Nokia 3310 ausprobiert: Snake alleine reicht nicht

Seit einiger Zeit im Handel: Eine Neuauflage des Retro-Klassikers von Nokia. Das simple 3310 ging natürlich durch die Medien, handelt es sich doch bei Nokia für viele um die „erste große Liebe“ in Sachen Mobiltelefon. Ein Nokia. Synonym für ewige Akkulaufzeit und Unkaputtbarkeit. Aber auch Synonym für ein völliges Verschlafen von Entwicklung mit anschließender Bankrotterklärung durch die Partnerschaft mit Microsoft, die in einer Übernahme und Ausschlachtung des Unternehmens fußte.

Nun ist der Name Nokia wieder da, HMD fertigt unter dem Namen nicht nur das 3310, sondern auch Android-Smartphones, die bald global zu haben sein sollen. Ich habe das Nokia 3310 zum Test bekommen.

Der erste Eindruck. So fühlt sich also ein „Früher“ an. Und sogleich stellt sich die Frage nach dem Warum. Warum sollte man so ein Handy nutzen wollen? Zweithandy, klar. Festival-Handy für die Erreichbarkeit. Joa, geht auch noch. „Für’n Notfall im Handschuhfach.“. Aber da darf man ja nicht nur an sich denken. Manche Menschen brauchen kein „Smart“. Manche brauchen einfach nur ein Telefon, um zu telefonieren. Um erreichbar zu sein. Das ist man auf jeden Fall, Punkt für Nokia. Dennoch sei gesagt: Nokia macht hier nichts neu. Ich kann seit jeher Dumbphones von irgendwelchen Herstellern kaufen. Kleiner Preis, SIM rein, Go!

Ich denke an meine Patentante und meinen Patenonkel. Beide weit über 80. Taugt denen so etwas? Eher nicht. Displayanzeige vermutlich zu klein und Eingabe zu frickelig. Der Patenonkel hat ein LG-Günstig-Smartphone. Das kann er auch eher schlecht als recht bedienen. Aber er kann angerufen werden und ich kann ihm Fotos via WhatsApp schicken. WhatsApp – das fehlt beim Nokia 3310. Dafür kann man Twitter und auch Facebook nutzen. Wenn man denn will.

Nokias 3310 ist keine exakte Kopie, stattdessen hat man ein bisschen was getan. Das machen viele Hersteller, die auf der Retro-Welle reiten. Alter Name, neues Glück. Unweigerlich muss ich an den Ford Transit denken. Mit dem sind Anfang der 80er viele Familien aus meinem Umfeld in den Urlaub gefahren. Den Transit gibt es immer noch. Nur als neueres Modell. Same same, but different. Das funktioniert bei Fahrzeugen natürlich. Bei völlig veränderter Technik nur schwer. Polaroid oder Kodak? Richtig, kaputt. Das erste Anpacken des Nokia 3310 wirkt vertraut. Aber dennoch nicht so rustikal. Klar, das 3310 ist stabil gebaut und übersteht sicher den einen oder anderen Fall, fühlt sich in Sachen Kunststoff aber etwas dünner an. Aber macht nichts, die Verarbeitung passt.

Ungewohnt ist mittlerweile das Öffnen der Abdeckung, um die SIM-Karte einzusetzen. Ich öffne den Deckel, entnehme den Akku und führe also die Nano-SIM ein. Joa. Mist. Danach hab ich mal zwei Minuten gebraucht, bis ich die wieder aus dem Slot hatte. Das Nokia 3310 unterstützt ja keine Nano-SIM. Adapter gesucht und losgelegt. Ein vertrauter Startsound, der zwar modernisiert ist, euch aber volles Pfund in die Vergangenheit katapultiert.

Das Display. Natürlich eine Ecke größer. 320 x 240 Pixel. Fand ich in der Sonne schlecht ablesbar. Fotos? Kann man auch machen, Satte 2 Megapixel hat die Kamera. Ich überlege kurz. Was macht man damit nun? Telefonieren? Ach egal, ich richte erst einmal OperaMini ein. Schnell vergeht mir die Lust am Internet, dauert das Laden fast jeglichen Inhalts gefühlte 100 Jahre.

Ich weiss jetzt schon, dass ich nur wenig in Sachen Netz mit dem Nokia 3310 machen werde. Es ist machbar mit der 2G-Verbindung, natürlich. Fühlt sich aber schlimm an. Internet wie 1996. Auf einem WeTab. Ummantelt von Stahlbeton. So fühle ich mich. Erinnert sich noch jemand an die Zeit, in der Bilder im Internet so langsam von oben nach unten aufgebaut wurden? Langsames Internet macht wütend. Dazu kommt dann noch die fehlende Bildschirmtastatur. Ich persönlich will nicht mehr wie früher Buchstaben eintippen.

