Totgesagte leben länger: Darum habe ich mir eine Sony PlayStation Vita gekauft

7. Mai 2017 Kategorie: Games, Hardware, geschrieben von: André Westphal

Die Sony PlayStation Vita erschien in Europa 2012: Damals war der Smartphone-Boom in vollem Gange. Flaggschiffe wie das Samsung Galaxy S3, das LG Optimus 4X HD oder das Apple iPhone 5 sorgten für Aufsehen. Es gab wenig Platz für ein Handheld wie die Sony PlayStation Vita, die mit Fehlentscheidungen wie proprietärem Ladeanschluss und so notwendigen wie überteuerten (ebenfalls proprietären) Speicherkarten Kritik einstecken musste. Etwa fünf Jahre nach Release habe ich mir die betagte PS Vita gekauft und verrate, warum es sich gerade jetzt gelohnt hat.

Zum Launch hatte ich nicht einmal einen Hauch von Interesse: Gerade hatte ich mein erstes Smartphone erstanden, das Samsung Galaxy S3, und war fasziniert, was daran an Mobile Gaming möglich ist. Nie war ich weiter entfernt davon mir ein Handheld zu kaufen, als 2012 – dem Erscheinungsjahr der PS Vita in Europa. Mit jener Haltung war ich sicherlich nicht alleine, zumal Nintendo mit seinem 3DS den Markt sowieso fest in der Hand hatte. Glaubte damals jemand ernsthaft an den Erfolg der PS Vita?

Man bekam sogar Zweifel, ob das bei Sony selbst der Fall war. Das Marketing kam mir halbherzig vor, das Spieleangebot beinhaltete abseits von „Uncharted: Golden Abyss“ und „wipEout 2048“ wenig Interessantes. Und so kam die PS Vita auf den Markt, dümpelte mit enttäuschenden Verkaufszahlen am Markt vor sich hin und weder Entwickler und Kunden noch Sony selbst schienen mit dem Ding etwas anfangen zu können.

Beispielsweise bietet die Vita neben zwei Analogsticks, einem digitalen Steuerkreuz, Schultertasten und zahlreichen Buttons an der Rückseite ein Touchpad, einen Touchscreen und sogar Front- und Rückkameras. Das zusätzliche Brimborium, wie das rückseitige Touchpad, wurden aber nur von sehr wenigen Spielen genutzt – und wenn dann in der Regel entweder optional oder sehr gimmickhaft. Es spricht Bände, dass bis heute das einzige Spiel, welches die besonderen Merkmale der Vita effizient ausgenutzt hat, „Tearaway“ geblieben ist.

Das ist im Grunde aber typisch Sony: Anfangs bewarb das Unternehmen auch das Touchpad des DualShock 4 als Innovation. Wo stehen wir damit heute? Entweder Entwickler nutzen das Touchpad in Spielen einfach wie einen übergroßen Button oder lassen das Ding links liegen. Sony musste auf die harte Tour lernen, dass sich manche Ideen auf dem Papier zwar vielversprechend anhören, in der Praxis aber nutzlos bleiben, wenn Gamer und Entwickler daran keinen Gefallen finden.

Doch zurück zur PlayStation Vita: Wie gesagt, hatte ich damals an dem Handheld keinerlei Interesse. Das einzige Handheld, das ich jemals besessen habe, blieb lange Zeit der erste Nintendo Game Boy. Tatsächlich hat sich das aber nun vor nur wenigen Wochen geändert: Mehr als fünf Jahre nach Erscheinen und sogar nach der offiziellen Einstellung durch Sony, habe ich mir nun eine PlayStation Vita gekauft. „Was soll so ein Quatsch?“, mögt ihr euch angesichts der Tatsache fragen, dass aktuelle Smartphones bessere Bildschirme und höherwertige Grafik bieten.

Im Grunde lässt es sich auf eine Ursache herunterbrechen: „Persona 4 Golden“! Der Nachfolger, „Persona 5“, begeistert mich so enorm, dass ich den Vorgänger einfach unbedingt zocken wollte. Und die einzige Möglichkeit „Persona 4“ zu spielen, ist entweder zu einer noch betagteren PS2 zu greifen oder die aufgebohrte Variante, eben „Persona 4 Golden“, an der Vita zu nehmen. Nun könnte man einwenden: „Dafür extra eine Vita kaufen? – Das klingt für mich nach Blödsinn.“

Gebe ich normalerweise Recht, allerdings habe ich nun für die PS Vita in der besseren Version mit OLED-Screen plus 8-GB-Speicherkarte 90 Euro gezahlt. „Persona 4 Golden“ hat mich stolze 4,99 Euro gekostet. Letzten Endes sind das dann doch überschaubare Kosten, um eines der renommiertesten JRPGs aller Zeiten, das kann man durchaus über „Persona 4“ sagen, zu spielen. Zumal ich dann nun auch für jeweils weniger als 10 Euro noch „Uncharted: Golden Abyss“ und „Little Big Planet Vita“ mitgenommen habe. Auch hat die PS Vita gemessen am Alter einen sehr stabilen Wiederverkaufswert: Das Exemplar, das ich erhalten habe, sah fast aus wie neu. Würde ich es bald wieder verhökern, käme ich wohl bei Plus / Minus Null raus.

