Testbericht Samsung Gear 360: Der Winzling mit Potential

18. Juni 2016 Kategorie: Android, Hardware, Internet, geschrieben von: Benjamin Mamerow

Testbericht Samsung Gear 360: Der Winzling mit Potential

Der Markt für 360°-Kameras ist noch äußerst überschaubar. Vor allem dann, wenn man eine solche für einen noch relativ erschwinglichen Preis erstehen möchte. Dabei werden 360°-Aufnahmen immer interessanter und beliebter. Gerade in Hinsicht auf die Nutzung im VR-Bereich kann man das durchaus nachvollziehen. Eine Rundum-Aufnahme einer Hochzeitsfeier ist auch in einigen Jahren noch deutlich imposanter als die üblichen Quickshots, die man ansonsten so auf Feiern anfertigt.

Da heißt es oft “Schnell das Handy / die Digitalkamera raus und abgedrückt”. Google liefert bereits seit Jahren innerhalb von Maps und Street View den Beweis, dass die sogenannten “Photospheres”  ein geniales Medium sind, um dem Betrachter besondere Orte und dergleichen nahezubringen. Eines der Mankos an den Spheres ist aber, dass diese aus zig Einzelbildern – aufgenommen mit einer Smartphone-Kamera – zusammengesetzt werden und so gelegentlich unschöne sichtbare Übergänge zwischen diesen entstehen. Hier möchte Samsung eine weitaus besser funktionierende Lösung anbieten und liefert mit der Gear 360 eine Kamera an, die dank IP53-Zertifizierung auch noch als Actioncam taugt. Ich habe mir die Cam nun eine Weile anschauen dürfen, reichlich Bilder geschossen, ein paar Videos aufgenommen und möchte Euch meinen Eindruck nun einmal schildern.

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Optik und Verarbeitung

Die kugelförmige Kamera wird zusammen mit einem kleinen Dreibein als anschraubbares Stativ ausgeliefert. Ist dieses zusammengeklappt, eignet es sich hervorragend als Handgriff, um die Kamera über den Kopf zu halten und aufnehmen zu lassen. Die einzelne Kamera lässt sich dank des Gewindes auch auf allen anderen üblichen Stativen anbringen.

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Ein ebenfalls mitgeliefertes Handschlaufenband sichert vor einem ungewollten Absturz. Ansonsten lag der Gear 360 noch das nötige Papierwerk, ein austauschbarer 1350 mAh Akku, ein Schutzbeutel und ein USB-Ladekabel bei. Die Kamera wirkt trotz der knuffig erscheinenden Form sehr hochwertig verarbeitet und lässt keine Verarbeitungsfehler erblicken.

Testbericht Samsung Gear 360: Der Winzling mit Potential

Hinter der abgedichteten Klappe befinden sich die Slots für den Akku und die SD, sowie der USB-Anschluss.

Die vom Hersteller angegebenen 145g Gesamtgewicht (mit Akku) und 152g inklusive Stativ wirken in der Hand erstaunlich schwer. Auch das unterstützt den positiven Ersteindruck, denn genau das hatte ich mir von so einem Produkt erhofft. Die Abmessungen der Kamera betragen 66,7 x 56,2 x 60 mm. Was direkt auffällt, sind die beiden sich gegenüberliegenden F2.0 Fischaugen-Linsen, wovon jede ein 180°-Einzelbild aufnehmen kann. Beide Bilder werden später zu einem Vollsphärenbild zusammen gerechnet. Neben einem 0,5 Zoll-OLED-Display, das die Menüsteuerung visualisiert, sind an der Gear 360 noch insgesamt 3 Bedienknöpfe angebracht. Davon ein An-/Ausschalter, ein Menüknopf und ein Auslösebutton auf der Oberseite. Neben den Linsen angebrachte LED signalisieren beim Betrieb den entsprechenden Bereitschaftszustand der einzelnen Linsen. Es können schließlich neben beiden Linsen gleichzeitig auch jeweils nur die Front- oder die Rückseitenlinse aktiviert werden. Die Bedienung der Menüführung erfolt intuitiv, das System ist wirklich selbsterklärend und einleuchtend. Alle wichtigen Anschlüsse und Einschübe sind hinter einer Klappe vor Spritzwasser und Staub geschützt, damit die Cam eben auch als Actioncam einsetzbar bleibt.

