Ausprobiert: Gear S – Samsung schaltet technisch einen Gang höher

7. Dezember 2014 Kategorie: Wearables, geschrieben von: Pascal Wuttke

Während andere Hersteller im Bereich Wearables gerade mal die ersten Schritte getan haben, ist Samsung bereits ein paar voraus. In diesem Jahr flogen uns die Smartwatches um die Ohren, nicht zuletzt durch die ersten Android-Wear-Geräte und durch die Ankündigung der Apple Watch für das kommende Jahr.

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Samsung derweil schickt mit der Samsung Gear S seine mittlerweile sechste Smartwatch nach Gear Live, Gear Fit, Gear 2, Gear 2 Neo und Galaxy Gear in den Ring und setzt hierbei erneut auf das hauseigene Betriebssystem “Tizen”. Die Besonderheiten bei der Gear S? Sie kann als erste Smartwatch aus der Gear-Familie autonom auch ohne kompatibles Samsung-Smartphone fungieren und besitzt ein Curved-Display. Ob diese Funktionalität allein das Preisetikett von rund 400 Euro rechtfertigt, lest Ihr in meinem Test zur Samsung Gear S.

Samsung will anscheinend die gleiche Politik bei Smartwatches wie beim Smartphone-Lineup durchziehen, nämlich jedes Jahr eine gefühlte Hundertschaft an Geräten auf den Markt bringen. Zwischen September 2013 und Oktober 2014 wurden also – wie eingehend erwähnt – bereits sechs Wearables von Samsung veröffentlicht. Und bislang hatte mich keine der Smartwatches von Samsung so richtig begeistern können. Die Samsung Gear S hingegen ist zumindest ein Kandidat, der dies am ehesten aus dem Samsung-Portfolio schafft. Ein ziemlich hochauflösendes Curved-Display und die Möglichkeit autonom ohne Smartphone auf E-Mails, Nachrichten und Telefonate zu antworten und auch zu tätigen? Das klingt tatsächlich höchst interessant. Aber erstmal der Reihe nach.

Optik, Design und Tragekomfort

Was mich sowohl vorab als auch nach meinem Test absolut nicht angesprochen hat, ist das wuchtige Design der Samsung Gear S. Ich hatte zwar mit der Moto 360 bereits ein Tänzchen wagen dürfen, die auch nicht die schlankeste Smartwatch auf dem Markt sein mag, aber die Gear S ist mit einer Abmessung von 39,9 mm x 58,1 mm x 12,5 mm auch nicht gerade sportlich. Dennoch gefällt mir, dass Samsung den Über- und Unterbau der alten Gear-Smartwatches entfernt hat, sodass die Rundung des Armbandes direkt unterhalb des Display-Gehäuses anfängt. Dadurch hat die Gear S, nicht zuletzt durch das gerundete Display, eine schöne und fließende Form.

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Die schwarze Front des Displays wirkt mit den Chrom-Umrandungen am Gehäuse, sowie am Home-Button sehr edel und zeitlos. Dennoch frage ich mich ernsthaft, warum Samsung von Haus aus die Gear S mit einem gummierten Plastik-Armband ausliefert, statt auf das hochwertigere Material Leder zu setzen. Nicht nur, dass Leder edler wirkt in der Optik, es ist auch ein komplett anderer Tragekomfort. So schrubbte mir das Band ordentlich am Arm herum und die Haut konnte kein Stück atmen, sodass man leicht darunter schwitzt. Das wiederum führt bei vielen zu Hautreizungen und sogar Ausschlag. Ich erspare Euch an dieser Stelle weitere Details, aber die Qualität des Armbandes hat mir den Test ziemlich erschwert und die Freude genommen.

Auch wenn Samsung angibt, dass die Armbänder gegen andere farbliche Varianten auswechselbar sind (Mocha grey, Blue, Red), so vermisse ich nach wie vor die Leder-Variante.

