Am 19. November startete Google seinen neuen Cloudgaming-Dienst Stadia. Eine Milliarde neue Spieler möchte Google damit erreichen, das war das ausgelobte Ziel zur Vorstellung des Dienstes seinerzeit. Der Start verlief etwas holprig, die wenigsten Besteller der Founder’s Edition haben ihr Paket direkt am 19. November erhalten. Auch stehen noch nicht alle Funktionen zur Verfügung, so benötigt man aktuell zum Beispiel zwingend ein Pro-Abo, um Stadia überhaupt nutzen zu können. Eine kostenlose Basis-Version wird erst nächstes Jahr folgen.
Man kann Stadia im aktuellen Zustand durchaus als Beta bezeichnen, als Besteller der Founder’s Edition sollte man das aber auch wissen. Auch zum Bestellzeitpunkt. Insofern ist es schon etwas komisch, wenn man diese zahlreichen Negativkommentare zum Start aufschnappt. Offenbar erwarteten nicht wenige Nutzer ein perfekt funktionierendes System. Interessant hierbei: Diese Kommentare kommen oft von Gamern, die bereits voll ausgestattet sind, sei es mit einer aktuellen Konsole oder einem Gaming-PC. Also genau die Gruppe, die Google noch gar nicht anvisiert.
Google möchte mit Stadia Gaming für mehr Menschen zugänglich machen, das wird vor allem mit der kostenlosen Basis-Version passieren. Über sie wird man den Dienst auch nutzen können, die Ausgabe erfolgt dann aber maximal in Full HD. Spiele dafür muss man trotzdem kaufen, wie bei Steam oder im Epic Games Store, egal ob Pro- oder Basis-Version. Großer Unterschied: Man braucht keine leistungsfähige Hardware, da die Computerleistung von Google zur Verfügung gestellt wird – lediglich eine sehr gute Internetverbindung ist Pflicht.
Stadia Pro liefert den Gamestream auch mit 4K-Auflösung und 60 FPS aus, in den Einstellungen der App erfährt man, dass da bis zu 20 GB pro Stunde an Daten fließen können. Das muss eure Leitung im Zweifelsfall also erst einmal hergeben. Allerdings kann die Bereitstellung auch dynamisch erfolgen, sodass es bei langsamerer Verbindung eben einen Kompromiss aus grafischer Abspeckung und flüssigem Gameplay gibt. Das Nadelöhr ist bei Stadia also nicht die Hardware, sondern die Internetverbindung jedes einzelnen Spielers.
Ich stehe auf neue Technik, deshalb habe ich mir – als der nicht klassische Gamer ohne fette Steam-Bibliothek – natürlich die Founder’s Edition bestellt. Leider erst einen Tag nach der Ankündigung, das resultierte dann auch in einer Lieferung einen Tag nach den Erstbestellern. Aber es gab vorher schon den Code und so konnte ich Stadia auch ohne den Stadia-Controller und den dazughörigen Chromecast Ultra ausprobieren. Meine Hardware der Wahl für die ersten Stunden mit Stadia, aber noch ohne die spezielle Hardware: MacBook Pro, ein PS4-Controller und mein iPhone XS.
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine allzu großen Erwartungen, wollte halt nur schon einmal hineinschnuppern, was da so geboten wird. Ich wusste ja, dass der Stadia-Controller am nächsten Tag hier sein wird. Gestartet wird allerdings mit der Einrichtung über die Stadia-App, die für Android und iOS zur Verfügung steht. Das habe ich auf dem iPhone erledigt, das war alles sehr geschmeidig.
Als Inhaber eines Pro-Abos erhält man auch gleich zwei Games, die man kostenlos nutzen kann. Destiny 2 und Samurai Shodown, es entstehen also nicht gleich zwingend zusätzliche Kosten. Also ging es nach der Aktivierung direkt in den Chrome-Browser, denn auch darüber kann man Stadia nutzen. Den PS4-Controller habe ich über Bluetooth mit dem MacBook verbunden. Stadia.com in Chrome aufrufen, gegebenfalls anmelden und schon kann es losgehen. Der Controller wurde zuverlässig erkannt, man muss also keinen Mix aus Tastatur auf dem MacBook (oder einem anderen PC) und dem Controller nutzen, um Stadia bedienen zu können.
