Kickstarter lehnt Profit als oberstes Ziel ab

22. September 2015 Kategorie: Internet, geschrieben von:

kickstarter logoCrowdfuding – man liebt es oder man hasst es. Für die einen ist es eine wichtige Möglichkeit Projekte zum Leben zu erwecken, zu denen beispielsweise großen Spielepublishern der Mut fehlt. Für andere besteht die Gefahr darin, dass kleine und große Firmen über die Schwarmfinanzierung grinsend die Risiken der Finanzierung auf die Community auslagern. Kickstarter bzw. dessen Gründer Yancey Strickler und Perry Chen haben freilich eine andere Perspektive: Für sie sei ihr Baby ein Weg kreative Ressourcen freizuschalten. Deswegen wird Kickstarter nun auch zu einer Public-benefit Corporation (PBC).

PBC ist eine relativ neue Unternehmensform in den USA, die es in jener Form in Deutschland nicht direkt gibt. So ist eine PBC zwar keine Non-Profit-Organisation und bleibt ein gewinnorientiertes Unternehmen, kreiert allerdings darüber hinaus soziale Mehrwerte für die Gesellschaft. Zugleich unterliegen PBCs strengeren Rechenschafts- und Transparenzpflichten als andere Firmen. 5 % seiner jährlichen Gewinne will etwa Kickstarter nun einsetzen um „Kunstausbildungen zu fördern und gesellschaftliche Ungleichbehandlung zu bekämpfen“, erklärt man via Pressemitteilung.

Laut den Gründern Yancey Strickler und Perry Chen habe man stets ausgeschlossen mit Kickstarter an die Börse zu gehen. Kickstarter sei einfach keine Organisation, die einfach nur auf Gewinnmaximierung abziele, sondern wolle ein Inkubator bzw. eine Unterstützungshilfe für kreative Ideen sein. Natürlich wolle man Gewinne erwirtschaften, doch jene seien der willkommene Nebeneffekt und nicht das Hauptziel. Im Grunde greifen die beiden Manager hier klassische, ökonomische Theorien auf. So gibt es in den Wirtschaftswissenschaften seit Jahrzehnten Theorieströmungen, die betonen, dass Gewinn die Folge eines guten Produktangebots sein muss und nicht das Primärziel einer Firma sein könne. Offenbar haben die Kickstarter-Gründer in diesem Bezug ihre Hausaufgaben gemacht.

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In einem eigenen PBC-Charter legt Kickstarter sein Selbstverständnis offen. Auch in Deutschland wurden viele Projekte über die Crowdfunding-Website finanziert – 109 Stück bisher. Die meisten Unterstützer sicherte sich „Everspace„, während „Miito“ mit 818.098 Euro das höchste Budget einheimsen konnte. Nun kann man Kickstarter natürlich unterstellen den Wechsel zur PBC-Unternehmensform auch zu vollziehen, um sich reichlich kostenlose PR zu sichern. Allerdings wäre dies auch auf anderen Wegen möglich gewesen. Und die Gründer Strickler und Chen könnten mit weniger Arbeit deutlich mehr Geld mit nach Hause nehmen, wenn sie ihre Firma an die Börse schicken würden und möglicherweise bei einer Übernahme die eigenen Taschen füllen würden. Bei allem marketingwirksamen Geblubber scheint den beiden Männern also nach meinem Eindruck durchaus glaubhaft etwas daran zu liegen Kreativität zu fördern.

PBC-Firmen unterliegen in den USA weiteren Auflagen: Sie müssen, neben dem Ziel der Öffentlichkeit zu helfen, auch bei den einzelnen Firmen-Entscheidungen nicht nur an die Gewinne, sondern auch an die Auswirkungen auf die Gesellschaft denken. Zudem sind regelmäßige Berichte zum sozialen Wirken der jeweiligen Firmen fällig. 2014 hatte sich Kickstarter bereits von einer Non-Profit-Gruppe namens B Lab zertifizieren lassen. Teilnehmende Firmen verpflichten sich in jenem Rahmen zu nachhaltigem Wirtschaften und sozialer Verantwortung. Kickstarter nutze laut eigenen Aussagen auch keine „esoterischen Steuertricks“ aus, sondern zahle ohne große Umschweife seine Steuern.

Investoren wie der ehemalige Google-Manager Chris Sacca erhoffen sich natürlich dennoch am Ende schwarze Zahlen. Und tatsächlich macht Kickstarter jährlich Gewinn und re-investiert viel davon in das eigene Unternehmen. In den nächsten Jahren wolle man laut den Gründern zudem damit beginnen Investoren und Mitarbeitern Dividenden auszuzahlen, die sich an den erwirtschafteten Gewinne orientieren. Damit profitiere jeder Angestellte noch weiter vom Erfolg des Unternehmens.

Trotzdem gibt es natürlich auch Kritiker: Ich selbst etwa halte vom grundlegenden Prinzip des Crowdfundings wenig. Denn die Finanzierung wird letzten Endes auf den Kunden ausgelagert. Jener legt nicht mehr für ein fertiges Produkt Geld auf den Tisch, sondern soll schon vorher ein imaginäres Konstrukt bezuschussen. Gescheiterte Projekte oder strittige Aktionen durch wohlhabende, gut vernetzte Schauspieler wie Zach Braff oder Künstlerinnen wie Amanda Palmer zeigen, dass die Schwarmfinanzierung teilweise bedenkliche Auswüchse annimmt. Zuletzt erhitzte etwa Sony mit einer hauseigenen Crowdfunding-Plattform „First Flight“ in Japan die Gemüter.

Nun gibt es allerdings überall Licht und Schatten und auch wenn ich selbst keine Crowdfunding-Projekte unterstützen mag, gebe ich z. B. Spieleentwicklern gerne mein Geld für ein fertiges, gutes Produkt – DoubleFines „Broken Age“ habe ich mir nach Abschluss der Entwicklung genau so gekauft wie ein „Divinity Original Sin“. Am Ende kommt es also darauf an, was man aus der Schwarmfinanzierung macht. Bleibt zu hoffen, dass Kickstarter es mit seinem vollmundig gepriesenen und bewundernswerten Kurs auch langfristig ernst meint.


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Über den Autor:

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