Was mich jedoch beinahe am meisten störte ist die Faltschließe aus Edelstahl. Das Teil ist einfach überdimensioniert und das Tragen am Computer oder die simple Handablage auf einem Tisch ist schlicht unmöglich. Das Grauen jedoch ist der Verschlussmechanismus. Während die Größenverstellung dank eines kleinen Druckknopfes total einfach vonstattengeht, ist das Verschließen des Armbandes eher ein Glücksspiel. Mal funktioniert es auf Anhieb und ganz einfach, mal bohre ich die halbe Uhr in meinen Unterarm, damit die Faltschließe zugeht. Hier wäre Samsung meiner Meinung nach mit einem klassischen Uhrenarmband besser gefahren.

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Die Gear S ist bei weitem nicht schwer, aber die besagten Dinge machen den Tragekomfort einfach grausam in meinen Augen. Ich habe dadurch die Uhr öfter abnehmen müssen und genau das darf bei einer guten Uhr eben nicht passieren – auch wenn es ein wearable Gadget ist.

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Das Display

Hier kommen wir zu den guten Sachen. Als ich das Display zum ersten Mal anschaltete, begrüßte mich ein sehr scharfes Super AMOLED-Display. Samsung setzt bei der Gear S auf ein 2 Zoll Curved-Display mit einer Auflösung von 360 x 480 Pixeln bei einer Pixeldichte von 300 ppi. Wer sich bislang an der Unschärfe und dem Pixelgewitter anderer Smartwatches gestört hat, sollte hier einen sehr genauen Blick auf die Gear S werfen. Das Display ist bislang das beste Smartwatch-Display, was ich vor Augen hatte.

Das Curved-Display war zunächst etwas seltsam zu benutzen, so hatte ich in den ersten fünf Minuten des Herumspielens das Gefühl, mir sei schwindelig. Doch man gewöhnt sich daran und der Vorteil hier ist, dass man viel vom angezeigten Content sieht und das Scrollen sich sehr natürlich anfühlt.

Die Farben sind durch die AMOLED-Technologie gewohnt knackig und durch den echten Schwarz-Wert tut das AMOLED-Display dem Akku sehr gut.

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Akkulaufzeit

Samsung gibt bei einer “typischen Nutzung” der Gear S eine Akkulaufzeit von zwei Tagen vor. Ich erhalte über Tag nicht übertrieben viele Benachrichtigungen, mal ein paar Messenger-Nachrichten, einige E-Mails, vielleicht ein bis zwei Anrufe und Benachrichtigungen aus Social Networks. Dennoch kann ich sagen, dass Samsung unter meinen Nutzungsbedingungen nicht übertreibt.

In meinem dieswöchigen Szenario habe ich die Uhr Dienstag über 15 Stunden durchgehend gekoppelt und in der Nacht komplett ausgeschaltet, Mittwoch und Donnerstag habe ich die Uhr durchgehend laufen lassen, sodass ich weitere 39 Stunden Laufzeit hinzufügen kann. Am Ende hatte ich noch 19% Rest-Akku.

Zwar hat Samsung auch mit der Gear S nicht den heiligen Gral der Akkulaufzeit bei Smartwatches entdeckt, den sich so viele wünschen, dennoch geht die Akkulaufzeit mit dem integrierten 300 mAh-Akku vollkommen in Ordnung.

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Technische Besonderheiten

Samsung hat der Gear S endlich das gegeben, was viele als Must-Have-Feature bei einer Smartwatch sehen: Autonomie. Das bedeutet, die Uhr kann sich dank integriertem Sim-Karten-Slot sowie WLAN-Konnektivität (802.11 b/g/n) komplett eigenständig mit dem Internet via 2G/3G-Netz oder WLAN verbinden. Natürlich gibt es auch die klassische Kopplungsmöglichkeit via Bluetooth 4.1. Auch könnt Ihr mit der Uhr telefonieren ohne das Smartphone in der Nähe liegen zu haben. Wenn man sich da nicht wie Michael Knight fühlt, dann weiß ich auch nicht. Das Ganze läuft über einen Lautsprecher ab, der sich seitlich der Smartwatch befindet, sowie einem Mikrofon, das sich auf der anderen Seite befindet.

