Latitude im Eigenbau – volle Kontrolle

7. Dezember 2014 Kategorie: Internet, geschrieben von: caschy

Jan kenne ich schon länger als mein halbes Internet-Leben. Zwar waren uns persönliche Treffen nur spärlich vergönnt, doch das Internet hält bekanntlich auch Kontakte beieinander, die sich selten sehen. Wir kennen uns aus Zeiten, in denen es nicht wirklich Blogs gab, aus den guten und alten Foren-Zeiten. Jan half mir in den Jahren als ausgebildeter Linux-Freak und Server-Admin das eine oder andere Mal, heute steuert er zudem einen Beitrag zum Blog hinzu, in dem es sich um Latitude im Eigenbau dreht. Viel Spaß beim Lesen und Basteln!

Standortverlauf

Es ist schon einiges über Googles (eingestellten) Dienst Latitude berichtet worden (nicht verwechseln, den eigenen Standortverlauf gibt es immer noch). Das Thema sich freiwillig orten zu lassen und seine Position mit anderen zu teilen war und ist nicht ganz unumstritten. Caschy schrieb im November 2009 dazu:

„Horror-Szenarien lassen sich so natürlich einfach zurecht spinnen: so könnte man dem Freund / der Freundin eben mal schnell Latitude aktivieren und so immer schauen, wo sie sich gerade aufhält.“

Ich kenne nicht wenige, die im Apple-Universum die „Find my iPhone“ Funktion nutzen und sich den Standort untereinander freigegeben haben, nicht nur innerhalb einer Partnerschaft sondern auch in Freundesgruppen oder Familien.

Jedem, der im Besitz eines Smartphones ist, sollte klar sein, was alles über ihn irgendwo gespeichert wird. Das Märchen vom anonymen Bewegungsprofi gibt es schon lange nicht mehr. Aber es gibt viele Gründe, warum man sein Gerät oder etwas genau orten will. Innerhalb einer Gruppe von Freunden, innerhalb der Familie, im verteilten Team auf der Arbeit oder aber weil man als Taxi oder Busunternehmer sehen will wo seine Fahrzeuge sind.

Nur: die Umsetzung ist ohne „Vendor Lock-in“, wie es so schön heißt, eher schwer. Dachte ich. Ein zufälliges Treffen, ein paar getauschte Worte später war klar, wie man dies heute unter seiner eigenen Kontrolle schaffen kann. Wie so oft gibt es eine Server- und eine Client-Komponente, welche im Zusammenspiel dafür sorgen kann, dass man den eigenen Standort mit anderen teilen kann, oder auch mit einem Blick auf die Karte feststellen wo sich der Partner befindet.

Die Schnittstelle ist das Protokoll mqtt, welches für die Kommunikation eingesetzt wird und als das Herzstück des „Internet der Dinge“ angesehen werden kann. Wer sich mit Heimautomatisierung im Eigenbau beschäftigt, hat sicherlich schon davon gehört. Allen daran Interessierten sei openhab ans Herz gelegt.

Aber zurück zum Thema, es wird ein Server benötigt, die Empfehlung bisher: mosquitto für den Eigengebrauch und hiveMQ wenn es kommerziell wird. Steht der Server, die Zugriffsberechtigungen und Absicherung durch SSL, so benötigt man einen Client. Für das einfache Lokalisieren eines Smartphones kommt hier beispielsweise Owntracks zum Einsatz.

Im Hintergrund laufend wird so die Position an den Server gesendet. Berechtigte Clients wiederum können diese Daten dann auslesen und z.B. in einer anderen Owntracks-Installation anzeigen. Es gibt verschiedene Modi um den genauen Standort mitzuteilen, von manuell bis zum sogenannten „move mode“, welcher gerade auf der Autobahn für eine recht genaue Lokalisation sorgt. Der Modus „signifikant Changes“ ist nicht immer aussagekräftig, sorgt aber für nicht wahrnehmbaren Akkuverbrauch und eine ungefähre Position.

owntracks

Wenn man die Daten unter seiner Kontrolle hat, wird es aber eigentlich erst richtig interessant. Die Daten können angereichert werden und zur späteren Verarbeitung in einer Datenbank gespeichert werden. Als Beispiel sei hier Anreicherung mit Wetterdaten genannt. Beim dauerhaften Speichern wird aus OpenWeather das aktuelle Wetter der Position genommen und abgespeichert. Vieles andere ist möglich und auch vorstellbar, es muss nur jemanden geben der es in Code umsetzen kann.

Liegen die Daten in einer Datenbank vor, könnten diese via GPX Exporter auf einer Webseite dargestellt werden. Wenn man sich die Frage stellt, „warum sollte ich das wollen“, sei zum einen die Antwort gegeben „Weil es geht“ – aber auch zwei sinnvolle Beispiele:

Ein Busunternehmer hat in seiner Zentrale eine Karte, auf der erkennbar ist, wo in Europa sich gerade Fahrzeuge des Unternehmens bewegen. Zum anderen gibt es Firmen ohne festes Büro und die Angestellten bewegen sich über den Globus. Eine Weltkarte mit den Positionen der anderen Mitglieder sorgt dafür, dass man zum einen daran erinnert wird in welcher Zeitzone sich der andere befindet, zum anderen sorgt es aber auch dafür, einen realeren Bezug zu bekommen.

owntracks2

Will sich einer in den Feiertagen ein wenig mit der ganzen Thematik beschäftigen, gibt es eine englischsprachige Anleitung auf nullniveau für die Bereitstellung eines eigenen Servers. Sehr viel technisches kann man bei jpmens lesen – er brachte mich durch seinen Vortrag auf der OSMC MQTT for monitoring (and for the loT) dazu, das Thema noch einmal zu betrachten. Das Archiv seines Blogs ist auch wunderbar für alle Heimautomatisierer geeignet.
Wichtig ist noch anzumerken – es handelt sich bei Owntracks und der dafür notwendigen Infrastruktur um nichts für den breiten Markt. Die technischen Hürden einen eigenen Broker zu betreiben oder jemandem zu vertrauen und dessen Broker zu nutzen sind nicht gerade klein. Es stellt sich zusätzlich immer die Frage, will oder brauche ich das? Aber sind wir ehrlich – es geht doch eigentlich nur darum das technisch Mögliche auszuloten.

Über den Autor: caschy

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