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Testbericht Samsung Gear 360: Der Winzling mit Potential

Gut zu erkennen: Die beiden LED, die signalisieren, welche Linse gerade aktiv ist – hier im Bild sind beide Seiten an.

Technische Daten

Bereits erwähnt hatte ich das kleine 0,5 Zoll-OLED-Display auf der Oberseite der Kamera. Hier werden Informationen zum Speicherplatz, dem Kameramodus, Akkustand und halt die Menüführung selbst angezeigt. Die Cam hat einen integrierten Beschleunigungssensor und natürlich ebenfalls ein Gyroskop verbaut. Als Rechenknecht werkelt hier ein DRIMe5s-Chipsatz, unterstützt von 1 GB Arbeitsspeicher. Ein “flüssiges” Bedienen war sehr gut möglich, allerdings bedeutet das beim Bedienen von so einem Gerät nicht wirklich viel. Interessanter ist hier die wirklich flotte Zusammenarbeit mit der Software, auf die ich später noch ein klein wenig genauer eingehen möchte. Die Kamera unterstützt die Standards Wi-Fi 802.11 a/b/g/n/ac (2,4/5 GHz), Wi-Fi Direct, Bluetooth v4.1, USB 2.0 und NFC.

Videos werden im MP4-Format (H.265 Codec), Bilder im Speicherplatz-sparenden JPEG-Format auf der eingelegten SD-Karte gespeichert. Wer sich für den Kauf der Gear 360 entscheidet, sollte definitiv eine passende microSD-Karte daheim haben oder eben zusätzlich eine kaufen. Diese darf laut Hersteller maximal 200 GB an Daten fassen, andere Quellen sprechen hier von maximal 128 GB – ich bleib da lieber bei der offiziellen Information. Einen integrierten Speicher gibt es nicht, was die Kamera maximal noch zur Livecam ohne Aufnahmefunktion in Verbindung mit einem kompatiblem Smartphone macht.

Kamera

Videos nimmt die Gear 360 in zwei Varianten auf. Entweder mit nur einer Linse, dann bei 2560 x 1440 Pixeln und 30 fps. Werden beide Linsen angesteuert, so nehmen diese mit 3840 x 1920 Pixeln auf bei 30 fps. Das entspricht nicht ganz 4K – allerdings auf eine Vollsphäre bezogen.

Auch Fotos kann die Kamera in zwei Versionen erstellen. Und auch hier ist entscheidend, ob ich mit einer Linse oder eben als 360°-Aufnahme mit beiden fotografieren möchte. Das Einzellinsen-Bild kommt auf 3.072 x 1.728 Pixel und kommt einer Panoramaaufnahme gleich. Erst wenn man die zweite Linse dazuschaltet, macht der Kauf einer 360°-Kamera auch richtig Sinn.

Das entstandene Bild misst dann 7.776 x 3.888 Pixel, also 30 Megapixel. Bei meinem Test verwendete ich eine 64 GB microSD von Samsung, die mir nach dem Einlegen direkt mal eine Maximalanzahl für mögliche zu schießende 360°-Fotos von über 4600 Bildern ins Display eingeblendet hat. Für Videos stünden immerhin über 6:40 Stunden Aufnahme zu Verfügung. Sportlich, wenn man bedenkt, dass ich hier nunmal Aufnahmen machen möchte, die wirklich jeden Blickwinkel im Umfeld aufzeichen.

Beim Betrachten der Bilder auf dem Ausgabegerät (PC / Handy) fällt dann aber schnell ins Auge, dass die 30 MP zwar auf den ersten Blick wirklich gut ausfallen. Zoomen sollte man hingegen vermeiden. Die Bilder werden in JPEG abgespeichert und verbrauchen gerade einmal 2-3 MB pro Bild. Da wundert nix. Damit möchte ich die resultierenden Fotos keineswegs schlecht reden, aber mit ultra-hochauflösenden Bildern sollte hier nicht gerechnet werden. Darauf habe ich mich allerdings bereits vor meinem Test eingestellt.

