Ausprobiert: Google Daydream View

10. November 2016 Kategorie: Android, Google, Hardware, geschrieben von: Benjamin Mamerow

google-daydream-view-250x250Der Markt der VR-Brillen ist seit der Ersteinführung von Googles Cardboard beachtlich gewachsen. Viele Smartphone-Hersteller setzen mittlerweile auf eigene Geräte, die sie zu ihren aktuellsten „Flaggschiffen“ mit anbieten. So beispielsweise Samsung mit seiner Gear VR, aber auch Huawei hat vor geraumer Zeit seine eigene Brille für das P9 und P9 Plus vorgestellt. Sie alle sind sich aber vor allem in der verwendeten Technik sehr ähnlich: Ein auf dem Display zweifach dargestelltes Bild wird durch einen Steg auf Nasenhöhe voneinander getrennt und durch zwei Linsen für das menschliche Auge wieder vereint. Dadurch entsteht ein räumlicher Effekt, der verbunden mit dem Gyroskop des Smartphones für eine dreidimensionale Wahrnehmung beim Träger der Brille sorgt.

 

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Doch gerade Google hat nun bereits über einen recht langen Zeitraum den Launch einer neuen Plattform speziell für VR-Inhalte vorbereitet. Der Name: Google Daydream. Und weil man nicht einfach eine neue Plattform entwirft und auf den Markt bringt, sondern dazu natürlich auch entsprechende Hardware verkaufen will, hat das Unternehmen auch direkt eine neue eigene Lösung einer Virtual Reality-Brille parat, die Daydream View.

Heute ist es soweit, der offizielle Vertrieb der View hat begonnen und viele Vorbesteller konnten ihr Exemplar bereits ein paar Tage früher auspacken und begutachten. Vielmehr als begutachten war dann aber leider auch noch nicht möglich, denn die speziell für die Daydream-App benötigten „Google VR-Services“ waren bisher noch nicht für den freien Markt verfügbar. Für einen Vorab-Test der Daydream View hat man uns allerdings ein mit den notwendigen Diensten ausgestattetes Pixel XL nebst Brille zukommen lassen, sodass ich Euch bereits jetzt schon einmal einen allerersten persönlichen Eindruck zum Produkt, aber vor allem auch zur Software und den ersten virtuellen Erfahrungen schildern kann.

Daydream, it’s a daydream…

Zum Pixel XL hat Caschy ja bereits vor knapp einem Monat ausreichend mitteilen können, sodass ich mir selbiges an dieser Stelle spare. Wichtig ist zu Beginn, dass erst einmal nur Pixel und Pixel XL als Daydream-tauglich gelten. Andere Anbieter, wie zum Beispiel ZTE mit dem Axon 7, arbeiten gemeinsam mit Google an der notwendigen Zertifizierung, die an gewisse Hardware-Voraussetzungen gebunden ist. Demnach dürfte der Markt Daydream-tauglicher Smartphones ab sofort auch Tag für Tag erweitert werden. Vermutlich aber eher etwas gemächlicher.

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Bereits beim Auspacken der Daydream View wird schnell klar, dass Google hier viel Wert auf Komfort legt und nicht einfach nur für 69€ ein „besseres Cardboard“ produzieren wollte. Das Design ist spätestens seit der I/O 2016 überall bekannt und ist kurz gesagt einfach schick. Die Brille kommt in mehreren Farben daher und hat mich in der graufarbenen Version erreicht. Im Gegensatz zu den bisherigen Modellen ist die Daydream nicht einfach auch Karton oder Plastik gefertigt, sondern von einem weichen und stabilen Stoff umgeben, der sich gut anfasst und vor allem auch enorm gut am Kopf sitzt. Unterstützt wird dies durch die weichen Polster, die den Übergang zum Gesicht bilden.

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Der Kopfgurt ist angenehm breit und kann durch zwei Plastik-Laschen schnell an unterschiedliche Kopfgrößen angepasst werden. Einmal eingestellt, hatte ich auch nicht den Eindruck, dass dieser sich mit der Zeit wieder lockern würde. Die Brille saß durchweg fest am Kopf. Die Frontklappe lässt sich durch eine Gummi-Lasche am oberen Ende der Brille sichern, sodass das eingelegte Smartphone sicher und fest gehalten wird. Dafür sorgen aber vor allem auch die gummierten Nubsies, die ein Verrutschen des Geräts gewissermaßen unmöglichen machen (ich habe mich wirklich vor meiner Frau zum Deppen gemacht, als ich versuchte, durch Hüpfen und Schütteln das Pixel XL aus der Halterung zu lösen – ohne Erfolg).

