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„Life Is Strange 2“: Episode 4 angespielt

Die zweite Staffel zu „Life Is Strange“ ist diese Woche in die vierte Episode gegangen. Ich habe mir Folge 4 („Faith“) wie üblich angesehen. Mit rund drei Stunden Spielzeit ist die Episode wieder deutlich länger als die vorangegangene Folge „Wastelands“, von der ich eher enttäuscht gewesen bin. Zu den Höhen der ersten Staffel schwingt sich auch die vierte Runde der zweiten Staffel leider nicht mehr auf, unterhält aber wieder nahezu auf dem Niveau der ersten beiden Episoden.

Inhaltlich wird es leider in Episode 4 recht abgedroschen: Sean erwacht nach dem dramatischen Ende der dritten Episode aus einem Koma und muss sich mit den Konsequenzen seines eigenen Handelns bzw. seines Bruders Daniel auseinandersetzen. Dabei geht es zunächst sehr gemächlich zur Sache. Auch in Episode 4 bleibt „Life Is Strange 2“ dabei eine Mischung aus Adventure und interaktivem Film. Über weite Strecken lauscht man einfach nur Dialogen und sieht sich (sehr gut gemachte) Cutscenes zu atmosphärischer Musik an.

Mir fehlen dabei ein wenig die vielen Indie-Ohrwürmer der ersten Staffel. Denn „Life is Strange 2“ setzt, ähnlich wie früher die Telltale-Spiele, mehr auf atmosphärische Musik und quasi einen starken Song für das Finale / den Epilog. Hier endet Episode 4 je nach eurer Spielweise mit einer deutlichen Charakterentwicklung für Sean und Daniel, welche beide in die eine oder die andere Richtung bewegt.

Doch ich sprach ja von abgedroschen: Nun ja, in Episode 4 nimmt, passend zum Titel „Faith“, Religion einen großen Raum ein. Das Ganze wird aber ziemlich eindimensional beleuchtet und entwickelt sich so klischeehaft wie in einer Seifenoper. Nun könnte man argumentieren, dass auch das Teenage-Schuldrama von Staffel 1 öfter mal in die Soap-Opera-Klischeekiste gegriffen hat. Das war aber in Ordnung, da es in erster Linie um Gefühle und Charakterbeziehungen ging. Wenn man aber ein wenig Sozialkritik verpacken möchte, sollte man es nicht ganz so stereotyp machen wie Episode 4 der zweiten Staffel.

Stattdessen spult man ab, was wir aus Hunderten Filmen und Serien kennen: Religiöse Fanatikerin entdeckt vermeintliches Wunder und nutzt es manipulativ zur Selbstbereicherung. Da legen die Entwickler von Dontnod leider wenig Kreativität an den Tag. Das klingt so, als würde ich wieder viel meckern und hätte keinen Spaß an „Faith“ gehabt. Stimmt aber nicht. Sieht man über die Klischees hinweg, dann bleibt die Episode stets spannend und mittlerweile hängt man eben auch an Sean und Daniel. Dass die beiden Brüder getrennt wurden und erst wieder zueinander finden müssen – nicht nur räumlich, sondern auch auf der persönlichen Ebene, ist ein guter Kniff.

Auch der Auftritt einer weiteren Figur aus der Diaz-Familie fügt sich gut in die Handlung ein und man hat mehrere Optionen, wie man damit umgeht. An diesem Punkt schafft es „Life Is Strange 2“ dann auch wieder seine Stärken aus den Beziehungen der Figuren zu ziehen, denn man kann als Spieler Seans ambivalenten Gefühlen mannigfaltig Ausdruck verleihen. Im Gedächtnis bleiben zudem oft die kleinen Momente: Als ich die Wahl hatte mit einem Trucker per Anhalter mitzufahren oder allein durch die Wüste zu latschen, schoss mir intuitiv durch den Kopf: „Hm, ist das nun ein netter Kerl? Oder will der mir nachher ans Leder?“ Nur mit Zögern entschied ich mich also trotz der gleißenden Hitze ins Fahrzeug zu steigen. Ob ich es bereut habe? Das findet ihr lieber selbst beim Anzocken heraus.

Jetzt fehlt nur noch eine Episode der zweiten Staffel von „Life Is Strange“. Sie wird am 3. Dezember 2019 erscheinen. Ich bin auf das Finale gespannt.

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