China-Phones: Retter der Smartphone-Welt oder Ticket in die Hölle?

3. Dezember 2017 Kategorie: Hardware, Mobile, geschrieben von:

Smartphones aus China: Für euch sind sie in den Kommentaren immer wieder ein heißes Thema. Dabei kristallisieren sich oftmals zwei recht klare Fronten heraus. Die einen von euch nutzen die China-Phones, um (manchmal etwas unfaire)  Vergleiche im Preis- / Leistungsverhältnis mit hiesigen Modellen anzustellen. Die anderen laufen Sturm, sobald Caschy, Saschy, Benny, Olli oder ich über ein Smartphone aus China berichten. Eh nicht relevant für Deutschland, schlechte Qualität und auch die vermeintlich unverantwortliche Herstellung kommen dann zur Sprache. Doch was kann man denn nun wirklich über China-Phones festhalten?

Letzten Endes kann ich euch hier nur meine subjektive Meinung wiedergeben. Dazu sollte ich vorneweg erklären: Ich habe mittlerweile viele Geräte aus China in der Hand gehabt. Derzeit nutze ich ein Xiaomi Mi Mix 2 als mein Haupt-Smartphone. Aber auch von Herstellern wie Vernee, Oukitel, LeEco und kleineren Buden wie Bluboo oder Nomu wanderten schon Testmuster über meinen Schreibtisch. Insofern behaupte ich einfach mal, durchaus einen gewissen Eindruck von „der Szene“ gewonnen zu haben.

Hersteller wie Honor, Huawei oder OnePlus klammere ich im Hinblick auf die China-Phones an dieser Stelle übrigens eher aus, da sie eben international anbieten. Es soll hier also um die Marken gehen, welche für die typischen Importgeräte verantwortlich sind: Xiaomi, Meizu, Elephone, etc.

Pro China-Phones

Was spricht denn nun eigentlich für die Smartphones aus China? Bzw. warum sind einige Geräte, wie z. B. das Xiaomi Redmi Note 4 oder auch das jüngst von Caschy getestete Xiaomi Mi A1, so beliebt als Importe? Nun ja, die meisten von euch nennen bestimmt die gleiche Antwort wie ich: das Preis- / Leistungsverhältnis. So bekommt ihr als Import aus China z. B. für weniger als 150 Euro Modelle mit 5,5 Zoll, 1080p, 6 GByte RAM und Co. zugesteckt – teilweise tatsächlich mit guter Verarbeitung. Klar, da gibt es natürlich die Aufs und Abs. Aber es lässt sich schwer abstreiten, dass man bei vielen China-Phones deutlich bessere Technik fürs Geld bekommt, als würde man in Deutschland zuschlagen.

Ganz besonders gilt das eben, wenn man in der Einstiegs- bzw. unteren Mittelklasse unterwegs ist. In meinem Bekanntenkreis sind viele Menschen beispielsweise nicht bereit mehr als 200 Euro für ein Smartphone auszugeben. Oft höre ich Argumentationen wie: „Ich bezahle doch nicht mehr für ein Smartphone als für ein Notebook!“ Trotzdem kommen dann aber natürlich solche Ansprüche wie „Muss schnell laufen, guten Bildschirm und eine tolle Kamera haben!“ – ihr kennt diesen Widerspruch zwischen dem angedachten Budget und den Erwartungen an das Gerät bestimmt auch von Tech-Laien aus eurem Freundes- oder Familienkreis.

Tja und tatsächlich empfehle ich in derlei Fällen dann manchmal zu einem Import aus China zu greifen. Mein Vater etwa nutzt aktuell ein Xiaomi Redmi Note 5A, das für seine Zwecke (WhatsApp, Wecker, Fotos) vollkommen ausreicht. Für unter 100 Euro hätte er wohl sonst kein vergleichbares Smartphone bekommen. Für ihn ist die Marke schnurz und LTE benötigt er ebenfalls nicht, da er ohnehin nur ein einfaches Prepaid-Angebot nutzt. Gerade für Gelegenheitsnutzer können China-Phones somit eine feine Sache sein. Allerdings ist natürlich wo viel Licht ist auch viel Schatten.

Contra China-Phones

Denn auch wenn das Preis- / Leistungsverhältnis China-Phones auf den ersten Blick für Gelegenheits-Nutzer ideal wirken lässt, haben gerade jene mit vielen Stolpersteinen zu kämpfen. Ich erinnere mich etwa, was für ein Kampf es war MIUI 9 als Global ROM auf das Xiaomi Mi Mix 2 zu hieven. Dafür musste ich erst einen Antrag bei Xiaomi stellen, um die Berechtigungen zu erhalten – was nur über eine chinesische IP klappt. Zudem muss das Smartphone mit dem MI-Konto verknüpft werden. Auch das geht nur, wenn das Smartphone mit einer chinesischen IP unterwegs ist. Die ROM dann im Fastboot-Modus auf das Gerät zu flashen, mag euch und mir unkompliziert erscheinen. Für einen Laien ist der ganze Aufwand aber sicherlich konfus.

