Robo Rally: Das Spiel, bei dem ein Master in Ingenieurwissenschaften nicht schadet

11. Februar 2017 Kategorie: Games, Spass muss sein, geschrieben von: André Westphal

Brettspiele: Risiko, Trivial Pursuit, Spiel des Lebens, damit bin ich aufgewachsen. Unvergessen die Diskussionen, die ich mit meinen Kumpels bei Spiel des Lebens über deren missratene Gören im Spielwagen geführt habe. Auch die vermeintlichen Allianzen, die ich bei Risiko abschloss, nur um im richtigen Moment dann meinen Bündnispartner in Kamtschatka zu überfallen, veranlassen meine Freunde noch immer bei jeder Zockerrunde dazu Vorsicht walten zu lassen.

Für einen Test hier im Blog wurde mir nun überraschend Robo Rally, ein Spiel des Erfinders von Magic: The Gathering, Richard Garfield, angeboten. Rasch merkte ich jedoch, dass man bei diesem Strategiespiel mit meinen sonstigen Manipulationstaktiken nicht weit kommt.

Robo Rally trägt nämlich nicht umsonst eine Altersempfehlung von „Ab 12 Jahren“. Tatsächlich habe ich bei meiner ersten Session mit zwei Freunden länger in der Anleitung gelesen, als dann unsere eigentliche Partie dauerte. Doch worum geht es überhaupt in dem Spiel?

Nun ja, einige Roboter, die werktags neue Autos zusammenzimmern, langweilen sich am Wochenende. Statt also nur für andere Leute Sportwagen zu bauen, wollen sie sich selbst an ein Rennen wagen. Das ist in einer Fabrik aber mit mehr Gefahren verbunden, als gedacht: Laserstrahlen, Förderbänder und Gruben wollen umschifft werden.

Zumal die Roboter miteinander nicht zimperlich umgehen und sich mit Waffen und Tricks gegenseitig das Leben schwer machen.

So viel sei also zur Grundidee des Spiels gesagt. Was als Videospiel vermutlich ein simpler Arcade-Racer mit reichlich Geballer wäre, entpuppt sich auf dem Spielbrett als kopflastiges Strategiespiel. Wer schon einmal das komplexe Trading-Card-Game Magic: The Gathering gespielt hat, erkennt die Handschrift des Erfinders, Richard Garfield, hier jedenfalls wieder.

Würde ich die gesamten Feinheiten der Regeln an dieser Stelle wiedergeben, wäre das vermutlich in der Länge ein neuer Rekord. Allerdings muss man dem Spiel bzw. dem Vertrieb Avalon Hill / Hasbro Gaming zugute halten, dass die farbige, über 30-seitige Anleitung im DIN-A4-Format den Spielablauf sehr ausführlich und verständlich erklärt.

Außerdem finden sich Zwischendurch sowie am Ende komprimierte Zusammenfassung der wichtigsten Regeln und Phasen des Spielablaufs.

Spielbar ist Robo Rally mit zwei bis sechs Spielern. Jeder Spieler verkörpert dabei einen von sechs Robotern. Die Spielfiguren sind sehr liebevoll gestaltet und haben jeweils eigene Namen wie Spin Bot, Smash Bot oder Zoom Bot. Auf den jeweils zu ihnen gehörigen Charakterblättern finden sich zudem witzige Beschreibungen ihrer Marotten.

Für den Spielverlauf sind jene Texte zwar irrelevant, aber ein nettes Detail, das bestimmt Kinder erfreut. Ziel des Spiels ist es, auf einem der beiliegenden Spielfelder als erster den finalen Checkpoint zu erreichen. Dabei werden in der Anleitung mehrere Rennstrecken vorgeschlagen.

Einige bestehen nur aus einem Spielfeld oder haben nur einen Checkpoint, den man erreichen muss. Andere sind aus mehreren Spielfeldern zusammengesetzt und bieten bis zu sechs Checkpoint-Stationen. Je nachdem mit wie vielen Personen man spielt bzw. wie lange ein Match dauern soll, kann man also die Spielbedingungen anpassen.

Kompliziert wird es, wenn das eigentliche Spiel beginnt: Das Spiel besteht zunächst aus drei zentralen Phasen:

1. Upgrade-Phase
2. Programmierphase
3. Aktivierungsphase

Jede dieser Phasen ist dann aber zusätzlich feingliederig in einzelne Abschnitte unterteilt. Während die Update-Phase noch recht schnörkellos ist, hier könnt ihr mit zu Beginn des Spiels zugeteilten Energiemarken Upgrades kaufen und damit hat es sich, wird es danach kompliziert.

In der Programmierphase beginnt dann nämlich das kontrollierte Chaos: Zunächst ziehen alle Spieler neun Karten. Auf den Karten prangt jeweils eine Bewegungsmöglichkeit. Das kann etwa „Zwei Felder nach vorne gehen“, „Rechtsdrehung“ oder „Ein Feld zurück gehen“ sein.