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Klappt man die Front auf, kann man das entsperrte Smartphone einfach einlegen, ein NFC-Tag in der Klappe startet dann direkt die Daydream-App. Eine weiße Linie markiert den Trennbereich beider Bilder, damit man weiß, wo die Mitte der Darstellung ist und das Handy nötigenfalls noch ein wenig ausrichten kann. Dann wird zugeklappt und es kann losgehen.

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An dieser Stelle möchte ich auch alle Brillenträger beruhigen: Ich bin selbst betroffen und besitze auch ausgerechnet noch eine Brille mit einer ziemlich breiten Front. Das wirkte beim Kauf noch stylisch, brachte mich aber bei der Cardboard an den Rand der Verzweiflung, weil ich diese ohne Brille nutzen musste. Wer ebenfalls ohne Gläser vor den Murmeln wie ein betrunkener Maulwurf sehen kann, der weiß, was das nerven kann. Bei der Daydream View passt meine Brille hervorragend mit drunter, lediglich der Nasensteg drückt nach dauerhaftem Tragen schon ein wenig auf der Nase. Die beiden Linsen in der Brille lassen sich leider nicht justieren, sollten aber bei den meisten Trägern für das möglichst schärfste Bild sorgen – so jedenfalls mein Eindruck und der meiner Frau.

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Unter dem Bereich für das Smartphone liegt jedoch noch eine Einbuchtung mit einem darüber befestigten Gummi. Diese ist für nichts anderes gedacht, als dass man hier den mit der Brille gelieferten Controller (oder wie ich ihn nenne „Game Changer“ – dazu aber gleich mehr) befestigen kann, wenn man die Brille mal nicht benutzt. Bereits das für den Test eingerichtete Pixel XL erscheint mir nach dem Einlegen zu groß für die Brille.

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Das Gehäuse steht hier und da über und ich vermute, dass das Anbringen von Smartphones jenseits der 6 Zoll-Displaygröße auch nicht von Google angedacht war. Das Problem, was ich hier habe ist, dass das Gummi zum Verschließen der Klappe hier bereits auf die Lautstärke-Wippe drückt, allerdings gerade so, dass noch keiner der Buttons gedrückt wird. Bei 5,7-Zoll Smartphones könnte es hier allerdings schon zu Problemen kommen, auch was die Elastizität des verwendeten Gummis betrifft.

Der Game Changer

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Ich erwähnte es bereits und ich sage es noch einmal: Was den wohl größten Unterschied der Daydream View im Vergleich mit anderen bisherigen VR-Brillen ausmacht, ist der mitgelieferte Controller, welcher per Bluetooth gekoppelt wird und die komplette Steuerung der dargestellten Inhalte übernimmt. Das Ding mag schlicht aussehen, sorgt aber bereits nach den ersten wenigen Minuten Hantieren dafür, dass man ihn nicht mehr missen mag.

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Am oberen Ende liegt eine circa 2€-Münzen-große gewölbte Fläche, die zum einen als Touchpad, aber eben auch als Auswahl-oder Feuerbutton fungiert. Mittig auf dem Controller liegt der sogenannte App-Button (häufig zum Aufrufen von App-Menüs verwendet) und darunter dann der Homebutton, welcher zum einen – selbsterklärend – auf dem Homescreen führt, beim Gedrückthalten allerdings auch sofort das möglicherweise mal dezentrierte Bild wieder in die Sichtfeld-Mitte rückt. Diesen habe ich in den letzten Tagen oft und gern verwendet, da nach zig Mal Drehen und Umschauen der dargestellte Cursor des Controllers im Bild häufig nicht mehr mittig vor mir angezeigt wurde, wenn ich aber den Controller genau dorthin zielen ließ. Das ist keineswegs störend oder schlimm, sondern wird durch den Button so simpel und schnell wieder ausgebessert, dass es in „Haut und Knochen“ über geht.

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An der rechten Außenseite liegen die beiden Lautstärke-Tasten, welche sowohl von Rechts- als auch von Linkshändern gut zu erreichen sind. Bei der Bedienung kann man sich den Controller vorstellen wie einen virtuellen Laserpointer, wobei dessen Laserpunkt als Mauszeiger fungiert. Auf getätigte Eingaben (sowohl Bewegungen als auch Klicks) reagiert die Software einwandfrei und schnell. Geladen wird via USB-Typ C.

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Die Daydream-App

Beim ersten Starten von Daydream wird man erwartungsgemäß von einem Tutorial begrüßt, welches einem die Eingaben und Möglichkeiten der Hardware näherbringen soll. Dabei erinnert die anfängliche Optik des Menüs sehr an die ersten Demos der Cardboard-App von Google. Nachdem man das Tutorial hinter sich gebracht hat, fühlt man sich eigentlich schon sehr vertraut mit der Steuerung und möchte sofort loslegen. Und dazu hat man selbst jetzt zu Beginn schon einige Möglichkeiten.

