Pebble Time ausprobiert: Der Pionier gegen den Rest der Smartwatch-Welt

12. Juli 2015 Kategorie: Hardware, Wearables, geschrieben von:

Als die erste Pebble im Jahr 2012 auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter eingestellt wurde, hatten die Macher zwar logischerweise gehofft, dass die Smartwatch am Ende der Laufzeit „gefundet“ wird, doch dass es mit rund 10,3 Millionen Dollar Einnahmen die bis dahin erfolgreichste Kampagne sein würde, hätten sicherlich die wenigsten gedacht. Doch so geschah es und die Plastik-Smartwatch mit dem monochromen E-Paper Display wurde zum reinsten Kassenschlager.

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Die Smartwatch fand viele Freunde und das nicht zuletzt dank ihres größten Vorteils, der Mulitplattform-Kompatibilität. Aufgrund dessen und weiterer Vorzüge genoss Pebble lange Zeit Konkurrenzlosigkeit. Bis erste Gerüchte aufkeimten, dass der Suchmaschinengigant Google in den Markt der Smartwatches einsteigen will. Diese sollten sich mit der Android Wear 2014 bewahrheiten, doch zuvor trat noch Samsung 2013 mit der Gear-Smartwatch ins Rampenlicht. Schließlich brodelte die Gerüchteküche, dass Apple nachziehen will, was bekanntlich in der Apple Watch resultierte. Plötzlich drehten sich alle mit erschrockenen Gesichtern in Richtung Pebble. Wie würde man hier reagieren?

Die Antwort folgte im Januar dieses Jahres mit der Kickstarter-Kampagne zur Pebble Time – dem Nachfolger zur Pebble. Es wird erneut kein LCD-Touchdisplay mit höherer Auflösung verwendet, sondern bei der E-Paper-Technologie geblieben und auf physische Knöpfe zur Bedienung gesetzt. Der Rest ist Geschichte, denn Pebble Time spielte das Funding-Ziel von 500.000 Dollar in nur 17 Minuten ein und brach einen Rekord nach dem anderen, bis die Kampagne schlussendlich 20.338.986 Dollar einspielte.

Pebble wollte mit der Time alles anders machen. Eine neue Firmware sollte ein neues Nutzererlebnis versprechen, das monochrome Display wurde gegen ein farbiges ausgetauscht und man will auch weiterhin Entwickler mithilfe einer neuen Software-Plattform dazu motivieren, für die Pebble Time Apps zu bauen. Aber fangen wir von vorne an.

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Die Pebble Time war tatsächlich die erste Pebble, die ich persönlich ums Handgelenk schnallen durfte und eigentlich auch erst die zweite Pebble-Smartwatch, die ich in der freien Wildbahn überhaupt zu Gesicht bekam. Ich hatte von Anfang an mit dem Gedanken gespielt, mir eine Pebble zuzulegen und hatte in den vergangenen Jahren immer ein Auge auf die Entwicklung der Smartwatch.

Doch für mich war die Smartwatch für das, was sie bot, immer ein wenig zu teuer. Auch optisch sprach sie mich nicht zu 100% an, was sich zwar mit der Pebble Steel änderte, jedoch stand hier wieder das Preisschild im Weg. Auch die Pebble Time ändert nicht so wirklich etwas an diesen Umständen. Sie ist rein äußerlich runder geworden, dennoch zu 100% aus Plastik verarbeitet und der Preis von 249 Euro erschließt sich mir bis heute noch nicht.

Nichtsdestotrotz muss ich sagen, dass die Pebble Time sehr angenehm zu tragen ist. Das Sportarmband aus Plastik ist in meinen Augen eines der besten, das ich je am Arm hatte. Die Löcher haben den optimalen Abstand und dürften auch dem breitesten Handgelenk passen. Das Plastikgehäuse ist federleicht und über den Tag kaum merkbar am Handgelenk. Zwar sieht das Gehäuse auf den ersten Blick sehr klobig und hoch aus, doch das relativiert sich im Tragegefühl und in der Optik, sobald man die Pebble ums Handgelenk gelegt hat. Die Pebble Time ist somit, zumindest in meinen Augen, im Bereich der Plastik-Smartwatches tatsächlich die bislang am angenehmsten zu tragende.

Doch bei aller Liebe, die man versucht dem Plastik zuzuschreiben, am Ende hat man doch ein paar Nachteile. Da wäre zum Beispiel der Rahmen um das Display, welcher bei meinem Testgerät grau ist. Dieser nimmt wirklich extrem schnell Abnutzungsmerkmale auf, die man von glatten Plastikoberflächen häufig kennt. Es sind keine richtigen Kratzer bislang vorhanden, aber eben eine leichte Oberflächenabnutzung, die sicherlich über einen mittelfristigen Zeitraum sehr unschön anzusehen ist.