Anrufen. Ja, das wollte ich ja auch noch machen! Aber erst einmal versuche ich mal mit der Kamera was zu machen. 2 Megapixel! Das ist quasi der Endgegner. Aber auch hier darf man sich freuen, denn die Kamera hat einen Blitz, nimmt Videos auf und es bieten sich einige Filter an. Selfies – so überlege ich – die sind wohl schwer mit dem 3310. Kannst ja nicht sehen, wie du aussiehst auf dem Bild. Man muss ja mit der Kamera auf der Rückseite auf sich zeigen. Übertragen kann man diese Fotos auch – via Bluetooth oder eben als Nachricht.

Ich knipste wenige Fotos, dann kam schon die Meldung, dass kein Speicher mehr frei sei. Nun gut, zum Glück kann man das Nokia 3310 mit einer microSD-Karte ausstatten. Sind ja nur 16 MB freier Speicher. Jaja. 16. Megabyte. Nicht Gigabyte. Spiele sind auch mit drauf. Auch Snake. Natürlich nicht das Ursprungs-Snake, sondern das modern aufgefrischte von Gameloft. Aber dafür kauft man sich ja kein Handy.

Telefonieren. Das funktioniert natürlich. Dual-SIM bietet das Nokia 3310. Mein Gesprächspartner konnte mich laut und deutlich verstehen. Ich ihn auch. Aber dafür braucht man eigentlich auch nicht zwingend ein 60-Euro-Dumbphone, da gibt es auch schon günstigere Varianten. Ansonsten findet man noch einige Apps vor. So kann man beispielsweise Sprache aufzeichnen. Oder man benutzt das Nokia 3310 als Radio. Dafür muss man dann den Kopfhörer anschließen, der als Antenne fungiert – und als Hörer.

Viel Gejammer, nicht wahr? Richtig. Das kommt raus, wenn man aus heutiger Sicht eines Smartphone-Jüngers das Gerät bewerten müsste. Aber darum geht es beim Nokia 3310 nicht. Ich darf es nicht mit jetzigen Smartphones vergleichen. Das wäre völlig albern. Es ist ein Gerät zum Telefonieren. Dafür habe ich Dual-SIM zur Verfügung. Das kann im Urlaub praktisch sein. Oder wenn jemand Verwandtschaft im Ausland hat und mit einer anderen SIM in dieses Land telefoniert.

Das lahme Internet? Die Kamera? Dabei, aber geschenkt. Für den Fall der Fälle reichen auch 2 Megapixel. Und im absoluten Notfall bin ich auch für langsames Internet dankbar. Große unbekannte Stadt, kein anderes Smartphone dabei? Da wird jeder froh sein über Google – auch in langsam. Das Nokia 3310 ist ein Handy für die Erreichbarkeit. Eine Woche lag es bei mir rum und hatte noch ein Drittel des Akkus. Sogar Telefonieren funktionierte in guter Qualität. Radio habe ich immer dabei, was bei vielen Smartphones heute nicht gegeben ist. Und selbst eigene Musik kann ich mittels microSD-Karte konsumieren. Das Nokia 3310 macht alles, für das es vorgesehen ist.

Hier muss man aber immer schauen, was wichtig ist: Ist man eher der Typ Mensch, der auf die extrem lange Akkulaufzeit Wert legt? Der nur telefonieren und erreichbar sein will, ohne daran zu denken, dass der Saft alle ist? Dann kann man zum Nokia 3310 greifen – oder man nimmt sich eines der vielen anderen Dumphones. Denn das Nokia 3310 kostet 60 Euro. Da bekommt man dann auch schon fast wieder einen Mullu-Mullu-Androiden für, der vielleicht eine Ecke mehr kann – wenn man das denn möchte. Man kauft sich ja auch keinen Dacia, wenn man dauernd High Speed über deutsche Autobahnen brettern will, nicht wahr?

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Kurzfakten: 2,4 Zoll Display, 240 x 320 Pixel. Bluetooth. 1.200 mAh Akku. 2 Megapixel-Cam. Dual-SIM. Bluetooth. 2G-Netz. Micro-SIM. 5,1 x 11,56 x 1,27 Zentimeter Abmaße. 16 MB Speicher, via microSD um bis zu 32 GB erweiterbar. Kopfhörer im Lieferumfang sowie Netzteil.