Die Smartwatch beinhaltet zudem A-GPS und Glonass, sodass Ihr sogar mit der Gear S navigieren könnt. Hierbei setzt Samsung auf die bestehende Partnerschaft mit Here Maps, über die Ihr auch Kartenmaterial zur offline-Navigation herunterladen könnt.

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Dass die Gear S SMS-Nachrichten und Emails versenden kann, ist an sich ja nichts Neues. Was jedoch neu ist, ist das Verfassen solcher Nachrichten über eine On-Screen-Tastatur. Ok, Ihr denkt jetzt sicherlich das Gleiche wie ich im ersten Moment: eine On-Screen-Tastatur auf einem 2 Zoll gebogenen Smartwatch-Display – wie soll das bitte funktionieren? Ich muss sagen: unerwartet gut! Ich habe nicht unbedingt die schmalsten Finger und ich konnte eigentlich recht gut auf dem Display tippen und tatsächlich die Buchstaben treffen, die ich wollte. Klar, so ein Speed-writing wie auf dem Smartphone wird wohl keiner damit hinbekommen und es sieht ein wenig seltsam aus, aber es funktioniert. Ansonsten bleibt Euch alternativ noch die Spracheingabe via S-Voice.

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Apropos S-Voice. Der “Sprachassistent” von Samsung ist natürlich auch mit an Bord. Mit einem Doppelklick auf den Home-Button kann man S-Voice simple Tasks mit auf dem Weg geben wie “Anruf Martin” oder “Lese Nachricht”. Nach einem kurzen Sprachtraining reagiert die Gear S schließlich auch auf den Auslösesatz “Hallo Galaxy”. Der Vorteil der Gear S mit Tizen gegenüber sämtlichen Android Wear-Smartwatches ist aktuell, dass die Smartwatch von Samsung tatsächlich auch über die eingebauten Lautsprecher antwortet. Ob man will oder nicht.

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Wie auch bei Android Wear könnt Ihr bei der Gear S auf verschiedene vorinstallierte Watchfaces zurückgreifen, die Geschmackssache sind. Alternativ kann man sich solche Watchfaces über den extern installierbaren Gear Manager auf dem Smartphone zusammenstellen. Wem auch das nicht reicht, der kann sich über den Gear Manager auf eine eigene Gear-Apps-Sektion im GALAXY Apps-Store von Samsung weiterleiten lassen, wo man neue Custom-Watchfaces erstehen kann.

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Die Auswahl an Drittanbieter-Apps für die Gear S ist noch überschaubar, doch einige interessante Apps sind hier bereits dabei. So zum Beispiel der Opera Mini Web Browser, mit dem Ihr im Internet umhersurfen könnt. Ok, auf so einem 2 Zoll-Display vielleicht nicht ganz so sinnig, aber durch die 3G- und WLAN-Funktionalität in der Gear S ist es wenigstens auch ohne Smartphone möglich.

Natürlich ist einer der Kern-Bestandteile der Gear S erneut die Schnittstelle zu S-Health, Samsungs Gesundheitshub. Hat man einmal sein Profil über die Smartwatch eingestellt, so zählt die Gear S die Schritte über den Tag mit und misst auf Wunsch den Puls oder zeichnet sogar den Schlaf auf. Letzteres setzt natürlich voraus, dass man die Uhr auch nachts trägt, was für mich nicht in Frage kam, siehe meine Meinung zum Thema Tragekomfort. Da ich damals bei der Moto 360 ziemlich schlechte Erfahrung mit dem Schrittzähler gemacht habe und diese unheimlich stark verfälscht waren, scheint Samsung mit seiner Sensoren-Armada (Accelerometer, Gyroskop, Kompass, A-GPS) eine bessere Lösung gefunden zu haben. Man kann in der S-Health App sein selbstgestecktes Tagesziel an Schritten voreinstellen und bei jedem Milestone über Tag macht die Uhr auf sich aufmerksam und zeigt einem Live die Schritte an. Und diese erschienen größtenteils akkurat zu sein.

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Zudem haut Samsung auch noch einen UV-Sensor in die Gear S, welcher die UV-Strahlung lokal misst und eine entsprechende Warnung ausgibt, wenn man sich zu lange in der prallen Sonne aufhält.

