Nokia 3310 ausprobiert: Snake alleine reicht nicht

3. Juni 2017 Kategorie: Mobile, geschrieben von: caschy

Seit einiger Zeit im Handel: Eine Neuauflage des Retro-Klassikers von Nokia. Das simple 3310 ging natürlich durch die Medien, handelt es sich doch bei Nokia für viele um die „erste große Liebe“ in Sachen Mobiltelefon. Ein Nokia. Synonym für ewige Akkulaufzeit und Unkaputtbarkeit. Aber auch Synonym für ein völliges Verschlafen von Entwicklung mit anschließender Bankrotterklärung durch die Partnerschaft mit Microsoft, die in einer Übernahme und Ausschlachtung des Unternehmens fußte.

Nun ist der Name Nokia wieder da, HMD fertigt unter dem Namen nicht nur das 3310, sondern auch Android-Smartphones, die bald global zu haben sein sollen. Ich habe das Nokia 3310 zum Test bekommen.

Der erste Eindruck. So fühlt sich also ein „Früher“ an. Und sogleich stellt sich die Frage nach dem Warum. Warum sollte man so ein Handy nutzen wollen? Zweithandy, klar. Festival-Handy für die Erreichbarkeit. Joa, geht auch noch. „Für’n Notfall im Handschuhfach.“. Aber da darf man ja nicht nur an sich denken. Manche Menschen brauchen kein „Smart“. Manche brauchen einfach nur ein Telefon, um zu telefonieren. Um erreichbar zu sein. Das ist man auf jeden Fall, Punkt für Nokia. Dennoch sei gesagt: Nokia macht hier nichts neu. Ich kann seit jeher Dumbphones von irgendwelchen Herstellern kaufen. Kleiner Preis, SIM rein, Go!

Ich denke an meine Patentante und meinen Patenonkel. Beide weit über 80. Taugt denen so etwas? Eher nicht. Displayanzeige vermutlich zu klein und Eingabe zu frickelig. Der Patenonkel hat ein LG-Günstig-Smartphone. Das kann er auch eher schlecht als recht bedienen. Aber er kann angerufen werden und ich kann ihm Fotos via WhatsApp schicken. WhatsApp – das fehlt beim Nokia 3310. Dafür kann man Twitter und auch Facebook nutzen. Wenn man denn will.

Nokias 3310 ist keine exakte Kopie, stattdessen hat man ein bisschen was getan. Das machen viele Hersteller, die auf der Retro-Welle reiten. Alter Name, neues Glück. Unweigerlich muss ich an den Ford Transit denken. Mit dem sind Anfang der 80er viele Familien aus meinem Umfeld in den Urlaub gefahren. Den Transit gibt es immer noch. Nur als neueres Modell. Same same, but different. Das funktioniert bei Fahrzeugen natürlich. Bei völlig veränderter Technik nur schwer. Polaroid oder Kodak? Richtig, kaputt. Das erste Anpacken des Nokia 3310 wirkt vertraut. Aber dennoch nicht so rustikal. Klar, das 3310 ist stabil gebaut und übersteht sicher den einen oder anderen Fall, fühlt sich in Sachen Kunststoff aber etwas dünner an. Aber macht nichts, die Verarbeitung passt.

Ungewohnt ist mittlerweile das Öffnen der Abdeckung, um die SIM-Karte einzusetzen. Ich öffne den Deckel, entnehme den Akku und führe also die Nano-SIM ein. Joa. Mist. Danach hab ich mal zwei Minuten gebraucht, bis ich die wieder aus dem Slot hatte. Das Nokia 3310 unterstützt ja keine Nano-SIM. Adapter gesucht und losgelegt. Ein vertrauter Startsound, der zwar modernisiert ist, euch aber volles Pfund in die Vergangenheit katapultiert.

Das Display. Natürlich eine Ecke größer. 320 x 240 Pixel. Fand ich in der Sonne schlecht ablesbar. Fotos? Kann man auch machen, Satte 2 Megapixel hat die Kamera. Ich überlege kurz. Was macht man damit nun? Telefonieren? Ach egal, ich richte erst einmal OperaMini ein. Schnell vergeht mir die Lust am Internet, dauert das Laden fast jeglichen Inhalts gefühlte 100 Jahre.

Ich weiss jetzt schon, dass ich nur wenig in Sachen Netz mit dem Nokia 3310 machen werde. Es ist machbar mit der 2G-Verbindung, natürlich. Fühlt sich aber schlimm an. Internet wie 1996. Auf einem WeTab. Ummantelt von Stahlbeton. So fühle ich mich. Erinnert sich noch jemand an die Zeit, in der Bilder im Internet so langsam von oben nach unten aufgebaut wurden? Langsames Internet macht wütend. Dazu kommt dann noch die fehlende Bildschirmtastatur. Ich persönlich will nicht mehr wie früher Buchstaben eintippen.