So sieht es in der aktuellen Version der App durch die Linse betrachtet im Homescreen von Daydream aus

So sieht es in der aktuellen Version der App durch die Linse betrachtet im Homescreen von Daydream aus

 

Der Store der App beinhaltet neben dem VR-Channel von YouTube und diversen (sehr sehenswerten) Touren mit Street View auch ein paar interessante Demos. So zum Beispiel über ein mysteriöses Kino, in dem vor vielen Jahren ein Mord stattgefunden hat, aber auch die Begegnung mit einem zum Leben erweckten Rhomaleosaurus, der es selbst mir schwer gemacht hat, nicht doch zusammenzuzucken, als er auf Jagd nach Nahrung an mir vorbei geschossen kam. Was mir dabei aber vor allem immer wieder aufgefallen ist, ist die gegenüber der Cardboard deutlich verbesserte Qualität der Inhalte. Diese grenzt natürlich immer noch nicht an Oculus Rift oder HTC Vive heran, was aber eben auch der verwendeten Technik geschuldet ist. Hier visualisiert und berechnet immerhin „nur“ ein Smartphone und kein ganzer Gaming-Rechner.

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Auch diverse Games sind bereits verfügbar. So zum Beispiel Hunters Gate und Wonderglade. Ersteres ist ein Daydream-Ableger eines bereits seit Längerem verfügbaren Games, in welchem man aus der Iso-Perspektive einen schießwütigen Helden durch monster-verseuchte Welten laufen lässt und zum Schießen entsprechende Kreaturen anvisieren muss. Das zweite Game ist eher für jüngeres Publikum ausgelegt, das gerne mal Minigolf oder ähnliche familien-taugliche Minispiele spielen möchte. In beiden Games steuert man die Spielfigur via Touchpad durch die Levels und kann sich parallel in selbigen frei nach Schnauze umschauen. Mit einem Klick auf das Touchpad aktiviert man entweder Minispiele oder eben andere Funktionen, je nach Inhalt. Der Homebutton führt am Ende wieder zurück zur Übersicht.

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Ebenfalls zu finden ist hier eine wirklich umfangreiche App namens Star Chart VR für diejenigen unter Euch, die am Weltraum und allem darin interessiert sind. Per Controller springt man hier aus der Milchstraße ratzfatz in andere Galaxien und kann sich zu allen wissenschaftlich bekannten Objekten (auch Kratern, weißen Zwergen, etc) die entsprechenden Informationen und so weiter anzeigen lassen. Beeindruckend empfand ich vor allem das Umfliegen einzelner Planeten, was mich zwischendurch tatsächlich einfach mal vergessen ließ, dass ich mich noch im Wohnzimmer unseres Hauses befand. An dieser Stelle also wirklich Hut ab! davor, was Google mit seiner Plattform und der Technik bereits zu leisten imstande ist. Bin gespannt, was da noch kommt.

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Natürlich ist es hier weniger die Brille selbst, sondern mehr das Zusammenspiel aus Inhalt und Controller, was für den Eindruck sorgt. Die Brille ist und bleibt für die meisten nun mal eine optisch stark aufpolierte Cardboard-Brille.

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Fazit

Würde ich also zum Kauf der Brille raten, nachdem ich einige Tage damit herum experimentieren konnte? Dazu ganz klar ein definitives JA! Wer über ein Daydream-taugliches Smartphone verfügt, der sollte für diesen Preis nicht lange überlegen. Gerade jetzt Richtung Weihnachten sind ja eventuell sogar noch vorübergehende Preisnachlässe möglich. Aber auch 69 € sind bereits gut investiertes Geld. Google hat sich reichlich Mühe gegeben, eine schicke Brille und eine noch wesentlich schickere Plattform zu designen, die einfach funktioniert.

Der Controller wird nicht lange Alleinstellungsmerkmal bleiben, wenn erst einmal auch andere Hersteller auf diesen Zug aufgesprungen sind. Ankündigungen diesbezüglich gab es ja auch schon aus anderen Richtungen. Nichtsdestotrotz finde ich die Umsetzung des „Bluetooth-Laserpointers“ sehr gelungen und besser geeignet als übliche Gamepads. Drücken wir die Daumen, dass uns in Zukunft gerade in Sachen Daydream-Zertifizierung noch einige positive Neuigkeiten erwarten. Meine Frau konnte zumindest die Ideen-Liste für mögliche Weihnachtsgeschenke um einen Punkt erweitern 😉



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Über den Autor: Benjamin Mamerow

Blogger, stolzer Ehemann und passionierter Dad aus dem Geestland. Quasi-Nachbar vom Caschy (ob er mag oder nicht ;D ), mit iOS und Android gleichermaßen glücklich und außerdem zu finden auf Twitter und Google+. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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