
Donnerstag war es so weit: „Cyberpunk 2077“ ist nach mehreren Verschiebungen endlich erschienen. Erste Testberichte lasen sich im Vorfeld sehr vielversprechend. Nun konnte ich mir das Spiel selbst an der Xbox Series X (hier mein Erfahrungsbericht zur Konsole) anschauen. Und mich persönlich lässt „Cyberpunk 2077“ nach meinen ersten 12 Spielstunden mit einem eher ernüchternden Eindruck zurück. Doch eigentlich ist das Ganze viel komplexer.
Zunächst zum Spiel an sich: In „Cyberpunk 2077“ verkörpert ihr den Charakter V in einer dystopischen Zukunftsvision, basierend auf dem klassischen Pen-and-Paper-Rollenspiel „Cyberpunk“ von Mike Pondsmith. Vs Hintergrundgeschichte wählt ihr am Anfang selbst: Wahlweise stammt V als Nomad aus dem Umland von Night City, arbeitet als Corpo für einen Konzern oder gehörte zuvor einer Straßengang an. Der Anfang hat mich an „Dragon Age: Origins“ erinnert. Allerdings hat die Herkunft nach einem ca. halbstündigen, angepassten Beginn wenig Einfluss auf das, was weiterhin passiert.
In Night City entwickelt sich „Cyberpunk 2077“ nach einem etwas zählen, linearen Beginn zu einem Open-World-Rollenspiel. Die Stadt ist nicht riesig, aber vollgepackt. Beispielsweise solltet ihr nicht alleine auf die bloße Größe der Karte blicken. Denn sie ragt sozusagen auch in die Höhe. Daher kann der Ersteindruck trügen. Durch die „Schichten“, die quasi übereinander gestapelt sind, bietet sich hier ein großes, urbanes Szenario zum Austoben. Und RPG-typisch bombardieren einen auch direkt zahlreiche Questgeber mit Aufgaben, die in unterschiedliche Bereiche von Night City führen. Da kann die Hauptquest direkt zur Nebensache werden.
Ähnlich wie in „The Witcher 3: Wild Hunt“ geht es aber nicht nur um Gespräche, das Sammeln von Gegenständen für Questgeber und darum Entscheidungen zu treffen. Auch die Kämpfe nehmen eine enorme Rolle ein – dieses Mal alles aus der First-Person-Perspektive. Dabei bin ich direkt auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad „Very Hard“ gestartet, der sich auch für mich absolut richtig anfühlt. So ist das Spiel hart aber fair. Vielmehr könnt ihr so in Kämpfen nicht einfach wild drauflos ballern, sondern müsst Taktik anwenden und euere Umgebung ausnutzen.
Beispielsweise habt ihr im Attribut- und Perk-System von „Cyberpunk 2077“ die Möglichkeit Punkte auf Bereiche wie Reflexe, Körper oder Technik zu legen. Ich entschied mich rasch dafür mit Hacking zu hantieren. Das erlaubt es etwa, Maschinen in der Umgebung zur Ablenkung zu nutzen oder die Cyberware-Implantate von NPCs zu manipulieren. Problem: Ihr könnt nur eine begrenzte Anzahl sogenannter Quickhacks im Cyberdeck speichern, das ihr zum Hacken benötigt. Anfangs steht euch nur ein Einstiegs-Deck zur Verfügung – bessere Versionen kosten Unmengen an Geld. Das animiert immerhin direkt sich auch in Nebenaufgaben zu stürzen.
Letztere fallen in meiner bisherigen Spielzeit sehr unterhaltsam aus. Allerdings sehe ich da „The Witcher 3: Wild Hunt“ mit seinen Geschichten noch als überlegen an. So schwankt die Qualität der Quests bei „Cyberpunk 2077“ deutlich stärker. Es gibt auch Aufgaben, bei denen man im Wesentlichen von Person X den simplen Auftrag erhält Gegenstand Z zu Person Y zu bringen. Außerdem gibt es noch Serien von Nebenaufgaben, wie die Faustkämpfe gegen mehrere Kontrahenten in unterschiedlichen Bereichen der Stadt oder die Kopfgeldjagd bzw. das Aufstöbern von Cyber-Psychos – im wesentlichen Mini-Bosse, die euch besondere Belohnungen verheißen.