Anrufen. Ja, das wollte ich ja auch noch machen! Aber erst einmal versuche ich mal mit der Kamera was zu machen. 2 Megapixel! Das ist quasi der Endgegner. Aber auch hier darf man sich freuen, denn die Kamera hat einen Blitz, nimmt Videos auf und es bieten sich einige Filter an. Selfies – so überlege ich – die sind wohl schwer mit dem 3310. Kannst ja nicht sehen, wie du aussiehst auf dem Bild. Man muss ja mit der Kamera auf der Rückseite auf sich zeigen. Übertragen kann man diese Fotos auch – via Bluetooth oder eben als Nachricht.

Ich knipste wenige Fotos, dann kam schon die Meldung, dass kein Speicher mehr frei sei. Nun gut, zum Glück kann man das Nokia 3310 mit einer microSD-Karte ausstatten. Sind ja nur 16 MB freier Speicher. Jaja. 16. Megabyte. Nicht Gigabyte. Spiele sind auch mit drauf. Auch Snake. Natürlich nicht das Ursprungs-Snake, sondern das modern aufgefrischte von Gameloft. Aber dafür kauft man sich ja kein Handy.

Telefonieren. Das funktioniert natürlich. Dual-SIM bietet das Nokia 3310. Mein Gesprächspartner konnte mich laut und deutlich verstehen. Ich ihn auch. Aber dafür braucht man eigentlich auch nicht zwingend ein 60-Euro-Dumbphone, da gibt es auch schon günstigere Varianten. Ansonsten findet man noch einige Apps vor. So kann man beispielsweise Sprache aufzeichnen. Oder man benutzt das Nokia 3310 als Radio. Dafür muss man dann den Kopfhörer anschließen, der als Antenne fungiert – und als Hörer.

Viel Gejammer, nicht wahr? Richtig. Das kommt raus, wenn man aus heutiger Sicht eines Smartphone-Jüngers das Gerät bewerten müsste. Aber darum geht es beim Nokia 3310 nicht. Ich darf es nicht mit jetzigen Smartphones vergleichen. Das wäre völlig albern. Es ist ein Gerät zum Telefonieren. Dafür habe ich Dual-SIM zur Verfügung. Das kann im Urlaub praktisch sein. Oder wenn jemand Verwandtschaft im Ausland hat und mit einer anderen SIM in dieses Land telefoniert.

Das lahme Internet? Die Kamera? Dabei, aber geschenkt. Für den Fall der Fälle reichen auch 2 Megapixel. Und im absoluten Notfall bin ich auch für langsames Internet dankbar. Große unbekannte Stadt, kein anderes Smartphone dabei? Da wird jeder froh sein über Google – auch in langsam. Das Nokia 3310 ist ein Handy für die Erreichbarkeit. Eine Woche lag es bei mir rum und hatte noch ein Drittel des Akkus. Sogar Telefonieren funktionierte in guter Qualität. Radio habe ich immer dabei, was bei vielen Smartphones heute nicht gegeben ist. Und selbst eigene Musik kann ich mittels microSD-Karte konsumieren. Das Nokia 3310 macht alles, für das es vorgesehen ist.

Hier muss man aber immer schauen, was wichtig ist: Ist man eher der Typ Mensch, der auf die extrem lange Akkulaufzeit Wert legt? Der nur telefonieren und erreichbar sein will, ohne daran zu denken, dass der Saft alle ist? Dann kann man zum Nokia 3310 greifen – oder man nimmt sich eines der vielen anderen Dumphones. Denn das Nokia 3310 kostet 60 Euro. Da bekommt man dann auch schon fast wieder einen Mullu-Mullu-Androiden für, der vielleicht eine Ecke mehr kann – wenn man das denn möchte. Man kauft sich ja auch keinen Dacia, wenn man dauernd High Speed über deutsche Autobahnen brettern will, nicht wahr?

Kurzfakten: 2,4 Zoll Display, 240 x 320 Pixel. Bluetooth. 1.200 mAh Akku. 2 Megapixel-Cam. Dual-SIM. Bluetooth. 2G-Netz. Micro-SIM. 5,1 x 11,56 x 1,27 Zentimeter Abmaße. 16 MB Speicher, via microSD um bis zu 32 GB erweiterbar. Kopfhörer im Lieferumfang sowie Netzteil.


Über den Autor: caschy

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