Lenovo ThinkPad 8: Ein Erfahrungsbericht

4. Juni 2014 Kategorie: Hardware, Mobile, Windows, geschrieben von:

Leserbeitrag von Arne! Schon seit ein paar Monaten halte ich insbesondere bei den Neuvorstellungen hier im Blog die Augen und Ohren offen, um einen Nachfolger für mein MacBook Pro 13” (Late 2010) zu finden. Daher habe ich mich sehr gefreut, als Caschy mir die Möglichkeit gab, das Lenovo ThinkPad Tablet 8 zu testen.

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Der Rückkehr zu Windows kommt für mich in Betracht, da ich privat den PC nur noch für recht anspruchslose Anwendungsbereiche wie Internetsurfen, Microsoft Office, Filme und Fotoverwaltung brauche. Außerdem würde ich den PC am liebsten auch nutzen, um zuhause und unterwegs meine RSS-Feeds zu lesen, Filme anzuschauen oder Instapaper-Artikel und PDFs aus meiner Dropbox zu lesen. Denn für mehr nutze ich bisher das iPad auch nicht.

Lieber hätte ich alles in einem Gerät, sodass ich auch alle Daten und einen vollwertigen PC unterwegs dabei habe. Die kompakten 8”-Tablets mit Windows 8 finde ich spannend, weil sie zu diesem Nutzungsverhalten passen, gleichzeitig sehr portabel sind, ein vollwertiges Desktop-Betriebssystem mitbringen und in der Regel auch preislich attraktiv sind. Die Modern UI – so meine Erwartung – sollte für eine so einfache Tablet-Nutzung ausreichen. Aus der Perspektive dieser Überlegungen beschreibe ich auch meine Eindrücke von dem ThinkPad Tablet.

Auf der Hardware-Seite hebt sich Lenovo ThinkPad im Vergleich zum Wettbewerb zum Beispiel durch das Full-HD-IPS-Display, den Micro-HDMI-, den USB 3.0-Anschluss und das optionale UMTS-/LTE-Modul hervor (technische Details auf der Lenovo-Homepage). Abmessungen und Gewicht machen das Tablet sehr portabel (auch wenn ca. 100g schwerer als ein iPad mini mit Retina Display).

Ich habe mich wiederholt dabei erwischt, das ThinkPad mal tagsüber mitzunehmen, auch wenn ich nicht wusste, ob ich es tatsächlich brauchen würde. Ein besseres Kompliment kann man einem Mobilgerät wohl nicht machen. Die Verarbeitung wirkt generell gut, es liegt angenehm in der Hand. Aber bei der recht scharfen Kante am Übergang von Display zu Gehäuse und bei dem schlechten Druckpunkt der Lautstärken-Taste merkt man jedoch einen qualitativen Unterschied zum iPad – bei dem Preisunterschied zwischen den beiden Geräten sicher nachvollziehbar, wenn auch nicht 100%ig “ThinkPad-artgerecht”.

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Entgegen meiner Befürchtungen haben sich der Atom-Prozessor und die 2 GB RAM als ausreichend erwiesen. Microsoft scheint mit Windows 8 sehr an der Hardware-Genügsamkeit gedreht zu haben. Die Touch-Bedienung war stets flüssig, nie gab es Ruckler oder Aussetzer, wie ich es mal bei früheren Android-Geräten beobachtet habe. Das Full-HD-Display macht großen Spaß – sowohl beim normalen Arbeiten als auch bei Filmen oder beim Lesen von Texten und Internetseiten.

Die automatische Helligkeitsregulierung hat mich öfters zu manuellen Anpassungen gezwungen, als ich es von MacBook oder iPad gewohnt bin. Da ich das Tablet meistens quer halte, liegt die Frontkamera dann beim Skypen seitlich. Obwohl Videotelefonate mit Familie und Freunden sowohl unterwegs als auch zuhause dank guter Kamera und gutem Sound Spaß machen, wirken sie – wie beim iPad – durch die Kameraposition weniger praktisch und natürlich. Für ein Gerät mit dem Business-Anstrich der ThinkPad-Serie hat mich überrascht, dass es keine Vorrichtung für Kensington Lock gibt.