Beispielsweise hatte ich selbst reichlich Ärger mit dem Xiaomi Redmi Note 5A: Ab Werk gibt es das Gerät nur mit China ROM. Ich wollte meinem Vater die vor einigen Wochen veröffentlichte Global ROM aufs Phone hieven. Leider leistete sich Xiaomi einen Bug, mit dem viele Gleichgesinnte zu kämpfen haben – das Flashen scheitert in der letzten Etappe, wenn das Gerät sozusagen schon „blank“ ist. Am Ende musste ich also die China ROM erneut auftreiben, neu aufspielen und auch den Play Store über den Recovery-Modus wieder manuell auf das Redmi Note 5A hieven. Derlei Sperenzchen erlebt man mit hierzulande gekauften Geräten eher nicht.

Dazu kommt, dass leider viele Händler auf sogenannte Shop ROMs setzen. Das wird so gehandhabt, wenn man das Smartphone gerne exportieren will – etwa an die gern gesehenen, zahlungsfreudigen, deutschen Besteller. Letztere wünschen sich aber die Möglichkeit das Betriebssystem auch in deutscher Sprache zu verwenden. Gibt es dazu keine Option seitens des Herstellers, basteln die Händler aus China sich ab und an eigene ROMs zusammen. Leider werden jene dann auch gerne mit Spyware und Werbung gespickt – auch das habe ich schon bei einigen Testgeräten festgestellt. Die Geräte mit Shop ROMs kranken dann größtenteils zudem an verschlechterter Performance gegenüber den Herstellervarianten.

Dann sind da natürlich auch die klassischen Gegenargumente: Vielfach fehlt etwa LTE Band 20, das in Deutschland in ländlichen Regionen relevant ist, bei den Smartphones aus China. Außerdem habt ihr keinen Anspruch auf Garantie oder Gewährleistung, wenn ihr einen Import direkt bei einem Händler aus China bestellt. Gut, auch Conrad bietet nun hierzulande Geräte von Xiaomi an. Aber dort sind die Preise wiederum entsprechend angepasst, wodurch sich dann kaum noch Vorzüge gegenüber Konkurrenzmodellen ergeben, die es ohnehin bei uns zu kaufen gibt.

Ach ja, dann ist da auch noch die Software: Die Android-Oberflächen wie Xiaomis MIUI oder Meizus Flyme sind in der Regel kunterbunt, verzichten auf einen App-Drawer und erhalten oft nur in Ausnahmefällen Updates. Wobei das Traurige ist, dass man das leider auch über viele hiesige Modelle behaupten kann. Und Ehre, wem Ehre gebührt: Auf dem Hersteller Vernee wurde in der Vergangenheit gerne rumgehackt. Als ich aber beispielsweise das Vernee Thor E zum Testen vorliegen hatte, erhielt es innerhalb von drei Wochen vier Updates – etwa in der ersten Juli-Woche direkt den entsprechenden Sicherheits-Patch. Manchmal staunt man also durchaus.

(K)ein Fazit

Letzten Endes ist es mit den China-Phones wie mit so vielen Dingen, die ihr als Importe kaufen könnt: Seid ihr risiko- und experimentierfreudig, dann kann man eventuell ein Schnäppchen machen und ein Gerät ergattern, für das man hierzulande das Doppelte zahlen müsste, wollte man vergleichbare Technik in Händen halten. Doch wehe, wenn dann ein Defekt auftritt: Im Gegensatz zu einem in Deutschland neu erworbenen Smartphone, guckt ihr dann in die Röhre.

Ohnehin sind China-Phones eine Nische und werden das wohl auch bleiben. Ja, es sind schon deutlich mehr Anwender wegen der Preis- / Leistungsverhältnisse auf die Importe aufmerksam geworden. Aber Otto-Karl von nebenan runzelt doch eher bei Namen wie Xiaomi, Meizu oder Oppo die Stirn und will lieber etwas „Bewährtes“ auf das er sich verlassen kann. Und entsprechend kauft jener, selbst wenn er nur 100 Euro ausgeben will, irgendeinen Knüppel von Huawei, LG oder Samsung.

Was mich interessiert: Habt ihr selbst schon China-Phones genutzt oder im Bekanntenkreis empfohlen? Ich selbst bin mit dem Xiaomi Mi Mix 2 aktuell relativ zufrieden – würde mir lediglich eine bessere Kamera wünschen. Da war ich von dem LG G6 dann doch verwöhnt. Benny hat lange ein ZTE Axon 7 in Gebrauch gehabt und war auch dem Xiaomi Mi6 sehr zugetan. Wie sehen denn eure Erfahrungen aus und was haltet ihr im Allgemeinen von China-Phones?


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Über den Autor:

Hauptberuflich hilfsbereiter Technik-, Games- und Serien-Geek. Nebenbei
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