Kamera-Spezialisten in Hollywood: Skepsis bezüglich VR, Lob für Amazon und Netflix

Ich habe in diesem Beitrag bereits über meinen Besuch bei der American Society of Cinematographers, einer Vereinigung für die besten Kameraleute der Welt, berichtet. Doch die DOPs (Directors of Photography) mit denen ich ins Gespräch gekommen bin, hatten noch weit mehr zu erzählen. Beispielsweise sprachen wir bei einem Roundtable auch über Virtual Reality, Gaming und die neuen großen Player wie Amazon und Netflix.

Abermals plauderte hier auch eines der führenden ASC-Mitglieder, Curtis Clark, über beide Themen. So erwähnten Clark und seine Kollegen, dass Hollywood Amazon und Netflix achtsam beobachte. Beide Unternehmen hätten viel Positives bewirkt: Etwa seien durch die Streaming-Anbieter viele verlorene Arbeitsplätze nach Hollywood zurückgekehrt. Außerdem seien es gerade Amazon und Netflix, welche technisch experimentierfreudig seien und nach vorne blicken.

Clark selbst berichtete etwa, dass Netflix explizit bei ihm angefragt habe, ob er quasi zu Demonstrationszwecken einen Kurzfilm mit HFR, 60p um genau zu sein, Dolby Vision und Dolby Atmos drehen könne. Ihn überrasche nicht, dass sowohl Amazon Prime Video als auch Netflix technisch voranpreschen und auch viele Kreative anziehen. Auch er nennt als Beispiel „Roma“, den renommierten Film des Regisseurs Alfonso Cuarón („Gravity“). Netflix habe jenen Film erst ermöglicht und dem Macher viele Freiheiten gewährt, die bei einem anderen Studio schwer durchsetzbar gewesen wären.

Zudem sei bei Netflix viel Know-How vorhanden und der Streaming-Anbieter setze sich für technischen Fortschritt aber auch Aufklärung der Konsumenten ein. Etwa sei die Initiative zu „Roma“, in dessen Rahmen man Zuschauern von Bildverschlimmbesserern und Zwischenbildberechnung abgeraten hat, ein wichtiger längst überfälliger Schritt. Netflix trage also durchaus seinen Teil dazu bei, dass etwa bei TV-Herstellern mehr Verständnis für die Anliegen der Kreativen entstehe.

Clark betont auch, dass Netfix ja nicht aus dem Nichts gekommen sei: Dort würden Menschen arbeiten, die vorher bei Studios wie Universal, Sony oder Fox angestellt gewesen seien. Man arbeite also weiter mit seinen alten Kollegen, was Netflix schnell ein gutes Standing verschafft habe. Dass Kreative viel Lob für die Streaming-Anbieter übrig habe, welche technisch und auch bei der Art des Contents mutiger sind als traditionelle Hollywood-Studios, ist natürlich per se nichts Neues. Dennoch war es interessant, dies auch noch einmal direkt von jemandem zu hören, der direkt mit den Unternehmen arbeitet. Weniger Lob hatte Clark nämlich für Virtual Reality übrig.

Dabei stellte der Kameramann klar, dass er VR keineswegs komplett ablehne oder hasse. Doch viele Studios und Entwickler stellten es sich zu einfach vor, damit quasi interaktive Filme zu realisieren. Auch werde das Interesse der Filmemacher an der Technik oft überschätzt. Denn man dürfe sich keine Illusionen machen: Aus Sicht eines Geschichtenerzählers sei es ein extremer Schritt für eine VR-Erfahrung quasi die Kontrolle über die Art und den Inhalt einer Story teilweise an den Zuschauer abzutreten.

Selbst wenn der Zuschauer quasi nicht durch Entscheidungen in das Geschehen eingreife, könne er ja die Perspektive verändern oder sich in einigen VR-Erfahrungen entscheiden unterschiedlichen Szenen zu folgen. Das bedinge eine Herangehensweise, die sehr weit vom traditionellen Filmemachen entfernt sei, bei dem man geradezu perfektionistisch alles linear inszeniere. Es gelte den Zuschauer möglichst aktiv in die VR-Umgebung zu integrieren.

Clark schmunzelt dabei und meint, dass VR dabei im Grunde das Gegenteil eines Woody-Allen-Films sei. Allen habe ja in vielen seiner Filme die vierte Wand durchbrochen und den Zuschauer direkt angesprochen. Der Protagonist des Films breche also quasi aus dem Korsett des Mediums aus. VR geht genau umgekehrt ran, indem der Zuschauer den Rahmen sprengen darf. Das gefällt aber eben beileibe nicht allen Filmemachern.

Ich selbst bin der Ansicht, dass VR aktuell wiederum technisch noch zu unausgereift ist und vermutlich ähnlich 3D bald erst einmal wieder verschwinden wird, um irgendwann deutlich später mit verbesserten Ansätzen aufzutauchen. Aktuelle Headsets sind zu klobig und unbequem und bieten technisch noch nicht das, was man sich erhoffen würde – Stichwort Fliegengitter-Effekt beispielsweise. Zwar sind Varianten mit höheren Auflösungen geplant, für eine grafisch ansprechende Erfahrung ist dann aber wieder enorme Leistung notwendig, welche selbst bei aktuellen High-End-Gaming-PCs knapp wird.

Aber warten wir mal ab. Es war spannend zu hören, wie Menschen aus der Branche mit den Themen Streaming und Virtual Reality umgehen – und wie unterschiedlich beide Bereiche bewertet werden.

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André Westphal

Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich eines Tages als Ghostbuster sein Geld zu verdienen oder zumindest das erste Proton Pack der Welt zu testen. Mit geheimniskrämerischem Konto auch bei Facebook zu finden. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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Ein Kommentar

  1. Das ein Kameramann VR skeptisch gegenüber steht glaube ich sofort. Denn diesen braucht man bei VR ja nicht mehr. Nur noch einen Techniker der die Kamera aufbaut und Aufnahme startet.

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