Um das ThinkPad Tablet 8 im stationären Betrieb mit externem Bildschirm und vollwertiger Tastatur, Maus und weiterer USB-Hardware als Desktop-Ersatz zu verwenden, habe ich es über ein Micro-HDMI-auf-HDMI-Kabel an meinen 27”-Monitor angeschlossen. Da es über den Micro-USB 3.0-Port auch geladen wird, habe ich die USB-Geräte über ein aktives USB 3.0-Hub verbunden. Mit dem einzigen Micro-D-auf-Micro-D-Kabel, das ich finden konnte, wird das ThinkPad zwar geladen, erkennt jedoch die Peripherie nicht.

Laut Google führen auch Versuche mit einem OTG-Y-Kabel nicht zum Erfolg. Wer das ThinkPad stationär nutzen möchte, setzt daher besser auf Bluetooth-Tastatur und -Maus. Während man weitere Geräte wie USB-Festplatten nutzt, muss man wohl darauf verzichten, das ThinkPad gleichzeitig zu laden. Lenovo hat zwar eine Docking-Lösung angekündigt. Vermutlich wäre es jedoch einfacher, nutzer- und geldbeutelfreundlicher gewesen, entweder anstelle des USB 3.0-Ports am Tablet einen separaten Anschluss für das Netzteil zu nutzen oder einen weiteren USB 3.0-Anschluss in das Netzteil zu integrieren (um dort die stationäre Peripherie über ein USB 3.0-Hub zu verbinden).

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Windows 8 und das mitgelieferte Office 2013 haben mich sehr beeindruckt. Office 2013 ist um Welten zuverlässiger und performanter als Office 2011 auf dem Mac. Windows habe ich seit Windows XP kaum genutzt, so dass ich von den Veränderungen umso begeisterter bin. Bei der Ersteinrichtung kann man – vergleichbar zu iCloud – ein Microsoft Konto anlegen, in dem die persönlichen Einstellungen hinterlegt werden.

Alle weiteren Windows 8-Geräte können somit sehr schnell und einfach in Betrieb genommen werden. Wiederum ähnlich zu Mac OS X hat Windows 8 alle Netzwerkgeräte vom Drucker über die DLNA-fähige Stereoanlage bis zum Netzwerklaufwerk der Fritzbox erkannt und eingerichtet. Bei manchen DLNA-Geräten wie meiner Cocoon Home muss man jedoch – und da kommt das alte Windows-Denken durch – die Registry bemühen, da ansonsten nur “für Windows zertifizierte Geräte” als Abspielziel unterstützt werden. Da ich von Mac OS X Antiviren-Programme nicht mehr so gewöhnt bin, habe ich es bei Windows Defender belassen. Sehr viel komfortabler als bei OS X sind die System- und App Store-Updates: Beides lässt sich automatisch im Hintergrund erledigen, so dass der normale Arbeitsablauf nicht regelmäßig durch Update-Hinweise unterbrochen wird.

Dank eines Tutorials findet man sich schnell in die Bedienung über die Modern UI und mithilfe von Gesten ein. Insbesondere die gleichzeitige Benutzung mehrerer Modern UI-Apps über Splitscreen ist ein großer Vorteil gegenüber dem wiederholten Wechseln zwischen mehreren Apps auf dem iPad. An ein paar Ecken merkt man noch den geringeren Reifegrad im Vergleich zu den Erfahrungen, die Apple im Laufe der verschiedenen iOS-Versionen gesammelt hat: Vermisst habe ich, dass beim Einblenden von Uhrzeit, Datum, WLAN-Stärke und Batteriestatus durch Wischen vom rechten Rand keine Prozent- oder Restlaufzeitanzeige für die Batterie verfügbar ist.

