Ich konnte mir das Smartphone-Flaggschiff HTC U12+ bereits vor einigen Wochen live ansehen – daher stammten auch meine Fotos im Launch-Artikel. Mir gefällt das recht schnörkellose Design des Geräts ganz gut. So hat sich HTC dem Notch-Trend verweigert. Stattdessen setzt man auf eine Optik und Haptik, die im Jahr 2018 fast schon ein wenig bieder wirkt. So mag das HTC U12+ nicht den Wow-Effekt eines Samsung Galaxy S9+ oder eines Huawei P20 Pro versprühen, soll aber mit anderen Qualitäten punkten. So hebt HTC erneut sein Feature Edge Sense im Marketing stark hervor. Im Test habe ich mich mit dem Gesamtkunstwerk namens HTC U12+ einmal genauer beschäftigt und will euch an dieser Stelle meine Eindrücke mitteilen.
HTC zählt zu den Herstellern, die gerne experimentieren – und oftmals leider zur falschen Zeit am falschen Ort sind, könnte man sagen. Etwa war es HTC, die schon 2014 mit dem One (M8) eine Dual-Kamera eingebunden haben, als der große Trend hin zu zwei Bildsensoren noch lange nicht begonnen hatte. Noch früher, schon 2013, setzte HTC mit seinem HTC One (M7) bereits auf ein Smartphone-Flagschiff mit Metall-Unibody. Doch der Innovationswille half dem Hersteller damals nicht weiter: Die Verkaufszahlen sanken und mittlerweile hat Google sogar schon Teile HTCs übernommen.
Eins ist klar: HTC braucht 2018 ein starkes Flaggschiff, um im Smartphone-Markt wieder vorne mitzumischen. Hier soll das HTC U12+ seinen großen Auftritt haben. Das Gerät hakt natürlich die wichtigsten Must-Haves alle ab: Qualcomm Snapdragon 845, Bildschirm im Format 18:9 mit schmalem Rahmen und HDR 10, hochwertige Dual-Kamera… Doch HTC will mehr und führt sein Feature Edge Sense weiter. Edge Sense 2 soll die Anwender nun endgültig von der ungewöhnlichen Funktion überzeugen. Leider musste ich für mich im Test feststellen, dass die Taiwaner hier allerdings aktuell noch einen weiten Weg vor sich haben.
| Display: | 6 Zoll, 2.880 x 1.440 Bildpunkte, 18:9, IPS-LCD, HDR 10, Corning Gorilla Glass 5 |
| Abmessungen und Gewicht: | 156,6 x 73,9 x 9,7 mm, Gewicht: 188 Gramm |
| Speicher: | 64 GByte (UFS 2.1), erweiterbar via microSD |
| Prozessor: | Qualcomm Snapdragon 845 mit acht Kernen und bis zu 2,8 GHz Takt |
| Arbeitsspeicher: | 6 GByte LPDDR4X |
| Kamera: | Dual-Kamera mit 12 (f/1.75) +16 Megapixeln (f/2.6) |
| Videoaufnahme: | 4K mit 60 fps und OIS plus EIS, Slow-Motion in 1080p mit bis zu 240 fps |
| Front-Kamera: | Dual-Kamera mit zweimal 8 MP (f/2.0) |
| Akku: | 3.420 mAh Akku (fest verbaut) |
| Betriebssystem: | Android 8.0 (Oreo) mit HTC Sense |
| Schnittstellen: | USB Typ-C (3.1), Wi-Fi 802.11 ac, Dual-SIM (optional), 4G LTE, Bluetooth 5.0, Infrarot-Blaster, NFC, GPS |
| Weiteres: | Fingerabdruckscanner an der Rückseite, Metallrahmen, Schnellaufladung, erhältlich in den Farben Blau, Rot und Schwarz, IP68, Edge Sense 2.0, druckempfindliche Tasten |
Oben seht ihr zunächst noch einmal die wichtigsten technischen Daten des HTC U12+ rekapituliert. Im Handel ist das Smartphone zu einer unverbindlichen Preisempfehlung von 799 Euro in den Farben Blau, Rot und Schwarz zu haben. Wobei die blaue Variante mit einem besonderen Kniff daherkommt, denn die Rückseite ist semi-transparent und gewährt somit Einblicke in das Innenleben. Zum Test lag mir jedoch die schwarze Variante vor, so dass sowohl ihr als auch ich auf Hardware-Voyeurismus verzichten müsst. Schauen wir uns doch zunächst mal die Ausstattung und Verarbeitung des HTC U12+ etwas genauer an.