Die Startseite von Stadia zeigt prominent die Games, die man gekauft oder freigeschaltet hat, das zuletzt genutzte Game wird dabei an erster Stelle angezeigt. Destiny 2 kannte ich vom Namen her und wusste auch, dass es sich dabei um einen Shooter handelt, also direkt mal eingestiegen. Und fast genauso schnell wieder ausgestiegen. Nicht mein Genre, nicht meine Spielgeschwindigkeit. Als jemand, der mit Amiga 500 und Tetris groß geworden ist, finde ich an solchen Games schlicht keinen Spaß.
Aber es lief. Besser als ich erwartet hatte. Ich spürte keinen Lag der Eingaben am Controller, grafisch ist das Ganze – wenn man den direkten Vergleich zu anderen Versionen nicht kennt – eine Augenweide, die einem da in einem Web-Browser (Full Screen, man sieht nicht, dass man im Browser spielt) präsentiert wird. Ab und an hatte ich Framedrops, diese schiebe ich aber zu 100 Prozent auf meine Internetverbindung oder das genutzte WLAN. Diese Aussetzer machten nicht den Eindruck, als ob sie von Stadia verursacht würden.
Samurai Shodown ist der zweite Titel, den man mit Stadia Pro aktuell kostenlos nutzen kann. Ein Game im Stil von Street Fighter, man prügelt sich in Matches mit anderen. Großer Vorteil für Nicht-Gamer: Wildes herumkloppen auf Buttons kann zum Ziel führen. Da habe ich mich dann auch etwas länger mit beschäftigt, aber so richtg befriedigend war das für einen Stadia-Test dann auch nicht, dafür bietet das Game meiner Meinung nach zu wenig Tiefe.
Aktuell gibt es Black-Friday-Angebote für Nutzer von Stadia Pro, also stöberte ich mal im Shop. Das ist auch schnell erledigt, denn zum Start gibt es nur 22 Titel. Immerhin ein guter Mix. Sportspiele wie NBA 2K20, Rollenspiele wie Final Fantasy XV oder auch Hits wie den Landwirtschafts-Simulator 19 gibt es zu entdecken. Zu bedenken ist hier, wir befinden uns wenige Tage nach dem Start eines neuen Systems, wer hier gleich hunderte an Stadia angepasste Games erwartet, erwartet zu viel. Einen Exklusivtitel gibt es derzeit: Gylt.
Gekauft habe ich mir also Tomb Raider Defintive Edition (10 Euro, Erstveröffentlichung 2014) und Assassin’s Creed Odyssey (35 Euro, Erstveröffentlichung 2018). Tomb Raider kannte ich noch von der ersten PlayStation, damals sah Lara Croft noch aus wie heute der Cybertruck von Tesla. Assassin’s Creed habe ich hingegen noch nie gespielt, hörte bisher aber nur Gutes, also wurde es mal Zeit, das Ganze auszuprobieren.
Tomb Raider sorgte dann auch für den ersten Wow-Effekt. Auf dem 13-Zoll-Display des MacBook Pro sieht das toll aus und auch für einen Greis wie mich ist das ein spielbares Game. Was aber das Wow auslöste, war, dass es einfach funktioniert. Grafik, Sound, Steuerung – alles top! Gestreamt im Browser, mein Tech-Herz hüpfte vor Freude. Und die Erwartungen an den Stadia-Controller stiegen.
Fast Forward zum nächsten Tag, da kam dann endlich die dedizierte Hardware. Der Stadia Controller und der Chromecast Ultra. Der Chromecast Ultra unterscheidet sich dabei nicht vom bereits verfügbaren Modell, allerdings benötigt das verfügbare Modell ein Update, um mit Stadia zu funktionieren – jenes ist aber noch nicht erschienen.
Der Stadia-Controller macht einen hervorragenden Eindruck. Eine Mischung aus Xbox- und PS4-Controller. Passt für mich super, meine Hände würde ich als mittelgroß bezeichnen. Die Buttons machen einen etwas schwammigen Eindruck, der durch die deutlichen Druckpunkte aber relativiert wird. Beim Spielen selbst merkt man das gar nicht und kann präzise steuern.
