The Witcher 3: Blood and Wine – Besser als jede Weinprobe

5. Juni 2016 Kategorie: Games, geschrieben von: André Westphal

witcher 3 blood and wineIch begleite den zynischen Hexer Geralt nun seit fast zehn Jahren durch seine Videospiele-Abenteuer: Das erste Spiel der Reihe gefiel mir bereits richtig gut – sogar über das umstrittene Sammeln von Nackedei-Sammelkarten habe ich mich amüsiert. Doch vor allem die Entscheidungen mit langfristigen Konsequenzen, fernab langweiliger Moralsysteme, die sich nur in „Gut“ und „Böse“ aufteilen, haben mich schon 2007 begeistert.  Jetzt hat der Entwickler CD Projekt RED Geralts wohl letztes, digitales Abenteuer veröffentlicht: „Blood and Wine“ ist ein bittersüßer Abschied vom Hexer, der alle herausragenden Qualitäten noch einmal in einem Add-On bündelt.

Um gleich klarzustellen: Ich liebe „The Witcher 3: Wild Hunt“. Mir hat jede einzelne Sekunde enormen Spaß gebracht. Auf Todesmarsch habe ich das Hauptspiel inklusive aller Nebenquests durchgezockt. Story, Charaktere, die wunderschöne Spielwelt…Ich habe wirklich viele RPGs gespielt – an C64, GameBoy, SNES, PS1, PS3, PS4 und natürlich am PC. Ja, Klassiker wie „Baldur’s Gate 2“, „Planescape Torment“ und meine Lieblinge „Chrono Trigger“ sowie „Final Fantasy VI“ rangieren unter meinen absoluten Lieblingsspielen. Bereits „The Witcher 2: Assassins of Kings“ ist meiner Meinung nach ein großartiges Spiel gewesen. „The Witcher 3: Wild Hunt“ ist für mich persönlich aber eines der ganz, ganz wenigen Games, das den Begriff „Meisterwerk“ rechtfertigt. Ich denke es wird eines der Spiele sein, von denen aktuelle Jugendliche in Jahrzehnten noch genau so sprechen, wie ältere Semester eben heute vom ersten „Fallout“ oder „Final Fantasy VII“.

witcher 3 blood and wine screenshot

Für mich sind es dabei oft die scheinbar kleinen Momente, die „The Witcher 3“ von der Konkurrenz abheben: etwa die großartige Ballade der Elfin Priscilla – ein Gänsehaut-Moment. Oder Geralts und Triss entscheidende Liebesszene am Hafen. Mal abgesehen vom ironischen Wortwitz, der sich durch alle Dialoge zieht. Doch bevor ich hier seitenlang ins Schwärmen gerate: Kann das letzte Add-On dieses hohe Niveau halten?

Sicherlich habt ihr online schon etliche Reviews durchkämmt und die Antwort der Tester lautet im Grunde einheilig: „Ja!“. Sehe ich das auch so? Nun „Blood and Wine“ unterscheidet sich in seiner Stimmung teilweise stark vom Hauptspiel. War „Hearts of Stone“ noch eine direkt in die bestehende Spielwelt eingebundene Erweiterung, so betritt man im neuen Add-On ein völlig neues Gebiet. Toussaint wirkt geradezu kunterbunt im Verhältnis zur übrigen Witcher-Welt. Dazu passt, dass man seine Hexer-Rüstungen nun in allerlei neue Farben tauchen kann. Mein Geralt läuft etwa jetzt mit seiner Vipern-Rüstung in Blau und Orange umher. Es erschien mir nur logisch, dass sich auch Geralt neben der neuen Spielwelt etwas aufhellen musste.

witcher blood and wine banner

Allerdings brodelt es hinter der Fassade: Die ersten Quests rund um ein Ritter-Turnier, eine verfluchte Maid und die Ermordung mehrerer alter Ritter decken eine Kriminalgeschichte mit übernatürlichen Elementen auf. Hier sei nicht zu viel verraten. Habt ihr die Bücher gelesen, kommt ihr besonders auf eure Kosten. Doch die Hauptquest ist für mich, so genial sie erzählt ist, gar nicht mein persönliches Highlight in „Blood and Wine“. Denn bereits als ich einem alten Ritter-Kumpanen zum Turnier folgen soll, entdecke ich am Horizont ein Gebäude, das ich mir gerne mal genauer ansehen möchte. Auf dem Weg stolpere ich direkt in dutzende von Quests: Da entdecke ich einen geheimnisvollen Friedhof, zwei Großgrundbesitzer, die sich über einen Weinberg zoffen und beide meine Hilfe wollen und einen Edelmann, der ausgerechnet einen Basilisken zu seinem Wappentier erkoren hat. Dumm nur, dass jener nun Händler attackiert. Jene hat Mr. Lordschaft mit Hinweisschildern gewarnt und beharrt darauf, dass sein Basilisk Iocaste eigentlich friedliebend sei. Zumal der weiße Basilisk angeblich der letzte seiner Art sei.