Ansonsten bin ich echt angetan von der Einfachheit, mit der ich mal eben per Klick (und nachfolgend eingestelltem Timer von 2/5/10 Sekunden) eine DREIHUNDERTSECHZIGGRAD-Aufnahme meiner Umgebung machen kann. Auf einigen Fotos und auch auf Videos sind teils die Übergänge zwischen den Einzelbildern erkennbar. Gerade im Video fällt das schnell auf, da sich bewegende Objekte gern über den „Klebepunkt“ hinweg bewegen. Das nachfolgende 360°-Video habe ich für Euch auf Youtube hochgeladen, um unter anderem genau dieses Phänomen zu verdeutlichen. Zum Video ist anzumerken, dass ich kein externes Mikrofon verwendet habe, sondern lediglich auf das in der Kamera integrierte zurückgegriffen habe, um die Leistung zu testen: (optimiert für Chrome, Firefox und Edge)

 

Akkulaufzeit

Wie bereits weiter oben beschrieben, besitzt der Akku eine Kapazität von 1350 mAh. Dieser ist recht schnell geladen und zeigt beim Fotografieren und Filmen eine gute Ausdauer. Während meines Tests habe ich die Kamera insgesamt drei Mal geladen. Dabei war ich aber auch mehrere Tage mit ihr unterwegs, habe hier und da Aufnahmen gemacht, aber eben auch viel mit der App auf dem S7 zusammen mit der Cam experimentiert. Für meine Bedürfnisse langte die Laufzeit recht gut. Wer die Kamera als Actioncam verwenden will oder generell einen deutlich intensiveren Einsatz damit plant, der hat vermutlich eh schon das ein oder andere mobile Ladepack parat liegen. Wenn nicht, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt, das Netz schon mal nach Angeboten dafür zu durchforsten 😉

Software

Die Kamera kann noch so tolle Bilder machen, wenn niemand da ist, der die Einzelbilder zusammenfügt und nachbearbeitet. Hier kommt die Software ins Spiel. Diese gibt es in Form einer App oder als Variante für den Heimrechner. Ich habe bei meinem Test vorrangig mit der App für das dem Test beiliegende Galaxy S7 gearbeitet. Die App „Gear 360“ wird ganz normal aus dem Play Store installiert und ist derzeit nur kompatibel mit Samsungs aktuellsten Geräten S6, S6 Edge, S6 Edge+, S7 und S7 Edge.

Gear_360_S7_App

Sie dient zur Verbindung mit der Kamera, lässt nachträgliches Bearbeiten der Aufnahmen zu (Videoloops, Zeitraffer-Videos, etc), überspielt die Aufnahmen auf das Smartphone, lässt diese direkt mit anderen teilen und kann im Livebild-Modus auch als Überwachungskamera genutzt werden. Beide Geräte sollten NFC aktiv haben, denn damit kann man diese miteinander koppeln und einrichten. Die nachfolgenden Verbindungen und der anfallende Datenaustausch finden dann per Bluetooth oder Wi-Fi Direct statt. Auf dem S7 ließen sich dann im Anschluss alle Bilder und Videos problemfrei in verschiedenen Modi anschauen.

Das Huawei P9 hingegen konnte zwar die Bilder in 360° anzeigen und bewegen, das Video spielte es mir jedoch entsprechend verzerrt ab. Verwendet habe ich hierbei Google Fotos als Galerie, da diese 360°-Inhalte sehr gut erkennt und markiert. Der Clou ist, dass sich die Bilder und Videos über die App auch an die Gear VR vermitteln lassen und dem Betrachter so das Mittendrin-Gefühl beim Anschauen bringen. Ich habe hingegen auch einmal versucht, ein Samsung-Cardboard als Anzeigegerät zu verwenden und konnte dies zumindest bei den Videos via Youtube dank entsprechender Option im Playermenü hinbekommen.