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Hallo, ich bin Carsten! Ich bin gelernter IT-Systemelektroniker und habe das Blog 2005 gegründet. Baujahr 1977, Dortmunder im Norden, BVB-Fan und Vater eines Sohnes. Auch zu finden bei X, Threads, Facebook, LinkedIn und Instagram.

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25 Kommentare

  1. selbst beim remake macht nokia alles falsch -> jedes billig 30€ phone macht telefonieren dualsim mit quadband und langen akku ( eigene erfahrung mit alcatel ) nur weil nokia drauf steht soll man das doppelte zahlen !NEIN! und selbst wenn holt man doch sein altes Samsung oder iphone aus der schublade weill man ja doch wieder alle 2 jahre win neues hatt oder braucht

    und schaut man mal auf kickstarter sieht man ein ebenfalls 2.5 zoll gerät mit android 7 LTE und dualsim für 80$ wo ist dann der mehrwert des nokia ?
    „https://www.kickstarter.com/projects/jellyphone/jelly-the-smallest-4g-smartphone?lang=de“

  2. Florian Rott says:

    Nokia ist wohl trotz schussfester Telefone nicht grundlos untergegangen…

  3. Hatte es überlegt meinen Eltern das Nokia zu kaufen. Danke für den Bericht. Ich laß lieber die Finger davon.

  4. Macht schon Sinn! Ungefähr so wie ein Akustikkoppler oder ein BTX-Terminal.

  5. Darauf WhatsApp und es wäre eventuell etwas geworden 😉

  6. Mein Retro 3310 hätte auf Kamera und Farbdisplay verzichtet. Ein richtiges Minimal-Handy, z.B. mit eInk-Display. Ein etwas besseres Display als das Motofon F3 würde reichen. Das F3 war übrigens super robust, hatte lange Laufzeiten (14 Tage) und war günstig (15€).

  7. Kurze, abgehackte Sätze und irgendwo kommt „Mullu Mullu“ vor: Eine klassische Caschy-Review! 😀

  8. Da bin ich doch froh, dass ich noch ein altes 3330 ru,fahren habe. Das kommt abundzu – im Wechsel mit einem Siemens ME45 – als Zweithamdy zum Einsatz. An echt Retro kann ich mich da irgendwie mehr erfreuen.

  9. tl;dr…
    Überteuerter chinesischer Plastikschrott…
    So was gibts hier (Asien) an jeder Ecke für um die 15-20€ (Dualsim)
    Ich verstehe nicht, warum überall versucht wird, einen künstlichen Hype um diesen Müll zu kreieren.

  10. Ich persönlich finde den Preis auch zu hoch, aber es wird schon Leute geben, die das kaufen. Ich selbst habe aber auch kein „Zweit-Handy“, denn gerade am Wochenende und/oder wenn ich unterwegs bin, möchte ich wie gewohnt erreichbar sein und auch auf alle gewohnten Features zugreifen können. Und selbst wenn man es nur als Notfallgerät ins Handschuhfach legt, ist im Zweifel der Akku leer, wenn man es mal braucht – auch bei diesem Gerät.

    @Tobi: Das finde ich mal richtig gut, vielen Dank für den Hinweis! Ich überlege wirklich, ob das vielleicht mal meine erstmalige Beteiligung an einem Kickstarter-Projekt wird.

  11. Mir scheint, dass die Entwickler nicht so genau wussten, was sie eigentlich mit dem Gerät anfangen sollten. Im Ergebnis hat man offenbar alle Details ein wenig verbessert, aber ohne etwas grundlegendes…

  12. Wolfgang D. says:

    Das Klapphandy mit großem Touchscreen, neulich bei einem Kunden, finde ich wesentlich interessanter. Günstiger ist das wohl auch. HMD kann einem leid tun, dieses Nokiazeug bauen zu müssen.

  13. Das Ding ist überteuerter China-Müll mit etwas Retro. Wenn man bei Material und Verarbeitung mal ein echtes altes Nokia in die andere Hand nimmt, merkt man den Unterschied.

    Nun war das originale 3310 schon das billigste, was Nokia jemals gebaut hatte. Absolut unterste Einstiegsklasse. Aber selbst das war vor 20 Jahren deutlich wertiger, als das Ding hier. Im Jahre 2017 so einen Plastikbomber für unfassbare 60 Euro verhökern zu wollen, wenn das Ding sich nicht einmal in UMTS-Netze einbuchen kann, ganz zu schweigen von LTE oder gar VoLTE, ist schon ne Unverfrorenheit.

