und eurer Spielweise, sind allerdings mehr ein Tutorial. Ihr beginnt in der Pampa und werdet nach und nach in die Stadt geführt bzw. schrittweise mit Spielmechaniken wie dem Parkour, der Kampfmechanik, Skilltrees sowie dem lebensnotwendigen UV-Licht konfrontiert. Letzteres spielt eine Rolle, da Aiden direkt zu Beginn des Spiels auch mit dem Zombie-Virus infiziert wird. Das heißt, er darf sich nicht zu lange im Dunkeln aufhalten, sonst droht ihn die Infektion zu übermannen. Bereiche mit UV-Licht dienen also nicht nur als Ruhezonen vor den Zombies, sondern bremsen auch Aidens eigene Infektion bei der nächtlichen Erkundung aus.

Genau: Wie im ersten Teil wechselt ihr nämlich zwischen Tag und Nacht. Tagsüber sind die Straßen etwas sicherer, dafür ist das Innere von Gebäuden von Zombies besetzt und schwerer zu erkunden. In der Nacht wimmelt es zwar abseits der Hausdächer von Untoten, dafür könnt ihr die Gelegenheit beim Schopfe packen und vielleicht in den maroden Wolkenkratzern neue Ausrüstung ergattern.

Dabei levelt ihr nach und nach eure Fähigkeiten auf, um etwa noch beherzter über die Dächer zu turnen oder im Kampf neue Moves zu erlernen. Ihr findet dabei ständig neue Waffen, die allerdings allesamt nach einer Zeit zerbrechen. Einige Male könnt ihr eure Baseballschläger, Rohre und Bretter allerdings wieder reparieren lassen und sogar aufrüsten, bevor doch der Blick nach Ersatz schweift. Zudem lohnt es sich, sogenannte Inhibitors zu finden, die eure Resistenz gegen das Virus erhöhen bzw. euch so mehr Energie und Co. verschaffen.

Feuerwaffen findet ihr in „Dying Light 2: Stay Human“ im Übrigen gar nicht. Allenfalls mit einem Bogen dürft ihr den Fernkampf bestreiten. Meistens müsst ihr also mit den Untoten auf Tuchfühlung gehen – und auch mit den menschlichen Gegnern. Hier ist die USK-Version des Spiels im Übrigen geschnitten, um Verstümmelungen bei Menschen und Angriffe auf neutrale Charaktere auszuschließen.

Das Spielgefühl mit seiner Mischung aus Parkour und etwas hölzernen, aber unterhaltsamen Kämpfen ist dabei grundsätzlich identisch geblieben, und doch verfeinert worden. Das gilt auch für die Technik, welche euch an aktuellen Konsolen drei Grafikmodi reicht: „Performance“ läuft mit 60 fps in 1080p. „Quality“ kommt ebenfalls mit 1080p daher, reduziert aber zugunsten von Ray-Tracing auf 30 fps. Dann wäre da noch der Modus „Resolution“, der an der Xbox Series X nahe 4K auflöst, aber mit 30 fps läuft und kein Ray-Tracing bietet.

Mir hat der Modus mit der höchsten Auflösung am besten gefallen, denn mit 1080p sieht „Dying Light 2: Stay Human“ an einem 4K-TV doch sehr rau aus. Rau geht es übrigen im Spiel ohnehin zu: Die Welt ist harsch und das gilt auch für den Gameplay-Loop. So steht man als Spieler im Grunde permanent unter Strom: Entweder man hetzt zum nächsten UV-Licht, rennt in einer Verfolgungsjagd vor aufgestachelten Zombies davon oder kraxelt über die Dächer, oft in der Angst, beim nächsten Move nicht ausreichend Ausdauer für den Griff nach der Dachkante übrigzuhaben.

Wer sich also beim Spielen gerne Zeit nimmt, eher in Ruhe die Spielwelt in sich aufsaugen möchte, der ist bei „Dying Light 2: Stay Human“ an der falschen Adresse. Ein gewisser Druck aufs Gaspedal herrscht hier eigentlich immer – zumindest wird es so nicht langweilig. Die große Spielwelt nutzt dabei Mechaniken, wie man sie aus vielen Open-World-Titeln kennt. Angekommen auf einem hohen Punkt könnt ihr etwa eurer Fernglas zücken. Richtet ihr es auf einen interessanten Ort, fokussiert es sich von alleine und der entdeckte Platz wird markiert bzw. in eurer Karte hinzugefügt. Fortan könnt ihr ihn also als Ziel markieren und tracken. So schaltet ihr etwa neue Ruhezonen frei.