Dann wird eine Sanduhr umgedreht. Alle Spieler legen nun gleichzeitig mit der Hilfe der gezogenen Karten den Weg für ihre Roboter fest. Nur ca. 30 Sek stehen dafür zur Verfügung, so dass man sehr schnell nachdenken muss. Zumal man ja den Weg der Gegenspieler nicht vorab kennt, was die Route unberechenbar macht.

In der Aktivierungsphase bewegen sich nun die Roboter jeweils Schrittweise nach 5 Registern auf ihrem Weg. Dabei führt immer zuerst der Roboter eine Aktion aus, der am nahesten an der Antenne auf dem Spielplan steht.

So geht man dann mit allen Spielern nach und nach alle fünf Aktionen pro Spielfigur einer Runde durch. Wer allerdings in der Programmierphase getrödelt hatte und nicht alle Bewegungen plante, hat nun Pech und bewegt seine Figur nur soweit, wie festgelegt.

Auch hier kann es zu Überraschungen kommen: Eventuell stoßen Roboter zusammen oder versperren einander den Weg. Auch die Hindernisse kommen ins Spiel. Ist man mit allen Spielern die erste Registerkarte durchgegangen, aktivieren sich die Hindernisse. Steht nun ein Roboter etwa auf einem Förderband, schiebt ihn das Band zwei Felder voran, bevor die nächsten Aktionen der Spieler weitergehen.

Berücksichtigt man das in der Planungshektik nicht, landet man eventuell sogar weiter vom anvisierten Checkpoint entfernt, als zum Start der Runde.

Hat man die Aktivierungsphase abgeschlossen, beginnt das Spielchen von vorn mit der Upgrade-Phase. Allerdings kommen zwischendurch weitere Faktoren ins Spiel. Als einer meiner Mitspieler etwa in der Hektik seine Bewegungen schlecht koordinierte, ratterte ein Förderband seinen Robo aus dem Spielfeld.

Geschieht etwas Derartiges, nimmt der Roboter Schaden. Der Spieler muss nun Schadenskarten in seinen Kartenstapel mit den Bewegungen mischen. Hat er Pech, zieht er jene und muss sie eventuell in seinen Bewegungen verarbeiten. Schaden können die Roboter auch nehmen, falls ein Spieler sich z. B. als Upgrade eine Waffe kauft und damit die anderen Roboter beschießt.

Es gibt noch deutlich mehr Details im Spielverlauf, ich möchte es aber bei diesem grundlegenden Aufbau belassen, der schon zeigt, das Robo Rally deutlich komplexer aber auch vielseitiger ist, als die meisten anderen Brettspiele. Der Zeitdruck in der Planungsphase, die Möglichkeit unterschiedliche Spielfelder zu kombinieren und die Upgrades machen im Grunde jede neue Runde zu einem eigenen Erlebnis.

Da wundert dann auch nicht, dass es für die englischsprachige Variante sogar zahlreiche Erweiterungen gibt. Bereits das Grundspiel bietet aber viele Möglichkeiten. Zumal euch niemand davon abhält die Spielpläne auch auf eigene Faust für neue Kreationen zusammenzulegen.

Die Überschrift mag etwas übertrieben klingen, aber der Einstieg ist bei Robo Rally wirklich schwierig. Zwar unterstützt einen die Anleitung mit Zusammenfassungen und Bildern, wo sie nur kann, aber die Abläufe soweit zu verinnerlichen, dass man nicht ständig wegen Details nachlesen muss, dauert eine Weile.

Entsprechend sollten eure Mitspieler ein gewisses Faible für strategische Brettspiele mitbringen. Ansonsten dürfte ihnen schnell die Geduld ausgehen und am Ende fegt doch der Stapel Pokerkarten die Roboter hinfort.

Wer sich aber durch die Einstiegsphase kämpft, wird mit einem unterhaltsamen und vielseitigem Spiel belohnt, das besonders ab mehr als drei Spielern noch weitere Reize offenbart. Stoßen Roboter zusammen oder ein Spieler beschließt mit seinen Waffen für Chaos zu sorgen, sind sowohl Schadenfreude als auch witzige Zankereien vorprogrammiert.

Mir hat Robo Rally am Ende also wirklich Spaß gemacht. Meine Freunde und ich haben uns allerdings erstmal auf die kleineren Spielpläne mit zwei bis drei Checkpoints beschränkt. Wer allerdings länger als eine Stunde durch die Fabrikhallen rasen will, kann auch das bei Robo Rally tun. In Deutschland kostet das Brettspiel in der deutschsprachigen Neuauflage aus diesem Jahr ca. 32 Euro.


Über den Autor: André Westphal

Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei Doc in Medienpädagogik und Möchtegern-Schriftsteller. Hofft heimlich eines Tages als Ghostbuster sein Geld zu verdienen oder zumindest das erste Proton Pack der Welt zu testen. Mit geheimniskrämerischem Konto auch bei Facebook zu finden. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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