Rotten Tomatoes zerstört das Kino? – meine Meinung

26. März 2017 Kategorie: Internet, Streaming, geschrieben von: André Westphal

Rotten Tomatoes – egal ob ihr die Website nutzt oder nicht – gehört habt ihr bestimmt schon von dem Review-Aggregator. Im Grunde wertet Rotten Tomatoes Filmkritiken aus: Sind mindestens 60 % der ausgewerteten Rezensionen positiv, erhält ein Film den Status „Fresh“. Und klar, sind die Kritiken überwiegend negativ, hagelt es ein „Rotten“. Der Hollywood-Regisseur Brett Ratner („Rush Hour“) hat dieses Prinzip nun harsch kritisiert und bezeichnet Rotten Tomatoes gar als „das Schlimmste, was wir in der heutigen Kinoszene haben„.

Ich selbst nutze Rotten Tomatoes sehr gerne: Weniger um zu entscheiden, welche Filme ich mir ansehe und mehr, um einfach mal zu erfahren, ob ein Film tendenziell eher positiv oder negativ aufgenommen wurde. Wer mit dem Kritikerspiegel nichts anfangen kann, darf sich übrigens auch an den Zuschauerwertungen orientieren, welche tendenziell meistens wesentlich positiver ausfallen – naturgemäß besonders bei Mainstream-Blockbustern.

Brett Ratners Problem mit Rotten Tomatoes basiert nun darauf, dass die aggregierten Werte bei Rotten Tomatoes oft ein falsches Bild zeichnen würden. Laut Ratner gingen die Nuancen der Bewertungen verloren und es kämen nur noch zwei polar entgegengesetzte Ergebnisse heraus – eben „Fresh“ oder „Rotten“. Klar, dabei geht tatsächlich unter, ob ein Film z. B. harsche Verrisse geerntet hat oder nur als knapp unterdurchschnittlich von den Kritikern bewertet wurde. Grob gesprochen: Ein Tomatometer-Ergebnis von 35 % sagt nur, dass die Kritiken größtenteils negativ waren – aber eben nicht wie negativ. Soweit gebe ich Ratner sogar darin Recht, dass die Aussagekraft der aggregierten Ergebnisse vorsichtig zu beurteilen ist.

Schwach finde ich, dass es am Ende aber auf Eigennutz hinausläuft. Zwar holt Ratner weit aus und erklärt, die Zuschauer sollten lieber differenzierte Filmkritiken lesen, statt sich an einer Zahl zu orientieren, als Beispiel greift Ratner dann aber ausgerechnet den von ihm selbst mitproduzierten „Batman v Superman: Dawn of Justice heraus: „Heute geht es nur noch darum ‚Wie sieht dein Wert bei Rotten Tomatoes aus?‘ Und das ist traurig, denn der Rotten-Tomatoes-Wert war bei Batman v Superman so niedrig, dass er einen Film überschattet hat, der sehr erfolgreich gewesen ist.

„Batman v Superman: Dawn of Justice“ hätte in meinen Augen noch einen deutlich niedrigeren Wert verdient als seinen aktuellen (27 %). Das Machwerk ist meiner Ansicht nach eher ein positives Beispiel für die Funktionsweise von Rotten Tomatoes: Denn hier sieht man an dem niedrigen Wert eben besonders eindeutig, dass der Film bei Kritikern schlecht ankam. Eingespielt hat der Streifen trotzdem reichlich Kohle (über 870 Mio. US-Dollar) und könnte so zudem als Beispiel dafür herhalten, dass schlechte Kritiken oft wenig Einfluss auf die Einspielergebnisse haben, wenn das Interesse an der Marke groß genug ist. Denn das Qualität nicht unbedingt mit Erfolg gleichzusetzen ist, weiß jeder, der sich mit Entertainment-Inhalten beschäftigt. Zumal es ohnehin noch darauf ankommt, wie man Qualität definiert, da möchte ich hier aber kein Fass aufmachen.

Klar ist für mich, dass ein Brett Ratner sich wohl kaum über Rotten Tomatoes mokiert hätte, wenn von ihm gedrehte bzw. produzierte Filme wie eben „Batman v Superman: Dawn of Justice“ stets Top-Bewertungen erhalten würden. Dass er da natürlich eine eigene Agenda verfolgt, ist völlig klar. Genau nach diesem Muster verteidigen die großen Filmstudios ohnehin regelmäßig von Kritikern in der Luft zerfetzte Blockbuster: „Es sind Filme für die Zuschauer, nicht für die Kritiker.“ Dabei geht dann unter, dass eben auch Kritiker Zuschauer sind – wenn auch anspruchsvollere. Ist ja auch logisch, denn ihre Profession ist es, sich zu einem Film eine Meinung zu bilden und jene anhand von Argumenten ihren Lesern und / oder Zuschauer zu vermitteln.

