Samsung Galaxy Gear ausprobiert: Zu früh, aber gar nicht so schlecht

25. November 2013 Kategorie: Android, Hardware, Mobile, Wearables, geschrieben von:

Die Galaxy Gear ist Samsungs erste Smartwatch und wurde zusammen mit dem Note 3 und dem Note 10.1 veröffentlicht. Anfangs nur mit den neuesten Geräten von Samsung kompatibel, gibt es mittlerweile mehrere Modelle der Koreaner, die sich mit der Uhr unterhalten können. Ich habe die Galaxy Gear nun eine Weile getragen und neben viel Schatten auch ein bisschen Licht entdeckt.

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Ich bin seit mehr als 20 Jahren Uhrenträger, daran haben auch Smartphones nichts geändert. Will ich wissen wie spät es ist, genügt ein kurzer Blick aufs Handgelenk und ich bin informiert. Ich trage meine Uhr Tag und Nacht, lediglich die Dusche betrete ich mit nackten Handgelenk. Batterien in Uhren halten mehrere Jahre durch, ohne gewechselt oder gar aufgeladen zu werden. Es gibt leichte und schwere Uhren, ich mag es, wenn ich die Uhr spüre, sie sollte allerdings nicht störend sein. Warum erzähle ich das? Damit Ihr einschätzen könnt, welche Anforderungen ich an eine Uhr habe, ich habe das an dieser Stelle schon einmal angerissen.

Die Galaxy Gear habe ich mangels Note 3 mit einem Galaxy Note 10.1 in Betrieb gehabt. Da das Note 10.1 mit SIM-Karten gefüttert werden kann, sind auch Telefonate und SMS möglich. Also im Prinzip wie ein Note 3, nur eine Ecke größer. Hat mit der Galaxy Gear nur indirekt zu tun, ich wollte es nur erwähnt haben.

Die Galaxy Gear als Uhr

Unabhängig von den smarten Eigenschaften der Galaxy Gear, sollte man bei einer Uhr auch immer auf den Tragekomfort achten. Nichts ist schlimmer als eine Uhr am Handgelenk zu haben, die einen stört. Mich stört die Galaxy Gear nicht. Das Armband ist relativ unflexibel, schmiegt sich nicht wirklich an das Handgelenk an, wie es ein gegliedertes Metall-Armband tut.

Der Verschluss der Uhr dient gleichzeitig als Lautsprecher und Mikrofon, wenn man mit der Uhr telefoniert. Dadurch ist er etwas dicker, wer viel am PC arbeitet, könnte sich daran stören, da man sich zwangsläufig auf dem Verschluss abstützt. Mich selbst stört es nicht, aber da gehöre ich mit Sicherheit zu einer Minderheit.

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Der Uhrkörper an sich, also das Teil mit dem Display, ist flacher als man anfangs annimmt. Mit 11 mm Höhe (gemessen vom Handgelenk bis Oberkante Uhr) ist nicht nur 1 mm flacher als meine normale Uhr, sondern auch 2 mm flacher als der Verschluss (geschlossener Zustand, gemessen vom Handgelenk bis Oberkante Verschluss). Durch das schlechte Anschmiegen der Uhr, muss man diese allerdings relativ eng einstellen, damit sie nicht wie ein überdimensionierter Armreif wirkt.

Nun geht es langsam zur Technik. Will ich die Zeit sehen, schaute ich bisher auf mein Handgelenk und wusste Bescheid. Im Prinzip sollte dies mit der Galaxy Gear genauso funktionieren, da sie sich automatisch aktiviert, wenn man die typische „auf-die-Uhr-schau“-Bewegung macht. Tut sie aber leider nicht immer. Ist die Uhr in einer Position, die fast schon den Blick darauf ermöglicht und man dreht sie noch ein Stück, bleibt sie schwarz. Das passiert vor allem dann, wenn man keinen großen Schwung hat, um auf die Uhr zu schauen. Das ist nervig. Weder will ich jedes Mal meinen Arm schwingen, um die Uhrzeit zu sehen, noch will ich einen Button drücken müssen. Interessant ist hier: ist die Galaxy Gear frisch gestartet, ist sie viel empfindlicher und reagiert auch auf kleine Bewegungen, nach ein paar Tagen Laufzeit ohne Reboot wird es jedoch immer unempfindlicher. Sicher ein Umstand, den man über Software regeln könnte.

Das Display lässt sich sehr gut ablesen, auch bei direkter Sonneneinstrahlung. Der Touchscreen funktioniert super, auf Eingaben wird prompt reagiert. Je nachdem, von welcher Seite man über das Display wischt, kann man verschiedene Aktionen aufrufen. Das wirkt durchdacht und man bedient die Uhr sofort so, als hätte man nie etwas anderes gemacht.