Ausstattung und Verarbeitung
Auffälligstes Merkmal des HTC U12+: Der Hersteller hat bei seinem neuen Smartphone-Flaggschiff auf mechanische Buttons verzichtet. Stattdessen muss man die Tasten für Lautstärke und Power einfach berühren. Via Vibration erhält man dann Feedback. Erinnert an Apples neue Homebuttons mit Taptic Engine. Begründet hat HTC diese Entscheidung auf zweierlei Weise. Zum einen machen es die neuen Tasten einfacher, das Gehäuse wasserdicht zu halten. Klingt logisch, denn weniger bewegliche Komponenten im Gehäuse bieten entsprechend weniger Möglichkeiten für Flüssigkeiten in das Innere einzudringen. Zum anderen seien Buttons laut HTC auch Verschleißteile, die sich abnutzen. Das vermeide man ebenfalls mit den neuen Tasten.
Doch ich will ehrlich sein: Die berührungsempfindlichen Tasten sind Mist. Hier kann ich nichts beschönigen. Im Alltag gibt es nämlich mehrere, störende Nebeneffekte. Etwa war es mir absolut unmöglich, mit den berührungsempfindlichen Buttons Screenshots anzufertigen. Android-Nutzer kennen das Spielchen: Minus-Lautstärke- und Power—Taste gleichzeitig drücken – schwupps, entsteht ein Screenshot. Mit regulären Buttons ist das kinderleicht, hat man das Timing einmal raus. Aber am HTC U12+ ist es, zumindest für mich, mit den berührungsempfindlichen Buttons ein Ding der Unmöglichkeit. Nach wirklich langem Rumprobieren gab ich genervt auf. Meine Lösung bestand darin, die Screenshot-Funktion auf Edge Sense zu legen – was leider auch nicht ganz unproblematisch ist. Doch dazu erzähle ich später mehr.
Im Testzeitraum geschah es mangels haptischen Feedbacks auch schneller, dass ich aus Versehen mit dem Finger auf der Powertaste landete und den Bildschirm ausschaltete. Gerade beim Knipsen von Selfies geschah dies leider mehr als einmal im Eifer des Gefechts. Vielleicht finden andere mehr Gefallen an HTCs Bedienkonzept. Mir leuchten die Argumente dafür ja ein. Doch leider ändert das nichts daran, dass ich die berührungsempfindlichen Tasten im Alltag als deftigen Minuspunkt wahrgenommen habe. Andere Tester berichten sogar davon, dass die Buttons je nach Akkustand und Temperatur mal mehr, mal weniger Druck benötigen sollen und unzuverlässig reagieren. Das fiel mit im Testzeitraum glücklicherweise nicht auf.
Sonst gibt es am Design des HTC U12+ höchstens auszusetzen, dass es sehr konventionell wirkt. HTC platziert den Fingerabdruckscanner an der Rückseite, verzichtet auf einen Notch und setzt insgesamt auf Minimalismus. Mir gefällt das. Viele Anwender könnten das Smartphone aber als unscheinbar empfinden. Auch wirken die kleinen Löcher an Vorder- und Rückseite auf den ersten Blick etwas befremdlich. Sie sind für Mikrofone gedacht, die etwa Videoaufnahmen akustisch aufpolieren. Die Hochglanz-Rückseite zieht dabei Fingerabdrücke zwar magisch an, doch großartig ist, dass die Kameralinse so gut wie gar nicht heraussteht. Denn das ist etwas, das mich bei vielen anderen Modellen sehr stört.
Sieht man also von den Tasten ab, ist die Verarbeitung des HTC U12+ gelungen – zumal der Lieferumfang dank der beiliegenden Usonic-Kopfhörer mit aktiver Geräuschunterdrückung positiv aus dem Rahmen fällt. Die Kopfhörer taugen tatsächlich etwas und sind im Gegensatz zu den sonstigen, beiliegenden In-Ears wirklich zu gebrauchen – auch zum Telefonieren! Denn auch das geht natürlich mit dem HTC U12+. Auffälligkeiten blieben aus – man verstand mich und ich hörte mein Gegenüber glasklar.