Die fertigen Vollsphären-Bilder habe ich direkt mal verlinkt, da ich sicherstellen wollte, dass diese auch wirklich in 360° zu betrachten sind. Auch hier gilt wieder, dass Chrome, Firefox und der Edge-Browser von Windows 10 bevorzugt benutzt werden sollten für die Anzeige. Der Internet Explorer verweigert die Zusammenarbeit mit dem Format…:

Bild 1

Bild 2

Bild 3

Bild 4

Bild 5

Bild 6

Solltet ihr Probleme bei der Darstellung haben, so findet ihr hier auch noch einmal ein Album, in welches Caschy und andere schon einige 360° Bilder geladen haben, die Bilder von Caschy sind ebenfalls mit der Gear 360 gemacht worden.

Ich denke, dass hier gut zu erkennen ist, dass die Bilder durchaus Potential haben und für ihre Dateigröße doch recht gelungen wirken. Das verwendete Stativ ist von der Anbringung her für größere Kameras gedacht, das begründet die sichtbare schwarze Plattform am unteren Bereich der Fotos. Ebenfalls gut zu erkennen sind hier die wirklich etwas unschönen Übergänge, da könnte ein Firmwareupdate oder ein App-Update bereits wahre Wunder wirken, denn ich vermute, dass die Stitchingprozedur sicherlich aufzuwerten ist.

Update (17.06.2016): Ich wurde durch einen Blogeintrag auf allaboutsamsung darauf aufmerksam, dass wohl bereits vor ein paar Tagen ein Update für die Gear 360 veröffentlicht wurde, welches die Bildqualität der aufgenommenen Fotos und Video noch einmal deutlich verbessern soll. Das Update auf Version C200GLU0APE4 fasst satte 320 MB und kann über ein mit der App kompatibles Smartphone heruntergeladen werden. Die Kamera muss dazu via App mit dem Gerät verbunden sein. Über „Weitere“ kann man die FW-Version der Cam antippen und so prüfen, ob das Update herunterladbar ist. Unter anderem würde so wohl die Helligkeitsabstimmung beider Linsen besser aufeinader abgestimmt. Das dürfte die Übergänge zwischen den Bildern noch ein wenig besser verschwinden lassen.

Fazit

Wenn ich zum aktuellen Zeitpunkt gefragt werden würde, ob ich die Gear 360 direkt kaufen würde, dann wäre meine Antwort „Nein.“ Allerdings ein „Nein“, das keine Abneigung zum Produkt zeigen soll. Die Cam ist klasse, keine Frage. Dazu kommt, dass man für rund 350 € eine vollwertige 360°-Kamera erhält, die zusammen mit kompatiblem Smartphone und der Gear VR ein ziemlich geniales Gesamtpaket abgibt. Für mich persönlich fehlt der Anreiz deswegen, weil ich wenig Bedarf an regelmäßigen Rundum-Aufnahmen habe, seien es Bilder oder auch Videos. Allerdings gibt es ausreichend Menschen, die jetzt den Kopf schütteln und meinen „Allein als Actioncam ist das doch schon genial! Und dann noch in 360°? Her damit!“ Denjenigen kann ich die Gear 360 wohl durchaus jetzt schon empfehlen, das nötige Kleingeld vorausgesetzt. Der Rest wartet vielleicht lieber noch darauf, dass die Kamera ihre Kompatibilitätsliste für Smartphones erweitert und möglicherweise sogar Richtung Weihnachten noch einen Preissturz erfährt. Ich weiß zumindest jetzt schon, dass ich die Cam in der nächsten Zeit nach dem Test vermissen werde. So rund lief bei mir lange kein Produkt mehr.


Über den Autor: Benjamin Mamerow

Blogger, stolzer Ehemann und passionierter Dad aus dem Geestland. Quasi-Nachbar vom Caschy (ob er mag oder nicht ;D ), mit iOS und Android gleichermaßen glücklich und außerdem zu finden auf Twitter und Google+. PayPal-Kaffeespende an den Autor. Mail: benjamin@caschys.blog

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