Klar, bei den Tech-Specs ist die Vita heute retro: Der Bildschirm mit 5 Zoll Diagonale löst mit zweckmäßigen 960 x 544 Bildpunkten auf. Im Inneren stecken ein ARM Cortex-A9 mit vier Kernen, 512 MByte RAM und 128 MByte VRAM für die GPU PowerVR SGX 543 MP4. An sich war die PS Vita aber für 2012 ein recht interessantes Gerät und in einigen Aspekten durchaus seiner Zeit voraus. Ich denke sogar, dass genau das auch zum Flop beigetragen hat: Die Entwicklungskosten für ein Spiel wie beispielsweise „Uncharted: Golden Abyss“, das mit orchestraler Musik, kompletter Sprachausgabe und Motion-Capturing protzt, dürften deutlich höher gewesen sein, als bei Titeln für etwa das Nintendo 3DS.

Letzten Endes sind die Spielepreise aber traditionell im Handheld-Markt geringer, also müssen es auch die Entwicklungskosten sein, will man hier Geld verdienen. Ich denke das hat sicherlich viele Entwickler abgeschreckt. Es würde auch erklären, warum die PS Vita schließlich zu einem kleinen Indie-Darling wurde, denn da konnten die Studios ihre Titel dann eben ohne Gedanken an Triple-A-Mentalitäten sehr gut für das Handheld umsetzen. Doch große Publisher wie Electronic Arts, Activision oder Ubisoft sahen die geringe Verbreitung und verloren das Interesse. Was zum Teufelskreis wurde, denn ohne entsprechende Spiele blieb auch das Interesse der Gamer gering.

Ich habe den Kauf der PS Vita hingegen zum angegebenen Preis nicht bereut. Das OLED-Display mit seiner nach heutigen Maßstäben geringen Auflösung sieht natürlich nicht aus wie der Bildschirm meines Huawei nova Plus. Doch zum Zocken ist das völlig in Ordnung. Allein „Persona 4 Golden“ ist für JRPG-Fans eben schon den Kauf des Handhelds wert. Immer mal wieder unterwegs oder abends vorm Pennen die Story weiterzocken, das macht definitiv Laune. Ich würde den Kauf einer PlayStation Vita jedenfalls mit Speicherkarte und definitiv mit dem OLED- statt LC-Display durchaus empfehlen – wenn man auf einige der Exklusivtitel Bock hat.

Sony versuchte übrigens eine Zeit lang der Vita via Remote Play neues Leben einzuhauchen: Ihr könnt das Handheld mit einer PS3 oder auch PS4 vernetzen und dann entsprechende Konsolentitel an die Vita streamen und an ihr zocken. Habe ich mal ausprobiert und konnte verstehen, warum das keine Begeisterungsstürme ausgelöst hat. Mit der Steuerung ist es so eine Sache, da ja die zweiten Schultertasten fehlen. Außerdem braucht man ein sehr stabiles Netzwerk. Kann cool sein, wenn man eine Familie hat und Frau / Mann oder Kids den TV blockieren. Aber wäre für mich persönlich sicherlich kein Grund die Vita zu kaufen.

Im Klartext: Dass die PlayStation Vita in Zeiten von Smartphones und Tablets sowie der Dominanz von Nintendo im Handheld-Markt untergegangen ist, wundert mich nicht. Erst recht nicht, wenn man bedenkt, dass das Gerät zum Release 250 Euro gekostet hat. Den Preis war und ist das Handheld aus meiner persönlichen Sicht nicht wert. Gerade jetzt, wo man das Ding aber nur noch gebraucht und zum guten Kurs bekommt, die Spiele spottbillig sind und „Persona 5“ nahelegt auch mal den Vorgänger nachzuholen, war die Vita aber (zumindest für mich) eine lohnenswerte Anschaffung.

Ich vermute zwar, dass meine Vita nach dem Durchspielen von „Persona 4 Golden“, „Uncharted: Golden Abyss“ sowie „Little Big Planet Vita“ einen neuen Besitzer suchen muss, doch das wäre dann auch ok. Wer noch mehr Bock auf weitere JRPGs wie „Tales of Hearts R“, „The Legend of Heroes: Trails of Cold Steel“ oder auch mobile Versionen von z. B. „Final Fantasy X“ hat, dürfte aber noch besser mit der Anschaffung fahren. Zumal auch die PSP-Titel aus dem PlayStation Store an der Vita funktionieren.


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Über den Autor: André Westphal

Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich eines Tages als Ghostbuster sein Geld zu verdienen oder zumindest das erste Proton Pack der Welt zu testen. Mit geheimniskrämerischem Konto auch bei Facebook zu finden. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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