Die Galaxy Gear als Smart Companion

Als Stand-Alone-Gerät kann man die Galaxy Gear kaum nutzen. Dafür ist sie auch nicht vorgesehen. Die Verbindung zu einem der unterstützten Geräte erfolgt über Bluetooth, die Uhr steht in ständigem Kontakt mit dem gekoppelten Gerät. Ohne gekoppeltes Gerät gibt es keine Benachrichtigungen, keine SMS, keine Anrufe. Irgendwie logisch und irgendwie auch gar nicht schlimm.

Die Galaxy Gear hat ihre eigenen Apps. Diese werden über den Gear Manager ausgewählt und installiert. Der Gear Manager ist die Anlaufstelle Nummer 1, wenn man Änderungen an der Uhr vornehmen möchte. Auf der Uhr direkt lassen sich Töne, das Aussehen der Ziffernblätter, die Helligkeit des Displays und andere Kleinigkeiten ändern. Auch nicht weiter tragisch, da das gekoppelte Gerät in der Regel nicht weit entfernt ist.

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Die Auswahl an Apps für die Galaxy Gear ist sehr begrenzt. Ich weiß nun nicht, ob es daran liegt, dass ich das Note 10.1 für den Gear Manager nutze, oder ob es in Deutschland generell weniger Apps gibt, aber von den 70 versprochenen Apps ist nur ein Bruchteil vorhanden. Stört ein bisschen, aber auch das ist wohl von Fall zu Fall unterschiedlich. Ich selbst brauche ehrlich gesagt kaum Apps auf der Gear, die Benachrichtigungen kommen auch ohne App an. Für Fitness-Fans: Runtastic und MyFitnessPal sind verfügbar, im Fall von Runtastic muss man die Pro-Version auf Smartphone oder Tablet installiert haben, um die App auf der Gear nutzen zu können.

Evernote hat eine App, die auch gut funktioniert. Fotos lassen sich so zum Beispiel direkt von der Uhr dorthin synchronisieren. Path ist ebenfalls mit einer App auf der Gear vorhanden. Schön ist hier die Integration in die Galerie der Uhr, Fotos können direkt an andere Apps gesendet werden und müssen nicht erst den Umweg über das gekoppelte Gerät gehen.

Der integrierte Schrittzähler in der Galaxy Gear lässt sich auch ohne Verbindung zum Hauptgerät nutzen. Praktisch für Leute, die ihre Bewegungen kontrollieren wollen. Dieser scheint auch recht zuverlässig zu arbeiten, leider fehlt mir der direkte Vergleich mit anderen Schrittzählern.

In der Galaxy Gear ist auch eine Kamera verbaut. Die Fotos, die damit gemacht werden, sind nicht so prickelnd, die Kamera hat aber trotzdem ihre Daseinsberechtigung. Vor allem dann, wenn es Apps dafür gibt, die diese aktiv nutzen. Eine App zum Beispiel scannt Barcodes von Nahrungsmitteln und zeigt daraufhin die Kalorien an und übernimmt diese in ein Kalorientagebuch. Unkompliziert und schnell. Hier liegt sehr viel Potential, sie es für Preisvergleichs-Apps oder sonstiges.

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In meinem Fall beschränkte sich die Hauptnutzung der Gear auf die Benachrichtigungen, die seit dem neuesten Update stark verbessert sind. Wurde vorher nur angezeigt, dass irgendwo etwas passiert ist, erhält man nun auch den Inhalt der Benachrichtigung. Es heißt also nicht mehr nur „Hey, da ist eine neue Email“, sondern man sieht auch die ersten Zeilen der Mail und den Absender. Macht es einfacher zu entscheiden, ob man nun das Hauptgerät bemüht oder einfach noch wartet. Auch wurde es mit dem Update möglich, jede App, die Benachrichtigungen erhält auf der Gear anzeigen zu lassen. Defintiv ein Mehrwert, der so vorher nicht gegeben war.

Ob die Galaxy Gear einen persönlichen Mehrwert bietet ist sehr abhängig vom Anwender. Wer eine eierlegende Wollmilchsau erwartet, wird enttäuscht, dazu ist mit dem Handgelenk-Gadget noch zu wenig möglich. Wer mit einer Benachrichtigungszentrale zufrieden ist, könnte eventuell auch etwas mit der Galaxy Gear anfangen.