Wasserdicht ist das HTC U12+ nach Schutzklasse IP68 außerdem auch noch – das wünschen sich verständlicherweise stets viele von euch. Kann ich nachvollziehen, denn mir bzw. meinem ehemaligen LG G6 hat das auch schon den Arsch gerettet.
Benchmarks und Leistung
Das HTC U12+ bringt mit dem Qualcomm Snapdragon 845, dem 6 GByte RAM zur Seite stehen, einen der aktuell leistungsfähigsten Mobilprozessoren überhaupt mit. Generell sind Smartphones mittlerweile so leistungsfähig, dass es eigentlich kaum Apps gibt, welche wirklich die gesamte Performance ausreizen können. Selbst im Bereich der 3D-Games wird es schwierig, den richtigen Stoff zu finden, der aktuelle SoCs an die Grenzen bringt. Das spiegelt sich im Falle des HTC U12+ dann auch in dessen Benchmark-Ergebnissen in AnTuTu, 3DMark, PCMark und Geekbench wider.
Als kleiner Vergleich: Das zuletzt von Caschy getestete OnePlus 6 setzt auf den gleichen SoC und ebenfalls 6 GByte RAM. Es heimste in AnTuTu 26.8328 Punkte ein. Das HTC U12+ steht nun bei 26.1312 Punkten. Es liegt nahe, dass sich die Unterschiede in den Punktzahlen durch die unterschiedliche Software ergeben.
Im Nutzungsalltag? Ihr kennt das Spielchen: Das HTC U12+ kann dank Qualcomm Snapdragon 845 mit einigen Leistungsreserven aufwarten, welche die meisten vermutlich nicht im Ansatz ausreizen werden, bevor schon das Nachfolgegerät in die Hosen- bzw- Jackentasche wandert. Dabei muss ich mich als früherer Sense-Hater outen. Mittlerweile hat HTC seine Oberfläche aber relativ nahe an das pure Android gebracht. Mich nerven lediglich die Boulevard-Neuigkeiten, die mir im Testzeitraum anfangs immer in den Benachrichtigungsschirm geknallt wurden. Übeltäter: Die vorinstallierte App von News Republic, die sich leider auch nicht entfernen lässt. Allerdings sind die Push-Benachrichtigungen zumindest deaktivierbar.
Als weitere Bloatware ballert HTC leider auch Under Armour Record auf das U12+. Auch die Apps für Facebook bzw. den Facebook Messenger und Instagram konnte man sich nicht verkneifen. Leider sind sie, bis auf die App von Under Armour, ebenfalls nicht komplett entfernbar. Sie lassen sich lediglich durch die Werksversion ersetzen. Nun gut, es gibt Schlimmeres: Speziell Honor haut noch deutlich mehr Bloatware auf seine Geräte.
Im Alltag läuft das System des HTC U12+ traumhaft. Es gibt auch ein paar nette Feinheiten, wie die Animationen des Homescreen-Wallpapers, wenn man den Bereich wechselt. Hier ist also alles im grünen Bereich. Ganz kurz an dieser Stelle etwas zur Akkulaufzeit eingeworfen: Auch das HTC U12+ wollte den Test in PCMark leider nicht abschließen. Leider tritt dieses Problem seit Android 7.1 bei vielen Smartphones aus. Ich kam aber bei Nutzung der Kamera, Messengern, YouTube und Browsing perfekt über den Tag. Am Ende verblieben bei mir in der Regel bei Fotos für den Test knipsen, Telegram, WhatsApp und etwas YouTube am Ende des Tages noch 15-20 %. Ich bin allerdings ein intensiver User – wiederum aber kein Gamer. Zockt ihr „Pokémon Go“ sieht die Sache also genau so anders aus, wie in dem Fall, dass ihr lediglich ab und zu mal eure Messages checkt. Wie lange ihr hinkommt, hängt eben extrem von euren Gewohnheiten ab.