Neben dem D-Pad sind zwei Analog-Sticks verbaut, es gibt rechts die typischen Buttons, die X, Y, B, A gelabelt sind. Außerdem auf der „Oberfläche“ zu finden: ein Button für das Menü, einer für Optionen, einer für den Google Assistant und einer für Bildschirmaufnahmen (Screenshots oder Videoclips). Auch gibt es noch die Schultertasten (L1, L2, R1, R2) und den Stadia-Button, der einen jederzeit das aktuelle Spiel oder Stadia komplett beenden lässt – das volle Paket also.
Der Akku ist im Stadia-Controller fest verbaut, das könnte sich bei längerer Nutzung durchaus noch als nachteilig erweisen. Kommt eben drauf an, was da schneller in die Knie geht, die Buttons oder der Akku. Austauschen lässt sich nichts von dem durch den Nutzer. Geladen wird der Controller über USB-C, ebenso erfolgt die Kabelverbindung zu Geräten auf diesem Weg, falls man den Controller nicht kabellos nutzt bzw. nicht nutzen kann.
Der Chromecast wird über die Google-Home-App eingerichtet, im Anschluss geht es direkt mit der Einrichtung des Controllers weiter, man wird wunderbar durchgeführt, da wird keiner dran scheitern, wenn er lesen kann, was auf dem Bildschirm erscheint. Hat bei mir reibungslos geklappt. Ohne die Updates, die für Chromecast und den Controller zur Verfügung standen, hätte die Einrichtung keine 5 Minuten gedauert.
Der Controller kommuniziert nicht direkt mit dem Chromecast, sondern via WLAN direkt mit dem Stadia-Dienst. Und darin könnte eventuell auch das Problem liegen, auf das man mit der Kombination Stadia Controller plus Chromecast Ultra stößt: Eingabeverzögerungen.
Diese machen sich nicht bei allen Games bemerkbar. Man kann problemlos Titel wie Tomb Raider oder auch Destiny 2 spielen. Aber bei Games, bei denen es auf eine schnelle und präzise Steuerung ankommt, merkt man es eben. Bestes Beispiel ist hier das Rennspiel GRID, wie ich mir von einem haben sagen lassen, der sowohl die PC-Version als auch die Stadia-Version ausprobiert hat. Die Eingabeverzögerung ist zwar minimal, aber es kann sich eben negativ auf das Spielerlebnis auswirken. Ob das etwas ist, das man noch in den Griff bekommt, ist mir nicht bekannt, für den Hardcore-Gamer kann dies aber schon zum Dealbreaker werden.
Tatsächlich ist es so, dass mein Urteil zu Stadia sehr anders ausfallen würde, hätte ich zuerst mit der Stadia-Hardware ausprobiert, nicht mit dem MacBook in Verbindung mit dem PS4-Controller. Und das ist auch der einzige Punkt, den ich Google bei der ganzen Geschichte ankreide. Es kann nicht sein, dass das Spielerlebnis mit zusammengewürfelter „Fremdhardware“ (PS4-Controller, MacBook und iPhone) besser ist, als es mit der dedizierten Hardware der Fall ist.
Ja, man bekommt auf dem MacBook keine 4K mit 60 FPS geliefert – logisch, dass es da einfacher ist, ein flüssiges Gameplay zu realisieren. Aber man kann eben auch nicht 4K 60 FPS anbieten, wenn es dann sowieso nicht wie erwartet funktioniert. Witzigerweise ist selbst der Stadia-Controller am MacBook (mit Kabelverbindung) langsamer als der kabellos verbundene PS4-Controller. Das wiederum lässt mich hoffen, dass da mit Updates nachgeholfen werden kann.
Das frühe Stadium von Stadia merkt man aber nicht nur an diesem Punkt, sondern auch in der App. So können zum Beispiel Aufnahmen, die man mit dem Stadia-Controller anfertigt (Screenshot oder 30-Sekunden-Video) zwar in der App betrachtet werden, man bekommt diese aber nicht aus der App heraus geteilt, nicht einmal eine Fullscreen-Anzeige ist möglich. Die Screenshots und Videos sind also winzig in der Darstellung, ziemlich doof, wenn man da etwas zeigen möchte. Auch funktionieren Dinge wie Partys noch nicht, das ist schon alles sehr Beta – wohl gemerkt eine bezahlte Beta.
