97,5% der deutschen Haushalte haben mehr als 2 MBit/s? Niemals!

14. Mai 2013 Kategorie: Internet, geschrieben von: Sascha Ostermaier

Gestern berichtete ich an dieser Stelle über den Breitbandausbau in Deutschland, der das Ziel hat, bis 2018 jedem Haushalt eine Internetverbindung von mindestens 50 MBit/s bereit zu stellen. Neben den üblichen Kommentaren zur Telekom-Drosselung, waren auch welche darunter, die das mehr als Theorie, als als Praxis ansahen.

Pressebild_bBeitband_Glasfaser_01
Eine Wertung der ganzen Geschichte habe ich mir gestern gespart, aber auch ich dachte mir so, dass dies alles sehr theoretisch klingt. Heute Morgen erreichte mich dann eine Mail von Philip Zimmermann, zuständig für Kultur, Neue Medien, Internet & Digitale Gesellschaft in der Partei „Die Linke“. Er machte mich auf den Umstand aufmerksam, dass alle Zahlen bezüglich des Breitbandausbaus letztendlich nur Schätzungen und Hochrechnungen sind.

Im Detail bedeutet dies, dass zwar theoretisch eine bestimmte Anzahl der Haushalte eine gewisse Bandbreite zur Verfügung haben, die in der Praxis jedoch nicht erreicht wird. So war es auch in einigen Kommentaren zu lesen. Ein LTE-Mast bietet zwar eine recht hohe Bandbreite, diese müssen sich aber alle Nutzer teilen. Doch darum geht es eigentlich gar nicht.

Vielmehr geht es um den Bundes-Atlas für Breitbandausbau, der vom TÜV bereitgestellt wird. Dieser basiert auf freiwilligen Angaben der Betreiber. So bekommt der TÜV beispielsweise Daten übermittelt, wo Schaltkästen stehen. Aus diesen Daten werden Cluster gebildet und der TÜV rechnet dann hoch, wie groß die theoretische Bandbreite wäre. Die tatsächlichen Infrastrukturdaten des Netzes gelten als Betriebsgeheimnis der Telekommunikationsunternehmen, insofern können tatsächliche Versorgungen gar nicht korrekt erfasst werden.

Um dies zu verdeutlichen, folgen zwei Bilder eines laut Bund versorgten Gebietes, das laut niedersächsischem Atlas nicht versorgt ist. Festzuhalten gilt, dass beide nicht den tatsächlichen Ausbau darstellen, denn auch der niedersächsische Atlas beruft sich auf gesammelte Daten, nicht auf tatsächlich verfügbare Bandbreiten. Die jeweils gelb eingefärbten Areale zeigen Bandbreiten von mehr als 2 MBit/s.

DatenatlasBund_Niedersachsen
Je nachdem, welchen Atlas man also als Grundlage heranzieht, hat man eine unterschiedliche Versorgung, wobei keine von beiden einen tatsächlichen Ist-Wert darstellt. Spricht die Regierung nun also von einer momentanen Verfügbarkeit von Internetgeschwindigkeiten über 2 MBit/s in 97,5% der Haushalte, ist dies ebenfalls nur als Schätzung zu werten.

Aufgrund der Diskrepanz der Angaben in den beiden Atlanten hat Herbert Behrens (MdB, Die Linke) im März bei der Bundesregierung angefragt, wie diese zustande kommen. Die Antwort von Anne Ruth Herkes (Staatssekretärin) macht nichts anderes als den niedersächsischen Breitbandausbau-Atlas schlecht zu reden. Die beiden Atlanten seien nicht vergleichbar, da der niedersächsische Atlas durch die Befragung von Bürgern entstehe und nicht die tatsächlichen technischen Möglichkeiten berücksichtige (genauer Wortlaut siehe PDF). Philip Zimmermann schreibt dazu folgendes: „Der Breitbandatlas Niedersachsen hat Daten von Providern, Kommunen und Privatpersonen die sich gemeldet haben. Gebiete die gerade ausgebaut werden, werden sehr genau erfasst.“ Ziemlich unterschiedliche Ansichten, würde ich mal meinen.

Aber es geht, wie bereits erwähnt, überhaupt nicht darum, wer nun die genaueren Daten bereithält, es geht darum, dass eben keine dieser Daten korrekt sind und keinesfalls die tatsächliche Verbreitung von Breitbandanschlüssen darstellen können. Und genau hier müsste die Regierung ansetzen. Es nützt keinem Haushalt etwas, wenn er in einer statistischen Breitbandzone untergebracht ist und dennoch keine schnelle Internetverbindung hat.

Betriebsgeheimnis hin oder her, meiner Meinung nach kann eine Politik, die den Internetausbau betrifft, nur gestaltet werden, wenn die tatsächlichen Fakten bekannt sind. Und in diesem Fall ist ein 20-Einwohner-Dorf genauso wichtig, wie die Großstadt Berlin. Deutschland betrachtet sich allzu gerne als High-Tech-Standort und die geschönten, da hochgerechneten Zahlen mögen in der Politik auch gut klingen, aber genauso realitätsfremd wie manche Politiker sind, sind eben auch diese Zahlen. Auf dieser Grundlage kann es niemals zu einer Vollversorgung mit Breitbandanschlüssen in Deutschland kommen.

Disclaimer: Der verfasste Text spiegelt nicht meine Meinung zu irgendeiner Partei oder der Bundesregierung wieder.



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Über den Autor: Sascha Ostermaier

Technik-Freund und App-Fan. In den späten 70ern des letzten Jahrtausends geboren und somit viele technische Fortschritte live miterlebt. Vater der weltbesten Tochter (wie wohl jeder Vater) und Immer-Noch-Nicht-Ehemann der besten Frau der Welt. Außerdem zu finden bei Twitter (privater Account mit nicht immer sinnbehafteten Inhalten) und Instagram. PayPal-Kaffeespende an den Autor.

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