Ubuntu für jedes Gerät: Smartphone, Tablet, TV, PC – Ein direkter Angriff auf Windows 8? [Kommentar]

20. Februar 2013 Kategorie: Linux, Mobile, geschrieben von: Patrick Meyhöfer

Es war am Dienstag mal wieder soweit, Canonical schaltete einen großen Countdown einen Tag zuvor und präsentierte medienwirksam die noch fehlende Gerätekategorie Ubuntu für Tablets, nachdem man Anfang des Jahres bereits Ubuntu für Phones ganz groß vorstellte. Dazu gesellen sich die schon länger bekannten Projekte Ubuntu TV und Ubuntu für Android.

Ubuntu for all Devices

Die Strategie dahinter überrascht nicht wirklich, die Pläne hatte Mäzen Mark Shuttleworth bereits vor einiger Zeit formuliert. Inzwischen sieht man aber auch die zukünftige Umsetzung und eine ganz klare Ausrichtung und Positionierung von Ubuntu. Der direkte Konkurrent sind nicht die klassischen mobilen Betriebssysteme, wie  iOS oder Android, sondern ganz klar Windows 8 von Microsoft.

Dafür ist man inzwischen auch bereit, den bekannten Bug #1, ganz offensiv anzugreifen. Bereits letztes Jahr, zur Vorstellung von der neuen Ubuntu Version 12.10, erschien kurze Zeit ein großer Banner, der Ubuntu ganz klar als die bessere Alternative, zu Microsofts neuem Betriebssystem Windows 8, positionieren sollte.

Ubuntu Pain Windows 8

Nach einigen Protesten nahm man den provokanten Schriftzug wieder von der Webseite, zeigte jedoch das man zukünftig aggressives Marketing führen möchte. Wenn man eines Canonical und Shuttleworth zugute halten muss ist, dass man die gängigen Marketinginstrumente gut beherrscht. So ist es kein Wunder, dass die letzten Ankündigen die gesamte Techwelt neugierig machten. Dies ist auch direkt eines der zentralen Konzepte in der Strategie: Bring die Marke Ubuntu aus dem klassischen Nischensegment Linux heraus und mache sie dem wenig technikbegeisterten Endbenutzer bekannt. Schließlich kommt dieser in der Regel ansonsten nur mit vorinstallierten Windows-Versionen in Kontakt.

Eine große Chance bei Ubuntu sieht man ganz klar, seit Microsoft ihre Neugestaltung des kompletten Betriebssystems vorgenommen hat und neben dem klassischem PC auch ihre Surface-Tablets und ihr Windows-Phone mit einem einheitlichen System ausstattet.

windows8_one_experience

Das Prinzip eines Betriebssystems für sämtliche Geräteklassen ist bei beiden sehr ähnlich gewählt. Bei den Gesten und dem geteilten Bildschirm fühlt man sich ab und an auch an den Konkurrenten aus Redmond erinnert. Jedoch setzt man bei Canonical darauf, dass Microsoft nur ein halbgares Produkt auf den Markt geworfen hat. Diesen Punkt kann ich in großen Teilen nur bestätigen. Wer länger mit Windows 8 gearbeitet hat, bemerkt ständig Inkonsistenzen zwischen der neuen Modern UI-Oberfläche und dem traditionellen Desktop, weshalb ich nur wenige kenne, die von der neuen Oberfläche auf dem Desktop vollständig überzeugt sind.

Genau hier setzt Canoncial mit seiner Unity-Oberfläche an und will eine deutlich bessere Benutzererfahrung bieten, als sie Steven Sinofsky mit dem Umbau von Windows bis zu seinem Abgang erreicht hat. Betrachtet man die ersten Videos (die Vorschau zum selbst installieren wird am 21. Februar veröffentlicht) gelingt dies auch tatsächlich. Das System wirkt durchdacht und überrascht mit gutem Design.

Nach meiner Einschätzung besitzt man mit Ubuntu tatsächlich ein System in der Entwicklung, welches sich gut als produktives, mobiles System eignen kann. Dabei konzentriert man sich zunächst gar nicht primär auf den normalen Konsumenten, dieser wird trotz innovativer Benutzerführung wohl eher auf iOS oder Android setzen, alleine weil das App-Ökosystem wohl nicht so rasant wachsen wird, trotz guter Dokumentationen, Beispiele und ein vorhandenes SDK, um Entwickler für die Plattform zu begeistern.

Ubuntu Mobile Developer Tools

Die Zielgruppe von Canonical wird aber gerade zu Beginn eher nicht der einfache Endbenutzer sein, wie man auch aus einigen Interviews mit Shuttleworth immer wieder hört. Schaut man sich die offizielle Produktseite an, entdeckt man einige relevante Themen für Firmen. So hebt man unter anderem die unterschiedlichen Benutzerkonten mit kompletter Verschlüsselung besonders hervor. Aber auch die Möglichkeit Windows-Applikationen über Streaming-Protokolle zu nutzen, dürfte Business-Anwender genauso ansprechen, wie die Split-Screen Multitasking-Funktionalität.

Ubuntu OS Business

Genau hier dürfte die gewünschte, zahlende Zielgruppe zu finden sein, wenn man später Hardwarepartner für das System präsentieren wird. Grund der Konzentrierung und Weiterentwicklung auf den mobilen Sektor ist allerdings nicht der hehre Gedanke der Open-Source-Gemeinschaft für eine bessere und freie Softwarekultur (obwohl man wie immer den kompletten Quellcode bereitstellen wird), sondern ganz klares langfristiges Gewinnstreben.

