„South Park: Die rektakuläre Zerreissprobe“ angespielt und angefurzt

23. Oktober 2017 Kategorie: Games, geschrieben von: André Westphal

Die Serie „South Park“ gibt es mittlerweile seit ziemlich genau 20 Jahren: 1997 feierte die Serie in den USA auf dem Sender Comedy Central ihr Debüt. Seit 1999 treiben Cartman, Kenny, Kyle, Stan und all die anderen auch im deutschen Fernsehen ihr Unwesen. „South Park“ überschritt dabei von Anfang an viele Grenzen und ließ zuvor kontroverse Serien wie Die Simpsons geradezu zahm erscheinen. Ihrer Liebe zu politischer Unkorrektheit frönt die Serie bis heute. Das gilt auch für das neue Spiel zur Serie: „South Park: Die rektakukäre Zerreissprobe“, welches am 17. Oktober 2017 für den PC, die PS4 und die Xbox One erschienen ist.

Schade, im etwas bemüht wirkenden, deutschen Titel geht das Wortspiel auf dem Original („South Park: The Fractured but whole“) verloren. Aber dafür wurde das RPG im Gegensatz zum Vorgänger aus dem Jahr 2014, „South Park: Der Stab der Wahrheit“ dieses Mal komplett auf Deutsch vertont. Anhänger der unter Fans sehr umstrittenen, deutschen Synchronisation wird das freuen. Denn es sind, wie bei der englischsprachigen Vertonung, die Originalsprecher der Fernsehserie mit von der Partie.

Doch das ist nicht die einzige Verbesserung gegenüber dem Erstling. Auch das Kampfsystem des Rollenspiels haben die Entwickler überholt: Obsidian Entertainment, welche „South Park: Der Stab der Wahrheit“ verantwortet haben, haben das Zepter an Ubisoft San Francisco abgegeben. Letztere bedienen sich für die Kämpfe bei „The Banner Saga“. So bewegt man sich nun auch auf einem Spielfeld aus Kacheln und kann die Bewegungsfreiheit geschickt nutzen, um Gegner etwa aus der Ferne zu attackieren oder mit einigen Angriffen zurückzuschleudern.

Außerdem gibt es ein relativ simples Crafting-System und die Möglichkeit das eigene Team mit Artefakten aufzupowern. Seinen selbst gebastelten South-Park-Charakter kann man über unterschiedliche DNS zudem ebenfalls anpassen. Wer möchte, stärkt über die DNS etwa die Fernkampfangriffe, was dann allerdings auf Kosten der Gesundheitspunkte geht. Jede DNS hat Stärken und Schwächen. Das gilt übrigens auch für die Begleiter wie Super Craig (Craig), The Coon (Eric Cartman), Fastpass (Jimmy Valmer) und Co. Beispielsweise kann Super Craig kräftig zudreschen und so Gegner mit Zurückschleudern auf Distanz halten. Fastpass dagegen heilt Freunde oder flitzt schnell zu Gegnern, um mit ihnen den Platz zu tauschen.

Das Kampfsystem ist ein klarer Fortschritt gegenüber dem ersten Teil und taktischer gestaltet. Allerdings ist der Schwierigkeitsgrad für RPG-Liebhaber doch deutlich zu niedrig angesetzt: Ich bin auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad selbst bei Bosskämpfen im Grunde nie gestorben. Solange man stets die besten Artefakte ausrüstet bzw. Minispiele wie die Klo-Einlagen und Nebenaufgaben mitnimmt, wird man im Grunde immer leicht durchs Spiel kommen. Auch die kleinen Rätsel, durch die man versteckte Kostüme oder Materialien fürs Crafting erhalten kann, stellen selbst Anfänger vor keine wirklichen Herausforderungen.

Primär lebt „South Park: Die rektakuläre Zerreissprobe“ von dem gleichen, zynischen Charme, von dem auch die TV-Serie zehrt. Die Grafik spielt dabei eine enorme Rolle, denn größtenteils hat man das Gefühl einer sehr langen, interaktiven Staffel der Serie beizuwohnen. Und im Grunde ist genau das der Fall, denn die Serienschöpfer Trey Parker und Matt Stone haben intensiv am Game mitgewirkt und auch die Geschichte verfasst. Fans erkennen zudem etliche Anspielungen auf einzelne Episoden der Serie wieder.

Wer allerdings mit der TV-Serie nichts anfangen kann, braucht in „South Park: Die rektakuläre Zerreissprobe“ gar nicht erst reinzuschauen. Denn das Game ist so nahe an der Serie, dass es vor allem Langzeit-Fans anvisiert. Beispielsweise tauchen immer wieder Nebenfiguren aus der Serie auf, um genau so schnell wieder zu verschwinden. Wer jene Charaktere bisher gar nicht kennt, wird sich über etliche Szenen nur ratlos wundern. Auch der zynische Humor, der manchmal fast schon nihilistisch wirkt, ist nicht jedermanns Sache.

Dabei muss man „South Park: Die rektakuläre Zerreissprobe“ lassen, dass nicht diskriminiert wird. Hier bekommen alle ihr Fett weg: Social Justice Warriors, die hinter jeder Kleinigkeit einen Eklat vermuten, Homosexuelle, Transsexuelle und natürlich Heterosexuelle, Schwarze, Weiße, Christen, Juden… Für „South Park“ ist am Ende nichts heilig – und das ist auch gut so. Denn so wie die Serie hält auch das Spiel der Gesellschaft oft einen Spiegel vor. Ja, teils ist der Humor auch einfach nur pubertär und derbe. Immer wieder wird aber mehr oder minder subtil Sozialkritik eingestreut, ohne dass auf politische Korrektheit geachtet wird. Dadurch wird  „South Park: Die rektakuläre Zerreissprobe“ zu einer sehr erfrischenden, ungezügelten Erfahrung.

„South Park: Die rektakuläre Zerreissprobe“ fängt nahezu 1:1 die Stimmung der TV-Serie ein. Wer die Serie liebt, kommt also gar nicht umhin das Spiel zu genießen. Auch Casual-Fans, zu denen ich mich z. B. zähle, die zumindest einige Folgen und das Flair der Serie kennen, kommen schnell in das Spiel. Neulinge wird das Spiel aber vermutlich nicht zu Cartman und Co. bekehren. Denn am Ende ist „South Park: Die rektakuläre Zerreissprobe“ ein gutes RPG, aber vor allem eine großartige Lizenz-Versoftung. Nur der Umfang fällt mit ca. 20 Stunden vielleicht für ein Rollenspiel etwas knapp aus. Damit kann man aber leben, denn unnötiges Füllmaterial wie Sammelorgien oder Nebenquests von der Stange spart sich Ubisoft.

Fazit: „South Park: Die rektakuläre Zerreissprobe“ ist für Fans der Serie perfekte Unterhaltung und mit seinem bitterbösen Humor auch nach 20 Jahren Bestehen der Marke immer noch herrlich unangepasst. Ich hatte und habe viel Spaß mit Spiel und hoffe, dass auch die geplanten DLCs eventuell einen Blick wert sind.


Über den Autor: André Westphal

Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei
Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich
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