    Für mich ist das Elektroschrott, nichts weiter. Schade um den guten Ruf, den man damit auf’s Spiel setzt.

  14. Wenn ich „Nokia“ wäre, würde ich ein Handy anbieten, welches wie ein 6300 oder 6310 aussieht (hochwertige Materialien), was E-GSM, UMTS und LTE mit VoLTE kann und wo der auswechselbare Akku zwei Wochen durchhält. Kein Internet, keine Apps. Nur HD-Sprachqualität, sehr guter Empfang und perfekte Akustik. Bluetooth ja, sonst nix. Das wäre ne Marktniesche für reine Vieltelefonierer. Hochwertigst ohne Spielerchen. Das für 80€ wäre der Renner. Wer es nicht glaubt: Neuwertige Nokia 6310i bringen noch heute bei eBay Höchstpreise.

  15. Johannnes Hafner says:

    Der Gebrauchtmarkt ist voll von guten alten Retrodingern, wozu ein Reccourcen fressendes Revival?

    Persönlich habe ich seit Jahren ein Nokia 6020, das einen sehr guten Lautsprecher für jede Art von Freisprechsituation hat. Und wozu Dual-Sim? Wer sich ein bisschen im Web umschaut, findet locker Anbieter, mit denen man günstig europaweit oder sogar weltweit telonieren kann. Ich zahle nur noch 12 -20 Euro im Monat und telefoniere und simse regelmässig in den Ländern D, CH, F. L und AU.

    Ok, Internet nutze ich keins, aus Protest gegen die immer noch viel zu hohen Gebühren, vor allem beim Roaming, da verzichte ich doch lieber – und rufe meine Leute an, anstatt sie unentwegt mit Pixeln von ihrer Arbeit abzulenken.

    Also: wenn schon Retro, dann kauft euch auch ein echtes gutes altes Retrogerät und seht es so, als ob ihr Oldtimer fahrt!

  16. Soetwas muß man doch nicht erst lang testen um zu wissen, daß es chice ist!

  17. @Johannnes Hafner 4. Juni 2017 um 06:51 Uhr

    Es ist schon mal gut, daß du kein Internet nutzt. Das schaft Bandbreite für andere user.
    Nur stellt sich mir dann hier die Frage: Wozu denn überhaupt ein mobile phone? … Klar, telefonieren …. aber das kann ja wohl nicht alles sein, denn wann macht man denn das schon mal …. kommt ja nun nicht so oft vor am tag. Dagegen ist man ja quasi allways on.
    Wie soll man denn auch sonst alles konsumieren was da so geboten wird.
    Nun bin ich jetzt nicht in den gleichen Regionen unterwegs, wie du, aber das Spectrum ist ähnlich: PL, CZ, DE, AT, CH, SK ….. Also so „ohne Internet“ könnt ich mir das nicht wirklich gut vorstellen. Habe übrigens eine SIM der Deutschen Telekom und bin recht zufrieden mit der Nutzung in der oben genannten Region …. es wird alles abgedeckt im monat, egal ob Telephonie oder SMS oder Internet.

  18. …mal wieder herzlich gelacht über die Art und Weise, wie du den Kern der Dinge triffst.
    Frohe Pfingsten
    Don

  19. sunworker says:

    Ein Nokia Dual Sim Handy gibt es für 24,95€ Das Ding habe ich als Not- bzw Strandhandy gekauft, ist super für sowas.

    https://www.amazon.de/Microsoft-Nokia-schwarz-RM-1133-Radio/dp/B00G8RY2AS

    Wer gibt für das 3310 fast 60 Euro aus? Wozu?

  20. Johannes Hafner says:

    @ Matthias Lange
    Nur zu Info: Ich fahre im Jahr 30.000 km mit dem PKW und kenne Leute und Firmen in besagten Ländern, die ich auf den langen Autofahrten anrufe. Und das alles mittels Freisprechmodus, denn so kann ich mich auf den Verkehr konzentrieren. Ich surfe im Web nur mit PC, alles andere (Touch-Screen-Geräte) finde ich „zermodernisiert“, meint: dem Futurismus-Wahn geopferte Übersichtlichkeit und Bedienfreundlichkeit. Ich bleib lieber altmodisch-gemütlich-effizent. In gewissem Sinne also „Retro-Smart“.
    Bin halt schon fast 60.

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