„Cyberpunk 2077“ erinnert mich in Sachen Gameplay und Atmosphäre bisher extrem an „Deus Ex“. Auch hier gibt es oft mehrere Wege Missionen zu lösen – einfach Rumballern, Schleichen oder durch Verhandlungen zum Ziel gelangen. Und auch hier könnt ihr nicht nur eure Attribute steigern und mit Perks neue passive und aktive Fähigkeiten erhalten: Cyberware-Implantante peppen auch V auf und steigern etwa seine Traglast, geben mehr Zeit beim Hacken oder erhöhen den Widerstand gegen Waffen. Auch Cyberware ist allerdings exorbitant teuer.
Waffen und neue Rüstungen gibt es ebenfalls in verstreuten Shops in der Spielwelt. Bei jenen einzukaufen, das erschien mir aber schnell als unnötig: Holzt man Gegner um, findet man regelmäßig neue Waffen und Rüstungen im Überfluss. Was ihr nicht benötigt, könnt ihr im Übrigen auch auseinandernehmen und sogar selbst neue Items per Crafting basteln. Dafür braucht ihr aber die passenden Rohstoffe. Gegenstände auseinanderzunehmen und auch mal unnötig Objekte in der Spielwelt zu hacken, ist anfangs zudem ein guter Weg ein paar Erfahrungspunkte zu sammeln.
Als V muss man nicht zwangsweise per pedes in Night City unterwegs sein. Schon zum Start verfügt ihr über ein Auto, mit dem ihr durch die Straßen kurvt. Wer wahllos wie in „GTA“ Passanten umnietet, zieht jedoch schnell die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich. Je mehr Unruhe ihr stiftet, desto aggressiver werden die Ordnungshüter bei eurer Verfolgung. Da die Fahrzeugsteuerung extrem schwammig ist, sind Konfrontationen da nahezu vorprogrammiert. Zumal die KI anderer Autofahrer und der Passanten gegen null geht. Mir sind auch einige Male Fußgänger einfach spontan in die Karosserie gesprungen.
Und das führt uns auch zu meiner Überschrift, nach deren Sinn ihr euch vielleicht schon gefragt habt: Wer aktuell nicht über einen High-End-PC verfügt, der sollte „Cyberpunk 2077“ meiner Ansicht nach derzeit noch meiden. So einfach sieht die Sache aus. Das hat gleich mehrere Gründe. Zum einen ist das Spiel auch nach den ersten Patches extrem verbuggt. Ich hatte an der Xbox Series X mehrere Male Freezes, die sich wenigstens dadurch auflösen ließen, dass ich kurz das Spiel gen Homescreen verließ und dann zurück ins Game wechselte. Doch was man bereits in wenigen Minuten in Night City erlebt, geht auf keine Kuhhaut.
Mein Begleiter Jackie etwa vermeint regelmäßig in einem Cabrio zu sitzen: Stoppe ich das Fahrzeug, liebt er es aufzustehen, um provokativ durch das Fahrzeugdach zu ragen. Generell scheint er Unterricht bei Kitty Pryde genommen zu haben, denn auch geschlossene Türen durchschreitet er regelmäßig kommentarlos. Aber auch andere Bewohner Night Citys haben aufgepasst: Arme und Beine durch Wände zu strecken, ist groß in Mode. Levitation zählt ebenfalls zum Standard-Repertoire vieler NPCs. Diese Bugs wären vereinzelt amüsant, treten aber so regelmäßig und geballt auf, dass sie die Atmosphäre stark beeinträchtigen.