Zudem riecht die Uhr seit der Inbetriebnahme doch ziemlich stark nach Chemie. Klar, dies kommt bei allen Plastik-Smartwatches vor, doch in diesem Fall ist es wirklich sehr extrem und hat sich in den vergangenen Wochen nicht gelegt.

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Das konvex gewölbte 2.5D Uhrenglas scheint im Gegensatz zum Gehäuse doch den einen oder anderer Kontakt mit einem Gegenstand gut auszuhalten und wirkt sehr robust. Dahinter befindet sich Pebbles bekanntes E-Paper Display, das im Falle der Pebble Time auch hintergrundbeleuchtet ist. Die Beleuchtung hat zwei, drei einstellbare Stufen: Auto (beim Aktivieren einer der Knöpfe an der Uhr schaltet die Beleuchtung ein), On (die Beleuchtung ist immer an, was logischerweise die Akkulaufzeit verkürzt) und Off. Zusätzlich gibt es einen Motion-Detektor, der automatisch die Beleuchtung einschaltet, sobald man das Handgelenk hebt oder dreht. Ansonsten ist das E-Paper Display immer an und zeigt das aktuell gesetzte Watchface an.

Klar sollte jedem sein, dass das E-Paper Display mit einer Auflösung von 144 x 168 keinen Preis für das schärfste Display abräumt. Dennoch ist das Display gut ablesbar und das vor allem auch bei direkter Sonneneinstrahlung. Die Hintergrundbeleuchtung ist nicht zwingend die hellste, doch für das Ablesen der Nachrichten vollkommen ausreichend.

Doch was ich tatsächlich sehr schade finde bei einer Smartwatch, die sich damit rühmt erstmals ein Farbdisplay zu nutzen, ist, dass die Farbwiedergabe die reinste Katastrophe ist. Ich bin mir bewusst, dass es an der E-Paper- oder E-Ink-Technologie selbst liegt, doch hier ist ein LCD-Display einfach noch um Lichtjahre voraus. So stellt das E-Paper Display der Pebble Time einfach nur verwaschene Farben dar, bei denen Rot eher rosa und kräftiges Blau eher cyan ist. Schade, aber mangels Technologie-Fortschritt verbuche ich das Display unter der Kategorie „erster Versuch“.

Beim Thema Firmware setzt Pebble bei der Time auf das eigene neue „Timeline-Interface“. Dieses ist sehr geradlinig aufgebaut und wird durch die einzigen vier physischen Knöpfe am Gehäuse bedient. Mit dem mittleren Knopf auf der rechten Seite gelangt man in das Menü und bei erneutem Betätigen in die Apps und deren Untermenüs.

Timeline vom Vortag / Timeline für heute

Die Knöpfe oben und unten dienen eben der Navigation nach oben und unten (beide können in den Einstellungen mit Shortcuts zu Benachrichtigungen oder anderen Einstellungen und Apps belegt werden). Mit dem Knopf auf der linken Seite des Gehäuses gelangt man immer eine Ebene zurück. Das Menü besteht aus frei konfigurierbaren Apps wie der eingebauten Musik-App, die als Fernbedienung für die Musik auf dem Smartphone dient.

Timeline erhielt den Namen, weil man durch Betätigen des oberen Knopfes an der rechten Seite zurückliegende Events wie Kalendereinträge, Sonnenauf- und untergang, das Wetter, Sportevents, etc. betrachten kann und mit dem unteren Knopf an der rechten Seite die anstehenden Events sehen kann.

In der Companion-App für Android und iOS bietet Pebble einen eigenen App Store an, der eine überschaubare Auswahl an Apps und Watchfaces anbietet. Pebble selbst spricht von „tausenden Watchfaces und Watchapps“. Die Riesenvielfalt darf hier dennoch keiner erwarten und schon gar nicht von großen Entwicklernamen.

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Hier konnte ich lediglich Wunderlist, Swarm by Foursquare, TripAdvisor, ESPN und RunKeeper ausfindig machen. Gleiches gilt für die Auswahl an Watchfaces. Hier ist tatsächlich noch extrem viel Luft nach oben. Doch angesichts der großen Konkurrenz durch Apple und Google befürchte ich,  dass man hier auch in Zukunft nicht sehr viele Apps vorfinden wird. Und wenn man welche gefunden hat, funktionieren sie auch häufig mehr sporadisch als zuverlässig.