Das Betriebssystem

Samsung setzt bei der Gear S erneut auf das eigene Betriebssystem Tizen, was den großen Nachteil hat, dass es derzeit ausschließlich in Kombination mit Samsung-Smartphones genutzt werden kann. Klar, Android Wear kann nur mit Android-Smartphones und die Apple Watch kann nur mit iPhones genutzt werden, jedoch finde ich solche Limitierungen im Allgemeinen einengend. Aber da es genügend Samsung-Fans da draußen gibt, sollte es diese nicht sonderlich stören.

Da dies meine erste Erfahrung mit Tizen sein sollte, war ich sehr gespannt. Und ich muss sagen, dass sich Tizen auf der Gear S ziemlich gut schlägt. Das Tizen OS auf der Gear S läuft sehr flüssig und intuitiv.

Befindet man sich auf dem Homescreen und wischt nach rechts (Navigation nach links), hat man eine Übersicht der Benachrichtigungen, die auf der Smartwatch eingehen, übersichtlich in einem Hub. Wischt man vom Homescreen nach oben (Navigation nach unten), erhält man eine Art App-Drawer für Einstellungen, Nachrichten, Emails usw. Wischt man vom Homescreen nach links (Navigation nach rechts), gelangt man zu fünf frei einstellbaren Widget-Screens wie Wetter, S-Health, Kalender oder Musik-Player/-Fernbedienung.

Letzteres spielt entweder intern in der Gear S gespeicherte Musik ab oder dient als Fernbedienung für diverse Mediaplayer auf dem Samsung-Smartphone wie beispielsweise Spotify. Leider werden hier jedoch keine Albencover geladen, was ich bei Android-Wear so zu schätzen wusste.

Bilder, die auf dem internen, 4GB großen Speicher der Gear S abgelegt sind, lassen sich ebenfalls auf der Uhr anzeigen.

Fazit

Samsung ist mit der Gear S der Smartwatch, wie ich sie mir vorstelle, ein ganzes Stückchen näher gekommen. Die Möglichkeit die Uhr auch abgekoppelt vom Smartphone nutzen zu können, via WLAN oder 3G-Netz, ist hoffentlich der nächste Schritt für alle Hersteller in naher Zukunft.

Das Display der Gear S ist absolut klasse und die Bedienung geht leicht von der Hand. Das abgerundete Display macht in der Bedienung Spaß und ist, allein durch die hohe Pixeldichte von 300 ppi, perfekt ablesbar.

Auch das System läuft flüssig und ruckelt an keiner Ecke. Doch leider ist die App-Auswahl, welche die Gear S nativ unterstützen, noch sehr überschaubar.

Klar, die Möglichkeit auch ohne das Smartphone Aufgaben zu erledigen, wie Nachrichten oder Emails verschicken, ist genauso reizvoll wie die Möglichkeit mit der Smartwatch zu telefonieren. Aber die Bindung an das Samsung-Universum macht die Gear S zumindest für mich nicht reizvoll. Sollte sich Tizen für die breite Android-Welt öffnen, könnte sich meine Meinung vielleicht relativieren.

Was ein Wearable jedoch auszeichnen soll, ist eben, dass man es tragen kann. Und das wird bei der Gear S schwierig. Die wuchtige Form ist definitiv nicht für schlanke Arme und schon gar nicht für Damen geeignet. Das Armband und der Verschluss der Smartwatch sind so unkomfortabel, dass ich mich an manchen Tagen danach sehnte, die Uhr endlich abnehmen zu können. Und das darf und sollte bei einer Smartwatch für diesen hohen Preis von 399 Euro (UVP von Samung, bei Amazon rund 350 Euro) nicht sein.

Daher wird die Samsung Gear S als interessantes Gadget mit vielen nützlichen Funktionen für mich zurückbleiben, aber Freunde werden wir beide wohl so nicht werden.


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Über den Autor: Pascal Wuttke

Nerdlicht in einer dieser hippen Startup-Städte vor Anker. Macht was mit Medien... Auch bei den üblichen Kandidaten des sozialen Interwebs auffindbar: Google+, Twitter, Xing, LinkedIn und Instagram. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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