Display und Kamera
HTC verbaut im U12+ einen IPS-Bildschirm mit 6 Zoll Diagonale im Format 18:9 mit 2.880 x 1.440 Bildpunkten. Das Display unterstützt auch HDR 10, selbst wenn jenes aktuell in der Praxis nur wenig Relevanz hat. Erstaunlich: Für HDR 10 sind normalerweise recht hohe Spitzenhelligkeiten notwendig. Allerdings gibt sich das U12+ hier eher moderat. Beim Fotografieren in der strahlenden Sonne hatte ich jedenfalls teilweise Mühe das Display vernünftig zu erkennen. Mein eigenes Xiaomi Mi Mix 2 konnte ich hingegen noch gut ablesen. Das gleiche Spielchen zeigt sich bei der adaptiven Helligkeit: Das HTC U12+ regelt deutlich aggressiver runter, als Konkurrenzmodelle. Ob man das eher als angenehm oder störend empfindet, dürfte aber Geschmackssache sein.
Was die Schärfe, die Farbwiedergabe und die Kontraste angeht, kann man dem Display des HTC U12+ allerdings keinerlei Vorwürfe machen. Der Bildschirm liefert kräftige aber nicht zu überdrehte Farben, satte Kontraste und eine knackige Wiedergabe, die speziell bei Videos Freude bereitet. Wer möchte, kann übrigens auch einen Always-On-Modus nutzen, um sich auch abseits der aktiven Nutzung etwa die Uhrzeit anzeigen zu lassen. So attestiere ich persönlich dem HTC U12+ einen Bildschirm, der eines Flaggschiffs durchaus würdig ist.
Ich hatte bereits darüber gebloggt, dass das HTC U12+ laut DxOMark Mobile die beste aktuelle Dual-Kamera in einem Smartphone biete. Und tatsächlich hat mir das Fotografieren mit dem HTC U12+ nach langer Zeit mit einem Phone endlich wieder richtig Spaß gemacht. Dabei punkten sowohl die Dual-Haupt- als auch die Dual-Frontkamera richtig. So können es die Kameras des HTC U12+ problemlos mit anderen Flaggschiffen wie dem Samsung Galaxy S9, dem LG G7 ThinQ oder dem regulären Huawei P20 aufnehmen. Das HTC U12+ profitiert unter anderem von einer hervorragenden HDR-Wiedergabe, bei der sich der Hersteller seine eigene Technik namens HDR Boost zunutze macht – HTCs Pendant zu Googles HDR+.
Auch das Zoomen mit dem HTC U12+ klappt überdurchschnittlich gut – zweifacher optischer Zoom ist ja an Bord. Aber auch wenn das Phone elektronisch nachhilft, sind die Ergebnisse noch erstaunlich brauchbar. Oben seht ihr einmal das ungezoomte Bild. Dann habe ich aus exakt der gleichen Position einmal ein Foto mit 4,1-fachem Zoom aufgenommen – ebenfalls im Slider enthalten. Das Ergebnis finde ich immer noch beachtlich.
Beeindruckend ist auch die sowohl bei Haupt- als auch Frontkamera kräftige Farbwiedergabe. Gepaart mit den satten Kontrasten entstehen bei automatischen Einstellungen, so knipsen wohl die meisten mit ihrem Smartphone, wirklich tolle Fotos. Wir leben in einer Zeit, in der wir uns mittlerweile weit entfernt befinden von den weichen, verrauschten Aufnahmen alter Handy-Kameras. Die Aufnahmen, die ich ohne große Mühe aus dem HTC U12+ herausholen konnte, haben mich wirklich positiv überrascht.
Dabei könnt ihr sowohl an Haupt- als auch Frontkamera übrigens die Bokeh-Funktion auf automatisch stellen, sie natürlich abschalten oder manuell eingreifen. Je nachdem wie stark ihr den Effekt mögt, regelt ihr also nach. Ich habe bei den obigen Fotos mit der Frontkamera mal auf Maximum gepusht. Mir gefällt es, allerdings meinten manche meiner Fotografie-affinen Freunde, dass es fast aussehe, als stünde ich vor einem künstlichen Hintergrund.