Ratner geht noch weiter und behauptet, Rotten Tomatoes schade Hollywood, weil sich das Publikum zu sehr darauf verlasse. Das empfinde ich als eine Aussage, die deutlich mehr über Ratner selbst als über Rotten Tomatoes aussagt: Denn er unterstellt den Zuschauern quasi, dass sie zu blöd sind die aggregierten Werte bei Rotten Tomatoes richtig auszulegen. Am Ende ist es aber jedermanns eigne Sache, was er oder sie daraus zieht. Interessiere ich mich brennend für einen Film, schaue ich ihn mir bei einer schlechten Durchschnittswertung trotzdem an. Und wenn es auf der Kippe steht, ob ich mir einen Streifen gebe, schaue ich vielleicht bei Rotten Tomatoes in die Durchschnittswertung und klicke dann auf eine der Rezensionen weiter, um mir einen tieferen Eindruck zu verschaffen. Ich behaupte, so machen das vermutlich die meisten Leute, welche das Portal nutzen.

Brett Ratner stellt sogar die Aussage auf, Rotten Tomatoes habe quasi die klassische Filmkritik getötet. Aber ich finde, es ist doch das exakte Gegenteil der Fall: Rotten Tomatoes bietet aggregierte Werte an und lädt eher dazu ein über die angebotenen Links nochmal genauer nachzulesen. Weil immer negative und positive Reviews getrennt angeboten werden, kann man sich ganz bewusst von beiden Seiten Bewertungen herauspicken, um zu recherchieren. Meiner Meinung nach erleichtert es die Website dadurch eher, sich ein differenziertes Bild zu verschaffen.

Natürlich wird es am Ende auch diejenigen geben, die sich bei Rotten Tomatoes wahllos die Prozentzahlen ansehen und dann Filme in ihre Watchlist ein- und aussortieren. Aber derlei Kandidaten haben auch früher keine differenzierten Filmkritiken gelesen, sondern nur auf die Punktzahl unten im Bewertungskasten geschaut. Und natürlich gibt es Filme, die bei Rotten Tomatoes überraschend schlecht dastehen, obwohl viele Menschen sie als Klassiker empfinden. Ich kann beispielsweise auch nicht nachempfinden, wieso einer meiner absoluten Lieblingsfilme „Kevin – Allein zu Haus“ nur bei 55 % steht. Aber das macht den Film ja nicht schlechter und ist wiederum auch ganz interessant: Obwohl der Streifen ein kommerziell enorm erfolgreicher Film ist, der von vielen geliebt wird, erhielt er eben viele negative Reviews.

Zudem ist es doch eine Frage des Respekts für andere Meinungen: So wie ich z. B. damit leben kann, dass meine persönliche Gurke der letzten Jahre, „Star Wars: Das Erwachen der Macht“, den meisten Kritikern und Zuschauern trotzdem super gefallen hat, muss Ratner damit leben, dass der von ihm mitproduzierte „Batman v Superman: Dawn of Justice“ die meisten Kritiker nicht vom Hocker gerissen hat – was Rotten Tomatoes nur widerspiegelt. Relativ ähnlich argumentiert auch Jeff Voris von Rotten Tomatoes: „Wir stimmen bei Rotten Tomatoes voll und ganz zu, dass Filmkritiken wertvoll und wichtig sind. Deswegen erleichtern wir es schließlich den Fans auf Hunderte professioneller Reviews an einem Ort zuzugreifen.“ Voris denkt offenbar auch genau wie ich über den Durchschnittswert: „Die Tomatometer-Wertung, welche für den prozentualen Anteil positiver Reviews seitens professioneller Kritiker steht, ist für viele Fans zu einer nützlichen Entscheidungshilfe geworden. Wir denken, sie ist für die Zuschauer eine gute Basis, um miteinander zu diskutieren und eigene Meinungen miteinander zu teilen.

Am Ende ist es, wie es eben meistens ist: Es hängt davon ab, wie man Rotten Tomatoes nutzt. Ich mag die Website sehr und empfinde sie als nette Übersicht. Dass Brett Ratner dagegen wettert, klingt für mich deswegen eher nach „beleidigter Leberwurst“, weil seine eigenen Filme dort schlecht wegkommen.

(via Entertainment Weekly)

Über den Autor: André Westphal

Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich eines Tages als Ghostbuster sein Geld zu verdienen oder zumindest das erste Proton Pack der Welt zu testen. Mit geheimniskrämerischem Konto auch bei Facebook zu finden. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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