Auch wenn die Pebble Time nicht zentral als Fitness-Tracker beworben wird, ist dank Apps wie Swim oder der erwähnten RunKeeper-App zumindest das Zählen der Schritte möglich. Doch andere Sensoren zur Messung des Herzschlags oder sonstiges sind nicht vorhanden. Doch das sind auch nie die Kernkompetenzen von Pebble gewesen.

Einstellungen Android vs. iOS

Die plattformübergreifende Kompatibilität zu Android und iOS war dagegen schon immer das Steckenpferd von Pebble und sicherlich auch der Grund einiger Menschen, sich keine Apple Watch oder Android Wear-Smartwatch zuzulegen – zumindest nicht, wenn man häufig die Smartphones und die Plattform wechselt. Doch hier sei gesagt, dass Android-Nutzer eindeutig mehr mit der Pebble Time anfangen können. Beispielsweise ist die Pebble Time dank eingebautem Mikrofon zwar prinzipiell in der Lage beispielsweise auf SMS-Nachrichten per Sprache zu antworten, aber iOS-Nutzer gucken hier in die Röhre.

Ich weiß nicht, inwiefern Apple die Nutzung einschränkt, doch andere Apps dürfen ja auch die Nutzungsrechte des Mikrofons anfragen. Außerdem hat man in der Android App eine eigene Notifications-Sektion, in der man allerhand Einstellungen vornehmen kann wie zum Beispiel welche Apps überhaupt Benachrichtigungen an die Uhr senden dürfen. Diese Sektion fehlt in der iOS-Version gänzlich. Das ist mehr als ärgerlich, da ich zumindest gerne eingestellt hätte, welche Apps Benachrichtigungen schicken dürfen. So vibrierte die Uhr munter vor sich hin, ohne selektive Vorauswahl. Höchstnervig.

Auch die Haupteinstellungen der Smartwatch sind unter Android vielfältiger und umfangreicher. Hier kann man beispielsweise seine bevorzugte Musik-App auf dem Smartphone festlegen und somit auch direkt Musik von der Pebble aus starten und steuern. Auf iOS? Fehlanzeige. Hier ist die Musiksteuerung der Pebble Time zwar in der Lage den Titel und den Interpreten des aktuellen Songs anzuzeigen sowie den Song zu pausieren und zu skippen, aber simple Dinge wie die Lautstärkeregelung kann die Pebble Time in Kombination mit einem iPhone nicht. Daher ist die Pebble, gepaart mit einem iPhone, leider null interaktiv.

Der wohl größte Vorteil der Pebble ist erneut die Akkulaufzeit. Diese beträgt laut Pebble selbst bis zu 7 Tagen. Dies konnte ich während meines Tests nicht ganz erreichen, dennoch kam ich auf eine stattliche Laufzeit von 5 bis 6 Tagen. Doch je nach Nutzung sind die 7 Tage garantiert nicht unrealistisch. Dem E-Paper Display dürfte hier wohl der Löwenanteil an der langen Laufzeit zugeteilt werden, da es kaum Energie zieht. Zudem ist die Pebble Time wasserdicht bis zu 30 Metern. Einer Poolparty oder einer Dusche mit der Pebble Time am Arm dürfte so also nichts entgegen stehen.

Eine Art Fazit in Bezug auf die Pebble Time zu ziehen ist im Endeffekt schwieriger als gedacht. Ich selbst habe viel an der Uhr auszusetzen gehabt, insbesondere als iOS-Nutzer, da der Nutzungswert hier sehr eingeschränkt ist. Auch wenn man versuchen wollte die Pebble Time aufgrund des niedrigauflösenden E-Paper Display mit den verwaschenen Farben und mangelnder Touchscreen-Bedienung anzuprangern, so scheitert man. Denn Pebble will das alles gar nicht. Man schwimmt bewusst gegen den Strom, denn die Fanbase ist riesig und viele Menschen lieben die Pebble. Doch die Konkurrenz schläft nicht und Nostalgie ist nicht alles.

Ich persönlich muss jedoch sagen, dass die Pebble irgendetwas an sich hat, das sie attraktiv macht. Ich will sie mit aller Gewalt mögen. Möglicherweise ist es tatsächlich der Nostalgie-Faktor, der mich an die alten Tamagotchis und Casio-Uhren erinnert und die Pebble Time deshalb für mich interessant macht. Dennoch hat mich einfach zu viel an der Pebble Time gestört, als dass wir Freunde werden könnten. Vor allem für einen Preis von 249 Euro, der in meinen Augen nicht gerechtfertigt ist. Sollte die Pebble Time eines Tages um die 150 Euro kosten, würde ich sicherlich in Versuchung kommen, doch aktuell ist sie für mich keine Anschaffung wert.


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