Deswegen seht ihr oben, dass der automatische Modus das Bokeh etwas zurückhaltender anlegt. So oder so macht dieser Modus im Verhältnis zu anderen Kameras, hier denke ich da an das Nokia 7 Plus, wenig Fehler und funktioniert schnell und zuverlässig. Hier zahlen sich offenbar auch die Dual-Frontkameras bei HTC aus. Wer also wie ich auf die Tiefenunschärfe steht, wird richtig viel Spaß mit den Kameras des HTC U12+ haben.
Spannend ist auch, wie das HTC U12+ in seinem Verschönerungsmodus die Filter anlegt. Denn das weicht von den Ergebnissen ab, die ich von etwa Konkurrenzmodellen aus China gewohnt bin. So wirke ich etwa auf obigem Bild nicht wie ein durch den Wolf gedrehter CGI-Charakter, sondern eher wie via Instagram-Filter manipuliert. Die Kombination aus Weichzeichner, um Hautunreinheiten zu beseitigen und anschließender Nachschärfung sowie auch Kontrast- und Farbanpassungen sieht zwar sehr künstlich, aber durchaus interessant aus.
Als Spielerei packt HTC in seine Kamera auch direkt endlose Sticker / Masken, wie Snapchat-Fans sie eventuell lieben werden. Ich konnte daran bisher nie etwas finden, so dass ich es bei dem Schnappschuss von oben belassen möchte, um niemanden hier weiter zu traumatisieren.
Auch im Bezug auf Video hat das HTC U12+ übrigens einiges zu bieten: Etwa eine Funktion, welche die Kamera automatisch herein-und herauszoomen lässt. Wie schnell das Smartphone jenes ausführt, ist sogar anpassbar. Auch 4K-Videos mit Stabilisation, 3D-Audio für Surround-Sound und bis zu 60 fps beherrscht das HTC U12+.
Edge (Non-)Sense
HTC setzte Edge Sense bereits 2017 für seine U11 und U11+ ein. Auch die Google Pixel 2 und Pixel 2 XL bieten ein ähnliches Feature. Bei Google heißt es halt Active Edge. Blogger-Kollege Benny lobte die Funktion damals in seinen Tests. Leider, leider kann ich in dieses Lob jedoch nicht einstimmen. Ganz im Gegenteil: Statt mir den Alltag zu erleichtern, brachte mich Edge Sense in der zweiten Generation am U12+ in einigen Momenten zur Weißglut. Warum? Ihr mögt einwenden, dass die Funktion auf dem Papier doch super klingt: Zusatzfunktionen drauf legen, Gehäuse ein bißchen quetschen et voilà ganz locker vereinfacht sich die Bedienung. Nun ja, wenn es denn so einfach wäre…
Das erste Szenario in dem Edge Sense 2 mir tierisch auf die Nerven ging: Selfies aufnehmen. Dabei halte ich das Smartphone meiner Wahl für gewöhnlich nämlich etwas fester. Vermutlich tun das bewusst oder unbewusst viele von euch. Denn drückt man mit einer Hand bzw. dem Daumen selbiger den Fotoauslöser, während man das Phone festhält, will man ja nicht, dass es versehentlich gen Boden rutscht. Ihr erahnt das Problem: Statt einen Selfie aufzunehmen aktivierte ich wiederholt Edge Sense 2 und die von mir darauf verbannten Funktionen. Nun ist es ja doll, wenn ich einen Screenshot aufnehme, statt ein Selbstporträt zu knipsen. Manch einer möge sagen, damit fange ich bestimmt das lohnenswertere Motiv ein. Doch Sinn der Sache ist es eben nicht. Die einzige Abhilfe war tatsächlich Edge Sense 2 komplett abzuschalten, wenn ich Selfies knipsen wollte. Auch eine Regulierung der Empfindlichkeit brachte nämlich in meinem Fall nichts.