Im Vergleich zu iOS (und auch Windows Phone!) überrascht bei dem einblendbaren Touch-Tastaturlayout, dass einzelne Buchstaben nicht durch Wischen von der Umschalttaste zu dem gewünschten Buchstaben groß geschrieben werden können. Zudem vermisst man bei Springen zwischen Formularfeldern im Internet Explorer die Tab-Taste, die erst beim Umschalten des Tastaturlayouts angezeigt wird. Zu einer Scroll-to-Top-Funktion wie bei Mobile Safari konnte ich ebenfalls nichts finden.

Verpasste Benachrichtigungen lassen sich nicht nochmals in einer Übersicht wie dem Notification Center unter Android oder iOS anzeigen. Die globale Suchfunktion indiziert die Inhalte der integrierten Mail-, Kalender- und Kontakte-Apps nicht. An manchen Stellen sind einfach mehr Klicks als für vergleichbare Arbeitsläufe unter iOS notwendig. Eher als Notlösung lässt sich die Desktop-Oberfläche per Touch bedienen. Wenig überraschend bereitet das mehr Freude mit externer Tastatur und Maus sowie einem größeren Bildschirm.

Microsoft-Dienste wie OneDrive integrieren sich gut in das System und machen auch bei der Nutzung von Office Online Spaß. Die meisten Programme, die sich als tatsächlich relevant auf meinem MacBook Pro erweisen, gibt es auch für Windows: 1Password, Chrome, CrashPlan, Dropbox, Evernote, iTunes, Skype und Spotify. Microsoft Office ist wie gesagt mitgeliefert. Mit BetterDesktopTool kann ich einige Funktion nachrüsten, die ich wie Exposé vom Window-Management unter OS X gewöhnt bin.

Weniger eindeutig ist das Bild bei Apps für die Modern UI. Einerseits ist der Store deutlich gefüllter als erwartet und für die meisten kostenpflichtigen Programme bieten die Entwickler zeitlich begrenzte Testversionen an. Andererseits wirken weniger Apps bereits so qualitativ hochwertig, durchdacht und leistungsfähig wie die iOS-Pendants.

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An die RSS-Reader Mr Reader oder Reeder kommen sicher NextGen Reader und Readiy (Pro) am nächsten ran. Beide unterstützen feedly, das von mir genutzt Feedbin jedoch nicht. Als Ersatz für Tweetbot bin ich auf Tweetium gestoßen. Im Rahmen eines Abo-Modells (“Tweetium Pro” mit recht steilem Preis von 4,99€ für 6 Monate) erhält man einen erweiterten Funktionsumfang wie mehrere Twitter-Konten und TweetMarker-Unterstützung. Links werden mit Modern UI-Internet Explorer im Splitscreen geöffnet. Eine integrierte Browser-Ansicht für einen schnellen ersten Eindruck, was sich hinter einem Link verbirgt, wie von Tweetbot bekannt gibt es nicht. Ab und zu gibt es Darstellungsfehler bei den Kästen, in denen die Tweets angezeigt werden.

Mit Hyper und Spotlite habe ich inoffizielle YouTube- bzw. Spotify-Clients für die Modern UI ausprobiert. Hyper funktionierte wie erwartet. Spotlite hat noch seine Ecken und Kanten. Amazing Lock Screen  ist ein nettes Tool, um automatisch aktuelle Bing-Fotos als Hintergrund für den Sperrbildschirm zu setzen. Meistens sind die sehr schick, manchmal kann es jedoch auch ein selten dämlich dreinschauender Affe just an dem Tag sein, an dem man das ThinkPad für einen Flug mitnimmt. Dort passte das ThinkPad übrigens hervorragend auf die kleinen herunterklappbaren Tische, um bei Filmen oder Serien zu entspannen. Rain Alarm ist eine nette Spielerei, um sich mit Notifications vor Regen oder Schnee im Umkreis warnen zu lassen.