Im Vorfeld warb Techland ja damit, die Rollenspiel-Elemente in „Dying Light 2: Stay Human“ im direkten Vergleich mit dem ersten Teil massiv ausgebaut zu haben. Daher sollten eure Entscheidungen im Spiel eine große Rolle spielen. Ich habe es in meiner Testphase nicht geschafft, das Spiel komplett durchzuspielen, gewann aber bisher nicht den Eindruck, das wäre in dem Ausmaß der Fall, wie es angedeutet worden ist.

Vermutlich wollte man nicht, dass der Spieler sich vorschnell „festfährt“. So ist es durchaus machbar, erst einer bestimmten Fraktion zu helfen, später aber dann doch (mehrfach) die Seiten zu wechseln. Sinn ergibt das aus Gameplay-Sicht, damit der Spieler die Freiheit behält. Erzählerisch ist es hingegen eher witzig, dass man somit bestimmte NPCs erst hintergeht, sich dann aber wenig später doch wieder die Hände mit ihnen reicht. Die Geschichte von „Dying Light 2: Stay Human“ wirkt dadurch stellenweise eher wie eine Seifenoper und weniger wie ein ernsthaftes, postapokalyptisches Drama. Das hat aber auch seine eigenen Reize.

Mir hat „Dying Light 2: Stay Human“ bisher jedenfalls viel Spaß gemacht. Techland erfindet das Rad nicht neu, sondern präsentiert quasi eine aufgebohrte, abwechslungsreichere Version des Vorgängers. Wer mag, kann sich in diesem Open-Word-Spiel sicherlich für Wochen verlieren, es ist aber auch möglich sich auf die Hauptstory zu konzentrieren, auch wenn einige zentrale Kämpfe dann natürlich schwieriger sind. Ein Aspekt, der sicher wichtig ist: Das Game lässt sich auch im Koop zocken, was beim ersten Teil ein absolutes Highlight gewesen ist. Leider war dies vor dem Launch noch nicht implementiert, sodass ich dieses Feature nicht berücksichtigen konnte. Hoffen wir, dass man da bugfrei ans Werk gehen kann.

„Dying Light 2: Stay Human“ ist nichts für schwache Nerven und so wird der Feierabend durch diesen Titel zwar nicht stressfrei, aber sehr spannend. Ich kann das Game jedenfalls unbedingt Fans des Erstlings empfehlen und auch denjenigen, die nach einer eigenständigen Open World mit guten Haupt- und Nebenmissionen suchen. Das erste Spiel versorgte Techland auch noch mit vielfältigen Updates sowie einem tollen Add-on. Insofern nehme ich an, dass man auch an Teil 2 über den Launch-Zeitraum hinaus seinen Spaß haben wird. Schon jetzt liegt hier ein düsteres Zombie-Abenteuer vor, das mit seinem rauen Charme überzeugt.

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Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich eines Tages als Ghostbuster sein Geld zu verdienen oder zumindest das erste Proton Pack der Welt zu testen. Mit geheimniskrämerischem Konto auch bei Facebook zu finden. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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3 Kommentare

  1. Stefan Weiss says:

    Feuerwaffen gibt es, allerdings muss man diese zusammenbauen und sie halten auch nicht lange.
    Des Weiteren ist die Version, die man über Steam kauft oder im Techland Store nicht geschnitten.
    Nur die Disk Version für Konsole ist es. Zumindest stand jetzt.

  2. Am meisten stört mich der Zwang zum Koop-Modus um die Platin-Trophäe zu sammeln. Als Solo-Spieler ohne PSN Plus nicht zu schaffen … damit werd ich Definitiv keine 110 Euro (mit Season-Pass) ausgeben, sondern auf eine reduziertes Angebot warten, wenn überhaupt …

  3. Audionymous says:

    1080p mit 60fps ist ein witz aber mir bleibt nix anderes übrig, denn ich kann keine 30fps mehr spielen, davon bekomm ich Kopfschmerzen.

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