Spannend wird die App unter iOS aber auch noch aus einem anderen Gesichtspunkt werden. Denn man kann Games aktuell nur über die App kaufen. Wer mit den Richtlinien des App Stores vertraut ist, der wird wissen, dass Zahlungen für Inhalte über Apple laufen müssen, deshalb kann man zum Beispiel über die Amazon-App keine Filme kaufen.
Die Stadia-App interessiert dies aktuell nicht. Man kann fröhlich Games kaufen, abgerechnet wird direkt über Google. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die App aus dem App Store fliegt oder Google sich etwas für die Bezahlung einfallen lassen muss – alternativ könnte man auch einfach die Möglichkeit entfernen, über die App Games zu kaufen, dann würde man aber einen anderen Weg benötigen, sprich ein Android-Smartphone (warum man Games nicht über die Webseite kaufen kann, ist mir nicht bekannt).
Ein Fazit möchte ich zu diesem Zeitpunkt zu Stadia noch nicht ziehen, dazu ist das noch zu früh. Man kann aber bereits sehr gut erkennen, wo Google mit Stadia hin will – und es durchaus auch schaffen kann. Richtig interessant wird Stadia meiner Meinung nach sowieso erst, wenn die kostenlose Basis-Version verfügbar ist. Dann benötigt man weder ein Pro-Abo noch muss man sich den Stadia-Controller zulegen. Browser oder Smartphone genügt dann, man muss nur für die Spiele zahlen – wie überall. Keine Hardware-Kosten, das wird defintiv neugierige Spieler anlocken, die bisher nicht in Hardware investieren wollten oder konnten.
Das größte Highlight ist für mich im Moment, dass man ein Game kauft und sofort loszocken kann. Keine Updates, kein Herunterladen, sobald ein Spiel in Stadia freigeschaltet ist, kann es auch gespielt werden. Für den Casual-Gamer kann dies ein absolutes Killer-Feature sein.
Wer heute bereits mit PS4, Xbox One oder Gaming-PC ausgestattet ist, der wird in Stadia keinen Sinn erkennen, wozu auch, er ist ja bereits versorgt. Aber all jene, die das nicht sind – also ein Großteil der Menschen – finden in Stadia den bislang einfachsten Zugang zu Gaming, noch einfacher wird es eben, wenn dann mal alle Features zur Verfügung stehen.
Allerdings könnte genau für jene Menschen auch die erforderte schnelle Internetleitung das Hauptproblem darstellen. Nicht unbedingt in Deutschland, aber auch hierzulande ist nicht jeder mit einer stabilen Breitbandverbindung gesegnet.
Stadia im aktuellen Zustand ist etwas für Menschen, die gerne neue Dinge ausprobieren und dabei Spaß haben können, nicht auf Krampf das Haar in der Suppe suchen müssen oder krude Vergleiche anstellen müssen, um etwas Neues schlecht zu reden – also vermutlich nichts für den „typisch Deutschen“ – den man ja heute praktisch an jeder Ecke des Internets lautstark seine Meinung vertretend trifft.
Wer Stadia ausprobieren möchte, aber die 129-Euro-Investition in die Premiere-Edition scheut, der wartet am besten noch bis die Buddy Passes verfügbar sind. Die können von Stadia-Foundern verteilt werden (genauer Zeitpunkt unbekannt) und liefern 3 Monate Pro kostenlos. Die Stadia-Hardware benötigt man dafür nicht zwingend.
Falls ihr zu den Stadia-Foundern gehört, hinterlasst gerne eure Meinung, gerne auch unter Angabe eurer technischen Ausstattung (Internetverbindung, bereits vorhandenes Gaming-Equipment), damit steht und fällt die Qualität des Dienstes ja. Ich selbst bin gespannt wie sich Stadia in den nächsten drei Monaten entwickelt. Stand heute, sehe ich keinen Grund für mich, beim Pro-Abo zu bleiben. Aber drei Monate sind auch eine lange Zeit, um Verbesserungen, vor allem beim Zusammenspiel von Stadia-Controller und Chromecast Ultra, zu liefern.