Auch in Quests kann es Fehler geben: Einmal tauchte bei mir etwa ein relevanter NPC nicht auf – stattdessen war die Figur in den Kampf mit einer Gang verstrickt und lag nun regungslos in der Gosse. Nur das Laden eines älteren Spielstandes half aus. Mein Charakter guckt in den Spiegel: Plötzlich habe ich statt meiner gewählten Frisur eine Glatze, mein Hut wird dafür nicht angezeigt. Solche Fehler treten im Minutentakt auf und sind mir in den letzten Jahren so geballt in keinem einzigen Spiel untergekommen. Zusätzlich ist auch die Technik von „Cyberpunk 2077“ selbst für ein Last-Generation-Spiel wenig beeindruckend. Die einzige Version, die grafisch rundum überzeugt, ist die PC-Version.
Von den Konsolenversionen steht die Xbox Series X aktuell am besten da. Zwar zockt ihr hier nur die Variante für die Xbox One X via Abwärtskompatibilität, doch es gibt stabilere Framerates. Außerdem ist der Modus „Qualität“ nur der Microsoft-Konsole vorbehalten. Er bietet höhere Auflösungen und auch eine höhere NPC-Dichte sowie Ambient Occlusion. Die PS4 Pro und PS5 verfügen nur über einen niedriger aufgelösten Performance-Modus. Alle Konsolen zeigen aber eine verfälschte HDR-Darstellung, sodass ihr aktuell am besten fahrt, wenn ihr HDR schlichtweg deaktiviert.
Vergleicht man nun aber z. B. Beleuchtung und Texturqualität der Konsolenversionen mit der PC-Fassung, dann liegen da wirklich Welten dazwischen. Als bester Vergleich fallen mir manche Portierungen für die Nintendo Switch ein, die wir in der Vergangenheit z. B. zu Titeln wie „Doom“ erlebt haben. Auf einem kleinen Handheld-Bildschirm sind Kompromisse aber verzeihlicher, als auf einem 4K-TV. Vergleiche ich nun „Cyberpunk 2077“ mit den letzten Last-Generation-Spielen wie „The Last of Us: Part II“ oder „Ghost of Tsushima“, dann schneidet der Titel von CD Projekt RED bescheiden ab.
Hinter all den Bugs und technischen Abstrichen verbirgt sich jedoch ein großartiges Rollenspiel mit bereits zu Beginn einnehmender Story, interessanten Charakteren und viel Tiefe. Doch ich wurde so oft aus der Atmosphäre gerissen, sei es durch den Anblick matschiger Texturen, schwebende Charaktere oder einen der anderen Fehler, dass ich mich entschlossen habe nach diesem Anspielbericht „Cyberpunk 2077“ komplett zur Seite zu legen. Ich warte nun auf die Next-Generation-Patches. Ein derart umfangreiches Spiel zocke ich nur einmal komplett durch – und das möchte ich dann in einer besseren Qualität tun.
Es gibt ja aktuell auch genügend andere Open-World-Kost, um bei Laune zu halten: „Assassin’s Creed Valhalla“ (hier mein Test), „Watch Dogs Legion“ (hier mein Test) oder auch „Yakuza: Like A Dragon“ (hier mein Test) sind allesamt bestens geeignet, um die Wartezeit auf das Next-Generation-Update für „Cyberpunk 2077“ zu überbrücken. Wer gar nicht abwarten kann, sollte das Rollenspiel aber im Idealfall an einem potenten Gaming-PC zocken – oder eventuell sogar mal bei Stadia hereinschauen. „Cyberpunk 2077“ ist definitiv ein Pflichtkauf, denn wenn mal alles so läuft, wie es soll, blitzt ein fantastisches Rollenspiel auf – aber das ist aktuell noch nicht fertig entwickelt.
- NIGHT CITY VERÄNDERT ALLES!
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