Und genau hier zieht mich „The Witcher 3: Blood and Wine“ in seinen Bann: Ich kann mich entscheiden, ob ich mit ein paar Söldnern der Bedrohung den Garaus mache oder als Öko-Witcher das bestehende Ökoysystem – inklusive Basilisk – bewahre. Beide Entscheidungen sorgen jeweils für neue Sympathien oder Feindschaften – doch keine wirkt glasklar „gut“ oder „böse“. Hier zeigt sich, genau wie im Hauptspiel, die erzählerische Stärke des Hexers. Ich will nicht strahlender Held oder klischeehafter Schurke sein, sondern so handeln, wie ich es für richtig halte – auch wenn ich damit in einer Grauzone liege.

An den Kämpfen hat CD Projekt RED dagegen eher dezent geschraubt: Ich persönlich finde die neuen Gegner wie die Archesporen, kennen Veteranen aus dem ersten Spiel, sowie die Riesen-Tausendfüssler sehr ähnlich. Die Taktik ist in beiden Fällen gleich: Hinrollen, draufhauen, abhauen bevor die Dinger austicken, neu orientieren, wiederholen, bis sie das Zeitliche segnen. Macht aber nix, denn dafür gibt es deutlich mehr Bossgegner. Auch wenn viele Reviewer dabei erwähnen, dass der Schwierigkeitsgrad happig sei, kann ich das bisher nicht bestätigen: Ich zocke wie gehabt auf „Todesmarsch“ und bin lediglich anfangs an den Archesporen mehrmals gescheitert, bis ich den Dreh raus hatte. Mein Charakter hat das Add-On mit Level 38 begonnen.

Die neuen Mutationen konnte ich übrigens noch nicht austesten, da man dafür Fähigkeitspunkte horten muss – ich aber erstmal noch mein Quen-Zeichen aufwerten wollte. Von dem „Grandmaster Witcher Gear“ habe ich dagegen bereits Baupläne ergattert bzw. einige Items erstellt. Ähnlich wie anno dazumal in „Baldur’s Gate 2“ erhaltet ihr nun Set-Boni, wenn ihr drei bzw. sechs Teile eines Ausrüstungs-Sets tragt. Allerdings findet man auch so in Toussaint viel brauchbare Items.

Das neue Spielgebiet ist übrigens nicht nur wunderschön, die knalligen Farben, idyllischen Weinberge und ungewohnt fröhlichen Menschen sind eine nette Abwechslung zum abgekämpften Velen, sondern auch prall gefüllt. Überall gibt es kleine Dörfer, verlassene Ruinen und versteckte Quests zu entdecken. CD Projekt RED zeigt, wie guter DLC aussehen muss. Das Preis- / Leistungsverhältnis ist geradezu atemberaubend, wenn man bedenkt, dass der Expasion Pass für sowohl „Hearts of Stone“ als auch „Blood and Wine“ insgesamt 24,99 Euro (PS4-Version) gekostet hat. Selbst allein für „Blood and Wine“ hätte ich bei dieser Investition kein schlechtes Gewissen. Hier könnten sich andere Publisher und Entwickler eine ganz dicke Scheibe abschneiden.

Ich gönne es Geralt dabei, dass Toussaint für eine gewisse Auflockerung sorgt: Der Hexer hat zum Abschluss ein etwas leichteres Abenteuer verdient, um ihn in den Sonnenuntergang zu schicken. Dabei werden die Entwicklungen des Hauptspiels übrigens durchaus einbezogen – etwa kann man während des Ritter-Turniers einen Schwur auf seine große Liebe leisten. In meinem Fall ist das Triss Merigold. Jene tritt später dann zudem indirekt in Form eines Briefes auf. Auch wenn das gesamte Add-On also in einer eigenen Sphäre spielt, bleibt doch der Blick auf die große Welt des Hexers erhalten.

Seitenlang könnte ich hier auch über die dezenten, aber absolut stimmigen Verbesserungen der Benutzeroberfläche, die optimierte Performance oder die kleinen Aufwertungen der Grafik sprechen. Aber genug mit dem Fanboy-Gelaber: Falls ihr schon das Hauptspiel gemocht habt, solltet ihr definitiv bei „Blood and Wine“ zuschlagen. Es handelt sich hier um ein Add-On der alten Schule, das die Spielwelt enorm erweitert und mit den Tweaks der Oberfläche sogar das Hauptspiel nachträglich aufwertet. Insgeheim hoffe ich ja doch auf ein „The Witcher 4“. Sollte „Blood and Wine“ aber nun tatsächlich der Videospiele-Abschied von Geralt sein… Der Meister tritt mit Würde ab und setzt für alle zukünftigen Rollenspiele mit offener Spielwelt im Bezug auf Charaktere und Story Maßstäbe.


 

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Über den Autor: André Westphal

Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich eines Tages als Ghostbuster sein Geld zu verdienen oder zumindest das erste Proton Pack der Welt zu testen. Mit geheimniskrämerischem Konto auch bei Facebook zu finden. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

André hat bereits 1776 Artikel geschrieben.