Shuttleworth, als nobler Spender des Projektes, betont immer wieder, dass Ubuntu derzeit nicht profitabel ist. Reine Supportdienstleistungen, Ubuntu für die Cloud und Launchpad bringen zwar Einnahmen, aber längst nicht genug, um die bestehenden Entwicklungskosten zu decken. Da er nicht ewig sein Privatvermögen investieren möchte, muss man Wege finden, dass sich Ubuntu langfristig trägt. Dies kann man voraussichtlich hauptsächlich über die Business-User, im Consumer-Bereich wird die Konkurrenz zu stark sein. Ein Markt den Microsoft gerne für sich beansprucht, aber gerade mit Windows 8 noch nicht so klar besetzen kann, wie gewohnt.

Das Wachstum von Ubuntu kann nur über den mobilen Sektor kommen, schließlich will man bis 2015 etwa 200 Millionen Nutzer mit Ubuntu ausstatten. Dabei wird man allerdings nicht ausschließlich auf die optimierten Touchscreen-Oberflächen setzen, sondern glaubt auch weiterhin an eine Zukunft der klassischen Bedienung über die Tastatur.

Die ganze Strategie klingt zunächst vielversprechend und könnte aktuell für viele eine interessante Alternative zu Windows 8 sein. Problematisch sehe ich allerdings, wie bei allen Projekten von Canonical die Hardware voraussetzen, passende Partner ins Boot zu holen. Man präsentiert zwar großartig auf einer extra geschalteten Seite schon die Hardwarevoraussetzungen, aber es ist weiterhin völlig unklar, wo, wann und bei wem man das System später vorinstalliert kaufen kann.

Ubuntu Hardware OEMs

Dies zieht sich wie ein roter Faden durch sämtliche Präsentationen. Es gibt bis heute kein zu kaufendes TV-Gerät mit Ubuntu, kein vorinstalliertes Ubuntu für Android (immerhin schon vor einem Jahr auf dem Mobile World Congress gezeigt) auf Smartphones und erst recht keine Smartphones und Tablets. Die Software kommt weitestgehend überall gut bei der Präsentation an, danach hört man aber einmal mehr, dass frühestens im ersten Quartal 2014 erste Smartphones ausgeliefert werden sollen. Entgegen ersten Ankündigungen im Oktober erwartet Shuttleworth laut einem kürzlichen Interview nicht, dass wir vor 2014 erste Ubuntu Smartphones sehen werden.

Natürlich muss man Partner von dem System überzeugen, damit diese ihre eigenen Anpassungen und Apps ausliefern können, um an Ubuntu generell interessiert zu sein, gerade wenn man bisher keine relevante Marktgröße hat. Solange hätte man aber dann wohl eher mit der Ankündigung warten sollen, dann aber auch mit konkreten Details und bestenfalls einer Vorbestellungsmöglichkeit auftrumpfen können. Der jetzige Zeitraum ist mir persönlich viel zu lang und das Geschäft schnelllebig. Das Gefühl des Haben-Wollens beim Konsumenten legt sich schnell, wenn andere Konkurrenten mit interessanten Neuerungen schneller liefern können.

Microsoft arbeitet bereits an schnelleren Aktualisierungszyklen mit Windows Blue, bei Google wird man einiges bei Android auf der kommenden IO vorstellen, eine größere Zusammenführung von Chrome OS und Android, wer weiß – Die Konkurrenz schläft nicht. Natürlich wird es wieder einige geben, die Ubuntu auf dem Nexus 7 oder Nexus 10 installieren, ohne richtige Hardwarepartner wird sich Ubuntu aber keinen größeren Marktanteil sichern können.

Ob man den übermächtigen Konkurrenten Microsoft mit Windows 8 wirklich angreifen kann, wird die Zeit zeigen. Jedoch sollte man schnellstmöglich konkrete Partner verkünden, ansonsten bleibt vielleicht wieder einmal nur ein Nischendasein und Ubuntu ein gutes System für technikaffine Benutzer, aber kein System für den Business- oder Enduser.

Das Potential, um kräftig Bewegung in den Markt zu bringen, hat man allerdings. Gerade die Idee, dass man mit einem Endgerät, z.B. dem Smartphone, jede Geräteklasse nutzen kann, könnte neue Nutzerschichten aktivieren, welches die Konkurrenz erstmal kontern muss.


Vielen Dank für das Lesen dieses Blogs! Wenn ihr uns unterstützen wollt, dann schaut euch auch den HP Konfigurator an, welcher auf einer separaten Unterseite geschaltet wurde: HP Konfigurator. Außerdem haben wir noch Informationen über das HP ElitePad 1000 G2 und dieses verlosen wir auch!

Gefällt dir der Artikel?
Dann teile ihn mit deinen Freunden.
Nutze dafür einfach unsere Links:
Über den Autor: Patrick Meyhöfer

#Linux, #Ubuntu, #OpenSource #Android sind meine Themen. Du findest mich auch auf Twitter und Google+. Zudem schreibe ich Beiträge für freiesMagazin und auf meinem Blog Softwareperlen .

Patrick hat bereits 404 Artikel geschrieben.