Persona 5 Royal: Gibt es eine Steigerung von Perfektion?

„Persona 5 Royal“ stellt mich vor eine fast schon philosophische Frage: Denn „Persona 5“ ist für mich eigentlich das perfekte JRPG: tolle Charaktere, tiefergehende Story, extremer Umfang, durchgestylt bis zum Umfallen und grandioser Soundtrack. Was hätte man da noch verbessern können? Mir ist nichts eingefallen, aber zum Glück sind die Entwickler von Atlus kreativer als ich. Mit „Persona 5 Royal“ legen sie nun die definitive Version des PlayStation-4-Titels vor.

Lange ist es her: 2017 habe ich „Persona 5“ als einen meiner ersten Spieletests im Blog veröffentlicht. Mitte 2019 machte dann ein Trailer Laune auf die definitive Version: „Persona 5 Royal“. Überraschend war die Ankündigung nicht, schließlich haben die Entwickler von Atlus ja auch „Persona 4“ später neu aufgelegt – als „Persona 4 Golden“. Und auch „Persona 5 Royal“ folgt dem gleichen Schema wie das Vita-Game: Neue Inhalte wurden hinzugefügt, welche das ohnehin über 100 Stunden lange Spiel nochmals erweitern.

Allerdings hat man es nicht dabei belassen sozusagen in das ursprüngliche Spiel neue Versatzstücke zu integrieren. Manche Dialoge wurden umgestaltet, Nebengeschichten aufgepeppt und sogar Dungeons umgemodelt. Das betrifft z. B. das Pyramiden-Dungeon, welches in „Persona 5“ etwas langatmig gewesen ist, da man ziemlich viel Backtracking betreiben musste. In „Persona 5 Royal“ streckt man dieses Szenario nicht mehr und setzt auf neue Mechaniken was das Gameplay beschleunigt. Etwa verfügt man nun über einen Greifhaken, der das Fortkommen erleichtert.

Doch bevor ich zu sehr ins Detail gehe vielleicht eine kurze Einführung für all diejenigen, die „Persona 5“ bisher links liegen gelassen haben: „Persona 5 Royal“ ist das perfekte JRPG für alle, denen „Final Fantasy“ mittlerweile zu actionlastig und zu westlich geworden ist. So setzt man auf ein komplexes, rundenbasiertes Kampfsystem. Die Gefechte sind nie zu lang und angenehm taktisch. So können eure Recken Gruppenangriffe ausführen, Feuerwaffen zücken und müssen die richtigen Helfer beschwören, um Feinde auszuschalten.

Ähnlich wie bei Pokémon könnt ihr nämlich feindliche Monster rekrutieren. Habt ihr sie in einer kurzen Sequenz überredet sich euch anzuschließen, dann stehen euch ihre Fähigkeiten im Kampf zur Verfügung. Allerdings könnt ihr immer nur eine bestimmte Anzahl an Personas mit ins Gefecht nehmen. Sie sammeln dann auch Erfahrungspunkte und entwickeln sich weiter. Später im Spiel könnt ihr sogar Personas miteinander verschmelzen, um neue Kreaturen zu generieren und die Fähigkeiten der verschmolzenen Personas zu kombinieren. Da kann man sich also quasi ein Monster mit der Kombination aus Angriffen und Zaubern heranzüchten, das für den eigenen Spielstil ideal ist.

Zufallsgenerierte Begegnungen gibt es in den Dungeons nicht, ihr seht die Monster herumlaufen und könnt ihnen auch auflauern, um dann im Kampf einen Vorteil zu haben. Natürlich wachsen dabei auch eure Charaktere und erlernen neue Manöver – zusätzlich könnt ihr sie mit Rüstungen und Waffen ausstatten, die ihr im örtlichen Shop erwerbt. Hier weicht „Persona 5 Royal“ komplett von anderen JRPGs ab. Denn ihr stratzt nicht durch eine Fantasy- oder Science-Fiction-Welt, sondern lebt als Schüler im modernen Tokyo. Und wer denkt, es ginge hier nur um Kämpfe und Action, der irrt. Das macht vielleicht 50 % des Spieles aus.

Die anderen 50 % eurer Zeit investiert ihr in „Persona 5 Royal“ in das Alltagsleben des namenlosen Hauptcharakters sowie seiner Klassenkameraden und Mitstreiter wie Ann, Ryuji und Makoto. Dabei habt ihr ebenfalls die Gelegenheit euren Charakter aufzuwerten, indem ihr allerlei Freizeitaktivitäten nachgeht. Stellt euch das aber nicht so wie bei „Yakuza“ vor – ihr könnt zwar ein heißes Bad nehmen, Restaurants besuchen oder eure Zeit mit NPCs verbringen, weitgehend lest ihr dabei aber (hervorragend geschriebene) Texte mit.

Je mehr Zeit ihr dabei mit euren Freunden und anderen Nebenfiguren verbringt, desto enger wird eure Verbindung. Das schaltet dann für euch ab und an neue Fähigkeiten frei – etwa eine höhere Chance Monster zu überreden, sich euch anzuschließen. Dabei trefft ihr auf illustre Charaktere wie einen desillusionierten Politiker, eine Lehrerin, die sich ihr Gehalt durch eine Nebentätigkeit als sexy Putzfrau aufbessert, und eine Ärztin, die gerne mit Medikamenten an euch herumexperimentiert. Teilweise lassen sich auch Romanzen anfangen. Wer polygam lebt, könnte aber am Ende eine Quittung bekommen, so viel sei verraten.