Ich habe im Testzeitraum eigentlich nur 3 Dinge auf Dauer genutzt: Ablesen der Uhrzeit, den Schrittzähler und die Benachrichtigungen. Das sind zwei Dinge mehr, als mir meine bisherige Armbanduhr bieten konnte.

Akkulaufzeit und das Ding mit dem Aufladen

Ein großer Kritikpunkt an der Galaxy Gear ist die angegebene Akkulaufzeit von 10 Stunden. Auch Caschy hat dies schon einmal im Neuland Podcast geäußert. Ich weiß nicht, was Samsung geritten hat, diese Zahl anzugeben. Es ist nämlich keineswegs so, dass die Uhr 10 Stunden nach dem Ladevorgang aus geht. Trotz aller Benachrichtigungen, Schrittzähler, ab und zu damit telefonieren und gelegentlich Fotos machen, bin ich während des Tests nie unter 2 Tage Nutzungszeit gekommen.

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Und wenn der Akku leer ist dauert es auch nicht lange, bis er wieder voll ist. Logisch, kleiner Akku lädt schneller als ein Tablet. Nach rund einer Stunde kann die Gear wieder genutzt werden. Für mich gibt es da wenig zu kritisieren. Die eine Stunde verbringe ich im Bad, wo ich auch meine normale Uhr nicht trage. Das einzige, was mich daran stört ist die Tatsache, dass man die Uhr nicht direkt laden kann, sondern in dieses Ladecase stecken muss. Kabelloses Laden oder wenigstens ein Ladeanschluss direkt an der Uhr wäre sicher die bessere Lösung gewesen.

Noch ein paar Dinge und Eure Fragen

Bevor ich zu Euren Fragen komme, noch ein paar Dinge, die mir aufgefallen sind. Als 24/7 Uhrenträger beachte ich eine Uhr nicht als schützenswertes Schmuckstück. Sie ist ein Gebrauchsgegenstand und wird von mir auch so behandelt. Für den Gear-Test machte ich da keine Ausnahme, die Uhr sollte sich schließlich in meinen Alltag integrieren und nicht umgekehrt.

Die Galaxy Gear wird nicht als wasserfest deklariert. Theoretisch bedeutet das, dass man sie bei jedem Händewaschen schützen müsste. Ein untragbarer Zustand. Allerdings ist die Galaxy Gear gar nicht so empfindlich. Ich habe keinerlei Rücksicht darauf genommen und auch nicht sonderlich aufgepasst (ja, mit einem Testgerät macht man das sicher leichter, als wenn man sich die Uhr kauft). So kommt es, dass die Uhr durchaus häufig Kontakt mit Wasser hatte, insbesondere der Verschluss mit dem Lautsprecher. Ausfallerscheinungen konnte ich allerdings keine feststellen. Ob ich nun Glück hatte oder die Gear doch so robust ist? Kann ich nicht sagen, jedenfalls funktioniert sie noch genauso gut wie am ersten Tag.

Die Sache mit dem Telefonieren ist gar nicht so blöd, wie man sich das vielleicht vorstellt. Man muss sich die Uhr nicht ins Gesicht halten, um damit zu telefonieren (auch wenn dann natürlich der Michael Knight-Effekt verloren geht). Man muss es sich eher wie die Freisprechfunktion eines Smartphones vorstellen. Der Lautsprecher ist zwar nicht der Beste, aber ausreichend laut, um den Gesprächspartner zu verstehen. Das Mikro ist empfindlich genug, damit auch das Gegenüber versteht, was man so von sich gibt. Unterwegs ist das Telefonieren mit der Smartwatch für mich nichts, zu Hause aber sehr bequem. Smartphone oder Tablet irgendwo liegen lassen und trotzdem erreichbar sein. Coole Sache.

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So, nun aber zu Euren Fragen. Takeoyasha wollte wissen, ob die Uhr nur mit einem Samsung Smartphone funktioniert. Ja, das ist der Fall (wobei man auch Tablets dazu zählen muss). Die Kompatibilität zu Geräten ist auch mein größter Kritikpunkt. Es gibt wohl den ein oder anderen Hack, um die Uhr zumindest teilweise auch mit anderen Geräten nutzen zu können, vorgesehen ist dies von Samsung allerdings nicht.

AnnaHTCB schrieb: Ich würde gerne wissen, wie “robust” die Uhr ist. Also kannst du damit Duschen? Fängt man unter dem Armband an zu schwitzen? Gibt es am Armband so ein “Ring” wo man die Lasche reinstecken kann? Kannst du die Helligkeit einstellen? Ich schlafe nämlich immer mit meiner Uhr und es wäre ja blöd, wenn es Nachts irgendwie zu blinken anfängt.