Ohnehin unterstellte mir Edge Sense 2 eher zaghaft auf das Gehäuse zu drücken. Das hat mich eher irritiert, da ich bei noch stärkerem Druck irgendwann Angst bekommen hätte das Testmuster des HTC U12+ zu demolieren. Allerdings verbündet sich Edge Sense 2 gemeinsam mit den unsäglichen Touch-Buttons zu einer geradezu unheiligen Allianz: Denn nur mit viel Übung bzw. Fingerakrobatik lässt sich das Smartphone mit einer Hand halten und gleichzeitig ausschalten. Mit jedem anderen Smartphone ein Leichtes: Ich halte mein Phone mit einer Hand fest, während ich mit einem Finger der gleichen Hand auf den Powerbutton drücke, um das Gerät auszuschalten. Sollte das Normalste der Welt sein…
Sollte, denn am HTC U12+ löste auch dieses waghalsige Manöver bei mir stets Edge Sense 2 aus. Lösung? Das Gerät mit zwei Händen Ausschalten. Nun mögt ihr sagen, dass die meisten User ihr Smartphone nicht ständig an- und ausknipsen. Im Gesamtbild ist es aber einfach ärgerlich, wenn eine so selbstverständliche Sache plötzlich zu einem Akt wird.
Versteht mich nicht falsch: Die Idee hinter Edge Sense 2 ist gut: Ihr könnt selbst Apps bzw. Funktionen auf die Funktion legen. Das geht ja sogar mit zwei parallel. Eine Aktion wird dann über einen kurzen, die andere über einen langen Druck des Gehäuses ausgelöst. Trotzdem ist jedoch etwas Gefriemel notwendig. So muss man anfangs schauen, wie hoch eben die Druckempfindlichkeit sein soll und wie lange das HTC U12+ abwarten soll, bis es quasi jeweils einen kurzen oder langen Druck als solchen erkennt.
Und da greift meine Kritik auch wieder: So ein Feature muss funktionieren, ohne dass ich womöglich eine Stunde am Herumkalibrieren bin und trotzdem beim Aufnehmen von Selfies oder dem Ausschalten des Smartphones ins Zetern komme. Vielleicht läuft Edge Sense 2 tatsächlich aktuell am HTC U12+ so unzuverlässig und verkompliziert, weil es sich noch um Kinderkrankheiten handelt. Offenbar klappte ja bei den Vorgängermodellen einiges besser. Aber ich kann hier nur bewerten, was ich im Alltag erlebt habe – und das spricht eben absolut gegen diese Funktion, welche mich mehr geärgert als mir etwas gebracht hat.
Fazit
Das HTC U12+ ist ein Smartphone-Flaggschiff, das eigentlich alles bietet, was man sich wünscht: einen tollen Bildschirm, referenzwürdige Kameras und massive Leistung. Leider kommt dann der enorme Haken. In der aktuellen Form ist die Kombination aus berührungsempfindlichen Buttons und Edge Sense ein Ärgernis – leider kann ich das aus meinem Nutzungsalltag nicht anders sagen. Und wenn man mit so einfachen Aufgaben hadern muss, wie Screenshots anzufertigen, Selfies zu knipsen oder nur das Gerät ein- / auszuschalten, dann läuft schlichtweg etwas schief.
Offenbar sind HTC die Querelen bekannt – Firmware-Updates sollen die Empfindlichkeit der Touch-Buttons verbessern und auch Edge Sense 2 soll sich weiterentwickeln. Aktuell ist das HTC U12+ aufgrund der Macken aber aus meiner Sicht nur sehr experimentierfreudigen Anwendern zu empfehlen. Zumal auch das Design des HTC U12+ ohne den Wow-Faktor der Konkurrenz auskommen muss.
Schade, denn gerade die Haupt- und Frontkameras des HTC U12+ sind richtig klasse und haben mir mächtig Spaß gemacht. HTC Sense ist mittlerweile eine Oberfläche mit wenig Ballast und der Qualcomm Snapdragon 845 sorgt in Kombination mit den 6 GByte RAM für butterweiche Performance. Zudem punktet HTC immer noch im Audio-Bereich – sowohl mit den überdurchschnittlichen Lautsprechern des U12+ als auch den beiliegenden Usonic-Kopfhörern.
Bis man das HTC U12+ vorbehaltlos wird empfehlen können, fehlen aber wohl noch einige Firmware-Updates. Aktuell liegt hier ein Smartphone vor, das quasi „stets bemüht“ ist, sich von der Konkurrenz abzuheben, aber leider den Nutzungsalltag durch seine Marotten ab und zu komplizierter anstatt einfacher macht.
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