Die grundlegende Story des Spiels ist dabei natürlich gleichgeblieben: Einige Schüler entdecken, dass sie sozusagen ins Unterbewusstsein anderer Menschen eindringen und sie dadurch manipulieren können. Sie nennen sich selbst schnell die Phantomdiebe und spezialisieren sich darauf korrupten Menschen das Herz zu stehlen, wodurch die Schurken dann ihr böses Treiben eingestehen und bereuen müssen. Hier wirft „Persona 5 Royal“ dann im Spielverlauf tatsächlich viele spannende Fragen auf, die zum Nachdenken anregen.

So geht es darum, wie wichtig der freie Wille ist, ab wann Idealismus zur Tyrannei werden kann und auch der Einfluss von Social Media spielt im Verlauf der Geschichte eine bedeutende Rolle. Denn die Phantomdiebe sammeln mit zunehmendem Bekanntheitsgrad Follower, die jeweils ihre eigenen Vorstellungen davon haben, wie die Antihelden vorgehen sollten. Manchmal erhält man auf diese Weise auch neue Nebenmissionen.

„Persona 5 Royal“ ist zwar voller Entscheidungen, die beziehen sich aber mehr darauf, wie ihr die Fähigkeiten eurer Charaktere und Personas entwickelt. Die Geschichte hingegen ist streng linear. Ungeduldige Spieler sind hier übrigens nicht nur wegen der epischen Spielzeit an der falschen Adresse: „Persona 5 Royal“ geht geradezu verschwenderisch mit der Zeit des Spielers um, denn man nimmt sich Zeit die Charaktere auszuarbeiten und die Geschichte in vielen, langen Sequenzen zu erzählen. Das muss man natürlich mögen.

Selbiges gilt auch für den prägnanten Anime-Stil und den hohen Stellenwert des Alltagslebens in Tokyo und der Shujin Academy, an welcher die Hauptfiguren zur Schule gehen. Rein technisch ist das Spiel übrigens weiterhin nicht herausragend, das Art Design ist aber eben über alle Zweifel erhaben. Und der Acid-Jazz-Soundtrack bleibt einem mit vielen eingängigen Songs rasch auch nach dem Zocken als Ohrwurm im Gehörgang hängen.

Gegenüber dem ursprünglichen Spiel bietet „Persona 5 Royal“ nun nicht nur optimierte Dungeons, neue Songs für den Soundtrack und neue Nebencharaktere sowie neue Dungeons, sondern auch eine neue, spielbare Hauptfigur: Kasumi Yoshizawa. Die Figur taucht in der Geschichte schon recht früh auf, schließt sich aber erst im späten Spielverlauf den Phantom Thieves an. Eine große Rolle spielt auch der neue NPC Takuto Maruki, ein Berater, der an der Shujin Academy eingestellt wird und mit dem sich spannende Gespräche führen lassen.

Für die Kämpfe gibt es nun zudem neue Spezialmanöver und neue Sammelobjekte in den Dungeons sowie dem zentralen Level Mementos, den ihr fürs Grinding besuchen könnt bzw. um Nebenaufgaben zu erfüllen. Die Sammelei in den Dungeons hat dabei seinen Sinn, denn wer ausreichend Objekte findet, kann sich neue Accessoires daraus basteln, die besonders mächtig sind. Ebenfalls neu ist der Thieves Den, eine Art Hauptquartier der Phantomdiebe, in dem ihr ein neues Karten-Minispiel spielen könnt und Errungenschaften ausstellt.

Herrlich: „Persona 5 Royal“ schafft es dabei tatsächlich gegenüber „Persona 5“ noch eins draufzusetzen und ein grandioses Spiel zwar nicht einen Quantensprung nach vorne zu bringen, aber minimale Ecken und Kanten abzuschleifen. Da bereits „Persona 5“ allerdings so extrem umfangreich gewesen ist, muss man es sich überlegen, ob man nochmal so viel Zeit in ein Game steckt, das vieles aus dem Ur-Release natürlich wiederholt. Mir hat es aufgrund der Neuerungen Spaß gemacht und Neueinsteigern muss ich dieses geniale JRPG unbedingt ans Herz legen!

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André Westphal

Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich eines Tages als Ghostbuster sein Geld zu verdienen oder zumindest das erste Proton Pack der Welt zu testen. Mit geheimniskrämerischem Konto auch bei Facebook zu finden. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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6 Kommentare

  1. TomasioBLITZ says:

    Die Steigerung heißt Dragon Quest 11.
    Persona ist leider völlig überbewertet. Ne Zeitmangel ganz nett aber dann ist es einfach nur noch repetitive öde

    • Zustimm! Kann mich nicht durchringen P5 zu Ende zu bekommen, alles einfach nur repetativ und öde. FF7 Remake macht da weit aus mehr Spaß

  2. Schade, aber schon die Manga Ästhetik des Spiels ich für mich ein k.o. Argument.

  3. Fand das Spiel auch super, ein zweites Mal werde ich es aber definitiv nicht spielen, sooo toll war es dann auch wieder nicht.

    Außerdem hat mich der Grind irgendwann tierisch genervt

  4. Die Mechaniken mögen den anderen JRPG Titeln gleich sein, doch die pothässliche GUI schreckt ab. Auch wenn die Grafik im Spiel doch ansprechend ist. 6,5/10 ist da eher zutreffend.

    • André Westphal says:

      Gerade die Oberfläche finde persönlich so genial wie in kaum einem anderen Spiel, weil da komplett der Stil durchgezogen wird.

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