„Sunspring“: Science-Fiction-Kurzfilm mit Drehbuch von einer K. I.

11. Juni 2016 Kategorie: Internet, Streaming, geschrieben von: André Westphal

sunspring thumbWas kommt dabei heraus, wenn man eine künstliche Intelligenz das Drehbuch für einen Science-Fiction-Film schreiben lässt? Die Frage erhält jetzt eine Antwort. Denn „Sunspring“ ist das Ergebnis eines solchen Experiments mit einem neuralen LSTM-Netzwerk bzw. der K. I. „Benjamin“. Doch es kommt noch besser: Das schräge Drehbuch wurde bereits zu einem neunminütigen Kurzfilm verwurstet. In der Hauptrolle gibt es keinen geringeren als Thomas Middleditch zu sehen. Jener spielt auch in der von mir sehr geschätzten Serie „Silicon Valley“ eine der Hauptrollen. Neugierig geworden? Ihr könnt „Sunspring“ kostenlos via YouTube-Stream ansehen.

Bereits innerhalb der ersten Minuten musste zumindest ich beim Ergebnis allerdings herzlich lachen: Die komplett surrealen Dialoge wirken in der Tat wie von einer K. I. zusammengezimmert. Middleditchs manische Darstellung passt dazu allerdings perfekt. Ein wenig mutet „Sunspring“ so an, als hätten sich Stanley Kubrick, David Lynch und ein Indie-Dadaist auf einen Kaffee getroffen, LSD eingeworfen und dann einfach gemeinsam einen Film fabriziert.  Der eigentliche Regisseur ist jedoch Oscar Sharp, welcher den Film innerhalb nur eines Tages mit Cast und Crew anlässlich des Sci-Fi London Filmfestivals drehte.

Hört man bei den Dialogen genauer hin, sind schon einige Kracher dabei: „Nothing is going to be a thing. But I am the one who got on this rock… with a child. And then I left the other two“, trägt Middleditch etwa so inbrünstig ohne jeglichen Kontext vor, dass zumindest ich einfach Spaß an dem reichlich beknackten Treiben hatte. Die A. I. Benjamin, aus dessen Feder der Film stammt, wird übrigens normalerweise für z. B. Texterkennung und Autovervollständigung eingesetzt. Man fütterte Benjamin mit Dutzenden von Drehbüchern. So wie Benjamin etwa Text vervollständigt, wenn ein User am Smartphone etwas tippt, vervollständigte er nun quasi Bruchstücke aus Drehbüchern und ordnete alles zu einem neuen, großen Ganzen an. Lediglich mit Namen konnte die K. I. deswegen nicht umgehen, da jene anders genutzt werden als normale Wörter – was auf sie folgt, war für Benjamin zu unberechenbar. Aus diesem Grund sind die Charaktere in „Sunspring“ schlichtweg als H, H2 und C betitelt.

Auch wenn „Sunspring“ reichlich beknackt wirkt, hat das Experiment übrigens durchaus tolle Erkenntnisse für die Macher gebracht: So klingt Benjamins Drehbuch zwar total wirr, mancher Arthouse Fan könnte sogar behaupten „künstlerisch“, doch im Grunde basiert es gerade auf sehr festen, eingefahrenen Strukturen, an welchen sich die K. I. entlang gehangelt hat. Zudem wurde Regisseur Sharp durch die Arbeit mit der K. I. bewusst, welche Klischees und Muster in Science-Fiction-Filmen immer wieder auftauchen. Etwa die Desorientierung der Charaktere, welche in Benjamins Drehbuch immer wieder zu fragen scheinen, was eigentlich vor sich geht. Genau das zeichnet auch die meisten Sci-Fi-Filme aus.

sunspring screenshot

Benjamin war allerdings sehr vorgeprägt in seiner Arbeitsweise: Die Drehbücher, mit denen die K. I. gefüttert wurde, stammten vor allem aus Fernsehsendungen. Etwa zählten dadurch so gut wie alle Drehbücher zu „Akte X“, „Futurama“, „Stargate: SG1“ und „Star Trek“ zu Benjamins Basismaterial. In der Entstehungsphase soll die K. I. dadurch des Öfteren zu viele Dialoge von Mulder und Scully einfach übernommen haben.

Gut, professionellen Drehbuchautoren dürfte Benjamin damit in nächster Zeit wohl keine Konkurrenz machen. Ich kann „Sunspring“ für euch aber nur empfehlen – mich haben die neun Minuten extrem gut unterhalten.

(via ArsTechnica)

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Über den Autor: André Westphal

Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich eines Tages als Ghostbuster sein Geld zu verdienen oder zumindest das erste Proton Pack der Welt zu testen. Mit geheimniskrämerischem Konto auch bei Facebook zu finden. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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