Die Uhr ist robuster als ich angenommen hätte. Duschen würde ich mit ihr nicht, mache ich aber auch nicht mit meiner normalen Armbanduhr. Das Kunststoffarmband neigt in der Tat dazu, dass man darunter schwitzt. Kommt allerdings auch darauf an, wie eng man die Uhr einstellt. Es gibt keinen Ring für die Lasche, die Lasche befindet sich in diesem Fall nämlich Richtung Arm, nicht nach außen. Die Helligkeit kann in mehreren Stufen direkt an der Uhr eingestellt werden, allerdings reicht nachts auch die niedrigste Helligkeit, um einen Raum auszuleuchten. Ich trage die Uhr auch nachts, wurde bisher allerdings noch nicht von der Beleuchtung geweckt.

Tom fragte: Naja kommt noch ein ausführlicher Test? Hast du mal einen anderen Launcher raufgespielt? Gabs eim Firmwareupdate irgendwelche Veränderungen?

Ja, hier ist der ausführliche Test. Nein, ich habe keinen anderen Launcher aufgespielt, auch wenn es mich sehr gereizt hätte, in dieser Richtung etwas mit der Uhr zu machen. Testgerät, also mache ich das nicht. Hoffentlich verständlich. Mit der neuen Firmware wurden die Benachrichtigungen stark verbessert, die Kamera löst schneller aus und generell lässt sich die Uhr besser bedienen.

Swen: Wie telefoniert man mit dem Ding. Ist das wie freisprechen?

Genau so ist es, siehe weiter oben im Text.

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Fazit

Samsung hat mit der Galaxy Gear gezeigt, wo es in Zukunft hingeht. Hardwareseitig ist es Geschmackssache, ob einem die Uhr gefällt oder nicht, ich selbst finde sie nicht so attraktiv, aber auch nicht so, dass man sich auf der Straße damit schämen müsste. Ich bleibe aber bei meiner Meinung, dass die Smartwatch zu früh kam. Das zeigt mir auch das Firmware-Update. Wäre die Galaxy Gear mit der jetzigen Firmware erschienen, wären die ersten Reviews sicher besser ausgefallen.

Dass die Galaxy Gear nur mit Samsung Geräten funktioniert, ist sicher ein Nachteil. Auf der anderen Seite aber auch irgendwie verständlich. Warum sollte ein Hardware-Hersteller nicht entscheiden dürfen, mit welchen Geräten so ein Smart-Companion funktioniert? Klar wäre es viel besser, wenn man die Uhr mit jedem x-beliebigen Gerät nutzen könnte, aber man zieht einer Corvette ja auch keine Reifen von einem Smart auf. Nur weil unter der Haube Android läuft, muss es ja nicht offen sein.

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Ich denke, jeder muss für sich selbst erkennen, was er von einer Smartwatch erwartet. So wusste ich nicht, für was ich eine Smartwatch nutzen würde, kann nun aber sagen, dass mir eine Uhr mit Benachrichtigungen eigentlich ausreichen würde. Das kann sich natürlich ändern, wenn es weitere Apps gibt, die zu mir passen. Verbesserungen sind immer möglich, im Fall der Galaxy Gear auch nötig. Gerade die Sache mit auf die Uhr schauen und die Zeit nicht immer zuverlässig angezeigt zu bekommen ist für mich ein absolutes No-Go. Ein always-on Display wäre eventuell eine Lösung, allerdings geht dies zu Lasten der Laufzeit.

Fakt ist, dass man eine Smartwatch tatsächlich nutzen muss, um zu erkennen, ob sie einem persönlich den Mehrwert bringt, den man vielleicht erwartet. Die Galaxy Gear, wie sie heute verkauft wird, ist zwar „nice to have“, aber eben noch kein „must have“.

Auch ein paar Worte zum Preis möchte ich noch loswerden. Die Uhr kostet, je nachdem wo man sie kauft, zwischen 230 und 300 Euro. In meinen Augen ist dies nicht überteuert, für eine normale Armbanduhr zahlt man nicht unbedingt weniger. Würde ich ein kompatibles Gerät nutzen, ja, ich würde mir die Galaxy Gear kaufen und vor allem auch nutzen.


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Über den Autor:

Technik-Freund und App-Fan. In den späten 70ern des letzten Jahrtausends geboren und somit viele technische Fortschritte live miterlebt. Vater der weltbesten Tochter (wie wohl jeder Vater) und Immer-Noch-Nicht-Ehemann der besten Frau der Welt. Außerdem zu finden bei Twitter (privater Account mit nicht immer sinnbehafteten Inhalten) und Instagram. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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