ThinkPad Tablet 8 - Foto #2

Gerade wer ein Tablet sucht, um die digitalen Versionen von Zeitschriften und Zeitungen zu lesen, sollte vorher die Verfügbarkeit der entsprechenden Apps prüfen. Denn die Verfügbarkeit ist deutlich beschränkter als unter iOS. Zum Beispiel für die ZEIT gibt es nur eine inoffzielle App, die zwar die Homepage-Inhalte sehr gut aufbereitet, jedoch Abonnenten nicht Zugriff auf ihre Print-Inhalte gibt. Wer nur die Online-Inhalte der Nachrichtenseiten gut für ein Tablet aufbereitet haben will, ist schon mit der Bing News-App gut bedient. Um PDFs zu lesen, fand ich die integrierte Reader-App ausreichend.

Der mangelnde Reifegrad der Modern UI-Apps zeigt sich zum Beispiel auch darin, dass die Evernote- und Dropbox-Apps keinen Offline-Modus haben. D.h. sie können auf die Daten nur bei bestehender Internetverbindung zugreifen – was gerade bei einem Tablet nicht vorausgesetzt werden kann (bei Evernote übrigens trotz Premium-Konto). In diesem Zusammenhang fehlt auch die mangelnde Integration zwischen Modern UI- und Desktop-Anwendungen auf: Evernote und Dropbox unter Modern UI können nicht auf die lokal vorliegenden Daten ihrer parallel installierten Desktop-Versionen zugreifen.

Internet Explorer unter Modern UI läuft ebenfalls separat von Internet Explorer in der Desktop-Umgebung. Auch wenn hier eine gemeinsame Favoritenliste geführt wird, ist der Abgleich von Tabs komplizierter als zwischen verschiedenen Chrome-Browsern. Das Programm Leseliste zum späteren Lesen von Artikeln ist gut in das System integriert, sein Nutzen jedoch spätestens dann fraglich, wenn man es zum ersten Mal unterwegs öffnet. Dann stellt man nämlich fest, dass es die Artikel nicht zum Offline-Lesen in den Cache herunterlädt.

Nach ein paar Wochen des täglichen Einsatzes würde ich als Fazit festhalten, dass das ThinkPad Tablet 8 ein schönes, portables Gerät ist, das mir großen Spaß gemacht hat und das ich immer gern in die Hand und überall hin mitgenommen habe. Vor allem weil ich es für den Betrieb am Schreibtisch nicht ohne Weiteres mit meinen USB-Geräten und dem Netzteil für externe Stromversorgung verbinden konnte, erfüllt es leider in meinen Augen nicht die praktischen Anforderungen als Desktop-Ersatz. Hier muss sich zeigen, ob und für welchen Preis Lenovo noch die Docking-Lösung anbieten wird.

Windows 8 hat mich beeindruckt, weil die Ersteinrichtung schnell und leicht vonstatten geht und es auch während des Betriebs – insbesondere durch die automatischen System- und App-Updates – mittlerweile fast weniger “Pflege” als Mac OS X benötigt. Die Silo-Denke von iOS, die beim Arbeiten mit Dateien zwischen verschiedenen Apps besteht, ersetzt Windows 8 leider durch seine eigene Form von Silo-Denken: Wie bei Evernote und Dropbox beobachtet, können die Modern UI- und die Desktop-Anwendungen scheinbar nicht auf gemeinsame Datensätze zugreifen.

Das Gesamtpaket aus 8”-Tablet und Windows 8 hat mich überzeugt und lohnt sich sicher, im Auge zu behalten – insbesondere wenn es Microsoft den OEMs in Kürze mit der Einführung von Windows mit Bing nochmals erleichtert, an der Preissschraube zu drehen. Wer etwas mehr auszugeben bereit ist, primär unterwegs arbeitet oder zuhause nicht mehr den großen Monitor samt Tastatur, Maus etc. rumstehen haben möchte, findet vielleicht in den 10-12”-Tablets mit Windows 8 auch eine attraktive Alternative.


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Über den Autor:

Der Gastautor ist ein toller Autor. Denn er ist das Alter Ego derjenigen, die hier ab und zu für frischen Wind sorgen. Unregelmäßig, oftmals nur 1x. Der Gastautor eben.

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